Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Macht des Beckens: Wie Ihre Beckenkippung den Schwung Ihres Pferdes freisetzt
Fühlt sich Ihr Pferd manchmal im Rücken fest an, als ob es gegen eine unsichtbare Wand liefe? Kommt der kraftvolle Schub aus der Hinterhand nicht wirklich vorne an? Viele Reiter suchen die Ursache im Maul, in der Anlehnung oder bei der Gerte. Dabei liegt der Schlüssel zu einem schwingenden Rücken und echter Losgelassenheit viel näher bei uns selbst: in unserem Becken.
Wie Sie Ihr Becken im Sattel positionieren und bewegen – oft unbewusst und nur um Millimeter –, entscheidet darüber, ob Sie die Bewegung Ihres Pferdes fördern oder blockieren. Es ist der feinste Dialog zwischen Reiter und Pferd, eine Kommunikation, die ganz ohne Zügel auskommt. Wenn Sie diese subtile Sprache verstehen, können Sie die volle Kraft und Eleganz Ihres Pferdes entfesseln.
Das Becken: Mehr als nur ein Fundament
Stellen Sie sich Ihr Becken als die zentrale Schaltstelle Ihres Sitzes vor. Es ist nicht nur die Basis, auf der Ihre Wirbelsäule ruht, sondern auch der direkte Übertragungspunkt für die Energie aus der Hinterhand des Pferdes. Wie eine fein justierte Schale kann es die Bewegung des Pferderückens aufnehmen, durch Ihren Körper leiten und wieder zurückgeben – oder eben auch nicht.
In der Reitlehre werden oft zwei Extreme diskutiert, die diesen Energiefluss stören: die anteriore und die posteriore Beckenkippung.
Die anteriore Kippung: Das blockierende Hohlkreuz
Bei der anterioren Kippung schieben Sie Ihr Schambein nach unten und vorne, während die Sitzbeinhöcker nach hinten wandern. Das Ergebnis ist ein ausgeprägtes Hohlkreuz. Diese Haltung nehmen viele Reiter unbewusst ein, weil sie sich „aufrichten“ wollen.
Die Folgen sind gravierend:
- Blockade im Pferderücken: Eine Studie im Journal of Equine Veterinary Science hat gezeigt, dass diese Haltung den Druck auf den hinteren Bereich des Pferderückens erhöht. Das Pferd reagiert darauf, indem es den Rücken wegdrückt und die Bauchmuskulatur entspannt. Der Rücken wird fest, an ein Aufwölben ist nicht zu denken.
- Eingeschränkte Reiterhilfen: Mit einem Hohlkreuz versteifen Sie Ihre eigene Lendenwirbelsäule und können die Bewegungen des Pferdes nicht mehr geschmeidig begleiten. Ihre Hilfen werden hart und unpräzise.
- Verlorener Schwung: Wie der renommierte Tierarzt und Autor Dr. Gerd Heuschmann betont, ist ein schwingender Rücken die Grundlage für gesundes Reiten. Ein durch ein Hohlkreuz blockierter Rücken kann den Schub aus der Hinterhand nicht nach vorne durchlassen.
Die posteriore Kippung: Der „klemmende“ Rundrücken
Das Gegenteil ist die posteriore Kippung. Dabei kippt das Becken nach hinten, der untere Rücken rundet sich. Der Reiter sitzt oft „hinter der Bewegung“ und klemmt sich mit den Oberschenkeln fest, um Halt zu finden.
Auch diese Position ist problematisch:
- Bremse für die Hinterhand: Der Reiter schiebt sein Gewicht quasi gegen die Bewegungsrichtung des Pferdes. Die Hinterbeine können nicht mehr frei nach vorne unter den Schwerpunkt treten.
- Störung der Balance: Der Reiter verliert seine zentrale, ausbalancierte Position. Sally Swifts Konzept der „Bausteine“ (Kopf über Schultern über Becken über Fersen) gerät aus dem Gleichgewicht.
- Mangelnde Feinabstimmung: In dieser Position ist es fast unmöglich, feine Gewichtshilfen zu geben oder die komplexe dreidimensionale Bewegung des Pferderückens, wie von Biomechanik-Expertin Dr. Hilary Clayton beschrieben, zu fühlen und zu begleiten.
Der neutrale Sitz: Das Tor zur Losgelassenheit
Die Lösung liegt, wie so oft, in der Mitte. Ein neutrales, dynamisch stabiles Becken ist der Schlüssel. „Neutral“ heißt hier nicht steif oder unbeweglich, sondern beschreibt eine ausbalancierte Position, aus der Sie die Bewegung des Pferdes aufnehmen und aktiv mitgestalten können.
Mary Wanless, Begründerin der „Ride With Your Mind“-Methode, beschreibt dies als eine stabile Position, die durch eine Grundspannung in der Rumpfmuskulatur gehalten wird. Von hier aus kann der Reiter sein Becken bewusst minimal kippen, um dem Pferd präzise Signale zu geben – zum Beispiel, um das Aufwölben des Rückens zu fördern. Erst diese Fähigkeit zur feinen Steuerung ermöglicht bessere Reiterhilfen durch einen ausbalancierten Sitz.
Ein Reiter mit einem neutralen Becken sitzt tief im Sattel, ohne zu klemmen. Er kann die Auf- und Abwärtsbewegung des Pferderückens im Schritt, Trab und Galopp mitschwingen lassen. Genau das ist die körperliche Voraussetzung für echte Losgelassenheit.
Vom Wissen zur Praxis: So finden Sie Ihre Mitte
Das Gefühl für das eigene Becken zu entwickeln, gelingt oft am besten ohne Pferd.
Eine einfache Übung:
Setzen Sie sich auf einen Stuhl oder einen Gymnastikball. Legen Sie Ihre Hände an Ihre Hüften und spüren Sie Ihre Sitzbeinhöcker.
- Kippen Sie Ihr Becken bewusst nach vorne (anteriore Kippung). Spüren Sie, wie Sie ein Hohlkreuz machen und das Gewicht auf den vorderen Teil Ihrer Sitzbeinhöcker verlagern.
- Kippen Sie Ihr Becken langsam nach hinten (posteriore Kippung). Spüren Sie, wie Ihr Rücken rund wird und Sie auf dem hinteren Teil der Sitzbeinhöcker sitzen.
- Pendeln Sie nun zwischen diesen beiden Extremen hin und her und machen Sie die Bewegung immer kleiner, bis Sie den Punkt finden, an dem Sie mittig und ausbalanciert auf beiden Sitzbeinhöckern ruhen. Das ist Ihre neutrale Position.
Versuchen Sie, dieses Gefühl im Sattel wiederzufinden. Oft hilft die Vorstellung, Ihr Becken sei eine mit Wasser gefüllte Schale, aus der nichts überschwappen soll.
Der Kreislauf des Schwungs: Wenn Reiter und Pferd eins werden
Mit einem ausbalancierten, mitschwingenden Becken wird der Reiter zu einem positiven Teil der Bewegungskette. Der kraftvolle Impuls aus der Hinterhand des Pferdes kann ungehindert über den aufgewölbten Rücken nach vorne fließen, durch das Genick bis zur weichen Reiterhand und wieder zurück. So entsteht ein harmonischer Kreislauf – der Inbegriff von Schwung und Durchlässigkeit.
Besonders bei Pferden mit starker Hinterhandmotorik, wie vielen spanischen und barocken Rassen, ist ein durchlässiger Reitersitz entscheidend. Ihre Kraft muss kanalisiert und geformt, darf aber niemals blockiert werden.
Die Rolle der Ausrüstung: Wenn der Sattel den Sitz blockiert
Selbst der beste Reiter kann sein Becken nicht korrekt einsetzen, wenn die Ausrüstung ihn in eine falsche Position zwingt. Ein unpassender Sattel kann einen Stuhlsitz provozieren, das Becken nach hinten kippen oder dem Reiter nicht genügend Stabilität geben. Der passende Sattel ist daher kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für harmonisches Reiten.
Spezialisierte Sattelkonzepte, wie sie beispielsweise von Iberosattel entwickelt wurden, berücksichtigen nicht nur den oft kurzen, breiten Rücken barocker Pferde, sondern auch die Biomechanik des Reiters. Sie sind so konzipiert, dass sie dem Reiter helfen, eine ausbalancierte, neutrale Beckenposition zu finden und zu halten. Ein solcher Sattel wird zur Brücke zwischen Reiter und Pferd, statt zur Barriere zu werden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Beckenkippung
Was ist der Unterschied zwischen Beckenkippung und Einknicken in der Hüfte?
Beim Einknicken in der Hüfte geben Sie seitlich nach und verlieren Ihre zentrale Balance. Die Beckenkippung beschreibt die Vorwärts- und Rückwärtsbewegung des Beckens entlang der Längsachse des Pferdes. Beides stört die Harmonie, hat aber unterschiedliche Ursachen und Auswirkungen.
Wie merke ich, ob mein Pferd wegen meines Sitzes fest wird?
Achten Sie auf feine Anzeichen: Das Pferd tritt mit den Hinterbeinen kürzer, drückt den Rücken weg, wird im Maul fest oder reagiert verzögert auf Schenkelhilfen. Oft ist ein fester Reitersitz die eigentliche Ursache.
Kann ich das auch als Anfänger lernen?
Absolut! Je früher Sie ein Bewusstsein für Ihr Becken entwickeln, desto besser. Sitzschulungen an der Longe sind hierfür ideal, da Sie sich voll und ganz auf Ihren Körper konzentrieren können, ohne die Zügel halten zu müssen.
Hilft mir Sitzlonge, mein Becken besser zu kontrollieren?
Ja, die Sitzlonge ist dafür eines der effektivsten Werkzeuge. Unter Anleitung eines erfahrenen Trainers lernen Sie, die Bewegung des Pferdes wirklich zu fühlen und Ihr Becken aktiv, aber entspannt mitschwingen zu lassen.
Fazit: Der Dialog beginnt im Becken
Die korrekte Beckenposition ist kein starres Konzept, sondern ein dynamisches Gleichgewicht. Es ist die Kunst, stabil und doch beweglich zu sein, Führung zu geben, ohne zu stören. Der Weg zu diesem Gefühl erfordert Geduld, Körperbewusstsein und die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten.
Doch der Lohn ist unbezahlbar: ein Pferd, das losgelassen und mit schwingendem Rücken unter Ihnen tanzt, das Ihren feinsten Hilfen vertraut und mit Ihnen zu einer harmonischen Einheit verschmilzt. Dieser Dialog beginnt nicht am Zügel, er beginnt tief in Ihrer Mitte – in Ihrem Becken.



