Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur mit barocken Pferden auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die barocke Remonte: Warum Geduld hier kein Luxus, sondern die Basis für ein gesundes Reitpferd ist

Ein junges Barockpferd auf der Weide: kräftig bemuskelt, stolzer Hals, waches Auge. Mit drei oder dreieinhalb Jahren wirkt es oft schon fertiger als mancher gleichaltrige Warmblüter. Man fragt sich: Ist es nicht Zeit für die ernsthafte Ausbildung? Während in der Warmblutzucht junge Pferde oft schon mit drei angeritten werden, um sie für Körungen und Championate fit zu machen, ist dieser Zeitplan für spanische und barocke Pferde nicht nur unpassend. Er ist riskant.

Dieser Text ist ein Plädoyer für Geduld. Ein Gegenentwurf zum beschleunigten Trainingsmodell, der zeigt, warum eine langsame Ausbildung bei PRE, Lusitano oder Friese die unumstößliche Grundlage für ein gesundes, langlebiges Reitpferd ist. Er bestätigt Ihr Gefühl: Ihr Pferd ist etwas Besonderes und verdient eine andere Herangehensweise. Eine, die auf Wissen, Respekt und Weitsicht basiert.

Wachstumsfugen & Psyche: Der reale Entwicklungszeitplan eines Barockpferdes

Das äußere Erscheinungsbild eines jungen Barockpferdes täuscht. Seine Muskulatur und sein früh entwickeltes Gleichgewicht verschleiern eine simple Tatsache: Sein Skelett ist eine Baustelle. Der Schlüssel liegt in den Wachstumsfugen (Epiphysenfugen), den Knorpelzonen an den Knochenenden, die erst über Jahre verknöchern.

Viele Reiter nehmen an, ein Pferd sei bereit für Belastung, sobald die Fugen in den Beinen mit etwa drei Jahren schließen. Ein gefährlicher Irrtum. Die kritischen Wachstumsfugen – die der Wirbelsäule – schließen sich viel später.

Zeitplan der Schließung der Wachstumsfugen (Durchschnittswerte):

  • Hufbein: Bei der Geburt
  • Fesselbein/Kronbein: 6-9 Monate
  • Röhrbein: 1,5 – 2 Jahre
  • Vorderfußwurzelgelenk/Sprunggelenk: 2,5 – 3 Jahre
  • Ellbogen/Knie: 3 – 3,5 Jahre
  • Schulter/Hüfte: 3,5 – 4 Jahre
  • Wirbelsäule (insbesondere Hals- und Brustwirbel): 5,5 – 7 Jahre

Während die Beine eines Dreijährigen die Last vielleicht tragen, ist seine Wirbelsäule – die Brücke für das Reitergewicht – noch nicht fertig. Zu frühes Training unter dem Sattel übt Druck auf diese knorpeligen Strukturen aus. Das Risiko für Spätschäden wie Kissing Spines, Arthrose oder frühzeitigen Verschleiß steigt. Das Reitergewicht senkt den Rücken messbar ab und beansprucht die unreifen Wirbelkörper unnatürlich, lange bevor die Rumpfmuskulatur diese Last überhaupt kompensieren kann.

Die mentale Reife: Sensibilität braucht Zeit

Neben dem Knochengerüst ist da noch die Psyche. Rassen wie der Pura Raza Española (PRE) oder der Lusitano sind bekannt für ihre Sensibilität, Intelligenz und Menschenbezogenheit. Sie lernen schnell. Gutes wie Schlechtes. Ein junges, mental überfordertes Pferd verliert schnell das Vertrauen oder entwickelt Unarten, die man später nur schwer wieder loswird. Geben Sie ihm Zeit, die Welt zu verstehen und zu einem kooperativen Partner heranzureifen.

Bodenschule als Fundament: Mehr als nur „Spazierengehen“

Die Zeit vor dem Anreiten ist keine Wartezeit. Sie ist die wichtigste Phase der gesamten Ausbildung. Hier wird das Fundament für einen tragfähigen Pferderücken gelegt. Und Bodenschule ist kein netter Zeitvertreib, sondern gezielte Vorbereitung auf die Aufgabe als Reitpferd. Das Ziel: Aufbau der Tragemuskulatur, insbesondere der Bauch- und Rumpfmuskeln, die den Rücken anheben und stabilisieren.

Gezielte Arbeit an der Hand und an der Longe bereitet das Pferd vor. Das Führen in Stellung und Biegung schult die Längsbiegung und aktiviert die innere Bauchmuskulatur. Man führt auf einem Zirkel und achtet darauf, dass das Pferd sich korrekt biegt, ohne über die äußere Schulter wegzudriften. Seitengänge an der Hand wie Schulterherein oder Travers sind Gymnastik pur. Sie fördern die Koordination, kräftigen die Hinterhand und lehren das Pferd, seine Beine bewusst unter den Schwerpunkt zu setzen. Wenige, gute Schritte sind hier alles. Die Arbeit mit Stangen oder Pylonen schult die Propriozeption, also die Körperwahrnehmung des Pferdes. Es lernt, die Füße bewusst zu heben. Und korrektes Longieren ist kein stupides Im-Kreis-Jagen. Richtig eingesetzt, mit Fokus auf Takt und Losgelassenheit auf einer großen Linie, fördert es Balance und Muskelaufbau, ohne die Gelenke zu ruinieren. Hilfszügel, die das Pferd in eine Form zwingen, sind tabu.

Diese Arbeit vom Boden aus schafft nicht nur eine körperliche Basis. Sie stärkt auch die Beziehung. Das Pferd lernt, auf feine Hilfen zu achten und zu vertrauen. Die beste Voraussetzung für das erste Aufsitzen.

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Das erste Jahr unter dem Sattel: Fokus auf Balance, nicht auf Lektionen

Wenn das Pferd körperlich und geistig so weit ist – in der Regel nicht vor dem vierten Lebensjahr – beginnt das Anreiten. Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Das erste Jahr unter dem Sattel dient einem einzigen Zweck: Dem Pferd zu helfen, seine Balance unter dem Reiter zu finden. Vertrauen zu festigen. Taktsicher geradeaus zu gehen.

Der Leitsatz für dieses Jahr: „Kilometer in der Geraden, nicht Pirouetten im Viereck.“

Verabschieden Sie sich vom Gedanken an Lektionen. Die Ausbildungsskala ist noch Zukunftsmusik. Der Fokus liegt allein auf Takt, Losgelassenheit und einer ersten, ehrlichen Anlehnung.

Ein Plan für die ersten 12 Monate könnte so aussehen:

  • Monate 1-3: Gewöhnung an Sattel und Trense. Erstes Aufsitzen. Geführt werden im Schritt für wenige Minuten. Das Pferd lernt, das Reitergewicht zu akzeptieren.
  • Monate 4-6: Kurze Reiteinheiten im Schritt, am besten im Gelände auf geraden, ebenen Wegen. Das Vorwärts in freier Haltung hilft dem Pferd, Takt und Gleichgewicht zu finden. Große, weite Wendungen kommen dazu.
  • Monate 7-9: Erste kurze Trabphasen, nur auf gerader Strecke. Es geht nicht um Versammlung, sondern ums Balancieren. Der Schritt bleibt Hauptgangart.
  • Monate 10-12: Die Trabphasen werden langsam länger. Große Zirkel und Schlangenlinien auf dem Platz verbessern die Biegung. Der Galopp kommt, wenn überhaupt, nur für kurze, gerade Strecken auf sicherem Boden ins Spiel.

Ein perfekt passender Sattel ist während dieser Zeit absolut entscheidend. Der Rücken eines jungen Pferdes verändert sich ständig. Ein Sattel, der drückt, führt unweigerlich zu Verspannungen, Schmerz und Widersetzlichkeit.

Partnerhinweis: Hersteller wie Iberosattel haben sich auf die Anatomie barocker Pferde spezialisiert. Ihre Sättel bieten oft eine breite Auflagefläche und flexible Anpassungsmöglichkeiten, die den sich verändernden Rücken eines jungen Pferdes unterstützen können und die für Disziplinen wie die Working Equitation notwendige Stabilität bieten.

Typische Jungpferde-Probleme bei Barocken: Von Übereifer bis Sturheit

Junge Barockpferde bringen rassetypische Eigenheiten mit, die zur Herausforderung werden können. Man muss dieses Verhalten nicht als Ungehorsam, sondern als Ausdruck ihres Charakters und Ausbildungsstandes lesen.

  • Hohe Sensibilität und Übereifer: Viele spanische Pferde sind extrem lernwillig und bieten von sich aus viel an. Das verleitet dazu, zu schnell zu viel zu wollen. Aber ein übereifriges Pferd ist oft innerlich gestresst.
    Lösung: Viele Pausen. Dehnungsphasen einbauen. Das Pferd nicht für aufgeregtes Zappeln, sondern für ruhiges Stehen und Abschnauben loben.
  • Angeborene Versammlungsbereitschaft: Barocke Pferde haben eine natürliche Hankenbeugung. Sie bieten oft früh versammelte Lektionen an. Dieses Talent muss man schützen, nicht ausbeuten. Zu frühe Versammlung ruiniert die unreifen Gelenke und den Rücken.
    Lösung: Der Versuchung widerstehen. Aktiv das Gegenteil fördern: das Reiten in Dehnungshaltung („vorwärts-abwärts“). Das stärkt den Rücken. Echte Versammlung kommt aus Kraft, und die muss über Jahre aufgebaut werden.
  • Starker Spieltrieb und Energie: Ein junger PRE oder Friese, der bockt oder steigt, ist selten böswillig. Meistens sind es Energieüberschuss, Spielfreude oder eine kurze mentale Sicherung, die durchbrennt.
    Lösung: Ausreichend freie Bewegung in der Herde. Den Spieltrieb durch abwechslungsreiche Arbeit kanalisieren, etwa im Gelände. Auf solche Momente nicht mit Strafe reagieren, sondern mit ruhiger Konsequenz und einer klaren Aufgabe, auf die sich das Pferd wieder konzentrieren kann.

Fazit: Investition in die Zukunft

Die Ausbildung einer barocken Remonte ist ein Marathon, kein Sprint. Jeder Monat, den Sie Ihrem Pferd mehr Zeit für seine Entwicklung geben, ist eine Investition in seine Gesundheit und eine lange, gemeinsame Zukunft. Sie bauen keinen Sportapparat, sondern einen Partner, der Ihnen vertraut und motiviert mitarbeitet. Der Mut, sich von den straffen Zeitplänen der Sportpferdezucht zu lösen, ist das größte Geschenk an Ihr Pferd: Zeit zu reifen. Das Ergebnis ist ein rittiges, gesundes und psychisch starkes Pferd für viele Jahre.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.

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