Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Der versammelte Galopp beim Barockpferd: So verbessern Sie Sprung, Takt und Bergauf-Tendenz

Kennen Sie das Gefühl? Sie galoppieren mit Ihrem prachtvollen Barockpferd, spüren seine Kraft und Eleganz – und doch fühlt sich der Galoppsprung eher wie ein eifriges Hüpfen an als ein majestätisches Schweben. Der Takt ist vielleicht fleißig, aber der Sprung bleibt kurz, die Bergauf-Tendenz lässt auf sich warten und die Versammlung fühlt sich eher nach „bremsen“ als nach „tragen“ an.

Mit diesem Gefühl sind Sie nicht allein. Viele Reiter von PREs, Lusitanos oder Friesen stehen vor genau dieser Herausforderung. Doch die gute Nachricht lautet: Der oft kurze, steile Galopp ist kein Fehler Ihres Pferdes, sondern eine historisch gewachsene Eigenschaft, die sich mit dem richtigen Training in eine beeindruckende Stärke verwandeln lässt.

![Ein PRE im versammelten Galopp in einer Reithalle, der Reiter sitzt aufrecht und konzentriert]()

Dieser Beitrag erklärt, warum der Galopp barocker Pferde anders ist, und zeigt Ihnen, wie Sie mit gezielten Übungen Sprungqualität, Takt und die so wichtige Bergauf-Tendenz systematisch verbessern können.

Warum der Galopp barocker Pferde anders ist: Ein Blick auf die Biomechanik

Um die Galopparbeit effektiv zu gestalten, ist es wichtig zu verstehen, warum barocke Pferderassen eine andere „Grundausstattung“ mitbringen als moderne Sportpferde. Ihre gesamte Zuchtgeschichte zielte auf andere Qualitäten ab. Während bei Warmblütern raumgreifende Gänge für den großen Sport zählten, wurden iberische Pferde über Jahrhunderte auf Wendigkeit, Reaktionsschnelligkeit und eine extreme Versammlungsfähigkeit selektiert – Eigenschaften, die im Stierkampf oder in der höfischen Reitkunst entscheidend waren.

Diese Spezialisierung hat direkte Auswirkungen auf den Galopp. Eine Studie der Universität Utrecht belegt, dass barocke Pferderassen wie der PRE oft eine von Natur aus höhere Schrittfrequenz, aber eine kürzere Galoppade haben als moderne Sportpferde. Das ist kein Mangel, sondern schlicht das Ergebnis ihrer Genetik. Ihr Körperbau mit dem oft kürzeren Rücken, der starken Hinterhand und dem hoch aufgesetzten Hals prädestiniert sie geradezu dafür, sich schnell zu setzen und das Gewicht auf die Hinterbeine zu verlagern. Ein raumgreifender Galoppsprung war schlichtweg nicht das Zuchtziel.

Unsere Aufgabe als Reiter ist es also nicht, gegen diese Natur anzukämpfen, sondern sie zu kanalisieren und die vorhandene Kraft in einen ausdrucksstarken, getragenen Galopp umzuwandeln.

Die häufigsten Fehler: Wenn Versammlung zum Kraftakt wird

Der häufigste Fehler in der Galopparbeit mit Barockpferden entsteht aus einem Missverständnis: Versammlung wird mit Langsamkeit verwechselt und mit der Hand erzwungen. Der Reiter versucht, das Pferd vorne „festzuhalten“, um es zu versammeln. Das Ergebnis ist jedoch das genaue Gegenteil dessen, was wir erreichen wollen.

Dr. Gerd Heuschmann, Tierarzt und Autor, warnt: Ein zu frühes oder erzwungenes Versammeln ohne ausreichende Schubkraft aus der Hinterhand führt oft dazu, dass sich das Pferd hinter dem Zügel verkriecht und Taktfehler entstehen. Das Pferd verliert die Bergauf-Tendenz, der Rücken blockiert und der Galopp wird noch kürzer und gehetzter.

Echte, korrekte Versammlung entsteht immer von hinten nach vorne. Sie ist das Ergebnis eines aktiven Hinterbeins, das vermehrt unter den Schwerpunkt tritt, Last aufnimmt und das Pferd vorne anhebt. Die Reiterhand fängt diese Energie lediglich ab – sie erzeugt sie nicht.

Der Weg zur Bergauf-Tendenz: 3 Übungen für einen kraftvollen Galopp

Die Verbesserung des Galopps ist reine Gymnastik, bei der es darum geht, die richtigen Muskeln zu stärken und die Koordination zu schulen. Die folgenden Übungen helfen Ihrem Pferd dabei, seine Hinterhand zu aktivieren und den Sprung zu entwickeln.

![Nahaufnahme der Hinterhand eines galoppierenden Lusitanos, man sieht die starke Hankenbeugung]()

Übung 1: Übergänge als Motorstarter

Nichts aktiviert die Hinterhand so effektiv wie saubere Übergänge. Besonders der Übergang vom Schritt in den Galopp und zurück ist ein wahrer Kraftakt.

So geht’s: Reiten Sie auf dem Zirkel oder der langen Seite im versammelten Schritt. Bereiten Sie das Angaloppieren sorgfältig vor: Becken abkippen, inneren Schenkel an den Gurt, den äußeren verwahrend zurücklegen. Geben Sie eine präzise Hilfe zum Angaloppieren. Galoppieren Sie nur fünf bis sechs Sprünge, parieren Sie dann wieder sanft zum Schritt durch und loben Sie Ihr Pferd.

Warum es wirkt: Beim Angaloppieren aus dem Schritt muss das Pferd sein inneres Hinterbein weit vorschieben und Last aufnehmen – ein gezielter Krafteinsatz, der den ersten Schritt zur Hankenbeugung bedeutet. Die kurzen Reprisen verhindern, dass das Pferd auf die Vorhand fällt oder an Schwung verliert.

Übung 2: Volten und Zirkel verkleinern – Die Kraft der Biegung

Die Arbeit auf gebogenen Linien ist der Schlüssel zur Gymnastizierung und fördert die Tragkraft.

So geht’s: Galoppieren Sie auf einem Zirkel von etwa 20 Metern. Achten Sie auf einen sauberen Dreitakt und eine gleichmäßige Biegung. Wenn sich der Galopp stabil anfühlt, verkleinern Sie den Zirkel spiralförmig auf etwa 10 bis 12 Meter. Halten Sie die Volte für einige Sprünge und vergrößern Sie den Zirkel dann wieder.

Warum es wirkt: In der engeren Wendung muss das innere Hinterbein vermehrt Last aufnehmen. Das animiert das Pferd, sich mehr zu setzen und den Rücken aufzuwölben, was die Bergauf-Tendenz fördert und die Balance verbessert.

![Reiter-Pferd-Paar bei der Ausführung einer Galopp-Volte, Fokus auf Biegung und Stellung]()

Übung 3: Tempounterschiede im Galopp – Das Spiel mit der Energie

Diese Übung schult die Durchlässigkeit und die Fähigkeit des Pferdes, die Energie aus der Hinterhand sowohl in Schub- als auch in Tragkraft umzusetzen.

So geht’s: Reiten Sie auf der langen Seite im Arbeitsgalopp. Nehmen Sie Ihr Pferd für einige Sprünge deutlich zurück, ohne dass der Takt verloren geht – denken Sie an „mehr bergauf galoppieren“, nicht an „langsamer werden“. Bevor das Pferd an Energie verliert, geben Sie wieder nach und lassen es einige Sprünge raumgreifender nach vorne galoppieren.

Warum es wirkt: Der Wechsel zwischen Zulegen und Aufnehmen ist wie Krafttraining für die Hinterhand. Das Pferd lernt, auf feinste Hilfen die Lastaufnahme zu verändern, und entwickelt dadurch die Kraft für einen ausdrucksstarken, versammelten Galopp.

Die Basis muss stimmen: Ausrüstung und Management

Selbst die besten Übungen sind wirkungslos, wenn die Grundlagen nicht stimmen. Ein entscheidender, oft unterschätzter Faktor ist die Ausrüstung. Ein unpassender Sattel blockiert nämlich die Bewegung von Schulter und Rücken und macht es dem Pferd unmöglich, sich loszulassen und bergauf zu galoppieren. Besonders bei dem kompakten Körperbau barocker Pferde ist ein Sattel mit breiter Auflagefläche und viel Schulterfreiheit unerlässlich. Lassen Sie den Sattel daher unbedingt von einem Experten anpassen, damit die Muskulatur frei arbeiten kann. Spezialisierte Konzepte, wie sie etwa von Herstellern wie Iberosattel entwickelt werden, berücksichtigen diese anatomischen Besonderheiten von Grund auf.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Galopp des Barockpferdes

Wie lange dauert es, den Galopp meines Pferdes zu verbessern?

Das ist sehr individuell und hängt vom Alter, Ausbildungsstand und der körperlichen Verfassung Ihres Pferdes ab. Rechnen Sie jedoch in Monaten, nicht in Wochen, denn es geht um nachhaltigen Muskelaufbau. Geduld und konsequentes, korrektes Training sind dabei der Schlüssel.

Kann jedes Barockpferd einen guten versammelten Galopp lernen?

Grundsätzlich ja. Die Veranlagung zur Versammlung ist in ihrer Genetik tief verankert. Die Qualität des Sprungs kann jedoch je nach Exterieur variieren. Das Ziel ist immer, das individuelle Potenzial jedes Pferdes optimal zu fördern.

Mein Pferd fällt im Galopp oft aus. Ist es einfach faul?

Ausfallen ist selten Faulheit, sondern meist ein Zeichen von fehlender Kraft oder Balance. Das Pferd kann die Anstrengung noch nicht halten und weicht ihr durch den Gangartwechsel aus. Verkürzen Sie die Galoppreprisen und stärken Sie die Kraft durch die oben genannten Übungen.

Fazit: Geduld und Gymnastik als Schlüssel zum Erfolg

Der Weg zu einem ausdrucksstarken, bergauf gesprungenen Galopp ist bei einem Barockpferd eine Reise, die Verständnis, Geduld und das richtige gymnastizierende Training erfordert. Anstatt gegen die Natur Ihres Pferdes zu arbeiten, nutzen Sie seine angeborene Fähigkeit zur Versammlung und kanalisieren Sie diese durch gezielte Übungen.

Konzentrieren Sie sich auf die Aktivierung der Hinterhand und vermeiden Sie Fehler wie das „Bremsen“ mit der Hand – dann werden Sie spüren, wie der Galoppsprung Ihres Pferdes allmählich an Erhabenheit, Takt und Ausdruck gewinnt. Sie verwandeln das eifrige Hüpfen in ein kraftvolles Schweben und entdecken das wahre Potenzial, das in Ihrem barocken Partner steckt.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.