Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur mit barocken Pferden auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Doppellonge für Barockpferde: Mehr als nur im Kreis laufen – Vorbereitung auf die Seitengänge
Ein perfekter Schulterherein: Das Pferd bewegt sich leichtfüßig, ausbalanciert, mit einer Eleganz, die nur barocke Pferde ausstrahlen. Jeder Tritt ein Ausdruck von Kraft und Versammlung. Diese Harmonie entsteht aber nicht erst im Sattel. Sie wird am Boden vorbereitet. Und das präziseste Werkzeug dafür ist die Doppellonge – die geheime Waffe des barocken Trainers für Geraderichtung und Seitengänge.
Für viele ist die Doppellonge nur eine komplizierte Art, ein Pferd im Kreis zu schicken. Für Besitzer eines PRE, Friesen oder Andalusiers ist sie aber ein Dialog. Ein Gymnastikinstrument. Die Generalprobe für anspruchsvolle Lektionen. Hier erfahren Sie, wie Sie die Doppellonge gezielt einsetzen, um die natürlichen Anlagen Ihres Barockpferdes für Versammlung und Seitengänge zu fördern. Sie schaffen damit eine solide Basis für die Arbeit unter dem Sattel.
Warum die Doppellonge das ideale Werkzeug für Barockpferde ist
Barocke Pferderassen wie die Pura Raza Española (PRE) oder Lusitanos bringen von Natur aus eine besondere Veranlagung für Versammlung mit. Ihr kompakter, kräftiger Körperbau und die Tendenz zur Bergauf-Konstruktion macht sie zu Kandidaten für Lektionen der Hohen Schule. Genau diese Stärken können aber zur Herausforderung werden. Ohne gezielte Gymnastizierung neigen sie dazu, sich auf die Vorhand zu stützen oder im Rücken festzumachen. Hier entfaltet die Doppellonge ihre volle Wirkung.
Anders als bei der einfachen Longe können Sie auf beide Seiten des Pferdekörpers einwirken:
- Die innere Longe sorgt für Stellung und Biegung.
- Die äußere Longe agiert als Begrenzung. Sie fängt die äußere Schulter ab und verhindert das Ausfallen über die Schulter – der erste und wichtigste Schritt zur Geraderichtung.
Gerade für Barockpferde, die ihre kraftvolle Hinterhand korrekt unter den Schwerpunkt bringen müssen, ist dieser beidseitige Rahmen entscheidend. Sie lernen, sich auszubalancieren, den Rücken aufzuwölben und aktiv mit der Hinterhand Last aufzunehmen. Die Doppellongenarbeit ist damit die perfekte Vorbereitung, um die für Seitengänge wie Schulterherein oder Travers nötige Kraft und Koordination aufzubauen.
Die richtige Ausrüstung und das passende Mindset
Bevor es losgeht, sind zwei Dinge entscheidend: die passende Ausrüstung und die richtige innere Haltung. Die Arbeit mit der Doppellonge ist kein mechanischer Prozess, sondern ein feiner Dialog.
Ihre Ausrüstung:
- Der Kappzaum: Unverzichtbar. Er wirkt direkt auf den Nasenrücken und ermöglicht eine präzise, sanfte Hilfengebung, ohne das empfindliche Maul zu stören. Ein gut sitzender Kappzaum ist die Basis für korrekte Stellung und Biegung.
- Der Longiergurt: Ein stabiler Gurt mit ausreichend vielen Ringen in verschiedenen Höhen ist nötig, um die Longen je nach Übung und Ausbildungsstand korrekt zu verschnallen.
- Die Doppellonge: Wählen Sie Leinen, die gut in der Hand liegen und nicht zu schwer sind. Eine Länge von 16 bis 18 Metern ist für die meisten Plätze gut passend.
Ihr Mindset: Vom Treiber zum Tanzpartner
Ein häufiges Missverständnis ist, dass der Longenführer sein Pferd vor sich hertreiben muss. Verabschieden Sie sich von dem Gedanken. Sehen Sie sich als Tanzpartner. Ihre Position, Ihre Körpersprache und die feinen Signale über die Leinen laden das Pferd zur Bewegung ein. Sie stehen nicht direkt hinter dem Pferd, in seinem toten Winkel. Sie bewegen sich auf einem kleineren Kreisbogen mit, etwa auf Höhe der Hinterhand. Nur so können Sie die gesamte Dynamik des Pferdes sehen und beeinflussen.
Pro-Tipp: Die an der Hand erarbeitete Rückentätigkeit bildet die Grundlage für einen gesunden Pferderücken – eine Anforderung, die sich unter dem Reiter fortsetzt. Ein passender Sattel, der die Anatomie barocker Pferde berücksichtigt – kurzer Rücken, breite Schulter – ist essenziell. In der Praxis finden sich Konzepte, wie die von Iberosattel, die darauf ausgelegt sind, die Bewegungsfreiheit zu erhalten und den erarbeiteten Schwung zu fördern.
Vom Kreis zur Spirale: Die Hilfengebung erlernen
Der Weg zu den Seitengängen beginnt mit einer makellosen Basis. Nehmen Sie sich Zeit für diese ersten Schritte. Sie legen das Fundament für Verständnis und Vertrauen.
Schritt 1: Die Basis – Entspannt vorwärts auf dem Zirkel
Beginnen Sie auf einem großen Zirkel, etwa 15 bis 20 Meter Durchmesser. Führen Sie Ihr Pferd zunächst auf beiden Händen im Schritt. Das Ziel: ein ruhiger, taktreiner und losgelassener Schritt. Das Pferd soll den Kontakt zur inneren und äußeren Longe vertrauensvoll annehmen, ohne sich einzurollen oder gegen die Hand zu gehen.
Schritt 2: Die äußere Longe als Leitplanke – Der erste Schritt zur Geraderichtung
Jetzt kommt die Magie der äußeren Longe ins Spiel. Ihre Hauptaufgabe ist es, die äußere Schulter des Pferdes zu kontrollieren. Viele Pferde, insbesondere junge, driften gern über die äußere Schulter weg. Die sanft anstehende äußere Longe gibt dem Pferd einen Rahmen und hilft ihm, in der Spur zu bleiben. Das ist der erste, entscheidende Schritt zur Geraderichtung – der Fähigkeit des Pferdes, mit den Hinterhufen in die Spur der Vorderhufe zu treten.
Der „Aha-Moment“: Das Zusammenspiel der beiden Longen verstehen
Sobald Ihr Pferd den äußeren Rahmen akzeptiert, können Sie das Zusammenspiel verfeinern.
- Die innere Longe fragt nach leichter Stellung im Genick. Ein kurzes Annehmen und sofortiges Nachgeben genügt.
- Die äußere Longe begrenzt die Schulter und sorgt dafür, dass die Energie der Hinterhand nicht seitlich verpufft.
- Ihre Stimme und Körpersprache fördern das Vorwärts.
In diesem Moment lernt Ihr Pferd, sich zwischen den beiden Hilfen auszubalancieren. Es beginnt, den Rücken zu heben und unterzutreten. Hier fängt die gymnastizierende Arbeit an. Und damit die Vorbereitung auf die Seitengänge.
Textliche Beschreibung des Diagramms:
Das Pferd bewegt sich auf einer Kreislinie. Die innere Longe läuft vom Kappzaum durch einen niedrigen Ring am Longiergurt zu Ihrer Hand. Die äußere Longe verläuft vom Kappzaum über den Rücken des Pferdes (oder durch einen hohen Ring am Gurt) zur anderen Hand. Sie als Longenführer stehen im Zentrum des Zirkels und bilden mit den Longen und dem Pferd ein Dreieck.
Fortschritts-Checkpoint: Ihr Pferd geht auf beiden Händen taktrein im Schritt auf einem großen Zirkel, akzeptiert den äußeren Rahmen und reagiert mit leichter Stellung auf feine Signale der inneren Longe.
Meisterklasse an der Hand: Seitengänge am Boden vorbereiten
Wenn die Grundlagen auf dem Zirkel sitzen, können Sie die eigentlichen Seitengänge vorbereiten. Denken Sie daran: Es geht nicht um Perfektion. Es geht um das spielerische Erklären der Hilfen.
Übung 1: Schultervor und das Schulterherein anbahnen
Das Schultervor ist die Vorübung zum Schulterherein. Dafür verkleinern Sie den Zirkel leicht und führen die innere Schulter des Pferdes etwas nach innen, sodass es auf drei Hufspuren läuft.
- Ihre Position: Sie treten etwas mehr in Richtung der Pferdeschulter.
- Innere Longe: Bittet um etwas mehr Stellung und führt die Vorhand leicht ins Bahninnere.
- Äußere Longe: Liegt an der äußeren Schulter an und verhindert ein Ausfallen. Sie kontrolliert Tempo und Grad der Abstellung.
- Ihre Peitsche oder Gerte: Unterstützt als seitwärtstreibende Hilfe, indem sie sanft die Hinterhand touchiert.
Aus dieser Übung können Sie die ersten Tritte im Schulterherein entwickeln. Ihr Pferd lernt, mit dem inneren Hinterbein vermehrt unter den Schwerpunkt zu treten und Last aufzunehmen. Die Kernkompetenz für alle versammelnden Lektionen.
Übung 2: Travers und Renvers – Die Hinterhand aktivieren
Sobald das Schulterherein verstanden ist, können Sie sich an Travers und Renvers wagen. Hier verschiebt sich der Fokus auf die Kontrolle der Hinterhand.
- Für das Travers (Kruppeherein): Sie führen die Vorhand auf dem Hufschlag und bitten mit der äußeren Longe die Hinterhand, ins Bahninnere zu treten. Ihre Position verlagert sich leicht hinter die Bewegung des Pferdes, um die Hinterhand zu beeinflussen.
- Für das Renvers (Kruppeheraus): Das ist die Konterlektion zum Travers. Die Hinterhand bleibt auf dem Hufschlag, während die Vorhand ins Bahninnere geführt wird.
Diese Übungen fördern die Hankenbeugung und die Geschmeidigkeit in der Lendenpartie, was für die Lektionen der Working Equitation oder der klassischen Dressur unerlässlich ist.
Fortschritts-Checkpoint: Ihr Pferd versteht die seitwärtstreibenden Hilfen und kann auf gerader Linie einige Tritte im Schultervor oder sogar im Schulterherein gehen, wobei es im Takt und im Gleichgewicht bleibt.
Häufige Fehler und wie Sie sie vermeiden: Ein visueller Leitfaden
Aller Anfang ist schwer. Diese typischen Fehler passieren häufig – wer sie kennt, kann sie vermeiden.
Fehler 1: Ziehen statt Führen – Die Handbremse ist angezogen
Wie es aussieht: Das Pferd wird im Genick eng, rollt sich auf oder legt sich gegen die Hand. Der Bewegungsfluss stockt.
Wie es sich anfühlen sollte: Die Longen haben eine sanfte, stetige Verbindung. Hilfen sind kurze Impulse, gefolgt von sofortigem Nachgeben. Ziehen blockiert, Führen leitet.
Fehler 2: Falsche Position des Longenführers – Der tote Winkel
Wie es aussieht: Der Longenführer steht direkt hinter dem Pferd und treibt es nur vorwärts. Er hat keine Kontrolle über die Schulter, kann die Biegung nicht beeinflussen.
Wie es sich anfühlen sollte: Sie sind ein Planet, um den Ihr Pferd kreist. Sie bewegen sich mit und behalten die Übersicht über den gesamten Pferdekörper, um präzise einwirken zu können.
Fehler 3: Das Pferd fällt auf die innere Schulter – Der Balanceverlust
Wie es aussieht: Das Pferd legt sich in die Kurve wie ein Motorrad, macht sich im inneren Rippenbereich steif und verliert den Takt.
Wie es sich anfühlen sollte: Das Pferd bleibt aufrecht und balanciert sich selbst aus. Die äußere Longe fängt die Schulter auf, die innere sorgt für die korrekte Biegung. Das Ergebnis ist ein Pferd, das sich leichtfüßig und im Gleichgewicht bewegt.
Textliche Beschreibung der Gegenüberstellung:
- Falsch: Das Pferd ist stark nach innen geneigt. Die innere Longe ist straff, die äußere hängt durch. Das innere Vorderbein trägt die meiste Last.
- Richtig: Das Pferd ist aufgerichtet und biegt sich gleichmäßig im Körper. Beide Longen haben einen leichten, federnden Kontakt. Das Pferd bewegt sich ausbalanciert auf allen vier Beinen.
Ihr Trainingsplan für die ersten 4 Wochen
Um Ihnen den Einstieg zu erleichtern, haben wir einen praktischen 4-Wochen-Plan entwickelt. Er führt Sie und Ihr Pferd Schritt für Schritt von den Grundlagen auf dem Zirkel bis zu den ersten Seitwärts-Übungen. Laden Sie ihn herunter, drucken Sie ihn aus und legen Sie los!
Fazit: Der Tanz beginnt am Boden
Die Arbeit an der Doppellonge ist für Besitzer von Barockpferden weit mehr als eine Alternative zum Reiten. Sie ist die sorgfältige Vorbereitung, die das volle Potenzial eines Pferdes erst entfaltet. Sie schulen Ihr Auge, verfeinern Ihre Hilfengebung und bauen eine tiefe Verbindung zu Ihrem Pferd auf.
Jede korrekt ausgeführte Übung am Boden ist eine Investition in die Zukunft. Sie schaffen die muskuläre und koordinative Grundlage, die Ihr Pferd braucht, um sich unter dem Sattel gesund und ausdrucksstark zu bewegen. Wenn Sie später im Sattel sitzen und nach einem fließenden Schulterherein fragen, wird sich Ihr Pferd erinnern. Denn dieser Tanz hat am Boden begonnen.


