Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Falsches Steigen korrigieren: Vom unkontrollierten Hochreißen zum sicheren Show-Steigen

Ein Moment, der jedem Reiter den Atem stocken lässt: Das Pferd reißt den Kopf hoch, die Vorderbeine verlassen den Boden, und für einen kurzen, schrecklichen Augenblick scheint alles außer Kontrolle. Unkontrolliertes Steigen zählt zu den gefährlichsten Verhaltensweisen, die ein Pferd zeigen kann. Es ist oft ein Schrei nach Hilfe, ein Ausdruck von Angst, Schmerz oder massiver Verwirrung. Doch was, wenn man dieses explosive Verhalten nicht nur abstellen, sondern in eine Lektion voller Anmut und Vertrauen verwandeln könnte?

Dieser Artikel führt Sie durch die komplexen Ursachen des unerwünschten Steigens und zeigt Ihnen, wie Sie aus einem gefährlichen Problem eine sichere, kontrollierte Lektion der Hohen Schule oder eine beeindruckende Zirkuslektion auf Kommando entwickeln können.

Warum steigt ein Pferd? Die wahren Ursachen verstehen

Bevor es an die Korrektur geht, müssen wir die Ursachen verstehen. Selten ist es pure Widerspenstigkeit. Meistens ist Steigen ein letzter Ausweg, eine extreme Abwehrreaktion, wenn alle feineren Signale ignoriert wurden.

Die häufigsten Gründe lassen sich in vier Kategorien einteilen:

  1. Schmerz als Auslöser: Er ist die häufigste und zugleich oft übersehene Ursache. Ein unpassender Sattel, der auf die empfindliche Wirbelsäule drückt, scharfe Zahnkanten, die bei jedem Zügelzug schmerzen, oder Blockaden im Rücken können ein Pferd zur Verzweiflung treiben. Das Steigen ist dann ein Versuch, diesem Druck physisch zu entkommen.

  2. Angst und Überforderung: Pferde sind Fluchttiere. Fühlen sie sich in die Enge getrieben, ohne eine Möglichkeit zur Flucht nach vorn, wählen sie den einzigen Ausweg, der ihnen bleibt: nach oben. Dies geschieht oft in stressigen Situationen, bei Überforderung im Training oder wenn der Reiter zu viel Druck aufbaut.

  3. Missverständnisse in der Kommunikation: Eine harte Reiterhand, unklare oder widersprüchliche Hilfen und ein unausbalancierter Sitz können dem Pferd vermitteln, dass es sich gegen den Reiter wehren muss. Das Pferd versteht nicht, was von ihm verlangt wird, und reagiert mit einer Abwehrhaltung.

  4. Gelerntes Verhalten: Manchmal lernt ein Pferd, dass Steigen zum Erfolg führt. Wenn der Reiter bei jedem Ansatz sofort die Zügel wegschmeißt und das Training abbricht, lernt das Pferd: „Wenn ich steige, habe ich meine Ruhe.“ Aus einem anfänglichen Missverständnis wird so eine erlernte Unart.

Gefahr vs. Kunst: Der Unterschied zwischen unkontrolliertem und trainiertem Steigen

Es ist entscheidend, den Unterschied zwischen einer gefährlichen Abwehrreaktion und einer kontrollierten Übung zu verstehen.

Unkontrolliertes Steigen ist explosiv, schnell und unbalanciert. Das Pferd reißt den Kopf hoch, der Rücken ist weggedrückt, die Augen sind weit aufgerissen. Es ist ein Akt der Panik oder Verteidigung. Das Pferd kann dabei leicht das Gleichgewicht verlieren, zur Seite kippen oder sogar nach hinten überschlagen – mit lebensgefährlichen Folgen für Reiter und Tier.

Das kontrollierte Steigen auf Kommando, auch Pesade genannt, ist das genaue Gegenteil. Es ist eine langsame, kraftvolle und ausbalancierte Bewegung. Das Pferd setzt sich auf die Hinterhand, wölbt den Rücken auf und hebt die Vorhand kontrolliert an. Es ist ein Ausdruck von Kraft, Versammlung und absolutem Vertrauen in den Reiter. Diese Lektion ist das Ergebnis einer langen, pferdegerechten Ausbildung.

Der Weg zur Korrektur: Ein 4-Schritte-Plan

Die Umwandlung von gefährlichem Steigen in eine sichere Lektion ist ein anspruchsvoller Prozess, der Geduld, Fachwissen und vor allem die Bereitschaft erfordert, die Ursachen zu beheben.

Schritt 1: Ursachenforschung und Management

Der erste und wichtigste Schritt ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. Bevor Sie überhaupt an das Training denken, schließen Sie alle potenziellen Schmerzquellen aus:

  • Tierarzt & Zahnarzt: Lassen Sie Rücken, Zähne und allgemeine Gesundheit gründlich überprüfen.
  • Sattel-Check: Ein Sattler muss die Passform Ihres Sattels kontrollieren. Besonders bei barocken Pferden mit ihren kurzen, breiten Rücken ist ein passender Sattel entscheidend.
  • Haltung und Fütterung: Stress im Stall oder eine falsche Fütterung können ebenfalls zu Verhaltensproblemen beitragen.

In dieser Phase geht es darum, dem Pferd zu zeigen, dass es ernst genommen wird. Eine fundierte Pferdeausbildung beginnt immer mit dem Wohlbefinden des Tieres.

Schritt 2: Vertrauen am Boden wiederherstellen

Hat ein Pferd gelernt, sich durch Steigen zu wehren, ist das Vertrauen oft tief erschüttert. Die Arbeit beginnt daher nicht im Sattel, sondern am Boden. Das Ziel ist, eine neue, positive Kommunikationsbasis zu schaffen.

  • Führtraining: Üben Sie Anhalten, Rückwärtsrichten und Tempowechsel am Halfter. Das Pferd muss lernen, wieder auf feine Signale zu achten und dem Menschen zu vertrauen.
  • Gelassenheitstraining: Konfrontieren Sie das Pferd behutsam mit den Situationen, die zuvor Angst ausgelöst haben, und belohnen Sie jede ruhige Reaktion.
  • Respekt etablieren: Das Pferd muss lernen, den persönlichen Raum des Menschen zu respektieren und nicht in ihn hineinzudrängen.

Schritt 3: Die Hilfengebung neu definieren

Sobald die Basis am Boden stimmt, kann die Arbeit im Sattel vorsichtig wieder aufgenommen werden. Der Fokus liegt nun darauf, dem Pferd beizubringen, auf Druck nachzugeben, anstatt dagegen anzukämpfen.

  • Seitwärtsgänge: Lektionen wie das Schenkelweichen lehren das Pferd, dem seitlichen Schenkeldruck auszuweichen, anstatt sich dagegen zu stemmen.
  • Nachgeben im Genick: Üben Sie sanftes Kauen und Nachgeben auf leichte Zügelhilfen im Stand. Das Ziel ist eine weiche, vertrauensvolle Anlehnung.
  • Vorwärts-Abwärts: Reiten Sie das Pferd viel in Dehnungshaltung. Dies entspannt die Rückenmuskulatur und verhindert, dass es sich gegen die Reiterhand verspannt und hochkommt.

Schritt 4: Vom Ansatz zur Lektion – Das Kompliment als Vorübung

Anstatt direkt das Steigen zu provozieren, formen Sie das Verhalten über eine sichere Vorübung um. Eine exzellente Methode hierfür ist das Erarbeiten des Kompliments. Bei dieser Lektion kniet das Pferd auf einem Vorderbein. Warum ist das sinnvoll?

  • Es ist eine „Abwärtsbewegung“ und damit das Gegenteil vom Steigen.
  • Es erfordert enormes Vertrauen und stärkt die Bindung.
  • Es lehrt das Pferd, auf ein Signal hin kontrolliert ein Bein anzuheben und zu beugen.

Erst wenn das Pferd absolut sicher und vertrauensvoll auf die Hilfen reagiert, können Sie unter Anleitung eines erfahrenen Trainers daran denken, aus der gesammelten Energie der Hinterhand eine kontrollierte Aufwärtsbewegung zu formen.

Die Transformation: Vom Problem zur Zirkuslektion

Wenn die Ursachen behoben sind, das Pferd dem Reiter wieder vertraut und gelernt hat, auf feine Hilfen zu reagieren, verliert das Steigen als Abwehrreaktion seine Bedeutung. Nun können Sie die natürliche Fähigkeit des Pferdes, sich zu erheben, kanalisieren. Aus dem Versuch, sich der Hilfe zu entziehen, wird ein bewusstes Anheben der Vorhand auf ein klares Kommando.

Dies ist der Moment, in dem aus einer Gefahr Kunst wird. Das kontrollierte Steigen, sei es die Pesade der Hohen Schule oder als Showlektion, ist dann kein Kampf mehr, sondern ein Dialog – der ultimative Beweis für eine harmonische Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd.

Wichtiger Hinweis zur Ausrüstung

Wie bereits erwähnt, ist ein unpassender Sattel eine der Hauptursachen für massives Abwehrverhalten wie Steigen. Gerade Spanische Pferderassen wie PRE oder Lusitanos haben oft einen kurzen, breiten und geschwungenen Rücken, für den viele Standardsättel nicht geeignet sind. Ein Sattel, der klemmt, drückt oder dessen Schwerpunkt falsch liegt, zwingt das Pferd geradezu in eine Verteidigungshaltung.

Es ist daher unerlässlich, in einen Sattel zu investieren, der der Anatomie des Pferdes gerecht wird. Hersteller, die sich auf barocke Pferde spezialisiert haben, bieten hier durchdachte Lösungen.

(Partnerhinweis) Ein Beispiel für solche spezialisierten Konzepte sind die Sättel von Iberosattel. Sie werden gezielt für die Anforderungen von Pferden mit barockem Körperbau entwickelt. Ihre breite Auflagefläche und hohe Anpassungsfähigkeit vermeiden Druckpunkte und ermöglichen dem Pferd maximale Bewegungsfreiheit. Eine Investition in die Passform ist eine Investition in die Sicherheit und das Wohlbefinden Ihres Pferdes.

FAQ – Häufige Fragen zum Thema Steigen

Was mache ich in dem Moment, wenn mein Pferd unerwartet steigt?
Das Wichtigste ist Ihre eigene Sicherheit. Versuchen Sie, sich tief in den Sattel zu setzen, das Gewicht nach vorne zu verlagern und eine Hand an den Mähnenkamm zu legen, um nicht nach hinten zu fallen. Geben Sie mit den Zügeln so viel nach wie nötig, um nicht am Pferdemaul zu ziehen, was ein Überschlagen provozieren könnte. Sobald die Vorderbeine wieder am Boden sind, treiben Sie das Pferd energisch vorwärts, um die aufgestaute Energie in eine Vorwärtsbewegung umzuleiten.

Kann jedes Pferd lernen, auf Kommando sicher zu steigen?
Theoretisch ja, doch in der Praxis ist es nicht für jedes Pferd-Reiter-Paar empfehlenswert. Ein Pferd sollte körperlich und mental absolut gefestigt sein. Die Lektion erfordert eine starke Hinterhand und einen gesunden Rücken. Zudem sollte der Reiter über einen sehr ausbalancierten Sitz und ein tiefes Verständnis für die Ausbildungsskala verfügen. Es ist und bleibt eine Lektion für fortgeschrittene Paare.

Wie lange dauert es, ein Pferd vom Steigen zu korrigieren?
Das hängt stark von der Ursache und der Vorgeschichte ab. Werden die Schmerzpunkte schnell gefunden und behoben, können schon nach wenigen Wochen deutliche Verbesserungen eintreten. Handelt es sich um ein tief verankertes, erlerntes Verhalten, kann der Prozess mehrere Monate bis über ein Jahr dauern. Geduld und Konsequenz sind hier der Schlüssel.

Sollte man Steigen nicht einfach bestrafen?
Nein, auf keinen Fall. Da Steigen fast immer eine Reaktion auf Schmerz, Angst oder Verwirrung ist, würde eine Bestrafung das Problem nur verschlimmern. Das Pferd würde den Reiter noch mehr als Quelle von Unbehagen und Gefahr sehen, was die Abwehrreaktionen verstärken kann. Der einzige nachhaltige Weg ist, die Ursache zu finden und dem Pferd durch faires Training eine bessere Alternative anzubieten.

Fazit: Verstehen statt verurteilen

Unkontrolliertes Steigen ist kein Zeichen von Bosheit, sondern ein Hilferuf. Indem wir die Perspektive wechseln und die Ursachen verstehen, eröffnen wir den Weg für eine echte Lösung. Die Korrektur erfordert Detektivarbeit, Geduld und die Bereitschaft, das eigene Reiten und die Ausrüstung kritisch zu hinterfragen. Doch die Belohnung ist unbezahlbar: ein sicheres, vertrauensvolles Pferd und die Möglichkeit, aus einer der gefährlichsten Unarten eine der schönsten Lektionen der Reitkunst zu entwickeln.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.