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Die Kunst der Jogos da Corte: Portugals lebendige Reitgeschichte
Stellen Sie sich für einen Moment vor
Sie wären nicht im 21. Jahrhundert, sondern am portugiesischen Königshof des 18. Jahrhunderts. Anstelle von Dressurprüfungen sehen Sie Ritter in prachtvollen Kostümen, die im Galopp mit Lanzen nach kleinen Ringen stechen oder in einem eleganten Ballett zu Pferde komplexe Formationen reiten. Was wie eine Szene aus einem Historienfilm klingt, ist in Portugal gelebte Gegenwart: die „Jogos da Corte“, die historischen Hofreiterspiele, die von der Escola Portuguesa de Arte Equestre am Leben erhalten werden.
Diese Spiele sind weit mehr als nur eine Show. Sie sind ein Fenster in die Seele der portugiesischen Reitkunst und offenbaren, warum die Pferde der Iberischen Halbinsel seit jeher für ihren Mut, ihre Wendigkeit und ihre Intelligenz berühmt sind. Tauchen Sie mit uns ein in eine Welt, in der Reitkunst auf ritterliche Tugenden trifft.
Was sind die Jogos da Corte? Ein Erbe der Ritterturniere
Die Wurzeln der Jogos da Corte reichen zurück zu den Turnieren und Reiterfesten, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert an den europäischen Höfen stattfanden. Diese sogenannten „Torneios a Cavalo“ waren keine reinen Wettkämpfe, sondern gesellschaftliche Großereignisse. Hier konnten Adlige ihren Mut und ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellen, und zugleich waren die Spiele eine Form des militärischen Trainings in Friedenszeiten.
Die Escola Portuguesa de Arte Equestre hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses einzigartige kulturelle Erbe zu bewahren. Sie ist heute die einzige Reitinstitution der Welt, die diese historischen Spiele noch in ihrer ursprünglichen Form aufführt. Dabei lassen die Reiter in historischen Kostümen auf prachtvoll geschmückten Pferden eine fast vergessene Ära wieder aufleben.
Die vier Säulen der Spiele: Präzision, Mut und Harmonie
Die Jogos da Corte bestehen aus mehreren Disziplinen, die jeweils unterschiedliche Fähigkeiten von Pferd und Reiter fordern. Sie stellen das Vertrauen und die Partnerschaft zwischen beiden auf die Probe.
1. Die Sortija (Das Ringstechen)
Hierbei galoppiert der Reiter auf einer geraden Linie auf ein kleines Tor zu, in dem ein Ring hängt. Im vollen Galopp gilt es, diesen Ring mit der Lanzenspitze aufzuspießen. Diese Übung erfordert ein Höchstmaß an Präzision, ein ruhiges Auge und ein Pferd, das absolut spurtreu und gelassen bleibt – selbst wenn der Reiter sich voll auf sein Ziel konzentriert.
2. Der Einhändige Stangenparcours
Bei diesem Spiel manövriert der Reiter sein Pferd einhändig durch einen Parcours aus Stangen. Die Übung simuliert den Umgang mit einer Waffe in der freien Hand und verlangt vom Pferd extreme Wendigkeit und Gehorsam. Es muss auf feinste Gewichts- und Schenkelhilfen reagieren, während der Reiter seine Balance und Übersicht behält.
3. Jogo das Canas (Das Spiel mit den Stäben)
Zwei Reiter treten gegeneinander an, wobei einer den anderen mit einem Stab (ursprünglich eine leichte Lanze) verfolgt und versucht, diesen auf ihn zu werfen. Der Verfolgte muss durch geschickte Wendungen ausweichen. Diese Übung demonstriert die Schnelligkeit, Reaktionsfähigkeit und den Mut des Pferdes, das blitzschnell Haken schlagen muss.
4. Der Carrossel: Das Ballett zu Pferde
Der Höhepunkt vieler Vorführungen ist der Carrossel, bei dem eine Gruppe von Reitern komplexe, choreografierte Figuren und Formationen reitet. Hier geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um absolute Harmonie, Gleichmaß und Präzision innerhalb der Gruppe. Es ist ein beeindruckender Beweis für die hohe Versammlung und die Durchlässigkeit der Pferde.
Die idealen Athleten: Warum Alter-Real-Pferde die Stars der Arena sind
Für diese anspruchsvollen Spiele werden ausschließlich Hengste der Rasse Alter-Real eingesetzt. Diese besondere Linie der Lusitanos wurde 1748 eigens für den portugiesischen Königshof gegründet. Die Zuchtselektion legte von Anfang an Wert auf Mut, Intelligenz, Adel und eine natürliche Veranlagung zur Versammlung.
Diese Eigenschaften machen sie zu den perfekten Partnern für die Jogos da Corte:
- Mut und Gelassenheit: Sie bleiben auch in hektischen Situationen ruhig und konzentriert.
- Intelligenz und Lernbereitschaft: Sie verstehen die komplexen Aufgaben und arbeiten willig mit.
- Wendigkeit und Kraft: Ihr barocker Körperbau ermöglicht schnelle Wendungen und kraftvolle Antritte aus der Hinterhand.
Was wir heute von den historischen Spielen lernen können
Die Jogos da Corte sind mehr als eine historische Aufführung. Sie erinnern uns daran, dass klassische Reitkunst ursprünglich aus der Notwendigkeit entstand, ein Pferd für den Kampf oder die Jagd auszubilden. Die Lektionen dienten einem praktischen Zweck: Sie machten das Pferd zu einem verlässlichen, wendigen und mutigen Partner.
Dieser Gedanke findet sich heute in modernen Disziplinen wie der Working Equitation wieder, die ebenfalls auf traditionellen Arbeitsreitweisen basiert. Die Spiele zeigen eindrucksvoll, dass wahre Reitkunst nicht im Abarbeiten von Lektionen besteht, sondern in einer vielseitigen Ausbildung, die das Pferd sowohl körperlich als auch geistig fordert und fördert.
Die Escola Portuguesa de Arte Equestre in Lissabon ist nicht nur ein Museum, sondern eine lebendige Bildungsstätte. Sie bewahrt das Wissen um eine Reitkunst, die auf Vertrauen, Vielseitigkeit und der tiefen Verbundenheit zwischen Mensch und Pferd basiert.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was genau sind die Jogos da Corte?
Die Jogos da Corte (dt. „Hofreiterspiele“) sind historische Reiterspiele, die auf den ritterlichen Turnieren des 16. bis 19. Jahrhunderts basieren. Sie umfassen Disziplinen wie Ringstechen, Stangenparcours und choreografierte Gruppenformationen, die Mut, Präzision und Harmonie von Pferd und Reiter erfordern.
Sind diese Spiele nicht gefährlich für die Pferde?
Nein. Die Ausbildung bei der Escola Portuguesa de Arte Equestre erfolgt nach den Grundsätzen der klassischen Dressur und ist extrem pferdeschonend. Die Hengste werden über viele Jahre sorgfältig gymnastiziert und auf ihre Aufgaben vorbereitet. Die Spiele selbst sind eine Demonstration von Geschicklichkeit, nicht von roher Gewalt.
Was ist der Unterschied zur Spanischen Hofreitschule in Wien?
Während sich die Spanische Hofreitschule in Wien auf die Perfektion der Hohen Schule der klassischen Dressur konzentriert, legt die portugiesische Schule zusätzlich einen Fokus auf die Wiederbelebung der historischen Reiterspiele. Beide Institutionen bewahren unschätzbares Kulturerbe, jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Kann man die Jogos da Corte live erleben?
Ja, die Escola Portuguesa de Arte Equestre bietet regelmäßig Vorführungen und öffentliche Trainings im Palácio Nacional de Queluz bei Lissabon an. Ein Besuch ist eine unvergessliche Reise in die Geschichte der europäischen Reitkunst.
Ihr nächster Schritt in die Welt der barocken Pferde
Die Faszination der Jogos da Corte zeigt, wie tief die Wurzeln der Reitkunst reichen. Wenn Sie mehr über die außergewöhnlichen Pferde erfahren möchten, die diese Kunst ermöglichen, empfehlen wir Ihnen unsere detaillierten Porträts der Rassen, die die iberische Reitkultur geprägt haben. Entdecken Sie die Welt der stolzen Hengste und ihrer einzigartigen Geschichte.



