Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Spanische und barocke Pferderassen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

PRE vs. Lusitano: Wie Hals und Genick die Versammlung wirklich beeinflussen

Haben Sie jemals auf zwei iberischen Pferden gesessen und gespürt, wie grundlegend unterschiedlich sie sich anfühlen können?

Der eine, ein majestätischer PRE, scheint von Natur aus „bergauf“ zu gehen, doch das Genick fühlt sich manchmal fest an. Der andere, ein geschmeidiger Lusitano, gibt im Genick wunderbar nach, erfordert aber mehr Kraft, um ihn vor Ihnen zu behalten. Dieses Gefühl ist kein Zufall – sondern das Ergebnis faszinierender anatomischer Unterschiede, die tief in der Zuchtgeschichte beider Rassen verwurzelt sind.

Für Reiter, die nach höchster Harmonie und [Was ist Versammlung? Ein Leitfaden für Reiter] streben, ist das Verständnis dieser feinen Unterschiede der Schlüssel. Es geht nicht darum, welche Rasse „besser“ ist, sondern darum, wie wir unser Training an die natürlichen Gegebenheiten unseres Pferdes anpassen können. Tauchen wir ein in die Welt der Halswirbel, Muskelansätze und Ganaschenfreiheit und entdecken wir, was den PRE und den Lusitano in der Hohen Schule so einzigartig macht.

Der Pura Raza Española: Geborene Erhabenheit mit anatomischen Besonderheiten

Der Anblick eines [Pura Raza Española (PRE) – Das Pferd der Könige] in voller Versammlung ist pure Magie. Sein hoch aufgesetzter, kraftvoller Hals und die stolze Haltung verleihen ihm eine natürliche Erhabenheit. Genau diese Anatomie ist sein größter Vorteil – und zugleich seine größte Herausforderung.

Die typische Anatomie des PRE-Halses:

  • Hoher Halsansatz: Der Hals des PRE entspringt oft sehr hoch aus der Schulter. Das verleiht ihm die charakteristische „hirschartige“ Aufrichtung und eine beeindruckende Präsenz.
  • Kräftige Bemuskelung: Vor allem der obere Halsbereich ist oft stark ausgeprägt, was die majestätische Silhouette unterstreicht.
  • Tendenz zur Kürze: Im Verhältnis zum Körper kann die obere Halslinie manchmal etwas kürzer wirken. Dies kann bei unkorrektem Reiten zu einer Anspannung im Genick führen.

Diese Merkmale begünstigen Lektionen, die eine hohe Aufrichtung erfordern, wie die Piaffe oder den Spanischen Schritt. Das Pferd bringt von Natur aus viel „Go“ und eine Tendenz zum Bergauf mit.

Doch genau hier liegt die Tücke: Die hohe Halshaltung kann Reiter dazu verleiten, die Dehnungsphase im Training zu vernachlässigen. Ein PRE, der zu früh und zu stark aufgerichtet wird, ohne dass die gesamte Oberlinie – vom Genick bis zum Schweif – durchlässig ist, neigt dazu, sich im Genick und im Rücken festzumachen. Der Raum zwischen Ganasche und Hals wird eng, die freie Beweglichkeit des Unterkiefers ist eingeschränkt, was echte Losgelassenheit erschwert.

Ein PRE-Hengst mit aufgerichtetem Hals in einer Piaffe, der die typische Halshaltung und den hohen Aufsatz zeigt.

Für den Reiter bedeutet das: Die zentrale Aufgabe besteht darin, die natürliche Aufrichtung des PRE zu nutzen, ohne dabei die Dehnung zu opfern. Regelmäßiges Vorwärts-Abwärts-Reiten ist unerlässlich, um die obere Halsmuskulatur zu längen, damit das Pferd lernt, den Rücken aufzuwölben und wirklich über den Rücken zu arbeiten.

Der Lusitano: Funktionale Harmonie für maximale Rittigkeit

Im Vergleich zum PRE wirkt [Der Lusitano: Portugals barockes Juwel] oft etwas funktionaler und weniger extravagant in seinem Gebäude. Seine Anatomie ist seit Jahrhunderten auf Wendigkeit, Schnelligkeit und Rittigkeit ausgelegt – ursprünglich für den Kampf und die Arbeit mit Rindern.

Die typische Anatomie des Lusitano-Halses:

  • Schrägerer Halsansatz: Der Hals des Lusitanos ist tendenziell etwas tiefer und schräger angesetzt. Dies erleichtert es dem Pferd, sich natürlich vorwärts-abwärts zu dehnen.
  • Längere Oberlinie: Die obere Halslinie ist oft länger und geschwungener, was eine ideale Voraussetzung für eine korrekte Beizäumung ist.
  • Mehr Ganaschenfreiheit: Viele Lusitanos haben von Natur aus mehr Raum zwischen Ganasche und Halswirbelsäule (Atlas), was eine leichtere und spannungsfreiere Biegung im Genick ermöglicht.

Diese anatomischen Vorteile machen es dem Lusitano oft leichter, im Genick nachzugeben und eine reelle Dehnungshaltung einzunehmen. Die Verbindung vom Maul über das Genick zum Rücken des Reiters fühlt sich häufig von Anfang an weicher und durchlässiger an.

Die Herausforderung beim Lusitano liegt an anderer Stelle: Aufgrund seiner natürlichen Flexibilität und des etwas tieferen Halsansatzes muss der Reiter darauf achten, dass das Pferd nicht zu tief kommt oder sich hinter dem Zügel verkriecht. Er muss die Energie aus der Hinterhand aktiv nach vorne-oben reiten, um die nötige Kraft und Tragfähigkeit für die Versammlung zu entwickeln. Während der PRE die Aufrichtung anbietet, muss sie beim Lusitano oft sorgfältiger erarbeitet werden, damit sie aus echter Kraft und nicht aus reiner Form resultiert.

Ein Lusitano in einer versammelten Lektion, bei der die längere, geschwungenere Halslinie und die offene Ganasche gut sichtbar sind.

Was das für die Hohe Schule bedeutet

In [Die Hohe Schule der Reitkunst: Lektionen und Geschichte] kommen diese Unterschiede besonders zum Tragen.

  • Der PRE brilliert oft durch seine natürliche Aufrichtung und sein Talent für die Piaffe und Passage. Die Herausforderung für den Reiter liegt darin, diese Brillanz mit echter Losgelassenheit und Durchlässigkeit zu verbinden.
  • Der Lusitano punktet mit seiner Wendigkeit und seiner Fähigkeit, sich leicht biegen und stellen zu lassen, was ihn oft zum Naturtalent für Seitengänge, Pirouetten und fliegende Wechsel macht. Der Reiter muss hier die aufrichtende Kraft entwickeln und die Versammlung aktiv von hinten nach vorne erarbeiten.

Ein Wort zur Ausrüstung: Der Sattel als Schlüssel zur Schulterfreiheit

Die Anatomie des Halses ist untrennbar mit der Bewegung der Schulter verbunden. Ein Pferd kann seinen Hals nur dann frei tragen und im Genick loslassen, wenn die Schulter uneingeschränkt arbeiten kann. Gerade bei barocken Pferden mit ihren oft breiten Schultern und ausgeprägten Muskeln ist die Passform des Sattels entscheidend. Ein Sattel, der die Schulter blockiert oder den Trapezmuskel einklemmt, unterbricht die gesamte biomechanische Kette. Dies führt unweigerlich zu Verspannungen im Hals und Genick.

Partnerhinweis: Hersteller wie Iberosattel haben sich auf genau diese Herausforderungen spezialisiert. Ihre Sattelkonzepte berücksichtigen die breite Schulter und den oft kurzen Rücken barocker Pferde und bieten spezielle Lösungen, um maximale Bewegungsfreiheit zu gewährleisten. Ein passender Sattel ist keine Nebensache, sondern eine Grundvoraussetzung für eine korrekte Versammlung.

Trainingsansätze: Das Potenzial beider Rassen voll ausschöpfen

Das Wissen um die Anatomie bleibt graue Theorie, wenn es nicht in die tägliche Arbeit einfließt. Hier sind konkrete Tipps:

Für den PRE-Reiter:

  1. Priorisieren Sie die Dehnung: Bauen Sie in jede Trainingseinheit lange Phasen im Vorwärts-Abwärts ein, um die obere Halslinie gezielt zu längen.
  2. Denken Sie „von hinten nach vorne“: Aktivieren Sie die Hinterhand und reiten Sie das Pferd an das Gebiss heran, anstatt den Kopf mit der Hand in Position zu bringen.
  3. Achten Sie auf das Genick: Fragen Sie sich stets: Ist das Genick der höchste Punkt? Ist der Unterkiefer locker? Kaut das Pferd zufrieden?

Für den Lusitano-Reiter:

  1. Fokus auf Kraft: Nutzen Sie Übergänge und Tempounterschiede, um die tragende Kraft der Hinterhand zu schulen.
  2. Rahmen erhalten: Achten Sie darauf, dass das Pferd nicht zu eng oder zu tief wird. Reiten Sie es aktiv „vor sich“ und an die Hand heran.
  3. Aufrichtung erarbeiten: Die Aufrichtung sollte das Ergebnis von vermehrter Hankenbeugung sein, nicht von einer hohen Hand.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

  1. Was genau bedeutet „Genickfreiheit“?

Genickfreiheit beschreibt die Fähigkeit des Pferdes, im Genick (dem Gelenk zwischen Kopf und erstem Halswirbel) losgelassen nachzugeben und sich biegen zu lassen, ohne sich zu verspannen oder gegen die Reiterhand zu wehren. Nur so können die Reiterhilfen fein durch den Pferdekörper fließen.

  1. Ist eine Rasse „besser“ für die klassische Dressur geeignet?

Nein. Beide Rassen sind hervorragend für die klassische Dressur und die Hohe Schule geeignet. Der Weg zum Ziel kann sich jedoch aufgrund ihrer unterschiedlichen anatomischen Veranlagungen unterscheiden. Der Schlüssel liegt darin, das Training individuell auf das jeweilige Pferd abzustimmen.

  1. Warum ist die Halshaltung so wichtig für den Rücken des Pferdes?

Der Hals dient als „Balancierstange“ und ist über die obere Verspannung (Nacken-Rücken-Band und zugehörige Muskulatur) direkt mit dem Rücken verbunden. Nur wenn das Pferd lernt, den Hals in korrekter Dehnungshaltung fallen zu lassen, kann sich der Rücken aufwölben und das Reitergewicht gesund tragen. Eine falsche, verspannte Halshaltung führt fast immer zu einem festen oder weggedrückten Rücken.

  1. Kann man die Halshaltung eines Pferdes durch Training verändern?

Die grundlegende Anatomie (Knochenbau, Ansatz des Halses) ist genetisch festgelegt und kann nicht verändert werden. Was man durch korrektes Training stark beeinflussen kann, ist die Bemuskelung. Ein gut trainiertes Pferd entwickelt eine starke Oberhalsmuskulatur und lässt die Unterhalsmuskulatur locker. Dadurch verbessert sich die gesamte Silhouette und Tragfähigkeit des Halses.

Fazit: Verstehen statt vergleichen

Die Gegenüberstellung von PRE und Lusitano zeigt eindrucksvoll, dass es in der Reitkunst keine Patentrezepte gibt. Statt eine Rasse über die andere zu stellen, sollten wir lernen, die individuellen Stärken und Herausforderungen unseres Pferdepartners zu erkennen und zu verstehen.

Ein PRE braucht einen Reiter, der seine natürliche Erhabenheit in funktionale Kraft umwandelt. Ein Lusitano braucht einen Reiter, der seine Geschmeidigkeit nutzt, um eine kraftvolle Aufrichtung zu erarbeiten. Indem wir die Anatomie als Wegweiser nutzen, können wir jedem Pferd helfen, sein volles Potenzial in der Versammlung zu entfalten – mit Harmonie, Ausdruck und Leichtigkeit.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.