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Festes de Sant Joan in Ciutadella: Wo Menorquiner-Pferde durch die Menge tanzen

Stellen Sie sich vor: Die Gassen einer mittelalterlichen Stadt sind bis zum Bersten gefüllt, die Luft flimmert vor Hitze und freudiger Anspannung. Plötzlich teilt sich die Menge. Unter den Klängen einer traditionellen Melodie betritt ein Reiter auf einem pechschwarzen, edlen Pferd die Szene. Das Tier bäumt sich auf Kommando auf, tanzt auf den Hinterbeinen, während Hunderte Hände versuchen, seine Brust zu berühren – für eine Portion Glück. Was wie eine Szene aus einem Historienfilm klingt, ist auf Menorca gelebte Realität: die „Festes de Sant Joan“. Ein Fest, das die tiefe Verbindung zwischen Mensch und Pferd auf weltweit einzigartige Weise zelebriert.

Mehr als nur ein Fest: Die historischen Wurzeln von Sant Joan

Um die Faszination dieses Festes zu verstehen, muss man tief in die Geschichte der Baleareninsel eintauchen. Die Ursprünge der „Festes de Sant Joan“ reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Damals gründete sich die Bruderschaft „Obreria de Sant Joan“: Ihre Mitglieder ritten zu Pferd zu einer kleinen Kapelle außerhalb von Ciutadella, um den Heiligen Johannes den Täufer zu ehren.

Diese Reiter, die sogenannten „Caixers“, repräsentierten die vier Stände der damaligen Gesellschaft:

  • Caixer Senyor: Der Adel
  • Caixer Capellà: Der Klerus
  • Caixers Pagesos: Die Bauern
  • Caixers Menestrals: Die Handwerker

Noch heute folgt die Reiterprozession dieser traditionellen Zusammensetzung und macht das Fest so zu einem lebendigen Stück Geschichte. Es ist keine reine Show für Touristen, sondern ein tief in der Kultur verwurzeltes Ritual, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Der Star der Arena: Der Menorquiner, das schwarze Gold der Insel

Im Mittelpunkt des Spektakels steht eine Pferderasse, die wie keine andere für dieses Fest geschaffen scheint: die Pura Raza Menorquina. Diese majestätischen Rappen sind das Wahrzeichen Menorcas. Sie sind bekannt für ihre Eleganz, Intelligenz und vor allem für ihre außergewöhnliche Nervenstärke und ihren Mut.

Genau diese Eigenschaften sind unerlässlich, um im Trubel des „Jaleo“ zu bestehen. Ein Menorquiner bleibt selbst inmitten einer lauten, wogenden Menschenmenge gelassen und konzentriert sich voll auf die Hilfen seines Reiters. Seine barocke Erscheinung mit dem kräftigen Hals, der muskulösen Hinterhand und dem dichten Langhaar verleiht ihm eine Aura von Kraft und Adel, die die Zuschauer in ihren Bann zieht.

Das Herzstück des Fests: Der „Jaleo“ und der Tanz der Pferde

Der absolute Höhepunkt der Feierlichkeiten ist der „Jaleo“, was übersetzt so viel wie „Trubel“ oder „Tumult“ bedeutet. Auf der Plaça de la Constitució versammeln sich Tausende von Menschen, um die Reiter und ihre Pferde zu feiern. Sobald die Musikkapelle die traditionelle Jaleo-Melodie anstimmt, beginnt ein atemberaubendes Schauspiel.

Die Reiter lassen ihre Pferde auf die Hinterbeine steigen, die sogenannten „Bots“. Ziel ist es, dass das Pferd so lange wie möglich in dieser aufrechten Position verharrt und dabei kleine „Tanzschritte“ macht. Für die Menorquiner ist es eine große Ehre und ein Zeichen des Glücks, während des „Bot“ die Brust des Pferdes zu berühren.

Was für Außenstehende chaotisch und vielleicht sogar gefährlich wirken mag, ist in Wahrheit ein beeindruckender Beweis für höchstes reiterliches Können und das unerschütterliche Vertrauen zwischen Mensch und Tier. Jeder einzelne „Bot“ ist das Ergebnis jahrelangen, geduldigen Trainings.

Training und Tradition: Die Kunst der Doma Menorquina

Die spektakulären Lektionen, die bei den Festes de Sant Joan gezeigt werden, sind keine Zirkustricks. Sie sind das Ergebnis der traditionellen Reitweise der Insel, der Doma Menorquina. Diese Reitkunst legt besonderen Wert auf Versammlung, Leichtigkeit und die Fähigkeit des Pferdes, sich auf der Hinterhand zu tragen.

Das Aufbäumen krönt diese Ausbildung. Es verlangt ein Höchstmaß an Balance, Kraft und Gehorsam. Die Pferde lernen von klein auf, dem Menschen zu vertrauen und selbst in stressigen Situationen ruhig und kontrollierbar zu bleiben. Die Ausbildung zielt darauf ab, die natürlichen Anlagen des Menorquiners zu fördern, ohne ihn zu überfordern.

Tierschutz im Trubel: Eine berechtigte Frage

Die Bilder von Pferden, die inmitten einer Menschenmasse steigen, werfen bei vielen Pferdefreunden unweigerlich Fragen zum Tierschutz auf. Diese Tradition ist jedoch von tiefem Respekt für das Pferd geprägt.

  • Selektion und Training: Nur die charakterfestesten und mental stärksten Hengste werden für das Fest ausgewählt und über Jahre hinweg behutsam vorbereitet.
  • Veterinärmedizinische Betreuung: Während des gesamten Festes sind Tierärzte vor Ort, die das Wohlbefinden der Pferde überwachen.
  • Vertrauensbasis: Ein Pferd würde diese Leistung niemals unter Zwang erbringen. Sie ist das Ergebnis einer tiefen, vertrauensvollen Partnerschaft mit seinem Reiter.

Die Festes de Sant Joan sind ein Ausdruck der Verehrung, die die Menorquiner ihren Pferden entgegenbringen – kein Akt der Tierquälerei.

FAQ – Häufig gestellte Fragen zu den Festes de Sant Joan

Wann findet das Fest statt?
Die Hauptfeierlichkeiten finden jedes Jahr am 23. und 24. Juni statt, dem Johannistag.

Ist das Fest gefährlich für Pferde und Menschen?
Es gibt strenge Regeln und eine lange Tradition, die die Sicherheit gewährleisten. Die Pferde sind exzellent ausgebildet und die Reiter extrem erfahren. Dennoch erfordert die Teilnahme als Zuschauer Umsicht und Respekt vor den Tieren und den Absperrungen.

Was macht den Menorquiner so besonders für dieses Fest?
Seine einzigartige Kombination aus Mut, Nervenstärke, Intelligenz und seiner physischen Fähigkeit zur Versammlung macht ihn zum idealen Partner für dieses anspruchsvolle Spektakel. Sein ruhiges Gemüt ist der Schlüssel, um im Trubel zu bestehen.

Kann jeder Reiter am Jaleo teilnehmen?
Nein, die Teilnahme ist eine große Ehre und an strenge, traditionelle Regeln geknüpft. Die Reiterrollen werden oft innerhalb von Familien weitergegeben und erfordern eine langjährige Zugehörigkeit zur Reitergemeinschaft von Ciutadella.

Fazit: Ein unvergessliches Erbe aus Feuer, Stolz und Pferdetradition

Die Festes de Sant Joan in Ciutadella sind weit mehr als ein Volksfest. Sie sind ein lebendiges Denkmal für die Kultur Menorcas und eine Hommage an das Pferd, das die Geschichte der Insel seit Jahrhunderten prägt. Wer das Glück hat, dieses Ereignis live zu erleben, wird Zeuge einer Symbiose aus Tradition, Leidenschaft und höchster Reitkunst. Hier zeigt sich eindrücklich, zu welch unglaublichen Leistungen Pferde fähig sind, wenn sie mit Respekt, Geduld und Vertrauen ausgebildet werden.

Diese anspruchsvollen Lektionen und die einzigartige Anatomie der Menorquiner verdeutlichen zugleich die Besonderheiten barocker Pferde und die Notwendigkeit einer passenden Ausrüstung für ihr Wohlbefinden. Spezialisierte Sattelkonzepte, wie sie beispielsweise von Iberosattel entwickelt werden, tragen diesen Anforderungen Rechnung und ermöglichen es Pferd und Reiter, ihr volles Potenzial sicher und komfortabel zu entfalten.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.