Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Bergziege: Das Fundament für eine starke Hinterhand beim Pferd
Kennen Sie das Gefühl? Ihr Pferd läuft auf der Vorhand, fühlt sich im Rücken fest an und die erhoffte Leichtigkeit in der Versammlung scheint meilenweit entfernt. Viele Reiter suchen nach komplexen Lösungen in anspruchsvollen Lektionen, doch oft liegt der Schlüssel in einer unscheinbaren, aber fundamentalen Übung am Boden: der „Bergziege“.
Diese Lektion ist weit mehr als ein netter Trick: Sie ist ein biomechanisches Kraftpaket, das die Basis für mehr Tragkraft, Balance und eine aktive Hinterhand legt. Wenn Sie verstehen, wie diese einfache Übung den Motor Ihres Pferdes zündet, öffnen sich Türen zu Lektionen, von denen Sie bisher vielleicht nur geträumt haben.
Was ist die „Bergziege“ eigentlich?
Die „Bergziege“ ist eine Gymnastikübung aus der Bodenarbeit. Dabei animieren Sie das Pferd, mit der Hinterhand weit unter den Körperschwerpunkt zu treten, die Hanken stark zu beugen und das Gewicht aktiv nach hinten zu verlagern. In dieser Haltung wölbt sich der Rücken auf, die Bauchmuskulatur spannt sich an und die Vorhand wird spürbar entlastet. Das Pferd nimmt eine Position ein, die an eine Bergziege erinnert, die sich an einem steilen Hang festhält – daher der Name.
Es geht hier nicht um eine spektakuläre Show, sondern um gezieltes Muskeltraining und die Verbesserung der Körperwahrnehmung. Damit schaffen Sie das Fundament, auf dem später anspruchsvolle Lektionen wie Piaffe, Passage oder auch Zirkuslektionen aufbauen.
Warum eine aktive Hinterhand der Schlüssel zu allem ist
Eine starke, aktive Hinterhand ist das Kraftzentrum des Pferdes. Sie ist nicht nur für den Schub nach vorne verantwortlich, sondern vor allem für die Fähigkeit, Gewicht aufzunehmen und den Reiter ausbalanciert zu tragen. Ohne diese Tragkraft bleibt das Pferd auf der Vorhand, was zu erhöhtem Verschleiß der vorderen Gliedmaßen und zu Verspannungen im Rücken führen kann.
Auch die Forschung im Bereich der Pferde-Rehabilitation bestätigt dies. So belegen Studien wie die von Lazzeri et al. (2018), dass gezielte Übungen zur Stärkung der Hinterhandmuskulatur für die Stabilität des gesamten Bewegungsapparates essenziell sind. Solche propriozeptiven Übungen – also Trainingseinheiten, die die Tiefenwahrnehmung des Körpers schulen – verbessern nicht nur die Koordination, sondern reduzieren auch das Verletzungsrisiko erheblich. Die Bergziege ist ein Paradebeispiel für ein solches niedrig-intensives, aber hochwirksames Training.
Die Biomechanik: Was im Pferdekörper passiert
Wenn Ihr Pferd in die Position der Bergziege geht, laufen in seinem Körper komplexe Prozesse ab. Stellen Sie es sich wie ein gezieltes Workout im Fitnessstudio vor:
- Gewichtsverlagerung: Der entscheidende Impuls ist die Verlagerung des Gewichts von der Vorhand auf die Hinterhand. Dies entlastet Schultern und Vorderbeine.
- Muskelaktivierung: Um diese Position zu halten, muss das Pferd intensiv die sogenannte „hintere Kette“ aktivieren. Dazu gehören vor allem die großen Muskeln der Kruppe (wie der Gluteus medius) und der Oberschenkel (Biceps femoris, Semitendinosus). Diese Muskelgruppen sind für die Hankenbeugung und die Tragkraft zuständig.
- Core-Training: Gleichzeitig spannt das Pferd seine Rumpfmuskulatur an, insbesondere die Bauchmuskeln, um den Rücken aufzuwölben und sich zu stabilisieren. Ein starker Rumpf ist die Brücke zwischen Hinter- und Vorhand.
- Schulung der Propriozeption: Das Pferd lernt, seinen Körper bewusster wahrzunehmen und seine Gliedmaßen präziser zu positionieren. Es entwickelt ein besseres Gefühl für Balance und Koordination.
Anleitung: So bringen Sie Ihrem Pferd die Bergziege bei
Geduld und positive Verstärkung sind Ihre wichtigsten Werkzeuge. Erzwingen Sie nichts und achten Sie auf die Signale Ihres Pferdes.
Schritt 1: Die Vorbereitung
Stellen Sie Ihr Pferd an einem ruhigen Ort auf ebenem, rutschfestem Boden auf. Sie benötigen anfangs nur ein gut sitzendes Halfter und ein Seil. Leckerlis können als Motivation dienen, sollten aber gezielt eingesetzt werden.
Schritt 2: Der erste Impuls
Stellen Sie sich seitlich auf Höhe der Pferdeschulter. Geben Sie nun mit der Hand an der Brust oder über einen leichten Impuls am Seil ein sanftes Signal nach hinten-unten. Gleichzeitig können Sie mit einer Gerte das Hinterbein, das zurücktreten soll, antippen. Sobald Ihr Pferd auch nur einen kleinen Schritt nach hinten unter den Bauch macht, loben Sie es sofort und ausgiebig.
Schritt 3: Die Position vertiefen
Wiederholen Sie diesen Vorgang. Motivieren Sie Ihr Pferd nun, das Bein noch etwas weiter unter den Schwerpunkt zu setzen und die Position für einen kurzen Moment zu halten. Wichtig: Anfangs genügen wenige Sekunden. Es geht um die korrekte Anspannung, nicht um die Dauer.
Schritt 4: Die zweite Seite und das Halten
Üben Sie die Lektion auf beiden Seiten. Mit der Zeit wird Ihr Pferd verstehen, worum es geht, und die Position sicherer und länger halten. Das Ziel ist eine stabile, ausbalancierte Haltung, in der die Hinterhand sichtbar Last aufnimmt.
Die Bergziege als Sprungbrett für anspruchsvolle Lektionen
Sobald Sie dieses Fundament an Kraft, Koordination und Vertrauen gelegt haben, fällt vieles leichter. Die Bergziege ist die perfekte Vorbereitung für eine Vielzahl anspruchsvollerer Übungen.
- Allgemeine Versammlung: Die dabei aufgebaute Kraft ist die direkte Voraussetzung für mehr Tragkraft unter dem Sattel. Das Pferd lernt, sich hinten „zu setzen“, was jede versammelnde Arbeit erleichtert. Dies ist besonders wertvoll für die Ausbildung vieler spanische Pferde, die von Natur aus eine hohe Veranlagung zur Versammlung mitbringen.
- Zirkuslektionen: Die Bergziege ist eine der sichersten Vorübungen für andere Zirkuslektionen für Pferde. Sie schult exakt die Muskelgruppen und die Balance, die später benötigt werden.
- Kompliment & Plié: Bevor Sie Ihrem Pferd das Kompliment beibringen, sollte es die Bergziege sicher beherrschen. Die Lektion lehrt das Pferd, ein Hinterbein stark zu beugen und Last darauf aufzunehmen – eine Fähigkeit, die für das Knien unerlässlich ist und das Gelenk schont.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Bergziege
Für welche Pferde ist die Bergziege geeignet?
Grundsätzlich ist die Übung für fast jedes gesunde Pferd eine wertvolle gymnastische Ergänzung. Bei Pferden mit bekannten orthopädischen Problemen, insbesondere im Bereich der Knie oder des Rückens, sollten Sie jedoch vorab mit Ihrem Tierarzt oder Physiotherapeuten Rücksprache halten.
Wie oft sollte ich diese Übung trainieren?
Weniger ist mehr. Beginnen Sie mit kurzen Einheiten von wenigen Minuten, zwei- bis dreimal pro Woche. Es handelt sich um ein intensives Krafttraining. Sobald das Pferd die Übung verstanden hat, reichen wenige korrekte Wiederholungen pro Trainingseinheit aus.
Mein Pferd weicht aus oder versteht die Übung nicht. Was tun?
Das ist völlig normal. Gehen Sie einen Schritt zurück. Zerlegen Sie die Übung in noch kleinere Schritte. Loben Sie bereits den Ansatz einer Gewichtsverlagerung nach hinten. Oft hilft es auch, die eigene Position zu verändern oder die Hilfengebung noch präziser zu gestalten. Zwingen Sie Ihr Pferd niemals in die Position, da dies zu Abwehrreaktionen und Verletzungen führen kann.
Fazit: Ein kleiner Schritt für große Wirkung
Die Bergziege mag unspektakulär wirken, doch ihr Einfluss auf die Biomechanik und Gesundheit des Pferdes ist enorm. Sie ist kein Zirkustrick, sondern pure Gymnastik, die Ihrem Pferd hilft, seinen Körper besser zu verstehen und zu nutzen.
Indem Sie diese Übung in Ihr Bodentraining integrieren, investieren Sie direkt in die Tragkraft, die Balance und die Gesunderhaltung Ihres Pferdes. Sie bauen nicht nur Muskeln auf, sondern auch eine feine Kommunikation und tiefes Vertrauen – die beste Grundlage für alle gemeinsamen Ziele, ob im Sattel oder am Boden.



