Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die „Bergziege“: Wie Ihr Pferd auf mehreren Podesten zum Meister der Koordination wird
Die „Bergziege“: Wie Ihr Pferd auf mehreren Podesten zum Meister der Koordination wird
Stellen Sie sich eine Bergziege vor, die mühelos und mit absoluter Sicherheit über felsige Klippen balanciert. Jeder Schritt ist präzise, jede Bewegung kalkuliert. Und nun stellen Sie sich Ihr Pferd vor. Vielleicht ist es im Viereck elegant, stolpert aber im Gelände über eine unscheinbare Wurzel? Oder tut es sich schwer, seine Balance in versammelten Lektionen zu halten? Was wäre, wenn Sie Ihrem Pferd genau diese bergziegenartige Trittsicherheit und ein tiefes Körperbewusstsein antrainieren könnten?
Genau hier setzt die „Bergziege“ an – eine fortgeschrittene Übung im Podest-Training, die weit mehr ist als eine beeindruckende Showeinlage. Sie ist ein hochwirksames Werkzeug zur Schulung der Propriozeption, also der Fähigkeit des Pferdes, die Position seiner Gliedmaßen im Raum wahrzunehmen, ohne hinzusehen. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie Ihr Pferd sicher über mehrere Podeste führen und so seine Koordination, sein Gleichgewicht und seine mentale Stärke auf eine neue Stufe heben.
Mehr als eine Zirkuslektion: Der wissenschaftliche Nutzen hinter der „Bergziege“
Bevor wir in die Praxis einsteigen, ist es wichtig zu verstehen, warum diese Übung so wertvoll ist. Hier geht es nicht darum, einen Trick zu lehren, sondern um die gezielte Aktivierung und Verbesserung des neuromuskulären Systems Ihres Pferdes.
1. Die Entdeckung des „sechsten Sinns“: Propriozeption
Propriozeption ist im Grunde der Körpersinn Ihres Pferdes. Spezialisierte Rezeptoren in Muskeln, Sehnen und Gelenken senden ständig Signale an das Gehirn und informieren es über die Position, Bewegung und Spannung jedes einzelnen Körperteils. Eine gut ausgebildete Propriozeption ist der Grund, warum ein Pferd unebenen Boden ausgleichen kann, ohne zu stolpern. Das Training auf instabilen oder versetzten Untergründen, wie bei der „Bergziege“, zwingt das Gehirn, diese Signale feiner und schneller zu verarbeiten. Studien zur Rehabilitation von Pferden haben gezeigt, dass Übungen auf variierenden Oberflächen die propriozeptive Wahrnehmung signifikant verbessern und damit das Verletzungsrisiko senken.
2. Aktivierung der Tiefenmuskulatur
Wenn ein Pferd auf mehreren Podesten balanciert, muss es seine tief liegende Rumpfmuskulatur aktivieren, um stabil zu bleiben. Muskeln wie der Musculus multifidus entlang der Wirbelsäule und der Musculus transversus abdominis (der tiefe Bauchmuskel) werden gezielt angesprochen. Diese Muskeln sind entscheidend für einen stabilen Rücken, der das Gewicht des Reiters gesund tragen kann. Ein starker Rumpf bildet die Basis für jede versammelte Lektion und schützt die Wirbelsäule vor Verschleiß.
3. Gehirntraining für Pferd und Mensch
Die „Bergziege“ ist ebenso eine mentale wie eine körperliche Herausforderung. Ihr Pferd muss sich konzentrieren, Ihnen vertrauen und komplexe Bewegungsabläufe bewusst planen. Dieser Prozess stärkt nicht nur die neuronalen Verbindungen für eine präzise Beinkoordination, sondern fördert auch die Problemlösungskompetenz und das Selbstvertrauen des Pferdes. Es lernt, Herausforderungen ruhig und überlegt anzugehen – eine Fähigkeit, die in jeder Situation von unschätzbarem Wert ist.
Die Vorbereitung: Sicherheit und das richtige Equipment
Bevor Sie mit der „Bergziege“ beginnen, stellen Sie sicher, dass die Grundlagen sitzen. Absolute Voraussetzung ist das sichere Beherrschen des einfachen Podest-Trainings. Ihr Pferd sollte ruhig und ohne Zögern mit zwei oder vier Hufen auf einem einzelnen Podest stehen können.
Das richtige Equipment:
- Podeste oder Balance-Pads: Verwenden Sie mindestens zwei bis drei niedrige, extrem stabile und rutschfeste Podeste. Für den Anfang eignen sich auch dicke, feste Gummimatten oder spezielle Balance-Pads. Die Höhe sollte zunächst minimal sein, um dem Pferd Sicherheit zu vermitteln.
- Umgebung: Wählen Sie einen ruhigen, ebenen Ort mit rutschfestem Boden, an dem sich Ihr Pferd wohlfühlt.
Der Aufbau:
Arrangieren Sie die Podeste in einem Abstand, der für Ihr Pferd gut zu bewältigen ist. Beginnen Sie nicht mit zu großen Lücken. Eine versetzte Anordnung zwingt das Pferd, über seine Bewegungen nachzudenken.
Schritt für Schritt zur trittsicheren Bergziege
Geduld ist der Schlüssel zum Erfolg. Jedes Pferd lernt in seinem eigenen Tempo. Brechen Sie die Übung in kleinste Schritte herunter und loben Sie jeden noch so kleinen Fortschritt.
Phase 1: Der erste Huf auf dem zweiten Podest
Ihr Pferd steht sicher auf dem ersten Podest. Animieren Sie es nun ruhig und mit sanfter Körpersprache, einen Vorderhuf auf das zweite Podest zu setzen. Geben Sie ihm Zeit, die neue Situation zu erfassen. Viele Pferde werden zunächst zögern. Bleiben Sie geduldig, loben Sie den Versuch und belohnen Sie sofort, wenn der Huf das Ziel berührt.
Phase 2: Die Diagonale erkunden
Sobald das Pferd sicher einen Huf auf das zweite Podest setzt, können Sie den nächsten Schritt wagen. Das Ziel ist nun, eine diagonale Hufpaarung auf zwei verschiedenen Podesten zu platzieren (z. B. vorne links und hinten rechts). Dies erfordert ein hohes Maß an Koordination und Balance. Arbeiten Sie langsam und achten Sie genau auf die Signale Ihres Pferdes.
Phase 3: Alle vier Hufe im Spiel
Die Königsdisziplin ist das Platzieren von drei oder sogar allen vier Hufen auf unterschiedlichen Podesten. Dies sollten Sie erst angehen, wenn die vorherigen Schritte absolut sicher und stressfrei ablaufen. Diese Übung ist eine intensive Trainingseinheit für Körper und Geist. Halten Sie die Einheiten kurz, um einer Überforderung vorzubeugen. Es geht hier nicht um Show, sondern um wertvolle Gymnastizierung – eine klare Abgrenzung zu reinen Zirkuslektionen.
Die Belohnung: Was das Training in der Praxis bewirkt
Die Mühe lohnt sich, denn die positiven Effekte der „Bergziege“ werden Sie im gesamten Umgang mit Ihrem Pferd spüren:
- Im Gelände: Ihr Pferd wird trittsicherer, kann unebenes Terrain besser einschätzen und ausgleichen. Die Gefahr von Stolpern und damit verbundenen Verletzungen sinkt.
- Im Viereck: Eine verbesserte Koordination und ein gestärkter Rumpf sind die besten Voraussetzungen für anspruchsvolle Disziplinen wie die klassische Dressur oder die Working Equitation. Lektionen, die ein hohes Maß an Balance erfordern, werden Ihrem Pferd leichter fallen.
- Für die Gesundheit: Ein Pferd mit einem guten Körpergefühl bewegt sich ökonomischer und gesünder. Die gestärkte Rückenmuskulatur kann das Reitergewicht besser tragen, was besonders für die langfristige Gesunderhaltung wichtig ist. Ein passender Sattel, der die neu gewonnene Muskelfreiheit nicht einschränkt, ist dabei unerlässlich.
Partnerhinweis: Spezialisierte Hersteller wie Iberosattel haben Sattelkonzepte entwickelt, die genau auf die Anatomie barocker Pferde und die durch gezieltes Training geförderte Muskulatur eingehen. Sie bieten die nötige Schulterfreiheit und eine breite Auflagefläche, um den gestärkten Rücken optimal zu unterstützen.
Häufige Fragen zum Training mit mehreren Podesten (FAQ)
Wie oft sollte ich die „Bergziege“ trainieren?
Weniger ist mehr. Beginnen Sie mit ein bis zwei kurzen Einheiten pro Woche von maximal 5–10 Minuten. Es handelt sich um ein sehr intensives Training. Achten Sie auf Anzeichen von mentaler oder körperlicher Ermüdung.
Mein Pferd hat Angst vor den Podesten. Was kann ich tun?
Gehen Sie immer einen Schritt zurück. Beginnen Sie mit dem absoluten Fundament: das Berühren des Podestes mit dem Huf, das ruhige Stehen daneben. Nutzen Sie positive Verstärkung und erzwingen Sie niemals etwas. Vertrauen ist die Basis.
Welche Podeste sind am besten geeignet?
Sicherheit hat oberste Priorität. Die Podeste müssen absolut stabil, rutschfest und für das Gewicht eines Pferdes ausgelegt sein. Für den Einstieg sind niedrige, breite Podeste ideal. Professionelle Holzpodeste mit Gummiauflage oder spezielle Balance-Pads sind eine gute Wahl.
Ist diese Übung für jedes Pferd geeignet?
Grundsätzlich kann jedes gesunde Pferd von diesem propriozeptiven Training profitieren. Bei Pferden mit akuten Verletzungen, Arthrose oder anderen orthopädischen Vorerkrankungen sollten Sie jedoch unbedingt Rücksprache mit Ihrem Tierarzt oder Physiotherapeuten halten.
Fazit: Vom Reitplatz zum Gipfel des Körpergefühls
Die „Bergziege“ ist weit mehr als eine beeindruckende Showeinlage. Sie ist ein Weg, die Kommunikation mit Ihrem Pferd zu vertiefen und ihm zu einem besseren Verständnis für seinen eigenen Körper zu verhelfen. Sie investieren damit direkt in seine Gesundheit, seine Sicherheit und sein Selbstvertrauen. Indem Sie Ihrem Pferd beibringen, seinen Körper wie ein Meister zu koordinieren, legen Sie den Grundstein für mehr Harmonie, Leistung und eine lange, gesunde Partnerschaft.



