Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Pferdeausbildung auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Gesunder Rücken statt ‚Show-Trab‘: Warum weniger Spektakel oft die bessere Gymnastik ist

Ein Pferd trabt durchs Viereck, die Knie fliegen, die Energie scheint grenzenlos. Dieses Bild vom „Show-Trab“ prägt das Bild der modernen Turnierlandschaft. Aber immer mehr Reiter, gerade Besitzer barocker Pferde, stellen sich eine entscheidende Frage: Ist das, was spektakulär aussieht, auch gesund? Zu oft steckt hinter der glänzenden Fassade ein verspannter Rücken, blockierte Lendenwirbel und ein Pferd, das eher über seine Grenzen getrieben als gymnastiziert wird.

Die Sorge um den Pferderücken und die Unsicherheit, ob das eigene Training wirklich aufbaut oder langfristig schadet, kennt fast jeder. Dieser Artikel ist ein Plädoyer für Substanz statt Spektakel. Er zeigt einen Weg, der auf den soliden Prinzipien der Biomechanik und der klassischen Reitkunst basiert – speziell zugeschnitten auf die Bedürfnisse barocker Pferderassen. Es geht darum, einen starken, tragfähigen Rücken aufzubauen und eine echte, kraftvolle Bewegung zu fördern, die von innen kommt. Für ein Pferd, das sich nicht nur beeindruckend bewegt, sondern sich dabei auch rundum wohlfühlt.

Der barocke Rücken: Ein Handbuch für Besitzer

Wer sein Pferd gesund trainieren will, muss seinen Körper verstehen. Barocke Pferde wie der Pura Raza Española (PRE), der Lusitano oder der Friese unterscheiden sich anatomisch deutlich von modernen Sportpferden. Ihr Körperbau ist das Erbe jahrhundertelanger Zucht für Wendigkeit, Kraft und Versammlungsfähigkeit. Ihr Rücken ist das Zentrum dieser Konstruktion.

Der barocke Rücken ist typischerweise kürzer, breiter und kräftiger. Diese Kompaktheit ist ein klarer Vorteil für die Versammlung, birgt aber auch spezifische Herausforderungen. Ein entscheidender Punkt ist der 18. Brustwirbel, der letzte Wirbel, der eine Rippe trägt. Er markiert das Ende des stabilen Brustkorbs. Direkt dahinter beginnt die empfindliche Lendenwirbelsäule. Ein Sattel darf niemals über diesen Punkt hinausreichen. Sonst blockiert er die Bewegungsfreiheit der Lende und macht eine Aktivierung der Hinterhand unmöglich. Bei einem Pferd mit kurzem Rücken ist dieser Bereich schnell erreicht.

Barocke Pferde neigen zudem zu einem breiten, kräftigen Trapezmuskel. Ein zu enger Sattelbaum oder ein schmaler Wirbelsäulenkanal drückt auf diesen Muskel, klemmt ihn ein und verhindert, dass das Pferd den Rücken aufwölben kann. Die Folge: Das Pferd weicht dem Schmerz aus. Es hält den Rücken fest und kompensiert mit übertriebener Hals- und Beinaktion. Der „falsche“ Show-Trab entsteht.

Ein biomechanisch sinnvolles Training beginnt also schon bei der Ausrüstung.

Partner-Hinweis: Die Wahl des richtigen Sattels

Die Wahl des richtigen Sattels ist keine Nebensache, sondern die Grundlage für gesundes Training. Hersteller wie Iberosattel konzentrieren sich auf die Bedürfnisse barocker Pferde. Ihre Sättel zeichnen sich typischerweise durch breite Auflageflächen, anpassbare Kammerweiten und kurze Trachten aus. Sie geben dem kompakten, kräftigen Rücken die nötige Bewegungsfreiheit, ohne Druckpunkte zu erzeugen. Eine solche durchdachte Ausrüstung ist der erste Schritt zur Gesunderhaltung Ihres Pferdes.

Falscher Knick vs. echte Biegung: Den Unterschied fühlen und fördern

Der spektakulär gebogene Hals, bei dem das Pferd fast in den eigenen Bug beißt, ist oft ein Alarmsignal. Er zeigt einen „falschen Knick“, meist im dritten oder vierten Halswirbel, während der Rest des Körpers steif und gerade bleibt. So entzieht sich das Pferd der anstrengenden Arbeit, die Rumpfmuskulatur zu aktivieren, und bietet stattdessen eine scheinbar korrekte Kopf-Hals-Haltung an. Eine reine Illusion.

Echte, gymnastizierende Biegung ist anders. Sie ist eine subtile, aber kraftvolle Dehnung der gesamten äußeren Körperseite, vom Genick bis zum Schweif. Sie entsteht nicht im Hals, sondern in der Brustwirbelsäule – durch die Mobilisierung des Rippenkorbs. Wie fühlt sich der Unterschied an?

  • Der falsche Knick: Das Pferd fällt über die äußere Schulter aus. Der innere Zügel wird leicht, der äußere schwer. Sie haben das Gefühl, das Pferd „verloren“ zu haben und müssen es ständig mit dem inneren Zügel „herumziehen“.
  • Echte Biegung: Ihr innerer Schenkel liegt an einem sich anhebenden, „fassförmigen“ Rumpf. Beide Zügel haben eine gleichmäßige, weiche Verbindung. Sie können die innere Hüfte des Pferdes leicht vortreten fühlen und das Pferd trägt sich ausbalanciert auf der gebogenen Linie.

Um diese korrekte Biegung zu fördern, sind einfache, aber präzise gerittene Übungen der Schlüssel:

  • Groß angelegte Volten: Konzentrieren Sie sich darauf, die Biegung mit Ihrem inneren Schenkel und Ihrem Gewicht zu initiieren, nicht mit dem Zügel. Stellen Sie sich vor, Sie biegen die Rippen des Pferdes um Ihren Schenkel.
  • Schlangenlinien durch die ganze Bahn: Jeder Handwechsel ist eine Gelegenheit, die Biegung sanft von einer Seite zur anderen zu verlagern. Achten Sie darauf, das Pferd für einen Moment exakt gerade zu richten, bevor Sie die neue Biegung einleiten.

Diese Übungen sprechen gezielt die Rumpfmuskulatur an und lehren das Pferd, seinen ganzen Körper zu nutzen. Das Ergebnis ist keine Verrenkung, sondern eine kraftvolle, durchlässige und ausbalancierte Bewegung.

Vorwärts-Abwärts neu gedacht: Mehr als nur ‚Nase runter‘

Der Begriff „Vorwärts-Abwärts“ ist wohl einer der am meisten missverstandenen in der modernen Reiterei. Oft wird er mit einem passiven „Nase-runter-Ziehen“ oder dem schädlichen Aufrollen (Rollkur) verwechselt. Dabei ist das korrekte Vorwärts-Abwärts eine der wichtigsten gymnastizierenden Übungen überhaupt, wenn man sein wahres Ziel versteht.

So wird beispielsweise in der Heeresdienstvorschrift (HDV 12) von 1912 das Reiten „am hingegebenen Zügel“ als ein Element beschrieben, um das Pferd zur Dehnung der Oberlinie zu animieren. Das Ziel ist nicht, den Kopf tief zu bekommen. Es geht darum, das Nacken-Rückenband zu dehnen und die gesamte obere Muskelkette zu aktivieren. Ein korrekt gerittenes Vorwärts-Abwärts bewirkt, dass das Pferd:

  1. Den Rücken aufwölbt: Durch die Dehnung hebt sich der Brustkorb zwischen den Schulterblättern.
  2. Mit der Hinterhand aktiv untertritt: Um die Balance zu halten, muss das Pferd sein Fundament – die Hinterbeine – aktiver unter den Körperschwerpunkt bringen.
  3. Sich selbst trägt: Es entsteht eine reelle Dehnungshaltung, in der das Pferd vertrauensvoll an die Hand herantritt, statt sich hinter dem Zügel zu verkriechen.

Wann, wie und wie lange sollten Sie das Vorwärts-Abwärts nutzen?

Wann? Vor allem in der Lösungsphase zu Beginn jeder Trainingseinheit und als Erholungspause zwischen anstrengenden Lektionen.
Wie? Geben Sie aus einem ruhigen, fleißigen Grundtempo heraus die Zügel langsam und gefühlvoll nach. Das Pferd sollte Ihrer Hand aktiv folgen und sich „in die Tiefe“ dehnen, ohne an Tempo zu verlieren. Die Nase des Pferdes bleibt dabei auf Höhe des Buggelenks oder leicht darüber.
Wie lange? Einige Runden im Trab oder Galopp genügen. Es ist eine therapeutische Übung, kein Dauerzustand.

Korrektes Vorwärts-Abwärts ist das Gegenteil von Zwang. Es ist eine Einladung an das Pferd, seinen Rücken loszulassen – die perfekte Vorbereitung für die versammelnde Arbeit.

Möchten Sie Ihr Gefühl für korrektes Training schulen? Unsere praktische Checkliste hilft Ihnen, die richtigen Anzeichen bei Ihrem Pferd zu erkennen und Ihr Training zu überprüfen.

Die Kraft aus der Hinterhand: Der Motor für einen gesunden Rücken

Ein aufgewölbter, schwingender Rücken ist niemals das Ergebnis von Zügel-Manipulation, sondern das Resultat eines aktiven „Motors“: der Hinterhand. Nur wenn die Hinterbeine fleißig und korrekt unter den Schwerpunkt treten, kann die Vorhand entlastet und der Rücken angehoben werden. Ein Trab mit strampelnden Vorderbeinen, aber einer passiven, hinterherlaufenden Hinterhand ist biomechanischer Unsinn. Und schadet auf Dauer den Gelenken.

Die Aktivierung dieses Motors gelingt über Übungen, die gezielt die Schub- und Tragkraft der Hinterhand fördern.

  • Häufige Übergänge: Jeder Übergang, ob von Schritt zu Trab oder von Trab zu Halten, ist ein kleines Krafttraining für die Hinterbeine. Sie müssen mehr Last aufnehmen und den Körper neu ausbalancieren. Reiten Sie präzise, gut vorbereitete Übergänge.
  • Stangenarbeit: Trabstangen und kleine Cavaletti zwingen das Pferd auf sanfte Weise, seine Gelenke stärker zu beugen und die Füße höher zu heben. Das kräftigt nicht nur die Muskulatur, sondern verbessert auch Takt und Koordination.
  • Reiten am Hang: Bergaufreiten im Schritt ist eine der effektivsten Übungen zur Kräftigung der Hinterhand. Das Pferd muss sich kraftvoll abstoßen und dabei den Rumpf stabilisieren. Bergabreiten schult die tragende Kraft und die Fähigkeit, die Last auf die Hinterhand zu verlagern.

Diese Übungen sind weniger glamourös als Piaffen oder Passagen, aber sie sind das Fundament, auf dem jede gesunde Versammlung aufbaut. Sie schaffen die ehrliche Kraft, die es dem Pferd ermöglicht, seinen Reiter gesund zu tragen.

Fazit: Ein Manifest für Substanz über Spektakel

Sich für ein gesundheitsorientiertes Training zu entscheiden, ist eine Entscheidung für das Pferd. Es bedeutet, sich von oberflächlichen Show-Effekten zu lösen und sich auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt: Balance, Kraft, Durchlässigkeit und Losgelassenheit. Ein Pferd, das über einen starken Rücken schwingt und dessen Kraft aus einem aktiven Motor in der Hinterhand kommt, ist der wahre Inbegriff von Eleganz.

Dieser Weg ist vielleicht leiser und weniger spektakulär. Aber er ist nachhaltig und fair. Er ehrt die Anatomie Ihres Pferdes und fördert eine Partnerschaft, die auf Vertrauen und biomechanisch korrekter Gymnastik beruht. Ein gesunder, glücklicher Athlet ist am Ende immer beeindruckender als ein kurzfristiger Showstar mit chronischen Rückenschmerzen. Wählen Sie Substanz – Ihr Pferd wird es Ihnen danken.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.

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