Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Spanische und barocke Pferderassen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Friesentrab vs. Campaneo: Ein Duell der Bewegungskünstler
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf einem Pferd, das bei jedem Tritt majestätisch auf- und abschwingt – eine kraftvolle, fast schwebende Bewegung. Am nächsten Tag reiten Sie ein anderes Pferd, dessen Vorderbeine schnell und beinahe tänzerisch nach außen schwingen. Beide Erlebnisse sind faszinierend, fühlen sich aber grundlegend verschieden an. Sie haben gerade den Unterschied zwischen dem erhabenen Trab eines Friesen und der traditionellen Campaneo-Bewegung eines Pura Raza Española (P.R.E.) erlebt.
Obwohl diese beiden barocken Pferderassen Eleganz und Kraft verkörpern, erzählen ihre rassetypischen Gangarten ganz eigene Geschichten von Herkunft, Zucht und Biomechanik. Tauchen wir gemeinsam tiefer ein und entschlüsseln, was hinter diesen beeindruckenden Bewegungen steckt.
Der schwebende Trab des Friesen: Vertikale Kraft und Eleganz
Wer einen Friesen im Trab sieht, ist oft sofort von seiner Präsenz gefesselt. Eine außergewöhnlich hohe Knieaktion und eine starke Aufwärtsbewegung prägen diesen Gang. Doch was genau passiert dabei im Pferdekörper?
Die Biomechanik des Friesentrabs ist hauptsächlich vertikal ausgerichtet. Das Pferd investiert viel Energie darin, seine Beine hochzuheben, anstatt weit nach vorne zu greifen. Friesen zeigen oft eine sehr hohe Knieaktion, die mehr vertikal als horizontal ausgerichtet ist. Gleichzeitig tritt die Hinterhand meist weniger weit unter den Schwerpunkt des Pferdes. Das Ergebnis ist eine beeindruckende, aufwärts gerichtete Bewegung, die den Eindruck des „Schwebens“ erzeugt.
Für den Reiter bedeutet das ein einzigartiges Sitzgefühl. Der Rücken des Friesen bewegt sich kraftvoll auf und ab, was das Aussitzen zu einer echten Herausforderung für die Rumpfmuskulatur macht. Diese Bewegung wirkt im Showring spektakulär, stellt in der klassischen Dressur aber eine besondere Herausforderung dar. Hier geht es darum, die natürliche Veranlagung in eine Bewegung mit schwingendem Rücken und einem aktiven Hinterbein zu kanalisieren, das Schub nach vorne entwickelt.
Die wichtigsten Merkmale des Friesentrabs:
- Hohe Knieaktion: Die Vorderbeine werden stark angewinkelt und hoch gehoben.
- Vertikaler Fokus: Die Energie geht mehr nach oben als nach vorne.
- Kraftvoller Ausdruck: Sorgt für eine imposante und majestätische Erscheinung.
- Anspruchsvoll zu sitzen: Erfordert vom Reiter eine stabile und flexible Mittelpositur.
Die Campaneo des P.R.E.: Agiles Erbe der Vaqueros
Wechseln wir nun zum Pura Raza Española (P.R.E.), dessen Bewegung eine andere Geschichte erzählt. Hier trifft man häufig auf die sogenannte „Campaneo“-Bewegung. Der Begriff stammt aus dem Spanischen und bedeutet so viel wie „Glockenläuten“, was die schwingende, seitliche Bewegung der Vorderbeine treffend beschreibt.
Im Gegensatz zum Friesentrab ist die Campaneo keine Auf- und Abwärtsbewegung, sondern eine leichte, nach außen rotierende Bewegung des Vorderbeins aus der Schulter heraus. Sie hat ihren Ursprung in der traditionellen Arbeitsreitweise, der Doma Vaquera. Dort waren extreme Wendigkeit und die Fähigkeit, auf engstem Raum blitzschnell die Richtung zu ändern, überlebenswichtig – und die Campaneo unterstützte diese seitliche Agilität. Daher ist sie kein Zuchtfehler, sondern ein tief in der Geschichte der Rasse verankertes Merkmal.
Im modernen Dressurviereck wird eine übermäßige Campaneo oft kritisch gesehen, da sie von der idealen, geradlinigen Bewegung abweicht. Eine zu starke Ausprägung kann auf Verspannungen in der Schulter oder einen noch nicht ausbalancierten Bewegungsablauf hindeuten. Ein Hauch von Campaneo wird jedoch von vielen Kennern als rassetypisch und charmant empfunden – ein Zeichen für die feurige Agilität des P.R.E.
Die wichtigsten Merkmale der Campaneo:
- Seitliche Bewegung: Die Vorderbeine schwingen leicht nach außen, bevor sie aufsetzen.
- Ursprung in der Wendigkeit: Ein Erbe aus der Arbeitsreitweise mit Rindern.
- Agiles Reitgefühl: Oft verbunden mit kürzeren, schnelleren und wendigeren Tritten.
- Grad der Ausprägung: Kann von kaum sichtbar bis sehr deutlich variieren.
Die Bedeutung der Ausrüstung: Der Sattel als Brücke zur Bewegung
Ob schwebender Trab oder agile Campaneo: Beide Bewegungsformen können nur dann gesund und ausdrucksstark sein, wenn sich das Pferd uneingeschränkt bewegen kann. Hier kommt die Ausrüstung ins Spiel, allen voran der Sattel.
Barocke Pferde wie Friesen und P.R.E. haben oft einen kürzeren, breiteren Rücken und eine ausgeprägte Schulterpartie. Ein unpassender Sattel kann die rassetypische Bewegung blockieren, zu Schmerzen führen und die gesamte Biomechanik stören. Ein Sattel, der beispielsweise die Schulter einklemmt, macht es einem P.R.E. unmöglich, seine agile Vorhand frei zu bewegen. Ein Friese benötigt hingegen einen Sattel, der seinen starken Rückenaufschwung abfedert und ihm gleichzeitig genügend Widerristfreiheit lässt.
Spezialisierte Hersteller haben sich dieser Herausforderung gestellt. So bieten beispielsweise die Konzepte von Iberosattel (Partnerhinweis) oft eine breite Auflagefläche und eine besondere Schulterfreiheit, um genau diesen Anforderungen gerecht zu werden und die einzigartige Bewegungsmechanik zu unterstützen. Die Wahl des richtigen Sattels ist kein Luxus, sondern eine grundlegende Voraussetzung, um die Faszination dieser Gänge pferdegerecht zu erleben.
Fazit: Zwei Welten der Bewegungskunst
Der schwebende Trab des Friesen und die Campaneo des P.R.E. sind mehr als nur Gangarten. Sie sind Ausdruck von Jahrhunderten der Zucht, Kultur und funktionalen Anforderungen. Während der Friese mit seiner vertikalen Kraft für die große Showbühne geboren scheint, trägt der P.R.E. das Erbe der wendigen Arbeitsreiter in sich.
Keine der beiden Bewegungen ist per se „besser“ oder „schlechter“. Sie zu verstehen, heißt, die Essenz der jeweiligen Rasse zu würdigen und das Training sowie die Ausrüstung entsprechend anzupassen. Nur so können wir diese faszinierenden Bewegungskünstler in ihrer vollen Pracht genießen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist die Campaneo-Bewegung ein Fehler?
Nein, eine leichte Campaneo ist ein rassetypisches Merkmal des P.R.E. mit historischen Wurzeln in der Doma Vaquera. Eine stark ausgeprägte, „paddelnde“ Bewegung kann jedoch auf eine Verspannung im Schulterbereich oder mangelnde Balance hindeuten und sollte im Training im Auge behalten werden.
Ist der Trab des Friesen schwer zu sitzen?
Er kann sehr anspruchsvoll sein. Die starke Aufwärtsbewegung erfordert vom Reiter eine ausgezeichnete Rumpfstabilität und einen losgelassenen, mitschwingenden Sitz. Ein gut trainierter Friese mit einem aktiven Rücken ist jedoch deutlich angenehmer zu sitzen als ein verspanntes Pferd.
Kann man mit beiden Rassen erfolgreich Dressur reiten?
Absolut. Beide Rassen haben großes Talent für die versammelnden Lektionen der Dressur. Der Weg dorthin kann sich jedoch unterscheiden. Beim Friesen liegt der Fokus oft darauf, die vertikale Energie in mehr Vorwärtsschub umzuwandeln. Beim P.R.E. arbeitet man an der Geraderichtung und daran, die natürliche Agilität in ausdrucksstarke, taktreine Bewegungen zu formen.
Warum ist ein spezieller Sattel für barocke Pferde so wichtig?
Ihre Anatomie weicht oft vom modernen Sportpferdetyp ab. Sie haben typischerweise einen kürzeren Rücken, einen runderen Rippenbogen und eine kräftige Schulter. Standardsättel sind hier oft zu lang oder zu eng, was die Bewegung einschränkt und zu Druckstellen sowie Schmerzen führen kann. Ein passender Sattel ist entscheidend für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Pferdes.
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