Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Galopppirouette aus der Traversale entwickeln: Eine logische Schritt-für-Schritt-Anleitung
Stellen Sie sich für einen Moment das Gefühl vor: Ihr Pferd tanzt auf der Stelle, kraftvoll und doch federleicht. Jeder Galoppsprung ist ein Ausdruck purer Versammlung, die Hinterhand trägt, die Vorhand hebt sich majestätisch. Die Galopppirouette ist für viele Reiter der Inbegriff von Harmonie und höchster Dressurkunst. Doch der Weg dorthin ist oft von Frust gepflastert: Das Pferd fällt über die Schulter aus, verliert den Takt oder weicht mit der Hinterhand aus.
Was wäre, wenn es einen logischen, fast schon selbstverständlichen Weg gäbe, diese anspruchsvolle Lektion vorzubereiten? Einen Weg, der nicht auf Zwang, sondern auf biomechanischem Verständnis basiert? Dieser Weg führt direkt über eine Lektion, die Sie wahrscheinlich bereits kennen: die Traversale. Wir zeigen Ihnen in diesem Beitrag, warum die Traversale der Schlüssel zur Pirouette ist und wie Sie diesen Übergang Schritt für Schritt meistern.
Warum die Traversale der Schlüssel zur Pirouette ist
Die Galopppirouette ist im Grunde nichts anderes als eine auf der Stelle gerittene Traversale. Sie verlangt vom Pferd ein Höchstmaß an Kraft, Balance und Hankenbeugung – also die Fähigkeit, die Gelenke der Hinterhand stark zu beugen und Last aufzunehmen. Fällt es einem Pferd schwer, diese Last zu tragen, wird es versuchen auszuweichen.
Genau hier setzt die Traversale an. Sie ist die perfekte Vorübung, weil sie exakt die Muskelgruppen stärkt und die Bewegungsmuster schult, die für eine gute Pirouette unerlässlich sind:
- Aktivierung des inneren Hinterbeins: In der Traversale lernt das Pferd, mit seinem inneren Hinterbein weit unter den eigenen Körperschwerpunkt zu treten. Dieses untertretende Bein wird später zum Dreh- und Angelpunkt der Pirouette.
- Schulung der Hankenbeugung: Die seitliche Biegung in Kombination mit der Vorwärtsbewegung animiert das Pferd, die Hanken zu beugen und das Becken abzukippen. Es lernt, Gewicht auf die Hinterhand zu verlagern.
- Geraderichtung über die Diagonale: Die Traversale verbessert die diagonale Hilfengebung und schult das Pferd darin, sich um den inneren Schenkel zu biegen, während es vom äußeren Schenkel und Zügel eingerahmt wird – genau die Koordination, die in der Pirouette benötigt wird.
Kurz gesagt: Eine gut gerittene Traversale ist eine Pirouette in der Vorwärtsbewegung. Wenn Ihr Pferd diese Lektion sicher beherrscht, hat es bereits die körperlichen und mentalen Grundlagen für die Pirouette geschaffen.
Die Vorbereitung: Was Ihr Pferd beherrschen sollte
Bevor Sie mit der direkten Vorbereitung beginnen, sollte Ihr Pferd über eine solide Basis verfügen. Voraussetzung ist ein ausbalancierter, gesetzter Arbeitsgalopp, in dem es sich bereits leicht versammeln lässt, ohne an Takt oder Fleiß zu verlieren. Seitengänge wie Schulterherein und Travers müssen im Galopp ebenfalls sicher abrufbar sein. Die Arbeit an der [klassischen Dressur mit barocken Pferden] legt hierfür den idealen Grundstein, da sie von Beginn an Wert auf Balance und Tragkraft legt.
Schritt für Schritt: Von der Traversale zur Arbeitspirouette
Der Übergang von der Traversale zur Pirouette ist ein fließender Prozess, der Geduld erfordert. Das Ziel ist nicht, sofort eine ganze Pirouette zu reiten, sondern zunächst eine qualitativ hochwertige Arbeitspirouette aus wenigen, korrekten Sprüngen zu entwickeln.
Schritt 1: Die perfekte Galopptraversale etablieren
Reiten Sie auf der langen Seite oder auf der Viertellinie eine Galopptraversale. Achten Sie auf einen klaren Dreitakt, eine gleichmäßige Biegung im Pferdekörper und eine konstante Vorwärtstendenz. Das Pferd sollte dabei willig auf die seitwärtstreibenden Hilfen reagieren, ohne an Schwung zu verlieren.
Schritt 2: Der Übergang in die Volte
Sobald sich die Traversale sicher und flüssig anfühlt, leiten Sie daraus eine Volte (ca. 10 Meter Durchmesser) ein. Entscheidend ist hierbei, die traversale Stellung beizubehalten. Das Pferd bewegt sich also weiterhin leicht seitwärts gebogen auf der Kreislinie. Der äußere Schenkel begrenzt die Hinterhand, der innere Schenkel erhält den Galoppsprung am inneren Hinterbein, und der äußere Zügel verhindert das Ausfallen über die Schulter.
Schritt 3: Die Volte systematisch verkleinern
Nun beginnt die eigentliche Magie. Reiten Sie die Volte in traversartiger Haltung und versuchen Sie, den Kreis allmählich zu verkleinern. Jeder Meter, den die Volte kleiner wird, erfordert vom Pferd mehr Versammlung und eine stärkere Hankenbeugung.
Nun geht es darum, die Vorwärtsbewegung minimal zu reduzieren und die Energie stattdessen nach oben in den Sprung umzuleiten. Sie werden spüren, wie das Pferd unter Ihnen „bergauf“ kommt und sich vorne anhebt, während die Hinterhand tiefer tritt.
Schritt 4: Die ersten Pirouetten-Sprünge wagen
Wenn die Volte nur noch wenige Meter groß ist, denken Sie nicht mehr an „verkleinern“, sondern an „auf der Stelle galoppieren“. Reiten Sie für zwei bis drei Sprünge auf diesem kleinen Kreis, bevor Sie das Pferd wieder aus der Wendung heraus geradeaus nach vorne entlassen. Loben Sie es ausgiebig! Diese ersten Sprünge sind der Kern der Arbeitspirouette.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, die Übung zu beenden, bevor das Pferd die Balance, den Takt oder die Motivation verliert. Eine Vierteldrehung mit drei perfekten Sprüngen ist unendlich viel mehr wert als eine ganze, aber unsaubere Drehung.
Die Hilfengebung im Detail: Ein fein abgestimmtes Zusammenspiel
Die korrekte Hilfengebung ist entscheidend, um dem Pferd den Weg in die Pirouette zu weisen. Die grundlegende [Pferdeausbildung] in den Seitengängen schafft hierfür bereits die Basis.
- Innerer Schenkel: Liegt am Gurt und erhält den Galoppsprung. Er treibt das innere Hinterbein immer wieder aktiv unter den Schwerpunkt.
- Äußerer Schenkel: Liegt verwahrend eine Handbreit hinter dem Gurt und begrenzt die Hinterhand. Er verhindert, dass das Pferd mit der Kruppe ausweicht.
- Innerer Zügel: Gibt die Stellung im Genick vor und weist den Weg in die Wendung. Er darf niemals rückwärts wirken.
- Äußerer Zügel: Begrenzt die äußere Schulter und verhindert das Ausfallen. Er ist der wichtigste Zügel für Geraderichtung und Balance.
- Gewichtshilfe: Der Reiter sitzt zentriert, aber mit einer leichten Tendenz nach innen, um das Pferd zur Biegung einzuladen.
Häufige Fehler und wie Sie diese vermeiden
- Problem: Das Pferd verliert den Dreitakt.
- Ursache: Zu viel Handeinwirkung, zu wenig treibende Hilfen. Versammlung wird mit Verlangsamung verwechselt.
- Lösung: Denken Sie „bergauf“ statt „langsamer“. Aktivieren Sie das innere Hinterbein mit Ihrem inneren Schenkel und reiten Sie sofort wieder energisch vorwärts aus der Wendung heraus.
- Problem: Das Pferd fällt über die äußere Schulter aus.
- Ursache: Der äußere Zügel und der äußere Schenkel begrenzen nicht ausreichend.
- Lösung: Fangen Sie die äußere Schulter mit einem federnden äußeren Zügel ab. Der äußere Schenkel sorgt dafür, dass die Hinterhand nicht nach innen ausweicht und das Pferd im Gleichgewicht bleibt.
- Problem: Die Hinterhand dreht zu schnell oder weicht aus.
- Ursache: Zu starker äußerer Schenkel, fehlende Vorwärtstendenz.
- Lösung: Weniger ist mehr. Reduzieren Sie den Druck des äußeren Schenkels und konzentrieren Sie sich darauf, mit dem inneren Schenkel den Galoppsprung zu erhalten. Reiten Sie wieder ein paar Meter in der Traversale, um die Balance wiederzufinden.
FAQ – Häufige Fragen zur Entwicklung der Galopppirouette
Wie versammelt muss der Galopp sein, bevor ich anfange?
Der Galopp sollte so versammelt sein, dass Sie das Gefühl haben, jederzeit durchparieren oder eine enge Wendung reiten zu können, ohne dass das Pferd aus dem Gleichgewicht kommt. Takt und Bergauftendenz sind dabei wichtiger als ein extrem langsames Tempo.
Mein Pferd wird in der Übung hektisch. Was kann ich tun?
Hektik entsteht oft durch Überforderung oder Missverständnisse. Gehen Sie sofort einen Schritt zurück. Reiten Sie eine saubere Traversale und daraus eine große, entspannte Volte. Belohnen Sie Ruhe und Gelassenheit. Die Pirouette sollte aus Ruhe und Kraft entstehen, nicht aus Eile.
Ist diese Übung für jedes Pferd geeignet?
Grundsätzlich ja, denn sie fördert Kraft und Balance. Spanische und barocke Pferde haben oft eine natürliche Veranlagung zur Versammlung und tun sich mit der Hankenbeugung leichter. Dennoch profitiert jedes Pferd, das die grundlegenden Seitengänge beherrscht, von dieser logischen Vorbereitung.
Fazit: Geduld und Konsequenz als Weg zum Erfolg
Die Galopppirouette ist kein Trick, sondern das Ergebnis einer systematischen und pferdegerechten Gymnastizierung. Indem Sie die Traversale als gezieltes Werkzeug nutzen, geben Sie Ihrem Pferd eine verständliche Aufgabe, die es körperlich auf die Anforderungen der Pirouette vorbereitet.
Sehen Sie die Arbeitspirouette nicht als Endziel, sondern als ständigen Dialog über Balance, Kraft und Durchlässigkeit. Feiern Sie kleine Fortschritte und erinnern Sie sich immer daran: Der Weg dorthin, die gemeinsame Entwicklung von Pferd und Reiter, ist das eigentliche Meisterstück. Diese Lektion ist ein faszinierender Bestandteil der [Alta Escuela] und zeigt die beeindruckenden Fähigkeiten des Pferdes in höchster Versammlung.



