Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Doma Vaquera auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Vom Gebrauchsreiten zur Turnierdisziplin: Die Entstehung des Doma-Vaquera-Regelwerks

Stellen Sie sich zwei Vaqueros vor, die in den Weiten Andalusiens Rinder treiben. Ihre Bewegungen sind schnell, präzise und instinktiv. Jeder Handgriff, jede Parade und jede Wendung entspringt einer jahrhundertealten Tradition der Arbeit zu Pferd. Doch wie beurteilt man, wer von beiden der „bessere“ Reiter ist, wenn sie ihre Fähigkeiten nicht auf dem Feld, sondern in einem Turnier-Viereck zeigen? Genau vor dieser Frage stand die spanische Reiterwelt in den 1970er Jahren – und die Antwort darauf sollte die Doma Vaquera für immer verändern.

Der Ruf nach Ordnung: Warum ein Regelwerk unverzichtbar wurde

Vor den 1970er Jahren war die Doma Vaquera eine gelebte Tradition mit ungeschriebenen Gesetzen. Wettkämpfe, die sogenannten Concursos, waren oft regionale Angelegenheiten, bei denen Richter nach persönlichem Empfinden, Erfahrung und lokalen Gepflogenheiten urteilten. Was in der Extremadura als exzellent galt, wurde in Andalusien vielleicht anders bewertet. Diese Subjektivität hatte Charme, stand aber der Entwicklung zu einer national anerkannten und fairen Sportdisziplin im Weg.

Mit der wachsenden Popularität der Doma Vaquera als Zuschauersport wuchs auch der Ruf nach einheitlichen Standards. Gefragt waren vor allem:

  • Vergleichbarkeit: Leistungen sollten über regionale Grenzen hinweg objektiv messbar sein.
  • Fairness: Reiter und Pferde verdienten eine transparente und einheitliche Bewertung.
  • Nachvollziehbarkeit: Zuschauer und neue Reiter mussten verstehen, was eine gute Leistung ausmacht.

Die zentrale Herausforderung war gewaltig: Wie übersetzt man die instinktive, fließende Arbeit des Feldes in ein standardisiertes Punktesystem, ohne den einzigartigen Charakter – den aire vaquero – zu verlieren?

Die Pioniere der Formalisierung: Wer schrieb die Regeln?

Die treibende Kraft hinter der Standardisierung war die spanische Reiterliche Vereinigung, die Real Federación Hípica Española (RFHE). Sie erkannte die Notwendigkeit, das kulturelle Erbe der Doma Vaquera zu bewahren und sie gleichzeitig in die Strukturen des modernen Turniersports zu integrieren.

Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess spielte eine Gruppe von Experten, erfahrenen Vaqueros und Züchtern. Einer der prominentesten Namen, der oft mit der Ausarbeitung des ersten Regelwerks in Verbindung gebracht wird, ist Don Luis Ramos-Paúl y de la Gándara. Als anerkannter Reiter und Kenner der Materie leitete er eine Kommission, deren Aufgabe es nicht war, die Doma Vaquera neu zu erfinden, sondern ihre Essenz zu kodifizieren. Dafür reisten die Mitglieder durchs Land, beobachteten, sprachen mit alten Vaqueros und analysierten die fundamentalen Manöver, die für die Rinderarbeit unerlässlich sind.

Ihr Ziel war es, einen gemeinsamen Nenner zu finden, der die regionalen Stile respektierte, aber einen nationalen Standard für Wettkämpfe schuf.

Die Grundpfeiler des ersten Regelwerks (ca. 1975)

Um 1975 wurde das erste offizielle Regelwerk veröffentlicht. Es war ein Meilenstein, der die Doma Vaquera von einer reinen Gebrauchsreitweise zu einer anerkannten Turnierdisziplin erhob. Die wichtigsten Neuerungen waren:

  1. Festlegung der Lektionen: Erstmals wurden die Pflichtübungen einer Prüfung klar definiert. Dazu gehörten Manöver wie die Media Vuelta, die schnellen Pirouetten auf der Hinterhand, die Parada a Raya, der spektakuläre Stopp aus vollem Galopp, und natürlich die Arbeit mit der Garrocha, dem traditionellen Hirtenstab der Vaqueros.
  2. Einführung eines Punktesystems: Statt einer rein subjektiven Einschätzung gab es nun eine Skala (meist von 0 bis 10) für jede einzelne Lektion. Dies ermöglichte eine detaillierte und nachvollziehbare Bewertung.
  3. Standardisierung von Ausrüstung und Kleidung: Das Regelwerk legte fest, welche traditionelle Ausrüstung – vom Sattel (Silla Vaquera) bis zur Zäumung – und Kleidung für Reiter zulässig waren, um das authentische Bild der Disziplin zu wahren.

Die größte Herausforderung: Den „Geist des Feldes“ bewahren

Die vielleicht genialste Leistung der Regelwerkschöpfer war es, nicht nur die technische Ausführung zu bewerten, sondern auch den Gesamteindruck – den bereits erwähnten aire vaquero. Es ist jene schwer fassbare Qualität, die eine gute von einer großartigen Vorstellung unterscheidet. Es geht um Harmonie, Gelassenheit des Pferdes, Impuls, Mut und die Leichtigkeit, mit der die schwierigsten Manöver ausgeführt werden.

Das Regelwerk führte daher Noten für den Gesamteindruck ein. Sie sollten sicherstellen, dass ein mechanisch perfekter, aber seelenloser Ritt nicht über einem siegen konnte, der den wahren Geist der Doma Vaquera als faszinierende Reitweise verkörperte. Genau dieser Aspekt stellt Richter bis heute vor die größte Herausforderung und hält die Disziplin so lebendig.

Von der Weide ins Viereck: Die Auswirkungen des Regelwerks

Die Einführung des Regelwerks zeigte tiefgreifende und überwiegend positive Wirkung. Die Doma Vaquera erlebte einen enormen Popularitätsschub in ganz Spanien und später auch international. Die klaren Regeln machten den Sport für neue Reiter zugänglich und für Zuschauer verständlicher.

Gleichzeitig entstand eine neue Verantwortung: die Verbindung zur ursprünglichen Arbeit auf dem Feld nicht zu verlieren. Die besten Reiter und Ausbilder betonen bis heute, dass jede Lektion im Viereck einen praktischen Ursprung in der Rinderarbeit hat. Das spiegelt sich bis in die Ausrüstung wider: Ein gut passender Sattel, der dem Reiter Stabilität und dem Pferd maximale Schulterfreiheit für schnelle Wendungen gewährt, ist hier kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel haben Konzepte entwickelt, die genau auf diese Anforderungen der barocken Pferde und iberischen Reitweisen zugeschnitten sind. (Partnerhinweis)

FAQ – Häufig gestellte Fragen zur Entstehung des Regelwerks

War die Doma Vaquera vor 1975 komplett regellos?
Nein, sie folgte ungeschriebenen Regeln und Traditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Diese waren jedoch oft regional unterschiedlich und nicht standardisiert, was faire, überregionale Wettkämpfe erschwerte.

Hat sich die Reitweise durch das Regelwerk stark verändert?
Das Regelwerk hat die Reitweise nicht verändert, sondern formalisiert. Es hat die bestehenden Techniken und Manöver in eine prüfbare Form gebracht. Natürlich hat der Fokus auf den Turniersport zu einer Verfeinerung und Präzisierung der Lektionen geführt, während die Essenz dieselbe geblieben ist.

Wer ist heute für die Regeln der Doma Vaquera zuständig?
Die Real Federación Hípica Española (RFHE) ist nach wie vor die oberste Instanz für das Regelwerk in Spanien. Es wird regelmäßig überprüft und an die Entwicklungen im Sport angepasst, um Fairness, Tierwohl und den traditionellen Charakter der Disziplin zu gewährleisten.

Fazit: Ein Meilenstein für die iberische Reitkultur

Die Schaffung des ersten Doma-Vaquera-Regelwerks in den 1970er Jahren war mehr als nur ein bürokratischer Akt. Es war eine entscheidende Kulturleistung, die eine jahrhundertealte Tradition für die moderne Welt bewahrte. Indem die Pioniere von damals die Seele des Gebrauchsreitens in eine faire und verständliche Turnierordnung überführten, sicherten sie der Doma Vaquera nicht nur ihr Überleben, sondern ermöglichten ihr, zu einer der faszinierendsten Reitdisziplinen der Welt aufzublühen.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.