
Der hohe Halsansatz des Friesen: Trainingsstrategien für eine reelle Anlehnung und Rückentätigkeit
Erhaben, stolz, mit einer beeindruckenden Halsung – der Anblick eines Friesen lässt Reiterherzen höherschlagen. Diese majestätische Erscheinung ist oft der Grund, warum sich Pferdeliebhaber für diese Rasse entscheiden. Doch im Sattel stellt sich oft ein anderes Gefühl ein: Das Pferd ist vorn spektakulär aufgerichtet, aber der Rücken fühlt sich hohl an und die Verbindung zur Hinterhand scheint zu fehlen.
Wenn Sie dieses Gefühl kennen, sind Sie nicht allein. Die imposante Anatomie der Friesen ist Segen und Herausforderung zugleich. Ihr hoher Halsansatz, der für die prachtvolle Aufrichtung sorgt, kann bei der Gymnastizierung schnell zu einem Missverständnis zwischen Reiter und Pferd führen. Doch mit dem richtigen Wissen über Biomechanik und gezieltem Training helfen Sie Ihrem Friesen, seinen Körper korrekt zu nutzen und sich zu einem durchlässigen, rückentätigen Reitpferd zu entwickeln.
![Ein majestätischer Friese mit typisch hohem Halsansatz steht auf einer Weide]()
Die Anatomie verstehen: Warum der Friese anders ist
Um die Herausforderungen im Training zu meistern, gilt es zunächst, die Ursache zu verstehen. Der Friese besitzt, wie viele barocke Pferde, von Natur aus einen hoch angesetzten und aufgerichteten Hals. Diese Eigenschaft verleiht ihm seine typische ‚relative Aufrichtung‘.
Eine Studie der Vetmeduni Wien zur Anatomie des Friesenpferdes zeigt auf, dass diese Haltung problematisch wird, wenn sie mit einem von Natur aus eher schwachen Rücken und einer wenig aktiven Hinterhand zusammentrifft.
Der lange Rückenmuskel (M. longissimus dorsi) fungiert im Pferdekörper wie eine Brücke, die Vor- und Hinterhand verbindet. Ist diese Brücke nicht stabil und aufgewölbt, kann sie die Energie aus der Hinterhand nicht nach vorne durchlassen. Die Folge ist ein Pferd, das den Rücken wegdrückt, mit den Hinterbeinen nach hinten herausschiebt und die Hauptlast auf die Vorhand verlagert.
Der hohe Hals täuscht in diesem Fall über die fehlende Rumpfstabilität hinweg. Es sieht zwar aufgerichtet aus, bewegt sich aber nicht ‚über den Rücken‘.
Das Trugbild der Aufrichtung: Wenn der Rücken nicht mitschwingt
Viele Reiter versuchen instinktiv, die Anlehnung über die Handeinwirkung am Zügel herzustellen. Bei einem Friesen führt dieser Weg fast immer in eine Sackgasse. Durch den hohen Halsansatz neigen sie dazu, bei zu viel Zügeldruck nachzugeben, indem sie den Hals einrollen und hinter die Senkrechte kommen. Man spricht hier vom ‚falschen Knick‘, der meist am dritten oder vierten Halswirbel entsteht.
Die Folgen sind gravierend:
- Blockaden im Genick: Die freie Beweglichkeit des Genicks geht verloren.
- Fester Rücken: Das Pferd kann den Rücken nicht mehr aufwölben und locker schwingen lassen.
- Fehlende Schubkraft: Die Hinterhand wird passiv und kann nicht mehr unter den Schwerpunkt treten.
Der renommierte Tierarzt und Biomechanik-Experte Dr. Gerd Heuschmann betont immer wieder: ‚Der Weg zur reellen Anlehnung führt über die Aktivierung der Hinterhand und das Training der Bauchmuskulatur.‘ Nur wenn das Pferd lernt, mit aktiven Bauchmuskeln sein Becken abzukippen und die Hinterbeine unter den Körper zu setzen, kann es den Widerrist anheben und den Rücken zum Schwingen bringen. Die Aufrichtung im Hals ist dann das Ergebnis korrekter Arbeit, nicht der Ausgangspunkt.
![Skizze, die den Unterschied zwischen einem aufgewölbten und einem weggedrückten Rücken beim Pferd zeigt]()
Der Weg zur reellen Anlehnung: Vom Motor zur Hand
Vergessen Sie für einen Moment den Kopf Ihres Pferdes. Konzentrieren Sie sich stattdessen darauf, den ‚Motor‘ – die Hinterhand – zu aktivieren und die tragende Rumpfmuskulatur zu stärken.
Schritt 1: Die Basis an der Longe – Vorwärts-Abwärts erarbeiten
Die Dehnungshaltung ist für viele Friesen aufgrund ihrer Anatomie anspruchsvoller als für ein modernes Sportpferd. Dennoch ist sie unerlässlich, um den Rückenmuskel zu dehnen und zu aktivieren.
Ziel: Das Pferd soll sich an der Longe in einem fleißigen, aber taktreinen Tempo vertrauensvoll vorwärts-abwärts an die Hand dehnen, bis sich die Nase etwa auf Höhe des Buggelenks befindet. Achten Sie darauf, dass es dabei nicht auf die Vorhand fällt, sondern die Hinterhand aktiv bleibt. Geduld ist bei diesem Schritt entscheidend.
![Friese in einer korrekten Dehnungshaltung an der Longe, Nase auf Höhe des Buggelenks]()
Schritt 2: Die Hinterhand aktivieren – Der Schlüssel zur Tragkraft
Sobald die Dehnungshaltung an der Longe funktioniert, übertragen Sie dieses Prinzip auf die Arbeit unter dem Sattel. Der Motor wird durch gezielte Übungen eingeschaltet:
- Häufige Übergänge: Reiten Sie viele Übergänge zwischen Schritt und Trab sowie zwischen Trab und Halten. Jeder Antritt ist eine kleine Kniebeuge für die Hinterhand.
- Tempounterschiede: Variieren Sie das Tempo innerhalb einer Gangart. Legen Sie zu und fangen Sie Ihr Pferd wieder sanft auf, ohne die Anlehnung zu verlieren. Dies schult die Lastaufnahme der Hinterhand.
- Stangenarbeit: Trabstangen und kleine Cavaletti regen das Pferd an, seine Beine höher zu heben und den Rücken aufzuwölben.
Schritt 3: Seitengänge als Gymnastik-Wunder
Seitengänge sind das ultimative Werkzeug, um die Tragkraft zu fördern. Wie der Ausbilder Marius Schneider in seiner Trainingslehre für Barockpferde beschreibt, sind Übungen wie Schulterherein und Travers essenziell, um die Hankenbeugung zu schulen. Das Pferd lernt, sich auszubalancieren und mehr Gewicht mit der Hinterhand aufzunehmen.
Beginnen Sie mit dem Schultervor und steigern Sie sich langsam zum Schulterherein. Wichtig ist hierbei: Denken Sie die Lektion vom inneren Hinterbein aus und vermeiden Sie zu starke Handeinwirkung. Der Friese neigt sonst dazu, dieser Anstrengung auszuweichen, indem er sich wieder hinter dem Zügel ‚versteckt‘.
![Reiter führt mit einem Friesen ein korrektes Schulterherein auf dem Zirkel aus]()
Nicht zu unterschätzen: Die Rolle der Ausrüstung
Selbst die beste Gymnastizierung bleibt wirkungslos, wenn die Ausrüstung die Bewegung blockiert. Ein unpassender Sattel kann Druck auf den langen Rückenmuskel ausüben oder die Schulter in ihrer Rotation behindern. Dies führt unweigerlich zu Verspannungen und einem weggedrückten Rücken.
Gerade Friesen und andere barocke Pferde haben oft einen kurzen, breiten Rücken mit einem ausgeprägten Widerrist. Einen passenden Sattel zu finden, ist daher kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für eine gesunde Ausbildung.
(Partnerhinweis) Hersteller wie Iberosattel haben sich beispielsweise auf Konzepte spezialisiert, die mit breiten Auflageflächen und spezieller Schulterfreiheit den anatomischen Besonderheiten dieser Pferde Rechnung tragen und so eine korrekte Rückentätigkeit erst ermöglichen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum ist die Dehnungshaltung für meinen Friesen so schwierig?
Aufgrund des hoch angesetzten Halses ist es für Friesen muskulär anspruchsvoller, den Kopf fallen zu lassen und gleichzeitig den Rücken aufzuwölben. Es widerspricht ihrer natürlichen Haltung. Daher erfordert der Aufbau der dafür nötigen Muskulatur geduldiges und konsequentes Training.
Wie fühlt es sich an, wenn mein Friese den Rücken korrekt aufwölbt?
Sie spüren ein schwingendes, ‚tragendes‘ Gefühl unter sich. Der Pferderücken bewegt Sie im Sattel weich auf und ab. Die Zügelverbindung wird leicht und konstant, und Sie spüren, wie die Energie der Hinterhand bis in Ihre Hände fließt.
Mein Friese rollt sich immer ein. Was mache ich falsch?
Einrollen ist oft eine Ausweichreaktion auf zu viel Handdruck oder eine noch zu schwache Hinterhand. Reduzieren Sie die Einwirkung Ihrer Hände und konzentrieren Sie sich darauf, das Pferd mit Ihrem Sitz und Schenkel von hinten nach vorne an die Hand heranzutreiben. Reiten Sie vermehrt Lektionen, die die Hinterhand aktivieren, wie Übergänge und Tempovariationen.
Fazit: Geduld und Wissen sind der Schlüssel zum Erfolg
Die Ausbildung eines Friesen erfordert ein tiefes Verständnis seiner besonderen Anatomie. Die prachtvolle Halsung ist das Ziel, nicht der Ausgangspunkt. Indem Sie den Fokus vom Kopf auf den ‚Motor‘ lenken und Ihr Training konsequent von hinten nach vorne aufbauen, helfen Sie Ihrem Pferd, sein volles Potenzial an Kraft und Eleganz unter dem Sattel zu entfalten.
Der Lohn ist ein Pferd, das nicht nur majestätisch aussieht, sondern sich auch so anfühlt: leicht in der Hand, schwingend im Rücken und in perfekter Balance. Ein Partner, der die Prinzipien der klassischen Dressur mit Stolz und Anmut verkörpert.



