Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Geraderichtung beim Barockpferd: Der Weg zu Balance und echter Versammlung
Fühlen Sie sich in Wendungen manchmal, als würde Ihr Pferd „über die äußere Schulter kippen“? Oder fällt Ihnen der Galopp auf einer Hand deutlich schwerer als auf der anderen? Dann kennen Sie die natürliche Schiefe – ein Phänomen, das fast jeden Reiter betrifft, bei der Ausbildung barocker Pferde aber eine ganz besondere Rolle spielt.
Die majestätische Erscheinung eines Pura Raza Española (PRE) oder Lusitanos, ihre Kraft und natürliche Veranlagung zur Versammlung sind faszinierend. Doch genau diese Stärken können ein grundlegendes biomechanisches Problem überdecken: die angeborene Schiefe. Deshalb ist die Geraderichtung der Schlüssel zu einem gesunden, ausdrucksstarken und wirklich versammelten Barockpferd – und in diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie mit gezielten Übungen die Balance Ihres Pferdes nachhaltig verbessern.
Das Märchen vom geraden Pferd: Was ist die „natürliche Schiefe“?
Stellen Sie sich einen menschlichen Athleten vor: Fast jeder hat eine bevorzugte Schreib- oder Wurfhand. Bei Pferden ist es nicht anders. Die Wissenschaft bestätigt, dass über 90 % aller Pferde eine angeborene natürliche Schiefe aufweisen – keine Schwäche, sondern eine biomechanische Realität.
Diese Schiefe äußert sich in zwei Aspekten:
- Die hohle Seite: Sie ist die konkave, also nach innen gebogene Seite des Pferdekörpers. Hier ist die Muskulatur oft kürzer und verspannter. Das Pferd biegt sich auf dieser Hand leichter, neigt aber dazu, auf die innere Schulter zu fallen.
- Die steife Seite (auch Zwangs- oder Trageseite): Sie beschreibt die konvexe, nach außen gedehnte Seite. Die Muskulatur ist hier länger, aber oft schwächer. Das Hinterbein auf dieser Seite tritt häufig kürzer und trägt weniger Last, was die Balance stört.
Bleibt diese Asymmetrie unbeachtet, führt sie langfristig zu Problemen wie ungleicher Muskelentwicklung, vorzeitigem Gelenkverschleiß oder frustrierenden Trainingsplateaus. Ziel der Ausbildung ist es daher, dem Pferd zu helfen, diese natürliche Dysbalance auszugleichen.
Warum die Geraderichtung für Barockpferde so entscheidend ist
Barocke Pferderassen wie PRE, Andalusier oder Friesen bringen von Natur aus einen kompakten Körperbau und eine kraftvolle Hinterhand mit. Sie bieten oft von sich aus spektakuläre Bewegungen an und machen es dem Reiter leicht, sich von ihrer Ausdrucksstärke beeindrucken zu lassen.
Doch genau hier liegt die Herausforderung: Ihr Talent kann grundlegende Balanceprobleme kaschieren. Ein schiefes Barockpferd nutzt seine Kraft, um sich durch Lektionen zu „mogeln“, anstatt sie aus echter Balance und über den Rücken zu entwickeln. Die spektakuläre Bewegung kommt dann nicht aus der Tragkraft, sondern aus der Schubkraft – was auf Dauer die Gelenke der Vorhand überlastet. Geraderichtung ist also keine optionale Kür, sondern die absolute Grundlage für eine gesunde und pferdegerechte Ausbildung und die Voraussetzung für eine echte, getragene Versammlung.
Das Ziel: Gleichgewicht auf vier Beinen
Viele Reiter missverstehen Geraderichtung als das Reiten auf einer schnurgeraden Linie. Doch darum geht es nur am Rande. Geraderichtung bedeutet vielmehr, das Pferd so zu gymnastizieren, dass es sein Gewicht gleichmäßig auf alle vier Beine verteilen kann – sowohl auf geraden als auch auf gebogenen Linien.
Ein geradegerichtetes Pferd biegt sich auf beiden Händen gleich gut, tritt mit beiden Hinterbeinen gleichmäßig unter den Schwerpunkt und bleibt in den Schultern frei. Damit ist sie die Basis für fast alle Lektionen, die wir in [Die klassische Dressur mit barocken Pferden] anstreben, und bildet das Fundament für anspruchsvollere Disziplinen.
Praktische Übungen für mehr Balance und Geradheit
Die folgenden Übungen helfen Ihnen dabei, die natürliche Schiefe Ihres Pferdes zu erkennen und gezielt zu verbessern. Beginnen Sie stets auf der „guten“ oder hohlen Seite Ihres Pferdes, um es ihm leichter zu machen, das Konzept zu verstehen.
1. Die Volte als Diagnose-Werkzeug
Reiten Sie im Schritt oder Trab eine exakte Volte (ca. 8-10 Meter Durchmesser). Fühlen Sie genau hin:
- Fällt Ihr Pferd nach innen oder drängt es nach außen?
- Müssen Sie den inneren Zügel stärker nutzen, um die Biegung zu halten?
- Fühlt sich die Volte auf einer Hand runder und fließender an als auf der anderen?
Die Volte entlarvt schonungslos, auf welcher Seite Ihr Pferd hohl ist und wo es sich steif macht.
2. Schulterherein: Der Alleskönner
Das Schulterherein wird nicht umsonst als das „Aspirin der Reitkunst“ bezeichnet. Es ist die erste Lektion, bei der das Pferd lernt, mit dem inneren Hinterbein vermehrt unter den Schwerpunkt zu treten und Last aufzunehmen. So wird die Muskulatur der (oft steifen) Außenseite gedehnt und die innere Schulter angehoben.
So geht’s: Reiten Sie auf dem Hufschlag und stellen Sie Ihr Pferd leicht nach innen, als wollten Sie eine Volte beginnen. Mit dem inneren Schenkel treiben Sie das Pferd vorwärts, während der äußere Schenkel verwahrend das Ausweichen der Hinterhand verhindert. Die Vorhand bewegt sich auf dem inneren Hufschlag, die Hinterhand bleibt auf dem äußeren.
3. Traversalen: Die Meisterprüfung der Seitengänge
Wenn das Schulterherein auf beiden Händen gut funktioniert, bilden Traversalen den nächsten logischen Schritt. Lektionen wie Travers und Renvers fördern die Hankenbeugung, verbessern die Geschmeidigkeit und schulen die Koordination. Sie sind ein essenzieller Bestandteil auf dem Weg zur Versammlung und spielen eine große Rolle in Disziplinen wie der [Working Equitation] oder in der Vorbereitung auf [Die Hohe Schule der Reitkunst (Alta Escuela)].
Die Rolle der Ausrüstung: Ein oft unterschätzter Faktor
Ein Pferd kann sich nur dann ausbalancieren und geraderichten, wenn es nicht durch unpassende Ausrüstung blockiert wird. Ein Sattel, der die Schulter einklemmt oder auf die asymmetrisch entwickelte Muskulatur drückt, macht jede gymnastizierende Übung zunichte.
Gerade barocke Pferde mit ihrem oft kurzen, breiten Rücken und der ausgeprägten Schulterpartie stellen hohe Anforderungen an die Passform. Der Sattel muss nicht nur heute passen, sondern sich auch an die positive muskuläre Veränderung anpassen können, die durch das Geraderichten entsteht.
Partner-Hinweis: Hersteller wie Iberosattel haben sich auf Sattelkonzepte spezialisiert, die genau auf diese Anforderungen ausgelegt sind. Mit breiten Auflageflächen, großer Schulterfreiheit und verstellbaren Kammern unterstützen ihre Lösungen den gymnastizierenden Prozess, anstatt ihn zu behindern. Ein passender Sattel ist eine Investition in die Rückengesundheit und die Trainingsqualität Ihres Pferdes.
FAQ: Häufige Fragen zur Geraderichtung
Frage 1: Wie erkenne ich, welche die hohle Seite meines Pferdes ist?
Beobachten Sie Ihr Pferd im Alltag: Auf welcher Seite lässt es sich leichter biegen? Welchen Galopp bietet es auf der Weide von sich aus an? Beim Reiten ist die hohle Seite meist die, auf der das Pferd zur Innenseite „kollabiert“ und auf die innere Schulter fällt.
Frage 2: Kann ich mein Pferd „zu viel“ geraderichten?
Das Ziel ist nicht, die natürliche Biegung komplett zu eliminieren, sondern das Pferd zu „beidhändiger“ Geschicklichkeit zu erziehen. Es geht darum, beide Körperhälften gleichmäßig zu stärken, nicht darum, eine Seite zu überkorrigieren. Entscheidend sind Abwechslung und das gezielte Training beider Seiten.
Frage 3: Mein Pferd drückt in Wendungen immer über die äußere Schulter. Hängt das mit der Schiefe zusammen?
Ja, das ist ein klassisches Symptom. Oft passiert dies auf der steifen Seite des Pferdes. Es weicht dem biegenden inneren Schenkel aus, indem es über die äußere Schulter flieht, anstatt sich korrekt zu biegen und mit dem inneren Hinterbein Last aufzunehmen. Übungen wie Schulterherein sind hier das Mittel der Wahl.
Frage 4: Wie lange dauert es, ein Pferd geraderzurichten?
Die Geraderichtung ist kein Projekt mit einem festen Enddatum, sondern ein lebenslanger Prozess. Genauso wie ein menschlicher Athlet ständig an seiner Technik feilt, arbeiten wir Reiter kontinuierlich an der Balance und Gymnastizierung unseres Pferdes. Erste spürbare Erfolge zeigen sich bei konsequentem Training aber oft schon nach wenigen Wochen.
Fazit: Ein lohnender Weg zu Harmonie und Gesundheit
Die Arbeit an der Geraderichtung ist vielleicht eine der anspruchsvollsten, aber auch lohnendsten Aufgaben in der Pferdeausbildung. Sie ist der unsichtbare Faden, der Kraft, Eleganz und Gesundheit miteinander verbindet. Wer die natürliche Schiefe seines barocken Pferdes versteht und gezielt daran arbeitet, legt das Fundament für ausdrucksstarke Bewegungen, echte Versammlung und eine lange, gesunde Partnerschaft.



