Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur mit barocken Pferden auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die ersten 5 Minuten: Das sensible Aufsitzen beim jungen Lusitano als Vertrauensbeweis gestalten
Für ein junges Pferd ist das erste Aufsitzen kein Training. Es ist ein Versprechen.
Nach Monaten der Bodenarbeit steht Ihr Lusitano gesattelt vor Ihnen. Alles spitzt sich auf diesen Moment zu. Gerade für ein so feinfühliges Pferd sind diese ersten Minuten kein mechanischer Akt, sondern ein Dialog. Sie können das Fundament für eine lebenslange Partnerschaft legen – oder einen Riss erzeugen, dessen Reparatur lange dauern kann.
Die meisten Ratgeber erklären das Was. Sie listen Schritte auf. Aber für ein Pferd, das jeden Ihrer Atemzüge spürt, ist das Wie entscheidend. Es geht nicht darum, das Aufsitzen zu überstehen. Es geht darum, es zu einem ruhigen, sicheren Ritus zu machen.
Dieser Leitfaden zerlegt den Vorgang in winzige, bewusste Schritte. Ein Ritual, das Ihrem Lusitano Sicherheit vermittelt und sein Vertrauen festigt.
Die Grundlage: Die Checkliste vor dem Aufsitzen
Bevor Sie auch nur einen Fuß auf die Aufstiegshilfe setzen, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Ein erfolgreiches erstes Aufsitzen beginnt lange vor dem eigentlichen Akt. Betrachten Sie diese Phase als den „Pre-Flight-Check“ – hier stellen Sie sicher, dass alle Systeme auf Grün stehen.
Die mentale und physische Bereitschaft des Pferdes
Ihr Pferd muss entspannt und bei Ihnen sein. Machen Sie eine kurze, bekannte Einheit Bodenarbeit. Suchen Sie nach klaren Zeichen der Entspannung:
- Gesunkener Kopf
- Weiches Auge, entspannte Gesichtszüge
- Leises Kauen oder Lecken
- Ruhiger, gleichmäßiger Atem
Wenn Ihr Pferd angespannt wirkt, den Kopf hochnimmt oder unruhig ist, ist heute nicht der richtige Tag. Vertrauen bedeutet, die Grenzen des Pferdes zu respektieren.
Die Umgebung: Eine Oase der Ruhe
Wählen Sie einen Ort, an dem sich Ihr Pferd sicher fühlt und keine Störungen lauern. Das kann die vertraute Halle oder ein eingezäunter Platz sein.
- Keine Ablenkungen: Meiden Sie Stoßzeiten, laute Traktoren oder andere Pferde, die Unruhe verbreiten.
- Vertrauter Helfer: Eine ruhige, erfahrene Person, die das Pferd am Kopf hält, ist Gold wert. Diese Person soll nicht nur halten, sondern dem Pferd durch ihre eigene Gelassenheit Sicherheit geben.
Ihre innere Haltung: Der Fels in der Brandung
Das ist der entscheidende Punkt. Ihr Pferd ist ein Spiegel. Ihre Nervosität, Ihr Ehrgeiz, Ihre Angst – er spürt alles sofort und reagiert mit Anspannung. In der Praxis zeigt sich immer wieder, wie wichtig die Haltung des Menschen ist. Seien Sie der sichere Ort für Ihr Pferd.
- Atmen: Schließen Sie kurz die Augen und atmen Sie ein paar Mal tief durch.
- Ohne Erwartungen: Ihr einziges Ziel für heute ist eine positive Erfahrung für Ihr Pferd. Ob Sie eine Sekunde oder fünf Minuten im Sattel sitzen, ist egal. Der ruhige Versuch allein ist der Erfolg.
Das 5-Minuten-Aufstiegsritual: Ein Dialog in Zeitlupe
Brechen Sie den komplexen Vorgang in kleinste Häppchen. Jeder Schritt folgt nur, wenn der vorherige mit absoluter Ruhe vom Pferd akzeptiert wurde.
Minute 0-1: Die Annäherung – Eine Frage der Erlaubnis
Hier geht es nur um Vorbereitung und Gewöhnung.
- Aufstiegshilfe positionieren: Stellen Sie die Aufstiegshilfe an die Schulter Ihres Pferdes. Lob, wenn es ruhig stehen bleibt.
- Sinneseindrücke: Lassen Sie es an Ihrem Helm oder Ihrer Jacke riechen, während Sie neben ihm stehen.
- Fuß auf die Hilfe: Stellen Sie einen Fuß auf die Aufstiegshilfe. Verharren Sie. Beobachten Sie Ihr Pferd. Atmet es weiter ruhig? Bleibt sein Auge weich?
- Über den Sattel lehnen: Beugen Sie sich langsam, ohne Gewicht, über den Sattel, sodass Ihr Oberkörper über dem Rücken schwebt. Sprechen Sie leise mit ihm. Ziehen Sie sich wieder zurück. Loben Sie ausgiebig.
✅ Vertrauens-Checkpoint: Bevor Sie weitermachen: Kaut Ihr Pferd leicht ab oder atmet tief durch? Das ist sein Okay. Wenn nicht, wiederholen Sie den letzten Schritt.
Minute 1-2: Das Gewicht – Ein sanftes Versprechen
Jetzt kommt der neue Reiz des Gewichts. Das Prinzip: Annähern und Zurückziehen.
- Fuß in den Bügel: Stellen Sie Ihren Fuß sanft in den Steigbügel.
- Minimales Gewicht: Belasten Sie den Bügel nur mit etwa 20 % Ihres Gewichts. Gerade so viel, dass das Pferd einen leichten Druck spürt. Halten, Druck wieder wegnehmen. Wiederholen.
- Gewicht langsam steigern: Wenn das Pferd absolut ruhig bleibt, steigern Sie das Gewicht langsam, bis Sie sich fast vollständig am Sattel hochziehen, aber mit dem anderen Fuß noch auf der Aufstiegshilfe stehen.
Fehler-Alarm: Viele Reiter halten beim Aufsteigen die Luft an. Ihr Pferd spürt diese Blockade sofort im Sattel. Atmen Sie bewusst aus, während Sie sich erheben. Das ist nicht nur Gerede.
Minute 2-3: Der Aufstieg – In fließender Ruhe
Der Moment des Hinüberschwingens. Die Bewegung muss langsam, kontrolliert und fließend sein.
- Vorbereitung: Pferd entspannt, Helfer hat eine beruhigende Hand am Pferd.
- Der Schwung: Heben Sie sich langsam am Sattel hoch. Schwingen Sie Ihr Bein in einem hohen, sauberen Bogen über die Kruppe, ohne sie zu berühren. Das ist entscheidend, um keine Abwehrreaktion auszulösen.
- Das Landen: Setzen Sie sich so sanft wie möglich in den Sattel. Kein Plumpsen. Ihre Hüften sollten von Anfang an weich sein.
Minute 3-4: Die Stille – Der Moment der Wahrheit
Sie sitzen. Und jetzt? Jetzt kommt das Wichtigste: Nichts.Dies ist die kritischste Phase. Ihr Pferd verarbeitet eine völlig neue Erfahrung: Ihr Gewicht, Ihre Wärme, Ihre Präsenz.
- Absolut still sitzen: Keine Bewegung. Die Zügel lang, ohne Kontakt. Die Hände ruhen auf dem Widerrist.
- Tief atmen: Konzentrieren Sie sich nur auf Ihre ruhige Bauchatmung. Sie co-regulieren damit das Nervensystem Ihres Pferdes.
- Zeit geben: Geben Sie ihm diese Minute, um zu verstehen, dass nichts Schlimmes passiert. Es soll lernen: „Wenn der Mensch auf meinem Rücken sitzt, herrscht Frieden.“
Minute 4-5: Der Abstieg – Ein positives Ende
Beenden Sie die erste Einheit, bevor das Pferd unruhig wird. Der Abschluss muss genauso kontrolliert sein wie der Aufstieg.
- Vorbereitung: Signalisieren Sie Ihrem Helfer, dass Sie absteigen.
- Langsamer Abstieg: Lehnen Sie sich nach vorne, schwingen Sie Ihr Bein wieder in einem hohen Bogen über die Kruppe und steigen Sie langsam ab.
- Sofortige Entspannung: Sobald Ihre Füße den Boden berühren, lassen Sie die Zügel lang und loben Ihr Pferd ausgiebig mit Stimme und sanften Berührungen an seiner Lieblingsstelle. Die Lektion ist vorbei. Der Druck ist weg.
Sie haben keine Aufgabe erledigt. Sie haben ein Versprechen gegeben: „Auf meinem Rücken bist du sicher.“
Um diesen Prozess sicher und wiederholbar zu gestalten, können Sie unsere detaillierte Checkliste verwenden. Sie führt Sie Schritt für Schritt durch das Ritual und hilft Ihnen, im entscheidenden Moment an alles zu denken.
Die hohe Kunst: Ihren Lusitano lesen lernen
Iberische Pferde sind Meister der subtilen Kommunikation. Sie müssen die leisen Anzeichen von Stress erkennen, bevor sie zum Problem werden.
Achten Sie auf diese fast unsichtbaren Signale:
- Feste Nüstern: Die Ränder der Nüstern wirken hart und angespannt.
- Dreieck über dem Auge: Die kleine Grube über dem Auge füllt sich, wirkt angespannt.
- Fester Unterkiefer: Das Maul ist geschlossen, die Lippen sind dünn.
- Hoch angesetzter Schweif: Der Schweif wird nicht geklemmt, aber an der Wurzel leicht angehoben und steif gehalten.
- Hautflattern: Feine, schnelle Zuckungen der Hautmuskulatur, besonders an Schulter und Flanke.
Sobald Sie eines dieser Zeichen bemerken, gehen Sie im Ritual sofort einen Schritt zurück. Warten Sie, bis sich Ihr Pferd wieder entspannt, bevor Sie einen neuen Versuch starten.
Was wäre wenn? Lösungen für typische Herausforderungen (FAQ)
Was ist, wenn mein Pferd losläuft, sobald ich aufsteigen will?
Meist eine Reaktion auf zu schnelles Vorgehen oder innere Anspannung des Reiters. Gehen Sie mehrere Schritte zurück. Üben Sie nur das ruhige Stehen an der Aufstiegshilfe. Beginnen Sie dann erneut mit dem schrittweisen Belasten, aber bleiben Sie länger in jeder Phase. Oft hilft es auch, wenn die Hilfsperson dem Pferd zusätzlich Sicherheit vermittelt, indem sie ruhig an der Schulter steht.
Was mache ich, wenn sich mein Pferd unter mir total verspannt?
Atmen. Ihre erste Reaktion ist, tief auszuatmen und jede eigene Muskelspannung loszulassen. Bleiben Sie passiv im Sattel. Sprechen Sie mit ruhiger, tiefer Stimme. Versuchen Sie nicht, die Situation durch Zügel zu „korrigieren“. Geben Sie dem Pferd Zeit. Wenn die Anspannung nicht nachlässt, steigen Sie langsam ab und beenden die Lektion mit einem großen Lob für den Versuch.
Was ist, wenn ich im entscheidenden Moment selbst Angst bekomme?
Das ist menschlich. Wenn Sie Angst spüren, steigen Sie ab. Es ist keine Schande, einen Versuch abzubrechen. Ihr Pferd schätzt Ihre Ehrlichkeit mehr als erzwungenen Mut. Gehen Sie zurück zur Bodenarbeit, stärken Sie Ihr Vertrauen und versuchen Sie es an einem anderen Tag erneut. Sicherheit – Ihre und die Ihres Pferdes – hat immer Vorrang.
Fazit: Ein kleiner Schritt für Sie, ein riesiger Sprung für das Vertrauen
Das erste Aufsitzen ist mehr als ein Ausbildungsschritt. Es ist ein Moment stiller Kommunikation. Wer den Prozess verlangsamt, ihn zum Ritual macht und die leisen Signale seines Pferdes respektiert, legt den Grundstein für echtes Vertrauen. Diese ersten fünf Minuten definieren den Ton für alles, was kommt. Nehmen Sie sich die Zeit. Es ist die beste Investition in die gemeinsame Zukunft.


