
Losgelassenheit im Genick und Rücken: Dehnungsübungen für hoch aufgesetzte Hälse
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf Ihrem prachtvollen spanischen Pferd. Der Hals ist imposant aufgerichtet, der Ausdruck wach und stolz – ein Bild purer Eleganz. Doch unter dem Sattel fühlt es sich manchmal anders an: Der Rücken schwingt nicht, das Genick ist fest, und an eine reelle Dehnungshaltung ist kaum zu denken. Jeder Versuch, das Pferd ins Vorwärts-Abwärts zu locken, führt zum selben Ergebnis: Es fällt auf die Vorhand oder senkt den Kopf nur kurz, um ihn gleich darauf wieder hochzunehmen.
Wenn Ihnen dieses Szenario bekannt vorkommt, sind Sie nicht allein. Gerade die anatomischen Besonderheiten barocker Pferde, die wir so bewundern, stellen uns in der Ausbildung vor einzigartige Herausforderungen. Doch mit dem richtigen Wissen können Sie diese in Stärken verwandeln.
Warum der majestätische Hals eine besondere Herausforderung ist
Der hoch aufgesetzte, oft stark bemuskelte Hals eines PRE, Lusitanos oder Friesen ist ein Rassemerkmal, das für eine beeindruckende Aufrichtung sorgt. Doch diese natürliche Veranlagung hat auch eine Kehrseite.
Das Nackenbandsystem, das den Rücken wie eine Hängebrücke stützt, ist bei vielen Barockpferden im Vergleich zu modernen Warmblütern oft schwächer ausgeprägt. Sie müssen die Tragefunktion daher stärker über aktive Muskulatur aufbauen. Ohne gezieltes Training neigen sie dazu, den Hals mit der Unterhalsmuskulatur zu tragen, anstatt den Rücken aufzuwölben und den langen Rückenmuskel (M. longissimus dorsi) arbeiten zu lassen. Das Ergebnis ist oft eine „falsche“ Aufrichtung, die zwar spektakulär aussieht, aber zu Verspannungen führt.
Die Illusion der Dehnung: Wenn „vorwärts-abwärts“ zum Problem wird
Viele Reiter lernen, dass ein Pferd sich vorwärts-abwärts dehnen muss, um den Rücken zu lockern. Das ist im Prinzip richtig, doch die Umsetzung ist entscheidend. Der Versuch, den Kopf des Pferdes mechanisch – etwa durch eine tiefe Handeinwirkung – nach unten zu bringen, bewirkt oft genau das Gegenteil.
Das Pferd reagiert auf den Zug, indem es sich im Genick oder im Halsansatz verkriecht, die Unterhalsmuskeln (insbesondere der M. brachiocephalicus) anspannt und sein Gewicht auf die Vorhand verlagert. Der Rücken bleibt dabei fest oder drückt sich sogar weg. Diese Haltung hat mit echter Losgelassenheit nichts zu tun. Sie ist eine Ausweichreaktion, die langfristig zu einem steifen Rücken und einer überlasteten Vorhand führen kann.
Reelle Losgelassenheit: Was wirklich im Pferdekörper passiert
Echte Losgelassenheit ist keine Position des Kopfes, sondern ein Zustand des gesamten Pferdekörpers. Sie entsteht nicht vorne im Genick, sondern beginnt in der Hinterhand. Die Energie aus den aktiv unter den Schwerpunkt tretenden Hinterbeinen fließt über einen aufgewölbten, schwingenden Rücken und eine entspannte Oberlinie bis ins Genick. Erst wenn diese positive Kette funktioniert, kann sich das Pferd vertrauensvoll an die Reiterhand dehnen.
Das Genick (das Atlanto-Okzipital-Gelenk) ist dabei der letzte, feinste Indikator für die Durchlässigkeit des gesamten Pferdes. Ist es locker, kann die Energie frei fließen. Ist es fest, staut sich die Energie und führt zu Blockaden. Genau diese Kette der Losgelassenheit ist die Grundlage für anspruchsvollere Lektionen und bildet das Geheimnis der Versammlung: mehr als nur ein kurzer Hals.
Praktische Übungen für eine ehrliche Dehnung
Anstatt sich auf die Kopfhaltung zu konzentrieren, zielen die folgenden Übungen darauf ab, den „Motor“ – die Hinterhand – zu aktivieren und das Pferd zu animieren, seinen Rücken von sich aus zu nutzen.
1. Übergänge reiten: Der Motor von hinten
Häufige, sauber gerittene Übergänge sind das A und O. Besonders Übergänge zwischen Trab und Schritt oder Galopp und Trab aktivieren die Bauch- und Rumpfmuskulatur. Sie fordern das Pferd auf, mit der Hinterhand Last aufzunehmen und unterzutreten. Dadurch wölbt sich der Rücken auf, und der Hals kann sich entspannter nach vorne senken. Achten Sie darauf, die Übergänge nicht mit der Hand einzuleiten, sondern vor allem über Ihren Sitz und Ihre Schenkelhilfen.
2. Volten und Schlangenlinien: Biegen und Lösen
Geradeaus fällt es einem verspannten Pferd leicht, sich festzuhalten. Auf gebogenen Linien muss es sich seitlich biegen und die innere Hüfte absenken. Reiten Sie große Volten, Zirkel und Schlangenlinien durch die ganze Bahn. Suchen Sie dabei nach dem Moment, in dem das Pferd im Genick nachgibt und anfängt zu kauen. In diesem Augenblick geben Sie mit der inneren Hand kurz nach und loben Sie es. So lernt es, dass Nachgeben angenehm ist.
3. Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen: Der ultimative Test
Dies ist keine Übung, um Dehnung zu erzeugen, sondern um sie zu überprüfen. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Pferd arbeitet über den Rücken, geben Sie langsam die Zügel nach vorne frei. Ein reell losgelassenes Pferd wird der Hand folgen, sich strecken und die Anlehnung beibehalten. Ein Pferd, das nur mit Kraft gehalten wurde, wird entweder den Kopf hochreißen oder auf die Vorhand fallen.
Geduld als Schlüssel zum Erfolg
Besonders bei Pferden mit einer starken Veranlagung zur Aufrichtung braucht die Entwicklung einer korrekten Dehnungshaltung Zeit. Es geht darum, die richtigen Muskeln zu stärken und dem Pferd beizubringen, seinen Körper gesund zu nutzen.
Diese Grundlagen der Losgelassenheit sind nicht nur für die Dressur entscheidend, sondern auch das Herzstück von Disziplinen wie der Working Equitation: die moderne iberische Reitweise, bei der es auf Rittigkeit und Durchlässigkeit ankommt. Bleiben Sie konsequent, geduldig und feiern Sie kleine Fortschritte.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie oft sollte ich diese Dehnungsübungen machen?
Integrieren Sie diese Übungen in jede Trainingseinheit. Beginnen Sie die Lösungsphase mit Übergängen und gebogenen Linien und beenden Sie die Arbeitseinheit immer mit einer Phase des Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassens, damit Ihr Pferd entspannt zurück in den Stall geht.
Mein Pferd fällt trotz der Übungen immer wieder auf die Vorhand. Was mache ich falsch?
Das ist ein häufiges Problem. Wahrscheinlich ist die Hinterhand noch nicht aktiv genug. Konzentrieren Sie sich noch stärker auf prompte, fleißige Übergänge und treiben Sie das Pferd in den Wendungen konsequenter von Ihrem inneren Schenkel an den äußeren Zügel. Weniger Hand, mehr Sitz und Schenkel ist hier die Devise.
Kann ich diese Losgelassenheit auch vom Boden aus erarbeiten?
Ja, unbedingt. Arbeit an der Longe mit korrekter Verschnallung (z. B. über einen Kappzaum) oder die klassische Handarbeit sind hervorragende Wege, um dem Pferd den Weg in die Dehnung über den Rücken zu zeigen, ohne es dabei mit dem Reitergewicht zu belasten.
Benötige ich ein spezielles Gebiss für eine bessere Losgelassenheit?
Nein, Losgelassenheit kommt nicht vom Gebiss, sondern von korrekter Gymnastizierung. Ein passendes, pferdefreundliches Gebiss ist wichtig, kann aber eine fehlende Grundausbildung nicht ersetzen. Oft ist ein einfach gebrochenes Gebiss oder eine Stange, je nach Vorliebe des Pferdes, völlig ausreichend.
Fazit: Der Weg ist das Ziel
Die Arbeit an der Losgelassenheit bei einem barocken Pferd ist eine faszinierende Reise in die Biomechanik und die Psyche dieser besonderen Tiere. Anstatt gegen ihre Natur zu arbeiten, lernen wir, ihre anatomischen Gegebenheiten zu verstehen und sie durch gezielte Gymnastizierung zu einem gesunden, tragfähigen Reitpferd zu formen. Der Lohn ist nicht nur ein schwingender Rücken, sondern auch ein zufriedener, motivierter Partner, der sich in seinem Körper wohlfühlt.



