Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur mit barocken Pferden auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Falscher Knick beim Barockpferd: Ursachen & Korrektur

Fehlerbild ‚Falscher Knick‘: So reiten Sie Ihr Barockpferd korrekt an die Hand

Das Bild ist perfekt: Ihr PRE oder Friese trabt mit stolz gebogenem Hals durch die Bahn, ein Inbegriff von Kraft und Versammlung. Aber im Sattel stimmt etwas nicht. Da ist diese subtile Leere, die fehlende Schubkraft von hinten. Die Verbindung zum Gebiss fühlt sich hohl an, nicht getragen. Das ist die „Falscher Knick“-Illusion, einer der häufigsten Ausbildungsfehler bei Barockpferden überhaupt.

Dieses Gefühl der „falschen Versammlung“ ist mehr als nur frustrierend. Es ist das untrügliche Zeichen, dass Ihr Pferd nicht reell über den Rücken arbeitet. Es hat gelernt, die anstrengende Arbeit des Tragens zu umgehen, indem es einfach im Hals abknickt. Dieser Artikel ist kein allgemeiner Ratgeber zur Anlehnung. Er ist eine gezielte Anleitung für Reiter von Barockpferden, um die Ursachen des falschen Knicks zu verstehen, ihn zu korrigieren und eine ehrliche Verbindung von hinten nach vorne aufzubauen.

Anatomie des ‚Falschen Knicks‘: Warum gerade Barockpferde betroffen sind

Um das Problem zu lösen, müssen wir die Biomechanik verstehen. Bei korrekter Anlehnung beschreibt der gesamte Oberhals einen gleichmäßigen Bogen, mit dem Genick als höchstem Punkt. Die Energie aus der Hinterhand schwingt über einen aufgewölbten Rücken bis in Ihre Hand.

Beim falschen Knick passiert das Gegenteil. Der höchste Punkt ist nicht das Genick, sondern der zweite oder dritte Halswirbel. Das Pferd „bricht“ dort ab und zieht die Nase Richtung Brust. Der Rücken? Bleibt oft fest oder drückt sich sogar weg.

Warum sind Rassen wie PRE, Lusitano oder Friese dafür prädestiniert?

Ihre Anatomie macht sie anfällig:

  • Hoher Halsansatz: Ihr von Natur aus hoch aufgesetzter Hals macht es ihnen leicht, sich optisch „rund“ zu machen, ohne den Rumpf wirklich anzuheben.
  • Kräftige Vorhand: Barocke Pferde haben eine starke Schulter- und Vorhandpartie. Diese durch eine aktive Hinterhand anzuheben, ist harte Arbeit. Das Abknicken im Hals ist da eine clevere Vermeidungsstrategie.

So betonen Experten wie Dr. Britta Schöffmann, dass dieses Problem oft „angeritten“, nicht angeboren ist. Es ist ein Symptom einer lückenhaften Grundausbildung, bei der Losgelassenheit und Takt zu kurz kamen.

Ursachenforschung: Eine Checkliste für die Diagnose

Bevor Sie korrigieren, brauchen Sie eine ehrliche Bestandsaufnahme. Wo liegt die Wurzel des Problems?

Ist es der Reiter?

  • Harte oder unruhige Hände: Eine feste Hand blockiert. Das Pferd weicht dem unangenehmen Druck aus, indem es sich dahinter verkriecht.
  • Fehlender „atmender“ Kontakt: Ein starrer Zügelkontakt ohne jedes Nachgeben signalisiert dem Pferd, dass es keine echte Verbindung suchen soll.
  • Klemmender Sitz: Ein Reiter, der mit Knien oder Oberschenkeln klemmt, blockiert die Rückenmuskulatur des Pferdes. Da kann nichts schwingen.
  • Unpassende Ausrüstung: Ein Sattel, der die Schulter blockiert oder im Rücken drückt, verunmöglicht das Aufwölben des Rumpfes. Die Rückengesundheit ist hier nicht verhandelbar.

Partner-Hinweis: Ein unpassender Sattel kann die Bemühungen des besten Reiters zunichtemachen. Für die oft kurzen, breiten Rücken barocker Pferde gibt es spezialisierte Lösungen. Hersteller wie Iberosattel haben es sich zum Ziel gesetzt, Konzepte zu entwickeln, die maximale Schulterfreiheit und eine breite Auflagefläche gewährleisten, um dem Pferd die biomechanisch korrekte Arbeit zu ermöglichen.

Ist es ein Kraftdefizit beim Pferd?

  • Schwacher Rumpftrageapparat: Die wichtigste Muskelgruppe fürs Reiten ist die Bauch- und Rumpfmuskulatur. Ist diese zu schwach (eine sogenannte „Trageschwäche“), kompensiert das Pferd, indem es den Rücken wegdrückt und den Hals einrollt.
  • Fehlende Schubkraft: Eine inaktive Hinterhand, die nicht unter den Schwerpunkt tritt, kann die Vorhand nicht anheben. Die Energie verpufft auf halbem Weg.

Ist es eine Vermeidungsstrategie?

  • Intelligente Faulheit: Das Pferd hat schlicht gelernt, dass das Einrollen weniger anstrengend ist, als reell von hinten durchzuschwingen.
  • Missverstandene Hilfen: Oft wird ein junges Pferd zu früh in eine Form gepresst, die es körperlich noch gar nicht halten kann. Es lernt: Nachgeben im Hals beendet den Druck am schnellsten, auch ohne den Rücken zu benutzen.

Die Korrektur-Bibliothek: Übungen für eine ehrliche Verbindung

Der Weg aus dem falschen Knick führt immer über den Grundsatz: Losgelassenheit vor Takt, Takt vor Anlehnung. Wir müssen dem Pferd den Weg in die Dehnungshaltung zeigen, damit es den Rücken aufwölben kann. Erst dann reiten wir es wieder vermehrt aufwärts an die Hand heran.

Teil 1: Bodenarbeit für echte Losgelassenheit

Das Fundament legen Sie am Boden. Hier kann das Pferd ohne Reitergewicht lernen, die richtigen Muskeln zu aktivieren.

  • Übung 1: Longieren über Stangen

    • Aufbau: Legen Sie 3–4 Trabstangen auf einer gebogenen Linie (Zirkel) aus. Abstand für einen normalen Trabtritt.
    • Durchführung: Longieren Sie Ihr Pferd in ruhigem, gleichmäßigem Tempo über die Stangen. Nicht zwingen. Lassen Sie es die Lösung selbst finden.
    • Wirkung: Um die Beine koordiniert heben zu können, muss das Pferd den Rücken aufwölben. Das aktiviert die Bauchmuskulatur und fördert die Dehnungsbereitschaft. Das Pferd streckt sich ganz von allein vorwärts-abwärts, um die Aufgabe zu meistern.
  • Übung 2: Arbeit an der Hand

    • Ziel: Dem Pferd beibringen, auf leichten seitlichen Druck am Gebiss oder Kappzaum im Genick nachzugeben – ohne den Hals abzuknicken.
    • Durchführung: Stehen Sie neben der Pferdeschulter. Nehmen Sie den inneren Zügel an und geben Sie sanfte, wiederholende Impulse, bis das Pferd den Kopf leicht nach innen stellt und im Genick nachgibt. Bei der kleinsten korrekten Reaktion: sofort nachgeben und loben.
    • Wirkung: Das Pferd lernt, zwischen Genick und dem restlichen Hals zu unterscheiden. Es lernt eine echte, seitliche Biegung. Unerlässlich für das Geraderichten unter dem Reiter.

Teil 2: Gerittene Übungen für eine ehrliche Verbindung

Diese Übungen sollen das Gefühl der korrekten Verbindung im Sattel etablieren. Der Fokus: das Pferd von hinten nach vorne an eine weiche Hand heranzureiten.

  • Übung 1: Die „Schaukel“ (aus dem Halten anreiten)

    • Durchführung: Reiten Sie aus dem Halten energisch an, aber nur für 3–4 Tritte. Dann parieren Sie wieder sanft zum Halten durch. Wiederholen. Fühlen Sie, wie das Pferd bei jedem Antreten die Hinterbeine aktiviert und den Rücken aufwölbt.
    • Wirkung: Diese Übung (wie sie beispielsweise von Ausbildern wie Peter Kreinberg empfohlen wird) ist pures Krafttraining für die Hinterhand. Sie schult die Durchlässigkeit und lehrt das Pferd, sich vor der treibenden Hilfe zu öffnen, anstatt sich im Hals zu verkriechen.
  • Übung 2: Gezielte Übergänge auf dem Zirkel

    • Durchführung: Reiten Sie auf einem Zirkel (ca. 20 m) häufige Übergänge zwischen Trab und Schritt oder Trab und Galopp. Achten Sie bei jedem Übergang darauf, dass das Pferd aktiv von hinten herantritt und Sie die Energie vorne sanft aufnehmen.
    • Wirkung: Übergänge sind der Schlüssel zur Aktivierung der Hinterhand. Die Zirkellinie hilft dabei, die seitliche Biegung zu halten und verhindert, dass das Pferd über die Schulter ausweicht.
  • Übung 3: Schlangenlinien mit Fokus auf den äußeren Zügel

    • Durchführung: Reiten Sie Schlangenlinien durch die ganze Bahn. Konzentrieren Sie sich in jeder Biegung darauf, das Pferd an den äußeren Zügel heranzureiten. Der innere Zügel gibt nur die Stellung, der äußere Zügel begrenzt und bietet den Kontakt, den das Pferd suchen soll.
    • Wirkung: Das Pferd lernt, sich auf dem äußeren Zügel abzustützen und die Biegung durch den gesamten Körper gehen zu lassen. Es findet seine Balance und richtet sich gerade – die Voraussetzung für eine reelle Anlehnung. Es muss sich strecken, um die Wendung zu meistern, was dem Einrollen entgegenwirkt.

Achtung: Typischer Fehler
Verwechseln Sie ein nach unten gestrecktes Wegdrücken des Rückens nicht mit echter Dehnungshaltung. Ein Pferd in korrekter Dehnungshaltung wölbt den Rücken auf und tritt aktiv unter den Schwerpunkt. Ein Pferd, das nur den Kopf fallen lässt, lässt oft auch den Rücken fallen und latscht auf der Vorhand. Fühlen Sie den Unterschied: Echte Dehnung fühlt sich an, als würde der Widerrist zu Ihnen aufsteigen.

Fortschritts-Checkpoint
Nach zwei bis drei Wochen konsequenten Trainings sollten Sie eine klare Veränderung spüren. Ihr Pferd schiebt in Übergängen aktiver von hinten und bietet von sich aus eine Dehnung zum Gebiss an. Wenn nicht, gehen Sie einen Schritt zurück. Konzentrieren Sie sich wieder mehr auf die Bodenarbeit, um das nötige Kraftfundament aufzubauen.

Ein Trainingsplan für den Erfolg

Konsistenz ist alles. Integrieren Sie diese Übungen systematisch in Ihr Training, um korrekte Muskeln aufzubauen und neue, positive Bewegungsmuster zu etablieren. Ein beispielhafter Wochenplan, den Sie herunterladen und anpassen können, erleichtert Ihnen den Einstieg.

⬇ Download: Mein Korrektur-Trainingsplan für den ‚Falschen Knick‘

Der Weg aus dem falschen Knick ist kein Sprint. Er braucht Geduld, Gefühl und ein ehrliches Verständnis für die Biomechanik Ihres Pferdes. Geben Sie sich und Ihrem Partner die Zeit, Kraft aufzubauen und Vertrauen in eine echte, weiche Verbindung zu finden. Das Ergebnis ist dann nicht nur ein schönes Bild, sondern ein Pferd, das gesund und losgelassen unter Ihnen arbeitet – getragen von einem starken Rücken.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.

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