Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Das ‚heiße‘ Barockpferd ausbilden: Wie Sie überschüssige Energie in positive Leistung kanalisieren

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf Ihrem prachtvollen Barockpferd, jeder Muskel unter Ihnen spannt sich an. Die Ohren spielen wachsam, und schon das kleinste Geräusch am Rande der Reitbahn lässt seinen mächtigen Körper erzittern. Sie spüren diese immense Kraft, die jeden Moment in eine explosionsartige Reaktion umschlagen könnte. Es ist ein Gefühl, als säßen Sie auf einem Pulverfass – faszinierend und beängstigend zugleich.

Viele Besitzer von Pura Raza Españolas (PRE), Lusitanos oder Friesen kennen dieses Szenario. Diese Pferde, oft als „heiß“, „sensibel“ oder „übertrieben lauffreudig“ beschrieben, stellen ihre Reiter vor besondere Herausforderungen. Doch was, wenn dieser Vorwärtsdrang kein Fehler ist, sondern ein tief verwurzeltes Erbe? Und was, wenn Sie lernen könnten, diese überschäumende Energie nicht zu unterdrücken, sondern in brillante Versammlung, Ausdruck und Leichtigkeit zu verwandeln?

Dieser Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie die Ursachen für dieses temperamentvolle Verhalten verstehen und daraus durch gezieltes Training einen konzentrierten, losgelassenen Partner formen.

Warum Ihr Barockpferd „heiß“ ist: Ein Blick in Genetik und Biologie

Um die Energie Ihres Pferdes zu kanalisieren, müssen Sie zunächst verstehen, woher sie kommt. Dahinter steckt selten Ungehorsam, sondern vielmehr das Zusammenspiel aus jahrhundertealter Zuchtgeschichte und besonderer Physiologie.

Das Erbe der Krieger: Genetik und Instinkt

Spanische Pferde wie der PRE wurden über Jahrhunderte für Mut, Wendigkeit und Reaktionsschnelligkeit gezüchtet. Sie waren die Pferde der Könige und Konquistadoren, eingesetzt in der Stierkampfarena und auf dem Schlachtfeld. So zeigte eine Studie der Universität Córdoba von 2019, dass viele PREs eine Genvariation – das sogenannte „Krieger-Gen“ – tragen, die mit erhöhter Wachsamkeit und schnelleren Reaktionen in Verbindung gebracht wird. Dieses Erbe erklärt ihre angeborene Sensibilität und die Tendenz, auf Reize eher mit Vorwärtsdrang als mit Trägheit zu reagieren.

Gebaut für die Explosion: Die Muskelphysiologie

Barockpferde verfügen oft über einen hohen Anteil an schnellzuckenden Muskelfasern (Typ-II-Fasern). Diese Fasern sind für kurze, explosive Kraftentfaltungen geschaffen – perfekt für schnelle Sprints, abrupte Stopps und kraftvolle Sprünge. Im Gegensatz dazu sind langsamzuckende Fasern (Typ I) für Ausdauerleistung zuständig. Ein Pferd, das physiologisch eher ein Sprinter als ein Marathonläufer ist, wird bei aufgestauter Energie naturgemäß zu plötzlichen, kraftvollen Bewegungen neigen.

Der Kopf entscheidet: Stress und das Nervensystem

Ein sensibles Pferd nimmt seine Umgebung intensiver wahr. Sein Nervensystem schaltet schneller in den „Kampf- oder Fluchtmodus“, die Amygdala, das Angstzentrum im Gehirn, wird leichter aktiviert. Die Folge: Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet und bereiten den Körper auf eine unmittelbare Reaktion vor. In diesem Zustand ist das Pferd nicht mehr lernfähig – es befindet sich im Überlebensmodus. Jeder Druck, sei es durch einen unsicheren Sitz, eine harte Hand oder einen schlecht sitzenden Sattel, verstärkt diesen Zustand.

Der Teufelskreis aus Spannung und Kontrolle

Viele Reiter reagieren auf den Vorwärtsdrang ihres Pferdes instinktiv mit Kontrolle: Sie nehmen die Zügel kürzer, sitzen fester und versuchen, die Energie mit reiner Kraft zu bändigen. Doch das bewirkt genau das Gegenteil:

  1. Der Reiter spannt sich an: Die Angst vor einem Kontrollverlust führt zu einem festen Sitz und einer starren Hand.
  2. Das Pferd spürt den Druck: Der erhöhte Zügeldruck und der klemmende Schenkel signalisieren Gefahr und verursachen Schmerz oder Unbehagen.
  3. Die Spannung steigt: Das Pferd verspannt seine Muskulatur, vor allem im Rücken und Hals, während der Cortisolspiegel weiter ansteigt.
  4. Die Fluchtreaktion wird stärker: Um dem Unbehagen zu entkommen, wird das Pferd noch eiliger, hitziger oder beginnt sogar zu steigen.

Dieser Kreislauf untergräbt das Vertrauen und macht eine sinnvolle gymnastizierende Arbeit unmöglich – ein häufiges Problem in der Ausbildung von Barockpferden, das sich jedoch durchbrechen lässt.

Strategien, um Energie in Leistung zu verwandeln

Der Schlüssel liegt nicht darin, die Energie zu unterdrücken, sondern ihr einen sinnvollen Weg zu weisen. Das Ziel ist, Ihr Pferd aus dem reaktiven Fluchtmodus in einen konzentrierten Arbeitsmodus zu führen.

1. Mentale Grundlagen: Sicherheit und Routine schaffen

Ein nervöses Pferd braucht vor allem eines: mentale Sicherheit.

  • Vorhersehbarkeit: Gestalten Sie Ihre Trainingseinheiten strukturiert. Feste Rituale wie ausgiebiges Putzen, Führen und eine gleichbleibende Aufwärmphase geben Ihrem Pferd Halt.
  • Geduld ist Ihr wichtigstes Werkzeug: Erwarten Sie keine schnellen Erfolge. Jeder kleine Schritt in Richtung Gelassenheit ist ein Sieg. Bleiben Sie ruhig, selbst wenn Ihr Pferd angespannt ist – Ihre Gelassenheit ist sein bester Anker.
  • Positive Verstärkung: Belohnen Sie jede noch so kleine korrekte Reaktion und jeden Moment der Entspannung, sei es durch Ihre Stimme, ein sanftes Streicheln oder eine kurze Pause.

2. Körperliche Grundlagen: Die richtigen Übungen

Lange, gerade Linien sind für ein heißes Pferd oft kontraproduktiv, da sie es zum Rennen einladen. Setzen Sie stattdessen auf Übungen, die Kopf und Körper gleichermaßen beschäftigen.

  • Lösen und Dehnen: Beginnen Sie jede Einheit mit langen Schrittphasen am hingegebenen Zügel. Ermutigen Sie Ihr Pferd zu einer sanften Dehnungshaltung (vorwärts-abwärts), um die Rückenmuskulatur zu lockern.
  • Gebogene Linien und Seitengänge: Volten, Schlangenlinien und Seitengänge wie Schulterherein oder Travers fordern das Pferd auf, sich zu biegen, das innere Hinterbein zu aktivieren und sich auszubalancieren. Das lenkt den Fokus von der Umgebung auf den eigenen Körper und den Reiter.
  • Häufige Übergänge: Reiten Sie viele Übergänge zwischen den Gangarten (Schritt-Trab, Trab-Galopp) und innerhalb einer Gangart (Arbeitstempo – verstärken – einfangen). Das schult die Durchlässigkeit und lehrt das Pferd, auf Ihre Hilfen zu warten, anstatt vorwärtszustürmen.
  • Fokus-Aufgaben: Integrieren Sie Stangenarbeit, Pylonen oder einfache Trail-Hindernisse. Solche Aufgaben erfordern Konzentration und geben der Energie ein klares Ziel.

3. Die entscheidende Rolle der Ausrüstung: Schmerz als Spannungstreiber

Ein oft übersehener Faktor: die Ausrüstung. Ein unpassender Sattel ist eine der häufigsten Ursachen für Spannung und Widersetzlichkeit. Barockpferde haben oft eine spezielle Anatomie: einen kurzen, breiten Rücken, eine stark bemuskelte Schulter und eine runde Rippenwölbung.

Ein herkömmlicher Dressursattel kann hier schnell zu Problemen führen:

  • Druckspitzen: Ein zu enger oder zu langer Sattel drückt auf die empfindliche Rückenmuskulatur oder blockiert die Bewegung der Schulter.
  • Eingeschränkte Bewegung: Ist der Wirbelsäulenkanal zu schmal, reibt der Sattel auf der Wirbelsäule.
  • Instabilität: Ein schlecht ausbalancierter Sattel rutscht und zwingt den Reiter, sich mit den Knien oder Schenkeln festzuklammern.

Das Pferd reagiert auf diesen permanenten Schmerzreiz mit Anspannung, Buckeln oder Davonlaufen. Der Reiter interpretiert dieses Verhalten fälschlicherweise als Temperamentsproblem, obwohl die Ursache oft schlichtweg Schmerz ist. Jede Barockpferderasse bringt ihre eigenen körperlichen Besonderheiten mit, die bei der Sattelwahl berücksichtigt werden müssen.

Es ist daher unerlässlich, in einen professionell angepassten Sattel zu investieren, der die Bewegungsfreiheit fördert, statt sie einzuschränken. Hersteller wie Iberosattel haben sich genau darauf spezialisiert: Sie entwickeln Sättel mit breiten Auflageflächen und speziellen Schnitten für den barocken Pferdetyp, um solche Probleme zu vermeiden.

FAQ: Häufige Fragen zum temperamentvollen Barockpferd

Ist mein Pferd einfach nur ungehorsam?
In den seltensten Fällen. Meist ist das Verhalten eine Mischung aus genetischer Veranlagung, körperlichem Unbehagen (z. B. durch Ausrüstung), aufgestauter Energie oder einer Stressreaktion auf die Umgebung und die Hilfen des Reiters. Versuchen Sie, das Verhalten als Kommunikation zu verstehen, nicht als Ungehorsam.

Wie lange dauert es, bis ich eine Veränderung bemerke?
Das ist sehr individuell und hängt vom Pferd, dem Reiter und der Konsequenz des Trainings ab. Dies ist ein Marathon, kein Sprint. Rechnen Sie mit Monaten, nicht mit Wochen. Der Schlüssel liegt darin, konsequent zu bleiben und kleine Fortschritte zu feiern.

Kann die Fütterung das Temperament beeinflussen?
Ja, absolut. Eine Fütterung mit hohem Anteil an schnell verfügbarer Energie (z. B. aus Hafer oder Melasse) kann ein sensibles Pferd zusätzlich „aufdrehen“. Eine auf Raufutter basierende Diät, ergänzt durch hochwertige Mineralien und bei Bedarf langsam freisetzende Energiequellen (z. B. Öle oder Reiskleie), ist oft die bessere Wahl. Ziehen Sie im Zweifel einen Fütterungsberater zurate.

Sollte ich ein schärferes Gebiss verwenden, um mehr Kontrolle zu haben?
Nein, auf keinen Fall. Ein schärferes Gebiss erhöht den Schmerz und den Druck im empfindlichen Pferdemaul. Dies verstärkt nur die Angst und den Fluchtinstinkt und verschlimmert den Teufelskreis aus Spannung und Gegendruck. Der Weg zu wahrer Kontrolle führt über Losgelassenheit, Vertrauen und korrekte Gymnastizierung, nicht über mechanischen Zwang.

Fazit: Vom Pulverfass zum Tanzpartner

Ein „heißes“ Barockpferd ist kein Problempferd. Es ist ein hochsensibler Athlet mit einem großen Herzen und einer enormen Leistungsbereitschaft. Ihre Aufgabe als Reiter ist es nicht, diese Energie zu bekämpfen, sondern ihr eine Richtung zu geben.

Indem Sie die Ursachen verstehen, für mentale Sicherheit sorgen, Ihr Training klug strukturieren und auf schmerzfreie, passende Ausrüstung achten, schaffen Sie die Grundlage für eine vertrauensvolle Partnerschaft. So erleben Sie, wie sich die aufgestaute Spannung in beeindruckenden Ausdruck, federnde Gänge und eine atemberaubende Versammlungsbereitschaft verwandelt.

Ihr Pferd wird vom Pulverfass zum Tanzpartner – ein Partner, dessen Energie nicht mehr Ihre Sorge, sondern Ihre größte Freude ist.

Wenn Sie nach einer sinnvollen Aufgabe suchen, die Intelligenz und Wendigkeit Ihres Pferdes gezielt fördert, bietet die Working Equitation eine wunderbare Möglichkeit, die natürlichen Talente Ihres barocken Partners spielerisch und effektiv zu kanalisieren.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.