Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Barockpferde Ausbildung auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Gelassenheitstraining am Boden: Wie man sensible Barockpferde auf die Welt vorbereitet
Ein lauer Nachmittag auf dem Reitplatz
Ihr prachtvolles spanisches Pferd glänzt in der Sonne, jede Bewegung ist pure Eleganz. Doch plötzlich raschelt eine Plastiktüte im Wind – und die majestätische Ruhe verwandelt sich in Anspannung. Das Pferd tanzt, die Nüstern beben. Dieser Moment, den viele Besitzer sensibler Pferde kennen, zeigt: Schönheit und Talent kommen erst dann voll zur Geltung, wenn sie auf einem soliden Fundament aus Vertrauen und Nervenstärke ruhen.
Gerade intelligente und feinfühlige Rassen wie PREs, Lusitanos oder Friesen nehmen ihre Umwelt besonders intensiv wahr. Diese Sensibilität ist ein Geschenk, erfordert aber auch eine gezielte Vorbereitung. Das Gelassenheitstraining am Boden ist hier der Schlüssel. Es ist weit mehr als nur ein „Anti-Schreck-Training“ – es ist ein Dialog, der die Bindung stärkt und Ihr Pferd zu einem souveränen Partner für alle Lebenslagen macht.
Warum Gelassenheitstraining gerade für Barockpferde entscheidend ist
Barocke Pferde sind bekannt für ihre menschenbezogene Art und ihre schnelle Auffassungsgabe; sie lernen blitzschnell – das Gute wie das Schlechte. Ihre feurige Energie und Sensibilität, die wir in der Dressur oder Show bewundern, kann sie im Alltag jedoch anfälliger für Stress machen. Eine plötzliche Bewegung oder ein unbekanntes Geräusch, und schon kann der Fluchtinstinkt die Oberhand gewinnen. Genau hier setzt gezieltes Training an.
Wissenschaftliche Studien bestätigen, was erfahrene Ausbilder längst wissen: Echte Gelassenheit ist messbar. Forscher der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg haben herausgefunden, dass die Herzratenvariabilität (HRV) eines Pferdes ein zuverlässiger Indikator für sein Stresslevel ist. Ein gelassenes Pferd zeigt eine hohe Variabilität im Herzschlag – ein Zeichen für ein entspanntes und anpassungsfähiges Nervensystem. Das Ziel ist also nicht, Reaktionen zu unterdrücken. Vielmehr helfen Sie Ihrem Pferd, eine innere Ruhe zu entwickeln, die sich sogar physiologisch nachweisen lässt. So bereiten Sie den Weg für eine Partnerschaft, die auf Verständnis statt auf Instinkt beruht und die Besonderheiten des PRE und seiner barocken Verwandten einbezieht.
Die Psychologie dahinter: Desensibilisierung vs. Überforderung
Bevor Sie mit dem Training beginnen, ist es wichtig, zwei Begriffe zu unterscheiden: Desensibilisierung und „Flooding“ (Reizüberflutung).
Systematische Desensibilisierung ist der richtige Weg. Dabei führen Sie das Pferd schrittweise und in seinem eigenen Tempo an einen potenziell furchteinflößenden Reiz heran. Sie steigern die Intensität so langsam, dass das Pferd jederzeit entspannt bleibt und lernt: „Dieser Reiz ist ungefährlich.“ Es findet eine Habituierung statt – das Pferd gewöhnt sich an den Reiz und stuft ihn als irrelevant ein.
Das genaue Gegenteil ist das Flooding. Hierbei wird das Pferd einem Reiz ausgesetzt, dem es nicht entkommen kann, bis es vor Erschöpfung scheinbar aufgibt. Ein Beispiel wäre, ein Pferd so lange mit einer Plane zu konfrontieren, bis es stillsteht. Diese Methode erzeugt massiven Stress und kann zu erlernter Hilflosigkeit führen. Das Pferd ist äußerlich ruhig, innerlich aber panisch. Das zerstört das Vertrauen nachhaltig.
Ihre wichtigste Aufgabe als Trainer ist es, selbst Ruhe auszustrahlen. Ihr Pferd orientiert sich an Ihrer Körpersprache und Ihrer emotionalen Verfassung. Atmen Sie tief durch, bewegen Sie sich langsam und vermitteln Sie Sicherheit – dann wird Ihr Pferd Ihnen vertrauensvoll folgen.
Praktische Anleitung: Die ersten Schritte zu mehr Nervenstärke
Beginnen Sie in einer vertrauten Umgebung wie dem Reitplatz oder einem Paddock. Halten Sie die Einheiten kurz; fünf bis zehn Minuten sind anfangs völlig ausreichend. Das Geheimnis liegt in der Wiederholung, nicht in der Dauer.
Grundprinzipien für jedes Training:
- Sicherheit geht vor: Arbeiten Sie immer mit Handschuhen und festem Schuhwerk. Ein gut sitzendes Knotenhalfter oder ein Kappzaum ermöglicht Ihnen eine präzise Einwirkung.
- Timing ist alles: Loben Sie Ihr Pferd und beenden Sie die Übung genau in dem Moment, in dem es die gewünschte Reaktion zeigt – sei es auch nur ein kurzes Zeichen der Entspannung.
- Weniger ist mehr: Gehen Sie immer nur so weit, dass Ihr Pferd neugierig bleibt, aber keine Angst entwickelt.
Übung 1: Der knisternde Regenschirm
Ein Regenschirm vereint zwei für Pferde oft beängstigende Reize: eine plötzliche Bewegung und ein zischendes Geräusch.
- Zeigen: Stellen Sie sich in einigen Metern Entfernung auf und präsentieren Sie dem Pferd den geschlossenen Schirm. Loben Sie es für ruhiges Beobachten.
- Bewegen: Öffnen und schließen Sie den Schirm sehr langsam und nur ein kleines Stück. Das Geräusch sollte minimal sein.
- Annähern: Wenn das Pferd entspannt bleibt, verringern Sie langsam den Abstand. Gehen Sie dabei nicht direkt auf das Pferd zu, sondern bewegen Sie sich in einem Bogen.
- Berühren: Lassen Sie das Pferd am geschlossenen Schirm schnuppern. Wenn es das zulässt, können Sie es sanft damit an der Schulter oder am Hals berühren. Erst viel später folgt die Berührung mit dem halb oder ganz geöffneten Schirm.
Übung 2: Die unheimliche Plane
Eine einfache Gewebeplane ist ein fantastisches Werkzeug, da sie sowohl optische als auch akustische Reize setzt.
- Die Plane liegt am Boden: Führen Sie Ihr Pferd im Abstand an der Plane vorbei. Vergrößern Sie den Abstand, falls es sich verspannt. Belohnen Sie jeden Schritt in die richtige Richtung.
- Die Plane wird berührt: Bitten Sie das Pferd, mit der Nase die Plane anzustupsen. Loben Sie ausgiebig.
- Ein Huf auf der Plane: Animieren Sie Ihr Pferd, mit einem Vorderhuf auf die Plane zu treten. Sobald der Huf die Plane berührt, nehmen Sie den Druck weg und loben es.
- Über die Plane gehen: Der letzte Schritt ist das ruhige Überqueren. Führen Sie Ihr Pferd bestimmt, aber ohne Zwang.
Vom Boden in den Sattel: Die Früchte des Trainings ernten
Die am Boden erarbeitete Gelassenheit ist die beste Versicherung für das Reiten. Ein Pferd, das gelernt hat, Ihnen bei einer flatternden Plane zu vertrauen, wird auch im Gelände bei einem plötzlich auffliegenden Vogel oder einem Traktor am Feldrand ruhiger bleiben.
Dieses Vertrauen ist die Grundlage für anspruchsvollere Disziplinen. In der Working Equitation beispielsweise sind Nervenstärke und Vertrauen im Trail-Parcours unerlässlich. Ob beim Überqueren einer Brücke, dem Öffnen eines Tores oder dem Slalom um Tonnen – hier zahlt sich jede Minute Bodentraining aus.
Auch in der Grundausbildung von Jungpferden sind die vorgestellten Übungen ein fundamentaler Baustein. Sie schaffen eine Basis, auf der alle weiteren Lektionen sicher aufbauen können.
Häufige Fragen zum Gelassenheitstraining (FAQ)
Was mache ich, wenn mein Pferd in Panik gerät?
Wenn Ihr Pferd Angst zeigt (Kopf hochreißen, weichen, zittern), waren Sie einen Schritt zu schnell. Nehmen Sie den Reiz sofort weg, vergrößern Sie den Abstand und kehren Sie zu dem Punkt zurück, an dem Ihr Pferd noch entspannt war. Atmen Sie selbst tief durch und geben Sie ihm Zeit, sich wieder zu beruhigen.
Wie oft sollte ich trainieren?
Regelmäßigkeit ist wichtiger als Dauer. Besser sind drei Einheiten pro Woche für je 10 Minuten als eine Stunde am Wochenende. So hat das Gehirn des Pferdes Zeit, das Gelernte zu verarbeiten und zu festigen.
Mein Pferd ist schon älter. Ist es für Gelassenheitstraining zu spät?
Nein, es ist nie zu spät, das Vertrauen und die Nervenstärke eines Pferdes zu fördern. Bei älteren Pferden mit bereits gefestigten Ängsten benötigen Sie möglicherweise mehr Geduld und müssen in noch kleineren Schritten vorgehen, aber der Erfolg ist genauso möglich und lohnenswert.
Fazit: Ein Bund fürs Leben schmieden
Gelassenheitstraining am Boden ist keine Abfolge von Zirkustricks. Es ist eine Investition in die Sicherheit und vor allem in die Beziehung zu Ihrem Pferd. Sie lehren Ihr Pferd nicht nur, dass ein Regenschirm harmlos ist – Sie lehren es, dass es an Ihrer Seite sicher ist und neuen Situationen mit Neugier statt mit Furcht begegnen kann.
Dieses am Boden aufgebaute Vertrauen muss sich im Sattel fortsetzen. Ein gut passender Sattel, der dem Pferd volle Bewegungsfreiheit gewährt und den Reiter sicher positioniert, ist dabei eine essenzielle Voraussetzung. Gerade für den oft kurzen, breiten Rücken barocker Pferde sind spezialisierte Sattelkonzepte eine wichtige Überlegung. Modelle, wie sie beispielsweise von Iberosattel als Partner des Portals entwickelt werden, gewährleisten Komfort und Sicherheit für Pferd und Reiter. So schaffen Sie eine durchgängige Kette des Vertrauens – vom ersten Schritt auf die Plane bis zum harmonischen Ritt im Gelände.



