Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Biomechanik der Erhabenheit: Welche Muskeln bei Spanischem Schritt und Pesade trainiert werden

Haben Sie jemals ein Pferd gesehen, das mit majestätischer Langsamkeit den Spanischen Schritt zelebriert oder sich in einer Pesade kraftvoll erhebt? Diese Momente puren Ausdrucks wirken oft wie Magie. Doch hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit steckt keine Zauberei, sondern eine beeindruckende Kombination aus jahrelangem Training, tiefem Vertrauen und vor allem – hochentwickelter Biomechanik.

Diese Lektionen der Hohen Schule und des Showreitens sind nicht nur ein ästhetischer Genuss, sondern auch der sichtbare Beweis für eine perfekt ausgebildete Muskulatur. Sie offenbaren ein Pferd, das seinen Körper mit unglaublicher Präzision und Kraft zu beherrschen vermag. Welche Muskelgruppen sind also die unsichtbaren Architekten dieser Erhabenheit? Wir nehmen Sie mit auf eine Reise unter die Haut und entdecken die faszinierende Anatomie hinter diesen Kunststücken.

Das Fundament der Kraft: Trageapparat und Motor

Bevor wir in die spezifischen Lektionen eintauchen, müssen wir zwei Kernkonzepte der Pferdeanatomie verstehen, die für jede Form der Versammlung und Erhabenheit entscheidend sind:

  1. Der Trageapparat (Thorakale Schlinge): Anders als der Mensch besitzt das Pferd kein Schlüsselbein. Der Rumpf ist durch ein komplexes System aus Muskeln, Bändern und Faszien – hauptsächlich dem Musculus serratus ventralis – zwischen den Schulterblättern „aufgehängt“. Ein gut trainierter Trageapparat ermöglicht es dem Pferd, den Widerrist anzuheben, den Brustkorb zu wölben und so die Vorhand leicht und frei zu machen. Ohne diese grundlegende Fähigkeit wäre an ein Anheben der Vorhand nicht zu denken.

  2. Der Motor (Die Hinterhand): Die gesamte Schub- und Tragkraft des Pferdes entspringt der Hinterhand. Muskeln wie die Kruppenmuskulatur (Glutealmuskeln) und die ischiokurale Muskulatur (die „Hamstrings“ des Pferdes) sind für das Beugen der Hanken verantwortlich. Nur eine aktive, unter den Schwerpunkt tretende Hinterhand kann das Gewicht von der Vorhand aufnehmen und die für Lektionen wie die Pesade nötige Tragkraft entwickeln.

Beide Systeme müssen durch eine starke Rumpfmuskulatur, insbesondere die Bauchmuskeln, miteinander verbunden sein, um eine nahtlose Kraftübertragung zu gewährleisten.

Der Spanische Schritt: Ausdrucksstarke Eleganz in Bewegung

Der Spanische Schritt ist eine Lektion, bei der das Pferd abwechselnd ein Vorderbein fast waagerecht nach vorne streckt und dabei erhaben und taktmäßig vorwärts schreitet – eine Demonstration von Schulterfreiheit, Balance und Koordination.

Welche Muskeln arbeiten primär?

  • Schulter- und Oberarmmuskulatur: Der Musculus trapezius (Trapezmuskel) und der Musculus brachiocephalicus sind die Hauptakteure beim Anheben und Vorführen des Vorderbeins. Sie sorgen für die nötige Höhe und Extension.
  • Brustmuskulatur (Pectorales): Diese Muskelgruppe stabilisiert das Standbein und den Rumpf, während das andere Bein in der Luft ist. Sie verhindert seitliches Ausweichen und ist damit essenziell für die Balance.
  • Bauchmuskulatur: Auch die geraden und schrägen Bauchmuskeln spielen eine entscheidende Rolle. Sie verhindern, dass das Pferd beim Anheben des Beins den Rücken wegdrückt und ins Hohlkreuz fällt. Aktive Bauchmuskeln heben den Rücken an und sorgen für Stabilität im Rumpf.
  • Langer Rückenmuskel (M. longissimus dorsi): Dieser Muskel muss in einer positiven Spannung bleiben, um den Rücken gerade zu halten und die Bewegung fließend zu gestalten, ohne dass das Pferd an Schwung verliert.

Die Herausforderung: Ein häufiger Fehler ist das reine „Beinewerfen“ aus einer passiven Schulter heraus. Ein biomechanisch korrekter Spanischer Schritt entspringt einem angehobenen Rumpf und einer aktiven Körpermitte. Das Pferd lernt, seine Schulter gezielt zu mobilisieren, anstatt das Bein nur passiv nach vorne zu schleudern.

Die Pesade: Die ultimative Prüfung der Tragkraft

Die Pesade ist eine Lektion der Hohen Schule, bei der das Pferd sein gesamtes Gewicht auf die stark gebeugte Hinterhand verlagert und die Vorhand kontrolliert vom Boden abhebt. Der Winkel zum Boden sollte dabei idealerweise 45 Grad nicht überschreiten. Sie gilt als Inbegriff der Versammlung und demonstriert maximale Kraft in der Hinterhand.

[IMAGE: Ein PRE bei einer eleganten Pesade, die die angespannte Muskulatur der Hinterhand und den angehobenen Rumpf deutlich zeigt.]

Welche Muskeln sind hier die Helden?

  • Die gesamte Hinterhandmuskulatur: Hier findet die Schwerstarbeit statt. Die Kruppenmuskulatur (Glutealmuskeln) sowie der Musculus biceps femoris und Musculus semitendinosus beugen die großen Gelenke der Hinterhand (Hüfte, Knie, Sprunggelenk) und tragen die gesamte Last. Man spricht hier von der Entwicklung der „Tragkraft“.
  • Bauchmuskulatur (M. rectus abdominis und schräge Bauchmuskeln): Diese Muskeln sind der Schlüssel zur Pesade. Sie kippen das Becken ab, wodurch die Hinterbeine weiter unter den Körperschwerpunkt treten können. Gleichzeitig heben sie den Rücken und unterstützen das Anheben des Brustkorbs. Ohne eine außerordentlich starke Bauchmuskulatur ist eine korrekte Pesade unmöglich.
  • Muskeln des Trageapparats (M. serratus ventralis): Während die Hinterhand trägt, hebt dieser Muskel den Brustkorb aktiv zwischen den Schulterblättern an und sorgt für die Erhabenheit und Leichtigkeit der Vorhand.
  • Unterer Rücken und Lendenwirbelsäule: Die Muskulatur in diesem Bereich muss stabilisieren und die immense Kraft der Hinterhand auf den gesamten Körper übertragen.

Die Chance: Eine gut ausgeführte Pesade ist mehr als eine Showlektion; sie ist der ultimative Gesundheitscheck für einen gymnastizierten Pferderücken. Sie beweist, dass das Pferd gelernt hat, sein Gewicht gesund auf die kräftige Hinterhand zu verlagern und so die empfindliche Vorhand zu entlasten.

Voraussetzungen und der Weg zur Erhabenheit

Solche Lektionen sind das Ergebnis eines langen und pferdegerechten Ausbildungsweges. Das Fundament bildet eine solide dressurmäßige Grundausbildung, die das Pferd lehrt, über den Rücken zu schwingen, sich loszulassen und die Hilfen des Reiters zu verstehen.

Ein oft unterschätzter Faktor ist die passende Ausrüstung. Ein Sattel, der die Bewegung der Schulter blockiert oder Druckpunkte auf dem Rücken erzeugt, verhindert die Entwicklung genau jener Muskeln, die für Erhabenheit und Tragkraft notwendig sind. Ein passender Sattel, der die Schulterfreiheit nicht einschränkt und den Druck optimal verteilt – wie es beispielsweise die Konzepte von Iberosattel für barocke Pferde vorsehen – ist für eine gesunde Muskelentwicklung unerlässlich.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ab welchem Alter kann man mit diesen Lektionen beginnen?

Diese Lektionen sind für ein voll ausgebildetes Pferd gedacht. Man sollte mit ihnen erst beginnen, wenn das Pferd körperlich und geistig ausgereift ist und die Grundlagen der Versammlung sicher beherrscht. In der Regel ist dies nicht vor dem sechsten oder siebten Lebensjahr der Fall.

Ist jede Pferderasse für Spanischen Schritt und Pesade geeignet?

Barocke Rassen wie P.R.E., Lusitano oder Lipizzaner bringen durch ihren Körperbau (kurzer Rücken, kräftige Hinterhand, hohe Aufrichtung) von Natur aus eine besondere Veranlagung mit. Grundsätzlich kann aber jedes gesunde und korrekt trainierte Pferd die Grundlagen dieser Lektionen erlernen, auch wenn die Ausführung je nach Exterieur variieren wird.

Wie erkenne ich, ob mein Pferd die Lektionen korrekt ausführt?

Achten Sie auf Leichtigkeit, Balance und einen zufriedenen Ausdruck. Ein weggedrückter Rücken, ein verspanntes Maul, angelegte Ohren oder hastige Bewegungen sind Alarmzeichen. Das Pferd sollte nicht gezwungen wirken, sondern stolz und im Gleichgewicht sein.

Kann ich meinem Pferd das selbst beibringen?

Davon ist einem Laien dringend abzuraten. Die Gefahr, dem Pferd durch falsche Technik oder Überforderung physischen und psychischen Schaden zuzufügen, ist sehr groß. Suchen Sie sich dafür unbedingt die Anleitung eines erfahrenen Ausbilders, der auf diese Lektionen spezialisiert ist.

Fazit: Erhabenheit ist trainierbare Wissenschaft

Spanischer Schritt und Pesade sind weit mehr als Zirkustricks. Sie sind der Gipfel der Gymnastizierung und ein sichtbares Zeichen für ein Pferd, das in perfekter Harmonie mit seinem Körper und seinem Reiter agiert. Das Verständnis für die zugrundeliegende Biomechanik hilft uns nicht nur, die Leistung dieser Pferde zu bewundern, sondern auch den langen, fairen und wissensbasierten Weg wertzuschätzen, der zu solcher Kunstfertigkeit führt.

Wenn Sie nun inspiriert sind, die Welt der Showlektionen weiter zu erkunden, empfehlen wir Ihnen unseren Artikel über die Grundlagen der Zirkuslektionen, um einen sicheren Einstieg in dieses faszinierende Thema.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.