Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Fliegender Wechsel bei PRE & Lusitano: Typische Fehler und ihre Korrektur

Der Moment ist voller Anspannung und Eleganz

Sie bereiten den Galoppsprung vor, geben eine feine, fast unsichtbare Hilfe, und Ihr Pferd wechselt mühelos und im Takt die Galoppade. Ein fliegender Wechsel ist für viele Reiter der Inbegriff von Harmonie und fortgeschrittener Ausbildung. Doch was in der Theorie so einfach klingt, wird in der Praxis oft zur Geduldsprobe – besonders bei den charakterstarken spanischen und portugiesischen Pferden.

Plötzlich schlägt das Pferd nach, springt verspätet um oder verliert völlig den Takt. Sie fragen sich: Mache ich etwas falsch? Oder liegt es an meinem Pferd? Seien Sie beruhigt: Sie sind nicht allein. Gerade die spezifische Anatomie und das sensible Temperament von PRE und Lusitano erfordern bei dieser Lektion besonderes Feingefühl und Verständnis. In diesem Artikel beleuchten wir die häufigsten Probleme und zeigen Ihnen Korrekturwege, die speziell auf die Bedürfnisse Ihres iberischen Partners zugeschnitten sind.

Warum der fliegende Wechsel für Iberer eine besondere Herausforderung ist

Spanische und portugiesische Pferde wie der Pura Raza Española (PRE) oder der Lusitano bringen von Natur aus eine hohe Versammlungsbereitschaft und eine beeindruckende Fähigkeit mit, Last auf der Hinterhand aufzunehmen. Ihr kompakter, stark bemuskelter Körperbau ist für Lektionen der Hohen Schule prädestiniert. Genau diese Stärken können beim fliegenden Wechsel jedoch zur Herausforderung werden.

Ihr kurzer, kräftiger Rücken neigt bei falscher Gymnastizierung eher zu Spannung als zur gewünschten Losgelassenheit. Während ein modernes Sportpferd mit langem Rücken einen Fehler oft „wegstecken“ kann, reagiert ein Iberer auf eine unausbalancierte Hilfe oder mangelnde Geraderichtung sofort mit dem ganzen Körper, was sich oft in typischen Problemen wie einem blockierten Rücken oder seitlichem Ausweichen zeigt. Der Schlüssel liegt darin, ihre natürlichen Talente durch korrekte Gymnastik zu kanalisieren und nicht gegen ihre Anatomie zu arbeiten.

Die Biomechanik des Wechsels: Was im Pferdekörper passiert

Um Fehler korrigieren zu können, müssen wir verstehen, was bei einem korrekten Wechsel eigentlich passiert. Der fliegende Wechsel ist keine Zauberei, sondern ein hochkomplexer Bewegungsablauf, der in einer einzigen Schwebephase des Galopps stattfindet.

Wissenschaftliche Analysen, wie sie im Journal of Equine Veterinary Science veröffentlicht wurden, belegen eine klare Abfolge: Der Impuls zum Wechsel kommt aus der Hinterhand. In der Schwebephase springt das Pferd von der alten in die neue Galoppade um, wobei die Hinterbeine vor den Vorderbeinen wechseln. Ist das Pferd nicht ausreichend versammelt, nicht gerade gerichtet oder fehlt die Kraft in der Hinterhand, gerät diese feine Koordination durcheinander – und der Wechsel misslingt.

Fehleranalyse: Die 3 häufigsten Probleme und ihre Ursachen

Jeder Reiter kennt sie – die typischen Stolpersteine auf dem Weg zum perfekten Wechsel. Lassen Sie uns die häufigsten Fehler bei iberischen Pferden analysieren und verstehen, wo die eigentliche Ursache liegt.

1. Nachschlagen oder nicht durchspringen

Das Problem: Sie geben die Hilfe, und Ihr Pferd schlägt mit dem Hinterbein aus, bockt leicht oder springt gar nicht erst um.

Die Ursache: Dieses Verhalten ist fast immer ein Ausdruck von Spannung oder Unverständnis. Das Pferd fühlt sich durch die Hilfe blockiert oder ist körperlich noch nicht in der Lage, die Anforderung auszubalancieren. Oft ist eine zu starke oder unklare Hilfe des Reiters der Auslöser. Anja Beran betont in ihren Lehren zur klassischen Reitkunst, dass ein Wechsel nur aus der Losgelassenheit entstehen kann. Zwang erzeugt Gegendruck – beim sensiblen Iberer führt das schnell zu einer Abwehrreaktion.

Der Korrekturansatz:

  • Druck rausnehmen: Gehen Sie einen Schritt zurück. Fordern Sie keine Wechsel, sondern verbessern Sie die Qualität des Grundgalopps.
  • Galopp-Schritt-Übergänge: Reiten Sie saubere Übergänge vom Galopp zum Schritt und wieder zurück. Das schult die Durchlässigkeit und die Lastaufnahme der Hinterhand.
  • Denken Sie den Wechsel nur: Manchmal reicht es schon, wenn der Reiter den Wechsel nur denkt und eine minimale Hilfe gibt. Weniger ist hier oft mehr.

2. Umspringen in zwei Phasen (hinten verspätet)

Das Problem: Die Vorhand wechselt korrekt, doch die Hinterhand folgt erst einen oder mehrere Sprünge später. Der Galopp fühlt sich für einen Moment „kreuzartig“ an.

Die Ursache: Das ist ein klassisches Zeichen für mangelnde Geraderichtung und unzureichende Aktivität der Hinterhand. Das Pferd weicht über die Schulter aus oder ist nicht genug „gesetzt“, um die Hinterbeine schnell genug sortieren zu können. Wie die Biomechanik zeigt, muss die Hinterhand den Wechsel einleiten. Ist sie dazu nicht in der Lage, weil das Pferd auf die Vorhand fällt oder schief ist, kommt es zu diesem Fehler.

Der Korrekturansatz:

  • Geraderichtung prüfen: Arbeiten Sie an Übungen wie Schultervor oder Kontergalopp auf gerader Linie, um das Pferd zwischen Ihren Hilfen einzurahmen.
  • Hinterhand aktivieren: Kurze Reprisen Travers im Galopp bereiten die Hinterbeine darauf vor, unter den Schwerpunkt zu treten.
  • Der Wechsel aus dem Kontergalopp: Philippe Karl empfiehlt, den Wechsel aus einem gut ausbalancierten Kontergalopp zu entwickeln. Kann das Pferd im Kontergalopp sein Gleichgewicht halten, ist die Basis für einen sauberen Wechsel gelegt.

3. Spannungsverlust und Taktfehler nach dem Wechsel

Das Problem: Der Wechsel gelingt, doch danach eilt Ihr Pferd davon, wird spannig oder verliert den Dreitakt des Galopps.

Die Ursache: Oft liegt die Ursache beim Reiter. Viele Reiter halten unbewusst die Luft an, klemmen mit dem Knie oder werden im Oberkörper fest. Das Pferd spiegelt diese Spannung wider. Es erwartet eine Korrektur oder eine weitere schwierige Aufgabe und kann sich nicht entspannen. Der Fokus liegt zu sehr auf der Lektion selbst und zu wenig auf dem „Danach“.

Der Korrekturansatz:

  • Durchatmen und weiterreiten: Konzentrieren Sie sich darauf, im Moment der Hilfe auszuatmen und den Oberkörper locker zu lassen. Reiten Sie nach dem Wechsel bewusst eine halbe Parade und dann einfach weiter, zum Beispiel auf einem großen Zirkel.
  • Den Wechsel als Übergang sehen: Betrachten Sie den fliegenden Wechsel nicht als isolierte Lektion, sondern als einen fließenden Übergang von einem Galopp in den anderen. Das Ziel ist nicht der Wechsel selbst, sondern der gute Galoppsprung danach.

Vorbereitende Übungen: Der Weg zum mühelosen Wechsel

Ein guter fliegender Wechsel wird nicht durch ständiges Wiederholen erzwungen, sondern durch eine systematische Vorbereitung erarbeitet. Folgende Übungen helfen dabei, die nötige Kraft, Balance und Durchlässigkeit aufzubauen:

  • Einfache Wechsel: Perfektionieren Sie den Übergang Galopp-Schritt-Galopp. Das Pferd muss lernen, auf eine feine Hilfe sofort und ohne Taktverlust anzugaloppieren.
  • Galopp im Viereck: Reiten Sie auf einem Viereck und nutzen Sie die Ecken, um das Pferd mit halben Paraden immer wieder neu auszubalancieren und auf die Hinterhand zu setzen.
  • Kontergalopp: Diese Lektion ist der beste Test für Balance und Geraderichtung. Ein Pferd, das ruhig und losgelassen im Kontergalopp galoppieren kann, ist bereit für den fliegenden Wechsel.
  • Inspiration aus anderen Disziplinen: Elemente aus der Working Equitation, wie schnelle Wendungen um Hindernisse, fördern spielerisch die Geschicklichkeit und Reaktionsfähigkeit, die für einen guten Wechsel unerlässlich sind.

Die Rolle der Ausrüstung: Ein oft übersehener Faktor

Selbst bei bester Ausbildung kann ein unpassender Sattel den Erfolg zunichtemachen. Gerade bei PRE und Lusitano mit ihrem oft kurzen, breiten und stark bemuskelten Rücken ist die Passform entscheidend. Ein Sattel, der die Schulter blockiert oder im Lendenbereich drückt, macht es dem Pferd physisch unmöglich, den Rücken aufzuwölben und die Hinterbeine korrekt unter den Schwerpunkt zu führen. Der Wechsel wird schmerzhaft oder sogar unmöglich.

Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel haben Konzepte entwickelt, die auf die besondere Anatomie iberischer Pferde abgestimmt sind. Eine breite Auflagefläche und maximale Schulterfreiheit sind die Grundvoraussetzung dafür, dass Ihr Pferd die für einen losgelassenen, bergauf gesprungenen Wechsel nötige Biomechanik überhaupt entfalten kann. Achten Sie darauf, dass Ihr Equipment die Ausbildung unterstützt und nicht behindert.

FAQ – Häufige Fragen zum fliegenden Wechsel

Wann ist mein Pferd bereit für fliegende Wechsel?
Ihr Pferd ist bereit, wenn es sicher und im Gleichgewicht im versammelten Galopp und im Kontergalopp gehen kann. Auch saubere Galopp-Schritt-Galopp-Übergänge (einfache Wechsel) sollten mühelos gelingen.

Soll ich den Wechsel über eine Stange üben?
Eine Bodenstange kann manchen Pferden helfen, den Bewegungsablauf besser zu verstehen und den Absprung zu timen. Allerdings ersetzt sie nicht die grundlegende gymnastizierende Arbeit. Setzen Sie sie als Hilfsmittel ein, nicht als Dauerlösung.

Mein Pferd wird heiß, sobald ich an Wechsel denke. Was tun?
Nehmen Sie jeglichen Druck aus der Situation. Üben Sie monatelang keine Wechsel, sondern konzentrieren Sie sich auf einen ruhigen, losgelassenen Galopp. Bauen Sie stattdessen einfache Wechsel ein. Oft ist es die Erwartungshaltung des Reiters, die das Pferd nervös macht.

Fazit: Geduld und Gymnastik sind der Schlüssel

Der fliegende Wechsel ist eine der anspruchsvollsten Lektionen und ein Meilenstein in der Ausbildung. Bei den sensiblen und körperlich kompakten iberischen Pferden ist er vor allem ein Resultat von korrekter Gymnastizierung, Geduld und Vertrauen. Sehen Sie Fehler nicht als Versagen, sondern als wertvolles Feedback Ihres Pferdes. Sie zeigen Ihnen genau, wo in der Basis noch gearbeitet werden muss – sei es an der Geraderichtung, der Losgelassenheit oder der Balance.

Wenn Sie die Grundlagen respektieren und die Ausbildung Ihres Pferdes als einen gemeinsamen Weg betrachten, wird der fliegende Wechsel zu dem, was er sein sollte: ein Ausdruck purer Harmonie und Leichtigkeit.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.