Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Barockpferde Ausbildung auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Doppellonge: Zügelgefühl und Balance vom Boden aus entwickeln
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen zum ersten Mal auf Ihrem jungen Pferd. Die Zügel in Ihren Händen fühlen sich noch fremd an – und für Ihr Pferd sind sie kaum mehr als zwei Lederriemen ohne klare Bedeutung. Wie überbrückt man diese Lücke zwischen der Absicht des Reiters und dem Verständnis des Pferdes? Die Antwort findet sich nicht im Sattel, sondern am Boden: bei der Arbeit mit der Doppellonge.
Viele Reiter kennen das Longieren mit einer einzelnen Leine als reine Bewegungsmöglichkeit. Die Doppellonge jedoch ist weit mehr als das – sie ist ein feines Kommunikationsinstrument und einer der effektivsten Wege, ein Pferd gymnastisch auf das Reiten vorzubereiten. Sie ist die Generalprobe für die Zügelhilfen, lange bevor das Reitergewicht die empfindliche Balance des Pferdes beeinflusst.
Was ist die Doppellonge und warum ist sie so wertvoll?
Anders als bei der einfachen Longe arbeiten Sie hier mit zwei Leinen. Eine Longe verläuft wie gewohnt von Ihrer Hand über einen Longiergurt zum inneren Trensenring oder Kappzaumring. Die zweite, äußere Longe wird um die Hinterhand des Pferdes herumgeführt und zum äußeren Gebissring geleitet. Dadurch entsteht ein Rahmen, der dem Zügelkontakt unter dem Reiter sehr nahekommt. Sie können nicht nur vorwärts-abwärts treiben, sondern auch Stellung und Biegung abfragen, Paraden geben und die Schulter kontrollieren – und simulieren so das Zusammenspiel beider Reiterhände.
Gerade für barocke Pferde mit ihrem oft kompakten Körperbau und ihrer natürlichen Veranlagung zur Versammlung ist diese Arbeit ein Segen. Sie lernen, ihren Körper auszubalancieren, die Hinterhand aktiv zu nutzen und sich losgelassen zu biegen, ohne vom Reitergewicht gestört zu werden.
![Pferd an der Doppellonge, korrekt gestellt und gebogen in einer Volte]()
Die Wissenschaft dahinter: Mehr als nur im Kreis laufen
Die Doppellongenarbeit ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon der berühmte Leiter der Spanischen Hofreitschule, Alois Podhajsky, betonte in seinen Lehren zur „klassischen Reitkunst“ die immense Bedeutung der Bodenarbeit als Fundament für Vertrauen und Verständnis. Doch was genau passiert dabei im Pferdekörper?
Forschungen zur Biomechanik, wie sie im Journal of Equine Veterinary Science diskutiert werden, zeigen: Eine korrekte Biegung ist weit mehr als nur ein gekrümmter Hals. Sie aktiviert die gesamte schräge Bauchmuskulatur, dehnt die Muskulatur der äußeren Körperhälfte und fordert das innere Hinterbein auf, vermehrt Last aufzunehmen. Das Pferd lernt, seinen Rumpf anzuheben und den Rücken aufzuwölben – die wichtigste Voraussetzung für späteres gesundes Reiten. Eine Studie von Denoix & Pailloux (1996) belegt zudem, dass gezielte Bodenarbeit die Muskelkoordination und -symmetrie verbessert. Ein Pferd, das am Boden gelernt hat, im Gleichgewicht zu gehen, wird sich auch unter dem Reiter leichter tun.
Diese vorbereitende Gymnastizierung beugt muskulären Dysbalancen und späteren Rittigkeitsproblemen effektiv vor und ist damit ein entscheidender Baustein in der Ausbildung des Jungpferdes. Sie formt den Athleten, bevor der Reiter in den Sattel steigt, und legt den Grundstein für eine harmonische Partnerschaft.
Ihr Weg zur feinen Kommunikation: Eine praktische Anleitung
Der Einstieg in die Doppellongenarbeit erfordert Geduld und Gefühl, ist aber kein Hexenwerk. Mit der richtigen Herangehensweise können Sie und Ihr Pferd schnell die Vorteile dieser Methode entdecken.
Die richtige Ausrüstung
Die passende Ausrüstung ist die Grundlage für eine sichere und effektive Arbeit. Sie benötigen:
- Eine Doppellonge: Meist zwischen 16 und 18 Meter lang, aus einem leichten, aber griffigen Material.
- Einen Longiergurt: Ein gut sitzender Gurt mit genügend Ringen in verschiedenen Höhen ist entscheidend. So können Sie die Höhe der Longenführung an den Ausbildungsstand Ihres Pferdes anpassen.
- Einen Kappzaum: Besonders in der Anfangsphase ist ein Kappzaum die beste Wahl. Er wirkt sanft auf den Nasenrücken und vermeidet unsanftes Ziehen im Pferdemaul.
- Handschuhe und eine Longierpeitsche: Dienen Ihrer Sicherheit und als verlängerter Arm, um die Hinterhand zu aktivieren.
![Detailaufnahme der Longenführung durch die Ringe eines Longiergurtes]()
Die ersten Schritte: Vertrauen aufbauen
Bevor Sie loslegen, muss Ihr Pferd die äußere Longe, die um seine Hinterhand verläuft, akzeptieren.
- Gewöhnung: Führen Sie Ihr Pferd zunächst und legen Sie die äußere Longe nur lose über seinen Rücken. Streichen Sie es damit ab, bis es die Berührung entspannt zulässt.
- Hinterhand-Kontakt: Führen Sie die Longe langsam und ruhig hinter die Hinterhand. Loben Sie Ihr Pferd ausgiebig für jede ruhige Reaktion. Wiederholen Sie dies auf beiden Händen, bis es zur Routine wird.
- Erste Kreise: Beginnen Sie im Schritt auf einem großen Zirkel. Halten Sie anfangs wenig Kontakt und lassen Sie Ihr Pferd seinen Weg finden. Die Peitsche dient als treibende Hilfe und ersetzt den inneren Schenkel.
Zügelhilfen vom Boden simulieren
Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Sie können die Zügelhilfen des Reiters nachahmen und Ihrem Pferd deren Bedeutung erklären:
- Stellung und Biegung: Nehmen Sie die innere Longe leicht an, um eine sanfte Stellung im Genick zu erbitten. Gleichzeitig begrenzt die äußere Longe die Schulter und sorgt dafür, dass sich das Pferd im gesamten Körper biegt und nicht nur den Hals abknickt.
- Halbe Paraden: Kurzes Annehmen und Nachgeben an der äußeren Longe hilft dem Pferd, sich auszubalancieren und die Hinterhand stärker zu aktivieren. So können Sie Übergänge vorbereiten oder das Tempo regulieren.
- Der äußere Zügel als Anlehnung: Die äußere Longe gibt den entscheidenden Rahmen. Sie ist die Verbindung, die dem Pferd Sicherheit und Balance schenkt – genau wie der äußere Zügel beim Reiten.
![Reiter gibt eine sanfte Parade an der äußeren Longe, um das Pferd auszubalancieren]()
Das Ziel ist stets die Losgelassenheit. Ein Pferd, das sich an der Doppellonge ausbalanciert und im Takt bewegt, wird diese positive Körperspannung auch mit unter den Sattel nehmen.
Die Brücke zum Reiten: Ein vorbereiteter Rücken
Die gymnastizierende Arbeit an der Doppellonge stärkt gezielt die Muskulatur, die das Pferd später braucht, um das Reitergewicht zu tragen. Ein gut vorbereiteter Rücken ist der beste Schutz gegen Verspannungen und langfristige Schäden. Wenn der Moment des Anreitens kommt, versteht das Pferd nicht nur die Zügelhilfen besser, sondern sein Körper ist auch bereit für die neue Aufgabe.
Diese Vorbereitung ist besonders wertvoll für den typischen barocken Pferdekörper, der oft einen kurzen, kräftigen Rücken aufweist. Ein gut bemuskelter Rücken erleichtert es, später einen passenden Sattel zu finden, der das Gewicht optimal verteilt und die Bewegung nicht einschränkt.
(Partnerhinweis) Hersteller wie Iberosattel haben sich beispielsweise auf Sattelkonzepte spezialisiert, die den anatomischen Besonderheiten dieser Pferde gerecht werden und die aufgebaute Rückenmuskulatur ideal unterstützen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ab welchem Alter kann ich mit der Doppellonge beginnen?
Sie können bereits mit einem Dreijährigen spielerisch beginnen, um ihn an die Ausrüstung zu gewöhnen. Die eigentliche gymnastische Arbeit sollte jedoch erst starten, wenn das Pferd körperlich und geistig reif genug ist, meist im Alter von etwa vier Jahren.
Sollte ich einen Kappzaum oder eine Trense verwenden?
Für Anfänger und junge Pferde ist der Kappzaum immer die bessere Wahl, da er das empfindliche Maul schont. Bei fortgeschrittenen Pferden kann später auch auf Trense gearbeitet werden, um die Hilfengebung weiter zu verfeinern.
Wie lang sollten die Trainingseinheiten sein?
Weniger ist mehr. Beginnen Sie mit kurzen Einheiten von 15 bis 20 Minuten. Die Arbeit an der Doppellonge ist für das Pferd sowohl körperlich als auch mental sehr anspruchsvoll.
Was tue ich, wenn mein Pferd Angst vor der äußeren Longe hat?
Gehen Sie immer einen Schritt zurück. Wiederholen Sie die Gewöhnungsübungen in aller Ruhe. Manchmal hilft es, wenn anfangs eine zweite Person das Pferd führt, während Sie sich auf die Longen konzentrieren. Geduld und positives Feedback sind hier der Schlüssel.
Fazit: Ein Dialog auf Augenhöhe
Die Arbeit an der Doppellonge ist weit mehr als eine Ausbildungstechnik – sie ist ein Dialog. Sie lehrt Ihr Pferd die Sprache der Hilfen in einer Umgebung, in der es sich ausbalancieren und ohne Druck lernen kann. Sie bauen Vertrauen auf, fördern eine gesunde körperliche Entwicklung und legen das Fundament für eine feine, harmonische Kommunikation im Sattel.
Indem Sie sich die Zeit für diese vorbereitende Arbeit nehmen, investieren Sie nicht nur in die Rittigkeit, sondern vor allem in die langfristige Gesundheit und das Wohlbefinden Ihres Pferdes. Es ist eine der schönsten Arten, eine tiefe Verbindung aufzubauen – lange bevor der erste Ritt beginnt.



