Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Spanische und barocke Pferderassen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Fütterung des PRE: So vermeiden Sie Hufrehe, EMS und Übergewicht

Stellen Sie sich einen majestätischen Pura Raza Española vor: seine barocke Erscheinung, die kraftvolle Muskulatur und der stolze Ausdruck. Wer ein solches Pferd sieht, könnte meinen, es müsse einen enormen Energiebedarf haben. Doch genau hier liegt einer der größten Irrtümer in der Haltung dieser edlen Tiere. In Wahrheit ist der PRE ein Meister der Effizienz – ein genetisches Erbe, das in unserer modernen Welt schnell zur gesundheitlichen Falle werden kann.

Die richtige Fütterung ist der Schlüssel zu einem langen und gesunden Leben Ihres spanischen Pferdes. Dieser Leitfaden zeigt, warum PRE und andere Barockpferde so anfällig für Zivilisationskrankheiten sind und wie Sie es mit dem nötigen Wissen davor schützen können.

Vom kargen Hochland zur Futterfalle: Warum der PRE so besonders ist

Um die Fütterungsbedürfnisse des PRE zu verstehen, müssen wir eine Reise in seine Heimat unternehmen: die kargen, trockenen Hochebenen Spaniens. Über Jahrhunderte hat sich der Stoffwechsel dieser Pferde perfekt an eine Umgebung angepasst, in der das Futterangebot spärlich und nährstoffarm war. Sie sind genetisch darauf programmiert, aus wenig viel zu machen. Man nennt sie deshalb auch „leichtfuttrig“ oder „gute Futterverwerter“.

In unseren Breitengraden treffen diese Überlebenskünstler auf ein Schlaraffenland: saftige, zuckerreiche Weiden und hochkalorisches Kraftfutter. Diese Diskrepanz zwischen genetischer Veranlagung und modernem Futtermanagement ist die Hauptursache für viele ernsthafte Gesundheitsprobleme.

Die unsichtbare Gefahr: Stoffwechselerkrankungen bei Barockpferden

Was als harmloses Übergewicht beginnt, kann sich schnell zu einer ernsthaften Stoffwechselerkrankung entwickeln. Besonders zwei Diagnosen rücken dabei in den Vordergrund: das Equine Metabolische Syndrom (EMS) und die gefürchtete Hufrehe.

Das Equine Metabolische Syndrom (EMS) – mehr als nur ein paar Kilo zu viel

EMS ist keine Krankheit im klassischen Sinne, sondern eine Stoffwechselstörung, die dem menschlichen Typ-2-Diabetes ähnelt. Das Kernproblem ist eine Insulinresistenz. Das bedeutet, die Körperzellen reagieren nicht mehr richtig auf das Hormon Insulin, das den Blutzucker regulieren soll.

Typische Anzeichen für EMS sind:

  • Hartnäckiges Übergewicht: Das Pferd nimmt leicht zu und nur schwer wieder ab.
  • Charakteristische Fettdepots: Besonders auffällig ist der verhärtete Mähnenkamm (Cresty Neck), aber auch an der Schulter, am Schweifansatz und über den Augen bilden sich Fettpolster.
  • Leistungsschwäche und Lethargie: Das Pferd wirkt oft müde und antriebslos.

Der Teufelskreis: Wie Futter zu Insulinresistenz und Hufrehe führt

Der Mechanismus hinter EMS ist ein Teufelskreis, der oft durch falsche Fütterung in Gang gesetzt wird:

  1. Futter mit hohem Zucker- & Stärkegehalt: Getreide, melassiertes Müsli oder fruktanreiches Gras führen zu einem schnellen Anstieg des Blutzuckerspiegels.
  2. Hohe Insulinausschüttung: Die Bauchspeicheldrüse schüttet große Mengen Insulin aus, um den Zucker in die Zellen zu transportieren.
  3. Insulinresistenz: Bei ständiger Überflutung mit Insulin werden die Zellen „taub“ und reagieren immer schlechter darauf.
  4. Noch mehr Insulin: Der Körper versucht, die Resistenz zu kompensieren, indem er noch mehr Insulin produziert. Der Insulinspiegel im Blut bleibt chronisch erhöht.
  5. Hufrehegefahr: Diese permanent hohen Insulinwerte schädigen nachweislich die empfindlichen Strukturen in der Hufkapsel und können eine Hufrehe auslösen.

Hufrehe – der Albtraum jedes Pferdebesitzers

Die Hufrehe ist eine extrem schmerzhafte Entzündung der Huflederhaut, die die Verbindung zwischen Hufbein und Hornkapsel schwächt. Im schlimmsten Fall kann es zur Rotation oder Absenkung des Hufbeins kommen – eine lebensbedrohliche Situation. Bei PRE ist die fütterungsbedingte, schleichende Form (endokrinopathische Laminitis) die häufigste Ursache.

Die Fütterungspyramide für den PRE: Eine Anleitung für die Praxis

Eine artgerechte Fütterung für einen PRE ist keine Raketenwissenschaft, sondern eine Rückbesinnung auf die Natur. Die Basis bildet eine zucker- und stärkearme, aber rohfaserreiche Ernährung.

Die Basis: Raufutter ist König

Das A und O der PRE-Fütterung ist qualitativ hochwertiges Heu. Es sollte spät geschnitten sein, da der Zuckergehalt dann geringer ist.

  • Menge: Als Faustregel gelten etwa 1,5 kg Heu pro 100 kg ideales Körpergewicht pro Tag. Bei einem 500-kg-Pferd sind das 7,5 kg Heu.
  • Fresspausen vermeiden: Lange Fresspausen belasten den Magen. Heunetze oder Raufen mit engen Maschen verlängern die Fresszeit und ahmen das natürliche Fressverhalten nach.
  • Heuanalyse: Um auf Nummer sicher zu gehen, kann eine Heuanalyse den exakten Zucker- und Energiegehalt bestimmen. Gerade bei bereits erkrankten Pferden ist dies unerlässlich.

Die Weide: Genuss mit Bedacht

Für einen stoffwechselempfindlichen PRE ist eine 24/7-Weidehaltung auf fetten Wiesen pures Gift. Das Gras enthält Fruktan, eine Zuckerart, die Hufrehe auslösen kann.

  • Weidezeit begrenzen: Oft genügen schon wenige Stunden Weidegang am Tag.
  • Fressmaulkorb nutzen: Er reduziert die Grasaufnahme um bis zu 80 % und ermöglicht trotzdem sozialen Kontakt und Bewegung in der Herde.
  • Risikozeiten meiden: Bei kaltem, sonnigem Wetter (Frühling, Herbst) oder auf sehr kurz abgefressenen Weiden ist die Fruktankonzentration besonders hoch.

Kraftfutter: Weniger ist oft mehr

Ein normal gearbeiteter Freizeit-PRE benötigt in der Regel kein klassisches Kraftfutter wie Hafer, Gerste oder Mais. Sein Energiebedarf wird meist vollständig über das Heu gedeckt.

  • Alternativen bei Mehrbedarf: Wenn Ihr Pferd intensiv trainiert wird, etwa in der Working Equitation, eignen sich zucker- und stärkearme Alternativen wie unmelassierte Rübenschnitzel oder Heucobs.
  • Etiketten lesen: Achten Sie bei Fertigfuttermitteln immer auf einen deklarierten Zucker- und Stärkegehalt von unter 10 %.

Mineralien und Vitamine: Die unsichtbaren Helfer

Eine reine Heufütterung reicht oft nicht aus, um den Bedarf an Mineralstoffen und Spurenelementen zu decken. Ein gutes, getreidefreies Mineralfutter ist daher unerlässlich. Besonders wichtig für den Stoffwechsel sind Zink, Kupfer, Selen und Mangan.

Häufige Fragen zur PRE-Fütterung (FAQ)

Wie erkenne ich, ob mein PRE zu dick ist?
Verlassen Sie sich nicht nur auf die Waage. Tasten Sie die Rippen ab: Sie sollten leicht fühlbar, aber nicht sichtbar sein. Achten Sie gezielt auf Fettdepots am Mähnenkamm, an den Schultern und am Schweifansatz. Der sogenannte Body Condition Score (BCS) hilft bei der objektiven Einschätzung.

Darf mein PRE Äpfel oder Karotten fressen?
In Maßen als seltene Belohnung ja, aber bedenken Sie, dass beides sehr zuckerreich ist. Ein Apfel kann so viel Zucker enthalten wie ein halbes Kilo Heu. Besser sind zuckerarme Alternativen wie Hagebutten oder ein paar Heucobs.

Was ist der Unterschied zwischen Heu und Heulage?
Heulage ist für stoffwechselempfindliche Pferde oft ungeeignet. Sie ist energiereicher und hat einen niedrigeren pH-Wert, was die Darmflora belasten kann. Zuckerarmes Heu ist immer die sicherere Wahl.

Braucht mein PRE im Winter spezielles Futter?
Der Grundbedarf ändert sich nicht, aber der Energieverbrauch zur Thermoregulation steigt. Diesen Mehrbedarf sollten Sie durch eine leicht erhöhte Heumenge (etwa 10–15 % mehr) ausgleichen – nicht durch Kraftfutter. Die Versorgung mit Vitamin D sichern Sie über ein Mineralfutter.

Kann ein übergewichtiges Pferd trotzdem einen Nährstoffmangel haben?
Ja, absolut. Übergewicht ist ein Zeichen für einen Energieüberschuss, nicht für eine optimale Nährstoffversorgung. Häufig besteht gleichzeitig ein Mangel an wichtigen Spurenelementen wie Zink oder Selen, was den Stoffwechsel zusätzlich beeinträchtigt.

Fazit: Wissen schützt vor Wohlstandskrankheiten

Die Haltung eines Pura Raza Española ist eine wunderbare Aufgabe, die jedoch Verantwortung und Wissen erfordert. Verstehen Sie die genetischen Besonderheiten Ihres Pferdes und richten Sie die Fütterung konsequent daran aus – so legen Sie den Grundstein für seine Gesundheit. Eine rohfaserbasierte, zuckerarme Ernährung schützt nicht nur vor EMS und Hufrehe, sondern fördert auch Vitalität, Leistungsbereitschaft und Lebensfreude.

Ein gesundes, gut bemuskeltes Pferd kann sein volles Potenzial entfalten. Nicht zuletzt spielt auch die passende Ausrüstung eine Rolle, die dem einzigartigen Körperbau gerecht wird. Ein gut angepasster Sattel für den kurzen, kräftigen Rücken ist ebenso Teil eines ganzheitlichen Gesundheitskonzepts wie das richtige Futter. Beobachten Sie Ihr Pferd genau, hinterfragen Sie gängige Fütterungsmythen und zögern Sie nicht, bei Unsicherheiten einen Fütterungsberater oder Tierarzt zu Rate zu ziehen. Ihr PRE wird es Ihnen mit einem langen, gesunden Leben danken.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.