Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur mit barocken Pferden auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die dynamische Ausbildungsskala: Wie Profis bei Barockpferden täglich neu priorisieren
Der Plan für heute war klar: an der Versammlung feilen, den Schwung verbessern. Doch das Pferd hat andere Pläne. Es ist fest, guckig oder eilig. Man versucht, sich an die Stufen der klassischen Ausbildungsskala zu halten, aber es fühlt sich an, als würde man gegen eine Wand reiten. Ein Gefühl, das viele Reiter kennen. Der Grund ist simpel: Das Pferd hat das Lehrbuch nicht gelesen. Es ist Zeit, nicht mehr stur einem Schema zu folgen, sondern das Pferd zu lesen.
Die Ausbildungsskala ist eines der wertvollsten Konzepte der klassischen Reitkunst. Ihr größter Feind ist die starre Interpretation. Profis nutzen sie nicht als Leiter, die man Stufe für Stufe erklimmt, sondern als diagnostisches Werkzeug – eine Art Dashboard für den täglichen Zustand des Pferdes. Gerade bei barocken Pferden mit ihrer natürlichen Veranlagung zur Versammlung ist diese flexible Herangehensweise entscheidend für eine gesunde Ausbildung.
Die Kunst besteht darin, die Ausbildungsskala von einer starren Checkliste in eine dynamische Landkarte für das tägliche Training zu verwandeln.
Die 6 Bausteine der Ausbildungsskala – Mehr als eine Pyramide
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) definiert die Ausbildungsskala als Fundament der Pferdeausbildung. Sie besteht aus sechs aufeinander aufbauenden Elementen, die eine systematische und pferdegerechte Gymnastizierung sicherstellen sollen.
Die sechs Punkte lauten:
- Takt: Die Gleichmäßigkeit aller Schritte, Tritte und Sprünge.
- Losgelassenheit: Ein psychisch und physisch entspanntes Pferd, das mit schwingendem Rücken arbeitet.
- Anlehnung: Die stete, weich-federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul.
- Schwung: Der energische Impuls aus der Hinterhand, der sich über den schwingenden Rücken auf die Gesamtbewegung überträgt.
- Geraderichtung: Das Pferd tritt mit den Hinterhufen in die Spur der Vorderhufe und ist auf beiden Händen gleichmäßig biegsam.
- Versammlung: Die Entwicklung der Tragkraft, bei der das Pferd vermehrt Last mit der untertretenden Hinterhand aufnimmt.
Die Darstellung als Pyramide suggeriert einen linearen Prozess. Das ist falsch. In der Praxis weiß jeder erfahrene Reiter, dass diese Punkte untrennbar verwoben sind. Ein Verlust des Taktes beeinträchtigt die Losgelassenheit, und ohne Losgelassenheit ist eine reelle Anlehnung unmöglich.
Vom starren Schema zum flexiblen System:
- Takt, Losgelassenheit und Anlehnung sind das Fundament. Sie müssen jeden Tag aufs Neue überprüft und bei Bedarf wiederhergestellt werden.
- Schwung und Geraderichtung entwickeln sich aus dieser soliden Basis. Sie verfeinern die Bewegung und bereiten höhere Aufgaben vor.
- Versammlung ist das Ergebnis der korrekten Entwicklung aller vorherigen Punkte. Sie erfordert eine gefestigte Basis.
Merken Sie sich: „Hören Sie auf, eine Leiter zu erklimmen. Fangen Sie an, eine Landkarte zu lesen.“
Die Kunst der dynamischen Priorisierung: Lesen, was Ihr Pferd heute braucht
Meisterhaft wird die Anwendung der Skala erst, wenn man die Tagesform des Pferdes erkennt und sein Training darauf abstimmt. Ein Pferd ist keine Maschine. Wetter, Haltung, Fütterung, sogar die Stimmung des Reiters beeinflussen seine Leistungsfähigkeit. Ein Profi fragt sich nicht: „Welche Lektion steht heute auf dem Plan?“, sondern: „Was bietet mir mein Pferd heute an und was braucht es, um besser zu werden?“
Priorität 1: Losgelassenheit – Das Fundament für alles Weitere
Losgelassenheit ist der Zustand, in dem sich ein Pferd ohne unnötige Muskelanspannung und mit innerer Gelassenheit bewegt. Sie ist die absolute Grundlage. Ohne sie geht nichts.
Wann Sie Losgelassenheit priorisieren sollten:
- Ihr Pferd ist schreckhaft, guckig oder schaut sich um.
- Der Rücken fühlt sich fest an und schwingt nicht mit.
- Die Anlehnung ist unruhig, das Pferd sperrt das Maul oder legt sich auf den Zügel.
- Die Ohren sind nach hinten geklappt, der Gesichtsausdruck ist angespannt.
Der Fall des Barockpferdes:
Gerade barocke Rassen wie PRE oder Lusitanos neigen dazu, sich bei Anspannung eher zu versammeln, als davonzulaufen. Sie bieten eine hohe Kopfhaltung an, verkürzen den Hals. Ein unerfahrener Reiter könnte dies fälschlicherweise als Beginn der Versammlung deuten. Tatsächlich ist es oft eine Spannungsreaktion, die den Rücken blockiert. Echte Versammlung kann nur aus einem losgelassenen, schwingenden Rücken entstehen.
Häufiger Fehler: Schwung bei einem verspannten Pferd erzwingen. Viele Reiter versuchen, ein festes Pferd mit vermehrtem Treiben „locker“ zu reiten. Das Resultat ist nur noch mehr Spannung, ein eiliger Takt und ein harter Rücken. Echter Schwung ist das Ergebnis von Losgelassenheit, nicht deren Ursache.
Fortschritts-Checkpoint: Sie haben eine ausreichende Losgelassenheit für heute erreicht, wenn Ihr Pferd zufrieden kaut, der Schweif locker pendelt und der Rücken spürbar auf- und abschwingt. Auf einer großen, gebogenen Linie dehnt es sich dabei vertrauensvoll vorwärts-abwärts an die Hand heran.
Priorität 2: Takt – Der Herzschlag der Bewegung
Der Takt ist die Grundlage jeder Bewegungskontrolle. Ohne einen klaren, gleichmäßigen Rhythmus ist jede weitere Gymnastizierung sinnlos. Ein gestörter Takt ist fast immer ein Symptom für ein tieferliegendes Problem – sei es mangelnde Losgelassenheit, Schmerz oder eine unausbalancierte Reitereinwirkung.
Wann Sie den Takt priorisieren sollten:
- Ihr Pferd eilt oder wird schleppend.
- Die Übergänge sind überstürzt oder stockend.
- Das Pferd fällt in Wendungen auf die innere Schulter oder bricht aus.
Die Arbeit am Takt stabilisiert das Pferd mental und physisch. Gleichmäßige, rhythmische Arbeit auf großen Linien hilft ihm, seine Balance und damit die Losgelassenheit wiederzufinden.
Priorität 3: Anlehnung – Das Ergebnis, nicht das Ziel
Eine korrekte Anlehnung ist niemals das Resultat von ziehenden Händen. Sie ist das Geschenk, das ein losgelassenes Pferd dem Reiter macht. Tritt das Pferd mit aktivem Hinterbein über einen schwingenden Rücken an das Gebiss heran, entsteht genau die weiche, federnde Verbindung, die wir suchen.
Wann Sie die Anlehnung (indirekt) verbessern:
- Ihr Pferd verkriecht sich hinter dem Zügel (wird zu eng im Hals).
- Ihr Pferd drückt gegen die Hand und wird stark.
- Die Verbindung fühlt sich instabil an – mal ist sie da, mal weg.
In all diesen Fällen liegt die Lösung nicht in der Hand, sondern weiter hinten. Überprüfen Sie Takt und Losgelassenheit. Reiten Sie Übergänge und Tempounterschiede, um die Hinterhand zu aktivieren. Gerade bei Barockpferden mit ihrem oft hoch angesetzten Hals ist die Versuchung groß, eine „Aufrichtung“ mit der Hand zu erzielen. Das führt nur dazu, dass das Pferd im Hals eng wird und der Rücken blockiert. Der Weg zur echten Anlehnung führt immer über den losgelassenen Rücken.
Denken wie ein Profi: Die ersten 10 Minuten entscheiden
Erfahrene Ausbilder nutzen die ersten Minuten jeder Einheit als diagnostische Phase. Sie fühlen genau hin, wie sich das Pferd an diesem Tag bewegt.
Ein professioneller Diagnoseprozess könnte so aussehen:
- Schritt am langen Zügel: Wie ist die Grundstimmung? Entspannt oder nervös? Ist der Schritt taktrein und raumgreifend?
- Erste Zügelaufnahme im Schritt: Sucht das Pferd eine leichte Dehnung zur Hand oder wehrt es sich? Wie fühlt sich das Genick an – weich oder steif?
- Erstes Antraben auf dem Zirkel: Wie ist der Takt? Fällt das Pferd auf die innere Schulter? Schwingt der Rücken oder fühlt er sich fest an?
Basierend auf diesen Beobachtungen wird der Fokus für den Tag festgelegt.
- Fühlt sich das Pferd fest und spannig an? Der Plan, an Traversalen zu arbeiten, wird verworfen. Der Fokus liegt auf Losgelassenheit: große, gebogene Linien, viele Übergänge zwischen Schritt und Trab, Tempounterschiede im Trab.
- Fühlt sich das Pferd energiegeladen, aber taktrein und losgelassen an? Perfekt. Das ist ein guter Tag, um an Schwung und Geraderichtung zu arbeiten. Lektionen wie Schulterherein oder Schenkelweichen können die Gymnastizierung fördern.
- Ist das Pferd etwas träge und hinter den treibenden Hilfen? Der Fokus liegt auf der Reaktion. Häufige Übergänge und das Reiten von kurzen, energischen Reprisen können helfen, das Pferd aufzuwecken.
Diese Fähigkeit, den Plan anzupassen, unterscheidet den denkenden Reiter vom reinen Lektionen-Abarbeiter.
Der Praxistest: Ihre tägliche Diagnose-Checkliste
Um Ihnen den Einstieg in diese denkende Reitweise zu erleichtern, haben wir eine praktische Checkliste entwickelt. Sie hilft Ihnen, vor und während des Reitens die richtigen Fragen zu stellen und den Fokus für Ihre Trainingseinheit bewusst zu wählen. Laden Sie die Checkliste herunter, drucken Sie sie aus und nehmen Sie sie mit in den Stall. Sie wird Ihre Wahrnehmung schärfen.
Fazit: Von der starren Leiter zur dynamischen Landkarte
Die Ausbildungsskala bleibt ein Leitfaden für die pferdegerechte Ausbildung. Ihr wahrer Wert entfaltet sich aber erst, wenn wir sie nicht als starres Gesetz, sondern als intelligentes Diagnosewerkzeug verstehen. Indem Sie lernen, die Tagesform Ihres Pferdes zu lesen und Ihr Training flexibel anzupassen, arbeiten Sie mit Ihrem Pferd, nicht gegen es.
Gerade in der Ausbildung barocker Pferde ist dieser Ansatz der Schlüssel zu Harmonie und Gesundheit. Ihre Stärken und Herausforderungen erfordern besonderes Einfühlungsvermögen. Vergessen Sie den starren Plan. Entdecken Sie die Freude daran, jeden Tag neu auf die Bedürfnisse Ihres Partners Pferd einzugehen.
Ihr neues Motto: „Die Ausbildungsskala ist kein Rezept, sondern Ihr diagnostischer Werkzeugkasten.“
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
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Sollte ich an Schwung arbeiten, wenn mein Pferd verspannt ist?
Nein, auf keinen Fall. Schwung entsteht aus einem losgelassenen, schwingenden Rücken. Wenn Sie versuchen, ein verspanntes Pferd mit mehr Energie vorwärts zu reiten, erzeugen Sie nur eilige, kraftlose Bewegungen und verstärken die Verspannung. Gehen Sie immer einen Schritt zurück und stellen Sie zuerst die Losgelassenheit sicher. -
Wie erkenne ich echte Losgelassenheit?
Echte Losgelassenheit hat mehrere Anzeichen: einen entspannten Gesichtsausdruck mit weichem Auge, lockeres Kauen auf dem Gebiss, ein pendelnder Schweif und vor allem ein spürbar schwingender Rücken. Das Pferd dehnt sich vertrauensvoll an die Reiterhand heran und lässt sich in Wendungen geschmeidig biegen. -
Gilt die Ausbildungsskala für Barockpferde anders?
Die Prinzipien gelten universell. Ihre Anwendung und Priorisierung müssen aber rassespezifisch sein. Barockpferde bringen oft eine natürliche Neigung zur Versammlung und hohe Aufrichtung mit. Das verleitet Reiter dazu, die Basisarbeit (insbesondere Losgelassenheit und Geraderichtung) zu vernachlässigen. Für ein Barockpferd ist es daher umso wichtiger, bewusst auf ein echtes Vorwärts-Abwärts und einen schwingenden Rücken zu achten, bevor höhere Lektionen gefordert werden.


