Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Working Equitation auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Den ‚Go‘ des Iberers kanalisieren: Wie Sie die Energie von PRE und Lusitano im Speed-Trail optimal nutzen
Stellen Sie sich diese Szene vor: Sie reiten in den Parcours für den Speed-Trail. Ihr Pferd, ein prachtvoller Pura Raza Española (PRE) oder ein feuriger Lusitano, tanzt unter Ihnen. Jeder Muskel ist gespannt, die Ohren spielen, und Sie spüren diese unglaubliche, brodelnde Energie – den berühmten „Go“, der diese Rassen so faszinierend macht. Doch in diesem Moment ist es ein schmaler Grat: Wird diese Energie zu einem brillanten, fehlerfreien Ritt führen oder in nervöser Hektik verpuffen und die Stangen nur so fliegen lassen?
Wenn Ihnen dieses Szenario bekannt vorkommt, sind Sie nicht allein. Die außergewöhnliche Sensibilität und explosive Kraft iberischer Pferde ist Segen und Herausforderung zugleich. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie das angeborene Feuer Ihres Pferdes nicht unterdrücken, sondern gezielt kanalisieren – und es in Ihren größten Vorteil im Speed-Trail verwandeln.
Das iberische Paradox: Warum explosive Energie Segen und Fluch zugleich ist
Um die Energie Ihres Pferdes zu meistern, müssen Sie zuerst ihre Quelle verstehen. Es ist keine Unart oder mangelnde Kooperationsbereitschaft, sondern pure Biologie.
Eine Studie von Dr. Schade et al. (2020) hat gezeigt, dass PRE und Lusitanos im Vergleich zu vielen Warmblütern einen höheren Anteil an schnellzuckenden Muskelfasern (Typ IIa) besitzen. Vereinfacht gesagt, sind sie geborene Sprinter. Ihr Körper ist für schnelle, explosive Kraftentfaltung optimiert – perfekt für die Wendigkeit, die in der Rinderarbeit oder im Stierkampf historisch gefordert war. Der Nachteil: Diese Muskulatur ermüdet bei langanhaltender Belastung schneller. Ein Iberer „brennt“ also heißer, aber auch kürzer.
Hinzu kommt eine angeborene Sensibilität. Forschungen im Equine Behavior Journal (2022) belegen, dass iberische Rassen oft eine erhöhte Cortisol-Reaktion auf neue oder stressige Reize zeigen. Ein lauter Richter-Gong, flatternde Bänder oder der Druck eines Turniers können von ihnen intensiver wahrgenommen werden. Ihr Pferd ist also nicht „hysterisch“ – es ist physiologisch darauf programmiert, wachsamer zu sein.
Das Verständnis dieser beiden Faktoren ist der erste Schritt zur Lösung: Ihr Ziel ist es nicht, das Feuer zu löschen, sondern ihm eine Richtung zu geben.
Von nervöser Hektik zu fokussierter Kraft: Der entscheidende Unterschied
Erfahrene Trainer der Working Equitation wissen: „Reaktivität ist nicht Bereitschaft.“ Ein Pferd, das bei der kleinsten Hilfe nach vorne schießt, ist nicht unbedingt bereit, Leistung zu erbringen. Es reagiert nur. Was wir anstreben, ist fokussierte Kraft – ein Zustand, in dem das Pferd mental beim Reiter und bei der Aufgabe ist.
Der Unterschied ist sowohl von außen sichtbar als auch im Sattel spürbar:
- Nervöse Hektik: Das Pferd trägt den Kopf hoch, der Rücken ist fest und nach unten gedrückt, die Atmung flach. Die Tritte sind kurz und hastig. Die Energie verpufft nach oben und zur Seite, anstatt in Schubkraft umgesetzt zu werden.
- Fokussierte Kraft: Das Pferd wölbt den Rücken auf, die Hinterhand tritt aktiv unter den Schwerpunkt, und der Hals dient als Balancierstange. Die Bewegungen sind raumgreifend, kraftvoll und ökonomisch. Das Pferd ist „durchlässig“ und wartet auf die nächste Hilfe.
Der Weg von nervöser Hektik zu fokussierter Kraft führt über drei entscheidende Säulen, die Körper und Geist gleichermaßen fordern und fördern.
Die 3 Säulen der Kontrolle im Speed-Trail
Wahre Meisterschaft im Umgang mit dem iberischen Temperament entsteht aus der Kombination von mentaler Gelassenheit, gymnastizierender Vorbereitung und der stabilisierenden Wirkung des Reiters.
Säule 1: Die mentale Vorbereitung – Ihr Pferd als Partner, nicht als Sportgerät
Ein zentraler Leitsatz von Ausbildern lautet: „Mentale Ermüdung geht der körperlichen voraus.“ Ein mental überfordertes Pferd kann seine beeindruckende Athletik nicht entfalten. Es wird fehleranfällig, explosiv oder verweigert die Mitarbeit.
Ihr Ziel: Bauen Sie mentale Ausdauer auf. Der Trail-Parcours darf kein Ort des Stresses sein, sondern ein bekannter Spielplatz.
Praktische Umsetzung:
- Stressfreie Erkundung: Führen Sie Ihr Pferd vor dem Training in Ruhe durch den Parcours. Lassen Sie es an den Hindernissen schnuppern und entspannen.
- Kurze, fokussierte Einheiten: Passen Sie Ihr Training an die Muskulatur Ihres Pferdes an – 20 Minuten hochkonzentrierte Arbeit sind wertvoller als eine Stunde zermürbender Drill.
- Pausen sind Gold wert: Geben Sie Ihrem Pferd nach einer anspruchsvollen Übung eine Pause am langen Zügel. Das hilft ihm, Informationen zu verarbeiten und den Cortisolspiegel zu senken.
Säule 2: Die gymnastizierende Basis – Warum der Speed-Trail in der Dressur gewonnen wird
Ein weiterer Grundsatz lautet: „Der Speed-Trail wird in der Dressurphase gewonnen.“ Geschwindigkeit ohne Balance und Versammlung ist nur unkontrolliertes Rennen. Die Fähigkeit, vor einem Hindernis Kraft auf der Hinterhand aufzunehmen und danach wieder kraftvoll anzugaloppieren, ist reine Dressurarbeit.
Die renommierte Biomechanik-Expertin Dr. Hilary Clayton betont, dass wahre Kraft einer aktiven Hinterhand und einem stabilen Rumpf entspringt. Nur wenn das Pferd lernt, seinen Rücken aufzuwölben und das Gewicht mit den Hinterbeinen zu tragen, kann es die schnellen, präzisen Wendungen im Speed-Trail meistern.
Ihr Ziel: Verbessern Sie die Tragkraft und Geschmeidigkeit Ihres Pferdes.
Praktische Umsetzung:
- Meister der Übergänge: Reiten Sie unzählige Übergänge zwischen den Gangarten, insbesondere Galopp-Schritt-Galopp. Diese Lektion schult die Versammlungsfähigkeit wie kaum eine andere.
- Seitengänge als Allheilmittel: Schulterherein und Traversalen verbessern die Biegung, aktivieren das innere Hinterbein und machen Ihr Pferd geschmeidig und durchlässig für Ihre Hilfen.
- Die Grundlagen der Working Equitation verstehen: Wer die dressurmäßige Basis dieser Disziplin verinnerlicht, wird im Trail automatisch erfolgreicher sein.
Säule 3: Der Reiter als Fels in der Brandung – Ihr Sitz als Ankerpunkt
Ihr Pferd ist Ihr Spiegel. Wenn Sie mit Anspannung, flacher Atmung und klammernden Beinen in den Parcours reiten, übertragen Sie diese Nervosität direkt auf Ihr sensibles Pferd. Ein tiefer, ausbalancierter und unabhängiger Sitz ist der Anker, der Ihrem Pferd in der Hektik des Speed-Trails Sicherheit vermittelt.
Ein stabiler Sitz ermöglicht es Ihnen, präzise und minimale Hilfen zu geben, statt grob am Zügel einwirken zu müssen. Er erlaubt dem Pferd, seinen Rücken frei zu bewegen und die Kraft aus der Hinterhand ungehindert durch den Körper fließen zu lassen.
Auch die Ausrüstung spielt hier eine entscheidende Rolle. Ein Sattel, der dem Reiter Stabilität gibt, ohne die Bewegung des Pferdes zu blockieren, ist entscheidend. Die oft kurzen, stark bemuskelten Rücken der Iberer erfordern eine spezielle Passform. Sattelkonzepte, wie sie etwa von Iberosattel speziell für barocke Pferde entwickelt werden, zielen genau auf diese Balance ab: maximale Bewegungsfreiheit für das Pferd bei einem sicheren Sitz für den Reiter. Eine passende Ausrüstung ist daher kein Luxus, sondern die Grundlage für feines Reiten.
Häufige Fragen (FAQ): Den „Go“ im Griff
Mein Pferd wird schon beim Anblick des Parcours heiß. Was kann ich tun?
Dies ist ein klassisches Zeichen von Stress und Antizipation. Arbeiten Sie an der Desensibilisierung. Führen Sie Ihr Pferd oft und ohne Anforderung durch den Parcours. Belohnen Sie es für jeden Moment der Entspannung. So wird der Parcours vom Ort der Anspannung zum Ort der konzentrierten Arbeit.
Wie unterscheidet sich das Training eines PRE von dem eines Lusitanos für den Speed-Trail?
Obwohl beide Rassen sehr ähnlich sind, gelten Lusitanos oft als noch etwas agiler und wendiger, während PREs manchmal durch ihre majestätische Gelassenheit punkten. Die grundlegenden Trainingsprinzipien zur Kanalisierung der Energie sind jedoch für beide Rassen identisch, da ihre physiologischen Grundlagen sehr ähnlich sind.
Ab wann ist mein Pferd bereit für den Speed-Trail?
Ein Pferd ist bereit, wenn die dressurmäßigen Grundlagen absolut gefestigt sind. Es sollte sich in allen drei Gangarten sicher regulieren lassen, auf feine Hilfen reagieren und einzelne Hindernisse ruhig und konzentriert absolvieren können. Der Speed kommt erst ganz zum Schluss, wenn Präzision und Losgelassenheit selbstverständlich sind.
Fazit: Energie ist Ihr wertvollstes Gut
Der temperamentvolle „Go“ Ihres iberischen Pferdes ist kein Problem, das es zu unterdrücken gilt. Er ist sein größtes Kapital. Wenn Sie die biologischen und mentalen Besonderheiten Ihres Pferdes verstehen und Ihr Training darauf ausrichten, verwandeln Sie unkontrollierte Hektik in explosive, präzise und atemberaubende Leistung.
Der Schlüssel liegt darin, ein Partner zu sein, der Sicherheit gibt, ein Trainer, der die gymnastische Basis schafft, und ein Reiter, der mit seinem Sitz führt. Dann wird die brodelnde Energie unter Ihnen nicht zur Last, sondern zum Garanten für Erfolg und Harmonie im Speed-Trail.



