Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur mit barocken Pferden auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Barockpferd-Blockaden lösen: 5 Schlüssel-Lektionen

Insider-Training: Die 5 Schlüssel-Lektionen zur Lösung typischer Barockpferd-Blockaden

Manchmal reitet man gegen eine unsichtbare Wand. Das Genick des Pferdes ist fest wie Beton, die äußere Schulter macht sich bei jeder Biegung selbstständig und an Losgelassenheit ist nicht zu denken. Sie sind nicht allein. Gerade bei charakterstarken Barockpferden sind das die typischen Blockaden, die Reiter auf einem Trainingsplateau stagnieren lassen.

Der Weg aus dieser Sackgasse findet sich selten in Lehrbüchern. Es geht weniger darum, Lektionen abzufragen, sondern sie als intelligente Werkzeuge zu verstehen und gezielt einzusetzen. Vergessen Sie generische Tipps. Hier sind fünf praxiserprobte Übungen, die sich in der Ausbildungspraxis als „Problemlöser“ bewährt haben, um die biomechanischen Ursachen von Festigkeit an der Wurzel zu packen.

Das übersehene Zusammenspiel: Warum Genick und Schulter nie isoliert sind

Bevor es an die Übungen geht, müssen wir einen Punkt klären: Ein festes Genick ist selten das Problem. Es ist nur das lauteste Symptom. Der Pferdekörper ist eine komplexe Kette. Eine korrekte Stellung im Genick setzt sich durch die gesamte Wirbelsäule bis in die Hinterhand fort, sie aktiviert die Beckenpartie. Ein blockiertes Genick unterbricht diesen Energiefluss. Die Hinterhand kann nicht mehr unter den Schwerpunkt treten, die Kraft verpufft.

Hier kommt die Schulter ins Spiel. Der Brustkorb des Pferdes ist nicht durch Knochen, sondern rein muskulär zwischen den Schulterblättern „aufgehängt“. Diese Rumpfträgermuskulatur muss aktiv arbeiten, damit das Pferd den Widerrist anheben und die Schulter frei bewegen kann. Ist sie verspannt oder untrainiert, „klemmt“ der Brustkorb zwischen den Schultern. Das Pferd weicht über die äußere Schulter aus und macht sich im Genick fest. Der Teufelskreis beginnt. Unser Ziel ist es also nicht, am Genick zu ziehen, sondern die Schulter zu befreien und die Hinterhand zu aktivieren.

Der 5-Lektionen-Werkzeugkasten: Ihr System zur Losgelassenheit

Die folgenden fünf Lektionen sind mehr als nur Übungen. Sie sind ein System, ein Werkzeugkasten, in dem jede Lektion eine spezifische Aufgabe zur Reparatur der biomechanischen Kette erfüllt. Sie dienen der Diagnose und der Gymnastizierung.

  1. ‚Schulter herein‘ in Zeitlupe: Das Diagnose-Werkzeug zur Mobilisierung.
  2. Das ‚geführte‘ Übertreten: Der sanfte Dehner für die Rippenpartie.
  3. Viereck verkleinern & vergrößern: Der gnadenlose Test für Anlehnung und Biegung.
  4. Konter-Stellung auf der Volte: Der gezielte Genick-Löser.
  5. Rückwärtsrichten am lockeren Zügel: Der ultimative Test für echte Durchlässigkeit.

Schauen wir uns jedes Werkzeug im Detail an.

Lektion 1: ‚Schulter herein‘ in Zeitlupe – Das Diagnose-Werkzeug

Wir kennen das Schulterherein als Dressurlektion. Vergessen Sie das für einen Moment. Hier nutzen wir es als biomechanisches Analyse- und Korrekturinstrument.

Die Biomechanik dahinter

Im extrem langsamen Tempo zwingen wir die Muskulatur, die den Brustkorb trägt, zur Arbeit. Das Pferd kann sich nicht mit Schwung durch die Übung mogeln. Es muss lernen, das innere Hinterbein vermehrt unter den Schwerpunkt zu setzen und dabei die innere Schulter anzuheben, die äußere bewusst vorzuführen. So mobilisieren wir gezielt die „aufgehängte“ Schulterpartie und fördern die Tragkraft des inneren Hinterbeins.

Die Anleitung in der Praxis

  1. Vorbereitung: Reiten Sie auf dem zweiten oder dritten Hufschlag im Schritt. Konzentrieren Sie sich auf einen gleichmäßigen Takt.
  2. Einleitung: Stellen Sie Ihr Pferd leicht nach innen, als wollten Sie eine Volte beginnen. Ihr innerer Gesäßknochen wird leicht mehr belastet.
  3. Die Hilfen: Der innere Schenkel liegt am Gurt und erhält Biegung und Vorwärts. Der äußere Schenkel liegt verwahrend etwas hinter dem Gurt und begrenzt die Hinterhand. Der äußere Zügel führt die Schulter und begrenzt die Stellung. Der innere Zügel gibt die Stellung, wird aber immer wieder weich.
  4. Das Tempo: Der Schlüssel. Reiten Sie so langsam, dass Sie fast jeden einzelnen Schritt fühlen können. Denken Sie in Zeitlupe.
  5. Das Ziel: Fühlen Sie, wie die innere Schulter Ihres Pferdes nach oben und vorne kommt. Es geht nicht um eine maximale Abstellung, sondern um das Gefühl der Freiheit in der Schulter.

Insider-Tipp

Woran erkennen Sie den Erfolg? Nicht an der steilen Abstellung, sondern am Gefühl. Wenn die Schulter wirklich frei wird, fühlt es sich an, als würde Ihr Pferd vorne „leichter“. Sie können den inneren Zügel für einen Moment komplett durchhängen lassen, ohne dass Stellung oder Biegung verloren gehen. Müssen Sie dagegen permanent am inneren Zügel halten, schiebt Ihr Pferd nur die Hinterhand raus. Die Schulter bleibt blockiert.

Lektion 2: Das ‚geführte‘ Übertreten – Der Rippen-Dehner

Diese Übung ist eine sanfte, aber extrem wirkungsvolle Alternative zum klassischen Schenkelweichen. Ein Segen für Pferde, die sich schnell verspannen.

Die Biomechanik dahinter

Beim geführten Übertreten – an der Hand oder unter dem Sattel – liegt der Fokus auf der maximalen Dehnung der äußeren Körperhälfte und der Biegung der Rippenpartie. Weil der Vorwärtsdrang geringer ist als beim Schenkelweichen, kann sich das Pferd besser auf die seitliche Dehnung konzentrieren. Das löst Verspannungen im langen Rückenmuskel und in der Zwischenrippenmuskulatur, was sich direkt positiv auf die Losgelassenheit im Genick auswirkt.

Die Anleitung in der Praxis

  1. Vom Boden: Stellen Sie sich auf Schulterhöhe Ihres Pferdes, blicken Sie in Bewegungsrichtung. Führen Sie es mit der inneren Hand am Kappzaum oder Halfter. Mit der Gerte tippen Sie sanft an die Gurtlage, um das Kreuzen der Beine zu initiieren. Loben Sie jeden einzelnen kreuzenden Schritt.
  2. Vom Sattel: Reiten Sie im Schritt parallel zur langen Seite. Stellen Sie Ihr Pferd leicht von der Bande weg (Konterstellung). Ihr Gewicht ist auf dem inneren Gesäßknochen. Der neue innere Schenkel (der zur Bande hin) treibt den Pferdekörper seitwärts. Der äußere Zügel begrenzt die Schulter. Reiten Sie nur wenige Tritte, halten Sie an, loben Sie, reiten Sie geradeaus. Dann versuchen Sie es erneut.

Insider-Tipp

Diese Übung kann für sensible oder im Rücken feste Pferde alles ändern. Sie lernen ohne Druck, ihren Brustkorb zu heben und die Beine zu sortieren. Beobachten Sie die Atmung Ihres Pferdes. Ein tiefes Abschnauben nach einigen Tritten ist das beste Zeichen dafür, dass sich tiefsitzende Verspannungen lösen.

Lektion 3: Viereck verkleinern und vergrößern – Der Test für Durchlässigkeit

Eine scheinbar simple Hufschlagfigur entpuppt sich als schonungsloser Indikator für die Qualität der Anlehnung und Geraderichtung.

Die Biomechanik dahinter

Diese Übung deckt jede Schwäche auf. Beim Verkleinern muss das Pferd auf der gebogenen Linie vermehrt mit dem inneren Hinterbein Last aufnehmen. Beim geraden Zurückreiten zur Bande muss es sich wieder geraderichten, ohne die Anlehnung zu verlieren. Dieser ständige Wechsel zwischen Biegung und Geraderichten gymnastiziert die gesamte Rumpfmuskulatur und prüft, ob die Hilfen des Reiters wirklich durchkommen.

Die Anleitung in der Praxis

  1. Start: Beginnen Sie im Trab an der langen Seite.
  2. Verkleinern: Wenden Sie bei E von der Bande ab und reiten Sie eine Diagonale zu dem Punkt, der 5 Meter von der kurzen und 5 Meter von der langen Seite entfernt ist. Das ist Ihre neue Ecke. Reiten Sie von dort eine Parallele zur kurzen Seite, dann wieder eine Diagonale zur neuen Ecke an der nächsten langen Seite. Sie reiten nun auf einem 30x50m Viereck innerhalb der 40x60m Bahn.
  3. Der Fokus: Achten Sie penibel darauf, dass die Biegung in den „neuen“ Ecken genauso geschmeidig ist wie in den echten. Bleibt die Anlehnung konstant? Oder drückt Ihr Pferd gegen den Zügel, fällt es auseinander?
  4. Vergrößern: Der schwierigere Teil. Reiten Sie den umgekehrten Weg von Ihrem kleinen Viereck zurück auf den Hufschlag. Hier zeigt sich, ob Sie Ihr Pferd wirklich „vor sich“ haben.

Insider-Tipp

Nutzen Sie diese Übung als Kontrollinstrument. Wenn das Viereck verkleinern/vergrößern flüssiger und mit konstanterer Anlehnung gelingt, wissen Sie, dass die Mobilisierung von Schulter und Genick aus den anderen Lektionen erfolgreich war.

Lektion 4: Konter-Stellung auf der Volte – Der Genick-Löser

Was oft als Reiterfehler gilt, wird hier zum bewussten gymnastizierenden Werkzeug: die gezielte Dehnung der äußeren Genick- und Halsmuskulatur.

Die Biomechanik dahinter

Ein festes Genick resultiert oft aus verkürzten, verspannten Muskeln auf einer Seite. Indem wir das Pferd auf einer Volte für wenige Tritte bewusst nach außen stellen, dehnen wir genau diese äußere, oft feste Muskulatur. Gleichzeitig rahmt die Übung die äußere Schulter ein und verhindert das Ausbrechen über diese. Es ist eine präzise Dehnung, die die seitliche Geschmeidigkeit im Genick wiederherstellt.

Die Anleitung in der Praxis

  1. Vorbereitung: Reiten Sie eine korrekte, runde Volte im Schritt oder Trab.
  2. Die Umstellung: Für nur drei bis vier Tritte stellen Sie Ihr Pferd sanft nach außen. Der innere Schenkel bleibt aktiv und hält das Pferd auf der gebogenen Linie. Der äußere Zügel stellt, der innere Zügel gibt nach und erlaubt die Dehnung.
  3. Wichtig: Keine extreme Biegung nach außen. Es ist eine subtile Stellung, gerade genug, um eine Dehnung zu spüren.
  4. Zurück zur korrekten Biegung: Nach wenigen Tritten stellen Sie Ihr Pferd wieder korrekt nach innen und reiten aktiv aus der Volte heraus. Sie werden oft eine sofortige Verbesserung der inneren Biegung spüren.

Insider-Tipp

Der Unterschied zum Reiterfehler liegt in der Absicht und der Kontrolle. Sie initiieren die Außenstellung bewusst für einen kurzen Moment, während Ihr Sitz und Ihr innerer Schenkel das Pferd auf der korrekten Linie halten. Das ist kein „Gegen-den-Zügel-Ziehen“. Das ist eine therapeutische Maßnahme.

Lektion 5: Rückwärtsrichten am lockeren Zügel – Der ultimative Test

Das Rückwärtsrichten ist keine Lektion, die man erzwingt. Es ist das Ergebnis. Der Beweis für eine erfolgreiche Gymnastizierung.

Die Biomechanik dahinter

Ein korrektes, diagonales Rückwärtstreten ohne blockiertes Genick erfordert immense Koordination. Das Pferd muss den Rücken aufwölben, die Hinterhandgelenke beugen und das Gewicht nach hinten verlagern. Das ist nur möglich, wenn die gesamte Kette – von der Hinterhand über den freien Rücken und die lockere Schulter bis zum nachgiebigen Genick – störungsfrei funktioniert. Zieht der Reiter am Zügel, drückt das Pferd den Rücken weg, das Genick blockiert und es „schlurft“ nur rückwärts.

Die Anleitung in der Praxis

  1. Vorbereitung: Halten Sie aus dem Schritt korrekt an. Alle vier Beine sollten geschlossen stehen.
  2. Die Hilfe: Verlagern Sie Ihr Gewicht minimal nach vorne (um die Hinterhand zu entlasten) und schließen Sie beide Beine sanft am Pferdebauch. Ihre Hand bleibt passiv und gibt im Moment des Rückwärtstretens nach. Die treibende Hilfe kommt aus Ihrem Rumpf und Bein.
  3. Die Reaktion: Ein durchlässiges Pferd tritt diagonal zurück (z.B. vorne rechts und hinten links gleichzeitig). Die Zügelverbindung bleibt weich.
  4. Fehleranalyse: Stemmt sich Ihr Pferd gegen die Hand, öffnet das Maul oder tritt nicht diagonal? Dann ist die Verbindung noch nicht da. Nichts erzwingen.

Insider-Tipp

Wenn das Rückwärtsrichten am lockeren Zügel nicht klappt, ist das kein Scheitern, sondern eine Information. Es zeigt Ihnen, wo in der biomechanischen Kette noch eine Blockade besteht. Gehen Sie einen Schritt zurück. Funktioniert das Schulterherein in Zeitlupe? Ist die Rippenpartie locker? Sehen Sie diese letzte Lektion als Ihr finales Prüfsiegel.

Fazit: Werden Sie zum Problemlöser für Ihr Pferd

Blockaden im Genick und in der Schulter sind keine unüberwindbaren Hindernisse. Sie sind eine Einladung, tiefer in die Biomechanik Ihres Pferdes einzutauchen. Statt an Symptomen zu arbeiten, gibt Ihnen dieser Werkzeugkasten die Mittel, die Ursachen zu lösen.

Integrieren Sie diese Übungen schrittweise in Ihr Training. Wählen Sie pro Woche zwei oder drei aus und konzentrieren sich auf das Gefühl, nicht auf die perfekte Form. Sie werden feststellen, wie aus festgefahrenen Problemen ein neues Reitgefühl von Leichtigkeit und echter Durchlässigkeit entsteht.

Um Ihnen den Einstieg in dieses System zu erleichtern und Ihren Fortschritt zu dokumentieren, haben wir einen praktischen Trainingsplan zum Herunterladen für Sie erstellt.

⬇ Download: Ihr persönlicher Trainingsplan: Die 5 Schlüssel-Lektionen in der Praxis

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.

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