Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Working Equitation auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Hilfengebung ohne Zügel: Schenkel- und Gewichtshilfen zur Perfektion bringen

Stellen Sie sich einen Moment vor: Sie sitzen auf Ihrem Pferd, die Zügel locker in einer Hand, und navigieren mit scheinbar unsichtbaren Signalen durch einen anspruchsvollen Parcours. Jede Wendung, jeder Tempowechsel, jede Seitwärtsbewegung entspringt einer stillen Übereinkunft, einem Dialog, der weit über die Handeinwirkung hinausgeht. Was wie Magie aussieht, ist das Ergebnis höchster Reitkunst: die meisterhafte Anwendung von Gewichts- und Schenkelhilfen.

Dieses Ideal, das in der [INTERNAL-LINK-1: /working-equitation/]Working Equitation[/INTERNAL-LINK-1] und der [INTERNAL-LINK-2: /doma-vaquera/]Doma Vaquera[/INTERNAL-LINK-2] zur Vollendung kommt, ist kein unerreichbarer Traum. Es ist das konsequente Ziel einer Ausbildung, die auf wahrer Kommunikation und feinster Hilfengebung beruht. In diesem Artikel tauchen wir tief in die Kunst des „Reitens aus dem Sitz“ ein und zeigen Ihnen, wie Sie die Zügelhilfe zur Nebensache machen.

Das unsichtbare Gespräch: Die Hierarchie der Hilfen neu denken

Reiten ist im Kern eine Form der Kommunikation. Wir nutzen unseren Körper, um dem Pferd unsere Wünsche mitzuteilen. Die Gesamtheit dieser Signale – Gewicht, Schenkel und Zügel – bildet unsere Sprache. Doch wie in jeder guten Konversation kommt es auf die richtige Reihenfolge und Betonung an. Viele Reiter lernen, die Zügel als primäres Lenk- und Bremsinstrument zu nutzen. Die wahre Kunst liegt jedoch darin, diese Hierarchie umzukehren.

Die klassische Lehre und die Erfahrung großer Reitmeister zeigen: Die feinste und zugleich wichtigste Hilfe ist der Sitz. Er ist die Basis, die stete Verbindung, die dem Pferd Balance, Takt und Richtung weist. Erst danach folgt der Schenkel, der impulshaft treibt, seitwärts weist oder begrenzt. Die Zügelhilfe sollte immer das letzte Glied in dieser Kette sein: eine feine Korrektur, eine Verfeinerung des Rahmens, den Sitz und Schenkel bereits geschaffen haben. Das Ziel ist eine fast telepathische Verbindung, bei der die Hilfen so minimal werden, dass sie für einen Außenstehenden kaum noch sichtbar sind.

Der Sitz als Fundament: Mehr als nur im Sattel bleiben

Ihre Gewichtshilfen sind das Fundament jeder Bewegung. Sie sind keine aktiven, groben Manöver, sondern subtile Verlagerungen Ihres Körperschwerpunkts, die dem Pferd unmissverständlich den Weg weisen.

  • Die Richtung vorgeben: Eine leichte Belastung des inneren Gesäßknochens und ein Eindrehen der inneren Hüfte signalisieren dem Pferd die Wendung, lange bevor ein Zügelimpuls nötig wird.
  • Das Tempo regulieren: Ein tiefes „Ins-Pferd-Hineinsetzen“ mit aufgerichteter Wirbelsäule und stabiler Rumpfmuskulatur wirkt versammelnd und bereitet eine Parade vor. Ein leichtes Mitschwingen der Hüfte nach vorn wirkt hingegen treibend.
  • Die Balance erhalten: Ein ausbalancierter, losgelassener Sitz ist die Voraussetzung dafür, dass sich das Pferd unter dem Reiter frei und taktrein bewegen kann. Jede Verspannung im Reiter blockiert unweigerlich den Rücken des Pferdes.

Der Reitersitz ist kein passives Mitgetragenwerden, sondern der Angelpunkt der Kommunikation. Er gibt den Takt vor, steuert die Energie und lenkt die gesamte Bewegung.

Die Schenkelhilfen: Der unsichtbare Rahmen

Während der Sitz die Grundrichtung und Balance vorgibt, wirken die Schenkel als verfeinernde und rahmende Instrumente. Sie geben die entscheidenden Impulse, um die Energie, die der Sitz freisetzt, in die richtige Bahn zu lenken.

  • Treibende Schenkelhilfe: Liegt beidseitig leicht hinter dem Gurt und gibt kurze, rhythmische Impulse für das Vorwärts.
  • Vorwärts-seitwärtstreibende Schenkelhilfe: Der innere Schenkel treibt am Gurt vorwärts, während der äußere, verwahrende Schenkel etwas zurückgenommen wird, um ein Ausweichen der Hinterhand zu verhindern. Dies ist die Basis für alle Seitengänge.
  • Verwahrende Schenkelhilfe: Der äußere Schenkel liegt passiv an und begrenzt das Pferd, verhindert das Ausfallen über die Schulter und sorgt dafür, dass das Pferd „zwischen den Hilfen“ bleibt.

Die Perfektion liegt darin, diese Hilfen so präzise und minimal wie nötig einzusetzen. Das Pferd lernt, auf feinste Muskelanspannungen im Bein des Reiters zu reagieren, anstatt auf einen starken Druck zu warten.

Die Rolle des Sattels: Der Übersetzer zwischen Reiter und Pferd

Die feinste Kommunikation ist nutzlos, wenn der Übertragungsweg gestört ist. Der Sattel ist die entscheidende Schnittstelle – der Übersetzer zwischen Ihnen und Ihrem Pferd. Ein unpassender Sattel wirkt wie eine Störung auf der Leitung: Er blockiert die feinen Gewichtshilfen, schränkt die Bewegung des Pferderückens ein und kann Schmerzen verursachen, die jede sensible Reaktion unmöglich machen.

Gerade barocke Pferderassen wie der [INTERNAL-LINK-3: /pferderassen/pre/]Pura Raza Española (PRE)[/INTERNAL-LINK-3] stellen besondere Anforderungen an die Passform. Ihr oft kurzer, breiter und gut bemuskelter Rücken benötigt einen Sattel, der maximale Schulterfreiheit gewährt und das Gewicht des Reiters optimal verteilt, ohne zu drücken oder zu kippeln. Nur wenn der Sattel perfekt liegt und die Bewegungen des Pferdes zulässt, kann der Reiter tief „im“ Pferd sitzen statt nur „darauf“. Dieses Gefühl des Einsseins ist die Grundvoraussetzung, um die Gewichtshilfen effektiv zu nutzen.

Partnerhinweis: Hersteller wie Iberosattel haben sich darauf spezialisiert, Sattelkonzepte zu entwickeln, die den anatomischen Besonderheiten barocker Pferde gerecht werden. Solche durchdachten Lösungen können die Kommunikation zwischen Reiter und Pferd maßgeblich verbessern und sind ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur feinen Hilfengebung.

Vom Konzept zur Praxis: Übungen für eine verfeinerte Kommunikation

Theorie ist wichtig, doch die wahre Veränderung findet im Sattel statt. Hier sind drei Übungen, um Ihre Schenkel- und Gewichtshilfen zu verfeinern:

  1. Reiten mit innerem Monolog: Reiten Sie einfache Hufschlagfiguren und kommentieren Sie innerlich jede Aktion, bevor Sie sie ausführen. Statt am Zügel zu ziehen, denken Sie: „Jetzt setze ich mich tiefer, um durchzuparieren.“ oder „Jetzt belaste ich den inneren Gesäßknochen für die Ecke.“ Das schärft Ihr Bewusstsein dafür, den Sitz als primäre Hilfe zu nutzen.
  2. Slalom ohne Zügel: Bauen Sie eine einfache Slalomlinie mit Pylonen auf. Reiten Sie diese im Schritt mit langen, durchhängenden Zügeln. Konzentrieren Sie sich ausschließlich darauf, die Wendungen durch das Eindrehen Ihrer Hüfte und die Belastung des jeweiligen inneren Gesäßknochens einzuleiten. Der äußere Schenkel hat dabei nur eine begrenzende Funktion.
  3. Übergänge aus dem Sitz: Üben Sie Übergänge zwischen Schritt und Halt sowie zwischen Trab und Schritt, ohne die Zügel aktiv zu verkürzen. Für die Parade richten Sie Ihren Oberkörper auf, spannen die Bauchmuskulatur an und atmen tief aus – Sie werden erstaunt sein, wie sensibel Ihr Pferd auf diese feinen Signale reagiert, wenn es gelernt hat, darauf zu achten.

Das Ergebnis ist ein Pferd, das willig und leicht auf unsichtbare Hilfen reagiert – ein Ausdruck von Harmonie und Partnerschaft, wie ihn die hohe Kunst der [INTERNAL-LINK-4: /ausbildung/klassische-dressur/]klassischen Dressur[/INTERNAL-LINK-4] und die iberischen Reitweisen anstreben.

Häufige Fragen (FAQ) zur Hilfengebung ohne Zügel

Ist diese Art des Reitens nur etwas für Profis?
Nein, ganz im Gegenteil. Die Prinzipien der feinen Hilfengebung sind die Grundlage für gutes Reiten auf jedem Niveau. Jeder Reiter, vom Freizeitreiter bis zum Turniersportler, profitiert davon, die Kommunikation mit seinem Pferd zu verfeinern und unabhängiger von der Hand zu werden.

Was mache ich in einer Notsituation, wenn ich ohne Zügel reite?
Sicherheit hat immer Vorrang. Das Ziel ist nicht, die Zügel komplett wegzulassen, sondern sie als sekundäres Hilfsmittel zu nutzen. Sie bleiben Ihre Sicherheitsverbindung. Bei den Übungen sollten Sie immer darauf vorbereitet sein, die Zügel bei Bedarf schnell und sicher aufzunehmen.

Mein Pferd reagiert kaum auf meine Sitz- und Schenkelhilfen. Was kann ich tun?
Dies kann mehrere Ursachen haben. Oft liegt es an einer mangelnden Grundausbildung (sowohl bei Reiter als auch bei Pferd), einem unpassenden Sattel, der die Hilfen blockiert, oder schlicht an fehlender Übung. Der erste Schritt ist immer, die Grundlagen zu überprüfen und sich Unterstützung von einem qualifizierten Trainer zu holen. Geduld ist hier der Schlüssel.

Fazit: Der Weg zur wahren Partnerschaft

Die Perfektionierung der Schenkel- und Gewichtshilfen ist mehr als nur eine technische Übung – es ist ein Weg zu einer tieferen, respektvolleren Partnerschaft mit Ihrem Pferd. Es bedeutet, zuzuhören, anstatt zu fordern, und zu führen, anstatt zu zwingen. Wenn die Zügel zur Nebensache werden, beginnt das wahre Gespräch. Dieser Weg erfordert Geduld, Selbstreflexion und die Bereitschaft, alte Gewohnheiten abzulegen. Doch die Belohnung ist unbezahlbar: ein Pferd, das Ihnen vertraut und mit Ihnen tanzt.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.