Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Spanische und barocke Pferderassen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Biomechanik der Versammlung: Wie der Körperbau des Lipizzaners die Levade begünstigt
Wenn die Bereiter der Spanischen Hofreitschule in Wien ihre berühmten weißen Hengste präsentieren, hält das Publikum den Atem an
Ein Moment fasziniert dabei ganz besonders: Wenn ein Lipizzaner scheinbar mühelos sein gesamtes Gewicht auf die kraftvoll gebeugten Hinterbeine verlagert, die Vorhand anhebt und in perfekter Balance verharrt. Diese Lektion, die Levade, ist der Inbegriff höchster Versammlung und pferdischer Kunst. Doch sie ist kein Zaubertrick, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Zucht und einer Anatomie, die wie für die Hohen Schule geschaffen ist.
Haben Sie sich je gefragt, was im Körper des Pferdes passieren muss, um solch eine athletische Meisterleistung zu vollbringen? Es ist ein perfektes Zusammenspiel von Knochenbau, Muskelketten und Hebelgesetzen – eine biomechanische Meisterleistung, die im Exterieur des Lipizzaners tief verankert ist.
Was ist die Levade? Mehr als nur ein „Steigen“
Für den Laien mag die Levade wie ein kontrolliertes Steigen aussehen, doch sie ist biomechanisch das genaue Gegenteil. Während ein steigendes Pferd oft aus Angst oder Abwehr die Balance verliert und nach oben flieht, ist die Levade der Ausdruck extremer Kraft und Kontrolle aus der Hinterhand.
Definition der Levade:
Bei der Levade senkt das Pferd seine Hanken (die großen Gelenke der Hinterhand) so stark ab, dass es die gesamte Vorhand vom Boden heben kann. Der Winkel zum Boden sollte idealerweise 30–35 Grad betragen. Das Pferd verharrt in dieser Position für mehrere Sekunden und beweist dabei ein Höchstmaß an Balance, Kraft und Gehorsam.
Sie ist der logische Höhepunkt der Versammlung, bei der das Pferd sein Gewicht zunehmend von der Vorhand auf die Hinterhand verlagert. Die Levade ist der sichtbare Beweis, dass das Pferd in der Lage ist, die Last vollständig mit seinem „Motor“, der Hinterhand, zu tragen.
Das anatomische Erbe: Warum der Lipizzaner prädestiniert ist
Nicht jedes Pferd ist für die Schulen über der Erde gebaut. Der Lipizzaner, dessen Wurzeln eng mit dem Pura Raza Española verwandt sind, bringt von Natur aus ein Exterieur mit, das diese anspruchsvollen Lektionen begünstigt. Sehen wir uns die entscheidenden Merkmale genauer an.
Der kurze, starke Rücken: Die tragende Brücke
Im Gegensatz zu modernen Sportpferden mit langen Linien besitzt der Lipizzaner oft einen kürzeren, kräftig bemuskelten Rücken. Was auf den ersten Blick vielleicht kompakt wirkt, ist ein enormer biomechanischer Vorteil:
- Kürzere Hebel: Ein kurzer Rücken fungiert als stabile, kurze Brücke zwischen der schiebenden Hinterhand und der zu hebenden Vorhand. Die Kraftübertragung ist direkter und verlustärmer.
- Erhöhte Tragkraft: Diese kompakte Bauweise ermöglicht es der Rückenmuskulatur, sich effektiver aufzuwölben und das Gewicht der Vorhand zu tragen, ohne durchzuhängen.
Die kraftvolle Hinterhand: Der Motor der Versammlung
Die wahre Kraft für die Levade kommt aus dem „Motor“ des Pferdes. Der Lipizzaner zeichnet sich durch eine besonders gut gewinkelte und stark bemuskelte Hinterhand aus.
- Tiefe Hankenbeugung: Die Winkelung von Hüft-, Knie- und Sprunggelenk erlaubt es dem Pferd, sich tief zu „setzen“, ähnlich wie ein Gewichtheber, der in die Hocke geht, bevor er die Last hebt.
- Starke Kruppenmuskulatur: Eine breite, abfallende Kruppe bietet den mächtigen Gesäß- und Oberschenkelmuskeln eine ideale Ansatzfläche, um die enorme Kraft für das Anheben der Vorhand aufzubringen.
Der hoch aufgesetzte Hals: Das Balancierinstrument
Der kräftige, hoch aufgesetzte und elegant geschwungene Hals des Lipizzaners ist nicht nur ein optisches Merkmal. In der Versammlung wirkt er wie die Balancierstange eines Seiltänzers. Durch das Aufwölben des Halses und das Nachgeben im Genick kann das Pferd seinen Schwerpunkt nach hinten und oben verlagern, was das Anheben der Vorhand zusätzlich erleichtert.
Die Physik hinter der Anmut: Muskelketten und Hebelwirkung
Um die Vorhand zu heben, aktiviert das Pferd eine komplexe Muskelkette. Stellen Sie sich diese wie eine gespannte Feder vor, die sich kontrolliert zusammenzieht und enorme Energie speichert.
Die entscheidende Muskelkette für die Levade:
- Die Bauchmuskulatur: Sie ist das Fundament. Starke Bauchmuskeln kippen das Becken ab und ermöglichen es dem Rücken, sich aufzuwölben. Ohne einen aktiven „Bauchmuskelschild“ würde der Rücken einfach durchhängen.
- Die Psoas-Muskelgruppe (Lendenmuskeln): Diese tief liegenden Muskeln verbinden die Hinterbeine mit der Wirbelsäule. Sie ziehen die Hinterbeine unter den Körperschwerpunkt und sind der Hauptakteur bei der Hankenbeugung.
- Die Hinterhandmuskulatur: Sie liefert die schiere Kraft, um den Körper aus den gebeugten Gelenken nach oben zu drücken und zu halten.
- Die Rückenmuskulatur: Sie stabilisiert die „Brücke“ und leitet die Energie nach vorne.
Diese Kette funktioniert nur, wenn alle Glieder stark sind und harmonisch zusammenarbeiten. Das Ergebnis ist eine kontrollierte Kraftentfaltung, die Anmut und Stärke vereint.
Vom Exterieur zur Lektion: Die Rolle von Training und Ausrüstung
Die beste Anatomie nützt nichts ohne ein pferdegerechtes und systematisches Training. Die Ausbildung eines Pferdes bis zur Levade dauert viele Jahre und basiert auf den Prinzipien der klassischen Dressur. Geduld, Gymnastizierung und der langsame Aufbau der notwendigen Muskulatur sind unerlässlich.
Ein oft unterschätzter Faktor ist dabei die Ausrüstung. Ein Sattel muss nicht nur dem Reiter passen, sondern vor allem dem Pferd die volle Bewegungsfreiheit lassen. Gerade bei Lektionen der Hohen Schule ist das von größter Bedeutung:
- Schulterfreiheit: Die Schulter des Pferdes muss frei rotieren können. Ein klemmender Sattel verhindert dies und blockiert die Bewegung nach vorn und oben.
- Beweglicher Rücken: Der Rücken muss sich aufwölben können. Ein Sattel, der zu lang ist oder dessen Kissen den Rückenmuskel einengen, verhindert die für die Versammlung nötige Rückentätigkeit.
Hier zeigt sich der Wert von spezialisierter Ausrüstung, die diese Bewegungsfreiheit unterstützt. Ein unpassender Sattel kann die gesamte biomechanische Kette unterbrechen und dem Pferd die Ausführung der Lektion unmöglich machen oder sogar Schmerzen zufügen.
(Partnerhinweis)
Ein Beispiel für solche durchdachten Sattelkonzepte sind Sättel von Herstellern wie Iberosattel. Diese sind oft speziell für den kompakten und kräftigen Rücken barocker Pferdetypen entwickelt. Mit kurzen Auflageflächen und einer besonderen Gestaltung der Kissen ermöglichen sie dem Pferd, den Rücken aufzuwölben und die Kraft aus der Hinterhand ungehindert fließen zu lassen – eine Grundvoraussetzung für echte Versammlung.
Die Levade ist somit weit mehr als nur eine Zirkuslektion. Sie ist der ultimative Test für die Korrektheit der Ausbildung, die Harmonie zwischen Reiter und Pferd und das Geschenk einer Anatomie, die über Jahrhunderte für genau diesen Moment der Erhabenheit geformt wurde.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist die Levade schädlich für das Pferd?
Nein, wenn sie das Ergebnis einer langjährigen, gymnastizierenden Ausbildung ist. Ein Pferd, das körperlich und mental bereit ist, entwickelt die nötige Muskulatur, um die Gelenke zu schützen. Wird die Lektion jedoch erzwungen oder bei einem ungeeigneten Pferd versucht, kann es zu schweren gesundheitlichen Schäden kommen.
Kann jedes Pferd die Levade lernen?
Theoretisch kann jedes gesunde Pferd lernen, sein Gewicht vermehrt auf die Hinterhand zu verlagern. Eine perfekte Levade, wie sie im Lehrbuch steht, ist jedoch Pferden mit einem entsprechenden Exterieur vorbehalten – wie dem Lipizzaner, PRE oder Lusitano. Ihr Körperbau erleichtert die extreme Hankenbeugung und Balance.
Wie lange dauert die Ausbildung bis zur Levade?
Die Ausbildung eines Pferdes bis zur Hohen Schule ist ein Lebenswerk. Von der Grundausbildung bis zu einer soliden Piaffe und Passage, den Vorstufen der Levade, vergehen in der Regel 8 bis 10 Jahre konsequenten Trainings.
Was ist der Unterschied zwischen Levade und Pesade?
Beide sind Schulen über der Erde. Der Hauptunterschied liegt im Winkel. Die Levade wird in einem spitzen Winkel von ca. 30–35 Grad ausgeführt und erfordert maximale Hankenbeugung und Kraft. Die Pesade ist eine etwas steilere Variante (ca. 45 Grad), die weniger Kraft, aber ebenfalls große Balance erfordert und oft als Vorübung zur Levade dient.



