Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Barockpferde Ausbildung auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die ersten 10 Reiteinheiten: Ein Schritt-für-Schritt-Plan für das junge spanische Pferd
Der Moment ist gekommen. Nach Monaten geduldiger Vorbereitung am Boden, nach unzähligen Stunden des Vertrauensaufbaus und der Gymnastizierung an der Longe, steht der nächste große Schritt bevor: die erste Reiteinheit. Ein Augenblick voller Hoffnung und vielleicht auch ein wenig Nervosität. Doch wie gelingt dieser entscheidende Übergang vom Boden in den Sattel, damit er für das junge spanische Pferd zu einer positiven und stärkenden Erfahrung wird?
Viele Reiter neigen dazu, zu früh zu viel zu wollen. Gerade bei den intelligenten und sensiblen spanischen Pferden ist der Start unter dem Reiter die kritischste Phase der gesamten Ausbildung. Hier wird das Fundament für eine lebenslange Partnerschaft gelegt. Dieser Leitfaden begleitet Sie auf einem bewährten Weg durch die ersten zehn Einheiten – ein Konzept, das auf Geduld, Verständnis und den Grundsätzen pferdegerechter Ausbildung basiert.
Die goldene Regel: Weniger ist mehr
Bevor wir in den konkreten Plan einsteigen, sollte ein Prinzip im Vordergrund stehen: Die ersten Reiteinheiten sind kein Training im klassischen Sinne, sondern eine Phase der Gewöhnung. Studien zur kognitiven Leistungsfähigkeit von Pferden zeigen, dass ein junges Pferd eine maximale Konzentrationsspanne von etwa 15 bis 20 Minuten hat. Alles, was darüber hinausgeht, führt zu mentaler Ermüdung, Stress und im schlimmsten Fall zu Widersetzlichkeit.
Dazu kommt die enorme körperliche Anforderung: Das Gewicht des Reiters ist eine völlig neue Belastung für die noch untrainierte Rückenmuskulatur und das Gleichgewichtssystem des Pferdes. Eine zu lange oder intensive Belastung in dieser frühen Phase kann nicht nur zu Verspannungen, sondern auch zu langfristigen Schäden am Bewegungsapparat führen. Jede Einheit sollte daher enden, bevor das Pferd Anzeichen von Müdigkeit zeigt – und immer mit einem positiven Gefühl.
Der 10-Einheiten-Plan: Ein Gerüst für den Einstieg
Dieser Plan dient als flexibler Leitfaden. Beobachten Sie Ihr Pferd genau und passen Sie das Tempo an seine individuellen Bedürfnisse an. Wenn Ihr Pferd für einen Schritt länger braucht, geben Sie ihm diese Zeit. Ein Schritt zurück ist oft der schnellste Weg nach vorn.
Einheiten 1-3: Das Gewicht annehmen und Vertrauen fassen
Ziel: Das Pferd lernt, das Reitergewicht im Schritt gelassen zu tragen, ohne die Balance zu verlieren oder Angst zu entwickeln.
Dauer: Maximal 10-15 Minuten pro Einheit.
Der Ablauf dieser ersten Einheiten bleibt bewusst simpel. Es geht einzig darum, eine positive Verknüpfung mit dem Reiter im Sattel herzustellen.
- Vorbereitung: Putzen, Satteln und Trensen in gewohnter, ruhiger Atmosphäre.
- Aufsteigen: Lassen Sie sich von einer erfahrenen Person helfen. Der Helfer hält das Pferd, beruhigt es mit seiner Stimme und gibt ihm Sicherheit. Das Aufsteigen sollte sanft und ohne großes Rumpeln erfolgen.
- Die erste Runde: Der Helfer führt das Pferd im Schritt auf einer großen, geraden Linie (z. B. ganze Bahn). Als Reiter sitzen Sie ruhig und ausbalanciert, lassen die Zügel lang und stören das Pferd nicht.
- Lob: Sprechen Sie mit ruhiger Stimme mit Ihrem Pferd. Nach einer halben Runde oder wenn das Pferd besonders entspannt wirkt, hält der Helfer es an und lobt es von beiden Seiten.
- Absteigen: Steigen Sie sanft ab und beenden Sie die Einheit mit einer ausgiebigen Belohnung. Das Pferd soll lernen: Reiter im Sattel bedeutet eine kurze, angenehme Aufgabe mit einem tollen Abschluss.
Einheiten 4-6: Erste Wege allein und einfache Linien
Ziel: Das Pferd beginnt, sich unter dem Reiter selbst zu balancieren und auf minimale Hilfen zu reagieren. Der Reiter übernimmt schrittweise die Führung.
Dauer: Ca. 15 Minuten.
Nachdem das Pferd das Reitergewicht akzeptiert hat, kann der Helfer sich langsam zurückziehen.
- Start mit Führung: Beginnen Sie jede Einheit wie gewohnt mit einigen geführten Runden, um dem Pferd Sicherheit zu geben.
- Alleine reiten: Wenn das Pferd entspannt ist, löst sich der Helfer und bleibt in der Mitte der Bahn. Reiten Sie nun allein ganze Bahn im Schritt.
- Erste Figuren: Beginnen Sie mit ersten, sehr einfachen Hufschlagfiguren. Reiten Sie einen großen Zirkel oder eine einfache Schlangenlinie durch die ganze Bahn mit nur zwei Bögen. Wichtig ist dabei nur, dass das Pferd dem leichten Zügel- und Schenkeldruck willig folgt.
- Fokus auf Takt und Losgelassenheit: In dieser Phase legen Sie den Grundstein für die weitere Ausbildung. Achten Sie darauf, dass der Schritt taktrein und fleißig bleibt – die ersten beiden Punkte der Ausbildungsskala.
Einheiten 7-10: Festigung und erste Variationen
Ziel: Das Pferd bewegt sich im Schritt auf verschiedenen Linien sicher und ausbalanciert. Es versteht die grundlegenden vorwärts- und seitwärtstreibenden Hilfen.
Dauer: 15-20 Minuten.
Die Grundlagen sind gelegt, nun folgen Festigung und Verfeinerung.
- Übergänge: Üben Sie einfache Übergänge vom Halten zum Schritt und vom Schritt zum Halten. Achten Sie auf eine ruhige Ausführung ohne Hektik.
- Ecken reiten: Nun kommt das korrekte Ausreiten der Ecken hinzu. Dies ist eine wichtige Übung für die Biegung und das Gleichgewicht.
- Erste seitliche Impulse: Versuchen Sie, auf einer geraden Linie das Pferd für ein, zwei Tritte minimal seitwärts weichen zu lassen – nicht als fertige Lektion, sondern als erste Sensibilisierung für den seitwärtstreibenden Schenkel.
- Abschluss: Beenden Sie jede Einheit mit einer Übung, die das Pferd bereits gut beherrscht, um das Selbstvertrauen zu stärken. Ein ausgiebiges Lob rundet die Arbeit ab.
Worauf Sie unbedingt achten sollten
Der Erfolg des Anreitens hängt nicht nur vom Plan ab, sondern auch von den Rahmenbedingungen. Drei Punkte sind dabei entscheidend:
- Mentale und körperliche Verfassung: Ein müdes, gestresstes oder abgelenktes Pferd kann nichts lernen. Achten Sie auf die Tagesform Ihres Pferdes. Gerade sensible Rassen wie PRE Pferde spiegeln die Stimmung ihrer Umgebung wider. Sorgen Sie für eine ruhige und konzentrierte Atmosphäre.
- Die Ausrüstung: Nichts sabotiert den Erfolg beim Anreiten so sehr wie eine schmerzverursachende Ausrüstung. Ein unpassender Sattel kann zu massiven Verspannungen im Rücken führen und eine negative Assoziation mit dem Reiten für immer verankern. Investieren Sie von Anfang an in einen passenden Sattel für Ihr spanisches Pferd, der die kurze, breite Rückenpartie berücksichtigt und Bewegungsfreiheit garantiert.
- Das Lob zur richtigen Zeit: Positive Verstärkung ist das mächtigste Werkzeug in der Pferdeausbildung. Ein ehrlich gemeintes Lob – sei es durch die Stimme, ein Kraulen am Hals oder eine kurze Pause – muss unmittelbar nach der gewünschten Reaktion erfolgen. So versteht das Pferd, was Sie von ihm möchten, und bleibt motiviert.
Häufige Fragen (FAQ) zum Anreiten junger spanischer Pferde
Was mache ich, wenn mein Pferd Angst zeigt oder steigt?
Ruhe bewahren und sofort einen Schritt zurückgehen. Nehmen Sie den Druck weg, steigen Sie ab und führen Sie das Pferd. Gehen Sie zurück zur Bodenarbeit oder zur geführten Einheit, bis das Vertrauen wiederhergestellt ist. Zwingen Sie Ihr Pferd niemals zu etwas.
Wann kommt die erste Trab-Einheit?
Erst, wenn das Pferd im Schritt in allen drei Phasen absolut sicher, losgelassen und ausbalanciert ist. Das kann nach 10 Einheiten der Fall sein, bei manchen Pferden dauert es 20 oder 30. Geduld ist hier der Schlüssel. Das Anreiten ist ein Marathon, kein Sprint.
Wie oft pro Woche sollte ich das junge Pferd reiten?
Anfangs sind drei bis vier kurze Einheiten pro Woche ideal. Die Tage dazwischen benötigt das Pferd zur körperlichen und mentalen Regeneration. An den reitfreien Tagen können lockere Bodenarbeit oder Koppelgang für Abwechslung sorgen.
Brauche ich wirklich immer einen Helfer am Boden?
In den ersten drei bis fünf Einheiten ist ein erfahrener Helfer für die Sicherheit von Pferd und Reiter unerlässlich. Auch danach ist es ratsam, dass eine Person in der Nähe ist, die im Notfall eingreifen kann.
Fazit: Der Beginn einer langen Reise
Die ersten zehn Reiteinheiten legen das Fundament für die gesamte Zukunft Ihres spanischen Pferdes als Reitpferd. Es geht nicht um Lektionen, sondern um Vertrauen, Balance und Losgelassenheit. Wenn Sie diese Phase mit Geduld, Einfühlungsvermögen und einem klaren, pferdegerechten Plan angehen, legen Sie die bestmögliche Basis für eine harmonische und erfolgreiche Partnerschaft. Sie investieren in das wertvollste Gut, das es zwischen Reiter und Pferd gibt: gegenseitiges Vertrauen.



