Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Blockaden im Lendenbereich lösen: Warum barocke Pferde hier oft fest sind und wie Übergänge helfen
Fühlt sich Ihr Pferd manchmal im Rücken fest an? Fehlt der Schwung aus der Hinterhand oder scheint es auf der Vorhand zu laufen, egal wie sehr Sie sich bemühen? Viele Reiter kennen dieses frustrierende Gefühl. Die Suche nach der Ursache führt oft ins Genick, in die Schulter oder zur allgemeinen Rittigkeit – und übersieht dabei das eigentliche Kraftzentrum des Pferdes: die Lendenpartie.
Gerade bei den kompakten, kraftvollen barocken Pferden ist dieser Bereich eine anatomische Schlüsselstelle, die über Losgelassenheit und Versammlungsfähigkeit entscheidet. Doch genau hier verbirgt sich oft eine unbemerkte Schwachstelle. Wir tauchen tief in diesen kritischen Körperbereich ein und zeigen Ihnen, warum gezielte Übergänge der Schlüssel dazu sind, die Lendenpartie zu mobilisieren und Ihrem Pferd zu einem schwingenden, starken Rücken zu verhelfen.
Das Kraftzentrum im Verborgenen: Die entscheidende Rolle der Lendenpartie
Stellen Sie sich die Lendenwirbelsäule als eine Art Brücke vor. Sie verbindet den „Motor“ – die Hinterhand – mit dem Rest des Pferdekörpers. Jede Schubkraft, die aus den Hinterbeinen entsteht, muss über diese Brücke geleitet werden, um das Pferd vorwärtszubewegen und den Reiter zu tragen. Ist diese Brücke stabil und zugleich flexibel, kann die Energie fließen. Das Pferd tritt unter den Schwerpunkt, wölbt den Rücken auf und bewegt sich losgelassen.
Der renommierte Veterinär und Biomechanik-Experte Jean-Marie Denoix beschrieb die lumbosakrale Verbindung (den Übergang von der Lendenwirbelsäule zum Kreuzbein) bereits 2011 als den entscheidenden Punkt für die Kraftübertragung. Eine eingeschränkte Funktion in diesem Bereich führt unweigerlich zu Rückenproblemen und Leistungsminderung. Einfach ausgedrückt: Eine feste Lendenpartie blockiert den gesamten Bewegungsfluss.
Warum gerade barocke Pferde im Lendenbereich anfällig sind
Spanische und barocke Pferde faszinieren durch ihren kompakten Körperbau, den hoch aufgesetzten Hals und ihre natürliche Veranlagung zur Versammlung. Doch genau diese Merkmale machen ihre Lendenpartie auch zu einem Bereich, der besonderer Aufmerksamkeit bedarf.
- Der kurze Rücken: Ein kurzer Rücken ist zwar vorteilhaft für die Wendigkeit, bedeutet aber auch, dass die Wirbelkörper enger beieinander liegen. Dies erhöht das Risiko, dass sich die Dornfortsätze bei starker Biegung oder einem weggedrückten Rücken berühren – eine schmerzhafte Vorstufe zu Kissing Spines.
- Die natürliche Aufrichtung: Die Tendenz, den Hals hochzutragen, kann dazu führen, dass das Pferd den Rücken wegdrückt und die Lendenpartie festmacht, anstatt die Bauchmuskulatur zu aktivieren und den Rücken aufzuwölben.
- Genetische Prädisposition: Eine Studie von G. van den Hoogen et al. aus dem Jahr 2019 an Pferden der Rasse Pura Raza Española zeigte eine erhöhte Prävalenz von Kissing Spines, insbesondere im vorderen Lendenwirbelbereich (L1-L4). Dies unterstreicht, wie wichtig eine gezielte gymnastizierende Arbeit für diese Pferde ist.
Festigkeit erkennen: Typische Anzeichen für Blockaden in der Lende
Eine feste Lendenpartie äußert sich oft subtil. Achten Sie auf folgende Anzeichen, die darauf hindeuten können, dass Ihr Pferd hier Unterstützung braucht:
- Wenig Raumgriff: Das Pferd tritt mit der Hinterhand nicht weit genug unter den Schwerpunkt.
- Taktfehler oder häufiges Stolpern: Eine blockierte Kraftübertragung stört die Koordination.
- Schwierigkeiten bei Seitengängen: Die für Seitengänge nötige Längsbiegung ist schmerzhaft oder unmöglich.
- Festgehaltener Schweif: Ein eingeklemmter oder schiefer Schweif ist ein klares Zeichen für Verspannung im Rücken.
- Abwehrreaktionen: Das Pferd reagiert empfindlich beim Putzen der Lendenpartie oder beim Satteln.
- Fehlende Losgelassenheit: Der Rücken schwingt nicht, die Bewegung fühlt sich steif an.
Die Lösung liegt in der Bewegung: Wie Übergänge die Lendenmuskulatur gymnastizieren
Die gute Nachricht ist: Sie können die Lendenpartie Ihres Pferdes gezielt stärken und mobilisieren. Ein besonders wirksames Werkzeug dafür sind korrekt gerittene Übergänge. Sie sind weit mehr als nur ein Wechsel der Gangart – sie sind hochintensive Gymnastik für die gesamte Rumpfmuskulatur.
Die Biomechanik-Forscherin Hilary M. Clayton hat 2016 in Studien nachgewiesen, was gute Ausbilder seit jeher wissen: Insbesondere bei Übergängen, die eine Verlangsamung erfordern (z. B. vom Galopp zum Schritt), muss das Pferd seine Hinterbeine vermehrt unter den Körper bringen, um das Gewicht abzufangen. Dieser Prozess aktiviert die tiefen Bauchmuskeln, die wiederum den Rücken anheben und die Lendenwirbelsäule wölben.
Jeder saubere Übergang ist wie ein kleines „Sit-up“ für das Pferd. Dabei wird die Muskulatur der Lendenpartie abwechselnd angespannt und gelockert, gedehnt und gekräftigt. So können sich Blockaden lösen, die Durchblutung wird angeregt und die wichtige Stützmuskulatur aufgebaut.
Praktische Übungen: Gezielte Übergänge für einen starken Rücken
Integrieren Sie folgende Übungen regelmäßig in Ihr Training, um die Lendenpartie Ihres Pferdes zu gymnastizieren. Denken Sie daran: Qualität geht immer vor Quantität.
- Trab-Schritt-Übergänge: Reiten Sie auf einer geraden Linie oder einem großen Zirkel. Bereiten Sie den Übergang zum Schritt mit halben Paraden vor. Achten Sie darauf, dass Ihr Pferd mit der Hinterhand aktiv unter den Schwerpunkt tritt und nicht einfach auf die Vorhand fällt. Der Rücken sollte sich dabei aufwölben. Beginnen Sie mit wenigen, aber perfekten Wiederholungen.
- Galopp-Schritt-Übergänge: Diese Übung ist anspruchsvoller, aber extrem effektiv. Das Ziel ist ein fließender, ausbalancierter Übergang ohne Trabtritte dazwischen. Er erfordert ein hohes Maß an Kraft in der Hinterhand und Rumpfmuskulatur und ist ein echter Gradmesser für die Durchlässigkeit.
- Anhalten aus dem Trab: Ein korrektes Anhalten, bei dem das Pferd „geschlossen“ steht (also die Hinterbeine nah an den Vorderbeinen platziert), ist eine hervorragende Übung, um die tragende Muskulatur zu aktivieren.
Disziplinen wie die Working Equitation leben von der ständigen Abwechslung und den unzähligen Übergängen. Sie sind daher ein ideales Training, um barocke Pferde gesund und stark zu halten.
Weitere unterstützende Maßnahmen
Neben dem Reittraining spielen auch andere Faktoren eine wichtige Rolle für eine gesunde Lendenpartie:
- Bodenarbeit: Stangenarbeit oder Training an leichten Hängen fördern die Aktivität der Hinterhand und stärken den Rücken, ohne das Reitergewicht.
- Pausen und Regeneration: Muskulatur wächst in den Pausen. Geben Sie Ihrem Pferd Zeit, sich zu erholen.
- Die passende Ausrüstung: Ein unpassender Sattel ist eine der häufigsten Ursachen für Rückenprobleme. Er kann die Bewegung der Lendenpartie blockieren, Druckpunkte erzeugen und die Muskulatur verkrampfen lassen. Achten Sie auf einen passende Sattel für barocke Pferde, der genügend Wirbelsäulenfreiheit bietet und die Last optimal verteilt.
Partnerhinweis: Hersteller wie Iberosattel haben sich beispielsweise darauf spezialisiert, Sättel zu entwickeln, die genau auf die kurzen, breiten Rücken barocker Pferde abgestimmt sind und der Lendenpartie die nötige Bewegungsfreiheit lassen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie oft sollte ich Übergänge trainieren?
Integrieren Sie kurze Sequenzen von 5-10 qualitativ hochwertigen Übergängen in jede Trainingseinheit. Es geht nicht darum, unzählige Wiederholungen zu reiten, sondern darum, jeden Übergang bewusst und korrekt auszuführen.
Mein Pferd fällt im Übergang auf die Vorhand. Was mache ich falsch?
Dies ist ein häufiges Problem. Die Ursache liegt meist in einer unzureichenden Vorbereitung. Nutzen Sie halbe Paraden, um Ihr Pferd vor dem Übergang mehr auf die Hinterhand aufmerksam zu machen. Geben Sie die Hilfen weich und verlangsamen Sie das Tempo schrittweise, anstatt abrupt zu bremsen.
Können Blockaden in der Lende auch andere Ursachen haben?
Ja, absolut. Blockaden können auch durch Stürze, unpassende Ausrüstung oder organische Probleme entstehen. Wenn Sie den Verdacht auf eine ernsthafte Blockade haben, konsultieren Sie immer zuerst einen Tierarzt oder einen qualifizierten Pferde-Osteopathen. Das Training dient dann der nachhaltigen Gymnastizierung und Vorbeugung.
Ab wann kann ich mit einem jungen Pferd Übergänge trainieren?
Einfache Übergänge wie Schritt-Halt oder Trab-Schritt gehören von Anfang an zur Grundausbildung. Anspruchsvollere Übergänge wie Galopp-Schritt sollten erst geübt werden, wenn das Pferd über eine solide Grundbalance und ausreichend Kraft verfügt.
Fazit: Der Weg zu einem schwingenden Rücken
Die Lendenpartie ist das oft übersehene, aber entscheidende Bindeglied für ein losgelassenes und gesundes Reitpferd. Gerade bei den wundervollen barocken Rassen erfordert ihre besondere Anatomie ein bewusstes und gymnastizierendes Training.
Indem Sie gezielte, qualitativ hochwertige Übergänge in Ihre tägliche Arbeit einbauen, geben Sie Ihrem Pferd das beste Werkzeug an die Hand, um seine Lendenmuskulatur zu stärken, Blockaden zu lösen und seinen Rücken zum Schwingen zu bringen. Es ist ein Weg, der Geduld erfordert, aber mit einem durchlässigen, kraftvollen und zufriedenen Pferd belohnt wird.



