Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Barockpferde Ausbildung auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Balance finden statt in Form zwingen: Das Vorwärts-Abwärts als Schlüssel in der Remontenzeit
Kennen Sie das Gefühl?
Die ersten Wochen mit einem jungen Pferd unter dem Sattel sind aufregend, aber auch voller Unsicherheiten. Noch sucht das Pferd nach seiner Balance, der Takt ist vielleicht unregelmäßig, und der Kopf wird eher hoch getragen, anstatt sich entspannt fallen zu lassen. In diesem Moment folgen viele Reiter ihrem Instinkt und versuchen, durch Zügeleinwirkung eine „Form“ zu erzwingen. Doch genau hier liegt der Schlüssel zu einer pferdegerechten Ausbildung: Der Weg führt nicht über Zwang, sondern über die Einladung in die Dehnung.
Das Vorwärts-Abwärts ist weit mehr als nur eine Lektion – es ist die Grundlage für einen gesunden, tragfähigen Pferderücken und der erste, entscheidende Schritt auf dem Weg zur Losgelassenheit.
Was bedeutet Vorwärts-Abwärts wirklich? Mehr als nur „Nase runter“
Oberflächlich betrachtet scheint das Vorwärts-Abwärts eine simple Haltung zu sein: Das Pferd senkt Kopf und Hals. Doch die wahre Magie spielt sich im Inneren ab und ist ein Meisterstück der Biomechanik. Stellen Sie sich den Pferderücken wie eine Hängebrücke vor. Das Nacken-Rücken-Band-System, das vom Genick bis zum Kreuzbein verläuft, ist das tragende Seil dieser Brücke.
Wenn das Pferd nun den Hals vorwärts-abwärts streckt, spannt sich dieses Band. Diese Spannung hat einen direkten Effekt:
- Die Dornfortsätze der Wirbelsäule richten sich auf.
- Der Rücken wölbt sich nach oben.
- Der lange Rückenmuskel (M. longissimus dorsi) wird entlastet und kann frei schwingen.
Erst in dieser Haltung ist das junge Pferd überhaupt in der Lage, das Reitergewicht ohne Verspannungen zu tragen und seine Rückenmuskulatur korrekt aufzubauen. Es lernt, seinen eigenen Körper auszubalancieren und unter dem zusätzlichen Gewicht taktrein und losgelassen zu schreiten. Ein verfrühtes „in Anlehnung reiten“ mit aufgerichtetem Hals würde hingegen den Rücken wegdrücken, zu Verspannungen führen und den Muskelaufbau blockieren.
Der feine Unterschied: Echte Dehnung vs. „Auf der Vorhand laufen“
Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, dass jedes Pferd mit tiefer Nase bereits korrekt läuft. Ein Pferd, das lediglich passiv den Kopf hängen lässt und auf die Vorhand fällt, dehnt sich nicht, sondern entzieht sich der Arbeit.
Eine echte Dehnungshaltung erkennen Sie an folgenden Merkmalen:
- Aktivität aus der Hinterhand: Das Pferd tritt fleißig mit den Hinterbeinen in Richtung Schwerpunkt. Der Motor ist hinten!
- Gehobener Rücken: Sie können förmlich spüren, wie der Rücken unter Ihnen aufschwingt und Sie „mitnimmt“.
- Gedehnte Oberlinie: Der Hals ist lang, die Nase befindet sich etwa auf Höhe des Buggelenks und zeigt tendenziell vor die Senkrechte.
- Zufriedenes Kauen: Ein entspanntes Maul und ein ruhiges Abschnauben sind oft Zeichen für beginnende Losgelassenheit.
![PFERD IN KORREKTER DEHNUNGSHALTUNG, SEITENANSICHT]()
Ein Pferd, das hingegen auf der Vorhand „läuft“, wirkt träge, die Hinterbeine schleppen hinterher und der Rücken bleibt fest. Ziel ist es nicht, das Pferd nach unten zu ziehen, sondern ihm durch einen treibenden Sitz und eine weiche Hand den Weg in die Tiefe anzubieten.
Warum das Vorwärts-Abwärts für junge Pferde (und besonders Barockpferde) so entscheidend ist
Die Remontenzeit, also die Grundausbildung, legt das Fundament für das gesamte Pferdeleben. In dieser Phase geht es nicht um spektakuläre Lektionen, sondern darum, dem Pferd beizubringen, sich unter dem Reiter gesund zu bewegen. Die korrekte Ausbildung junger Pferde beginnt immer mit der Stärkung der Rumpf- und Rückenmuskulatur.
Gerade für barocke Pferderassen wie den Pura Raza Española (PRE) oder Lusitanos ist dieser Schritt entscheidend. Von Natur aus bringen sie oft eine hohe Aufrichtung und eine starke Halsbemuskelung mit. Das verleitet dazu, diese „Form“ zu früh abzufragen. Doch ohne einen starken, aufgewölbten Rücken führt dies langfristig zu Problemen. Das Vorwärts-Abwärts hilft diesen Pferden, ihre kraftvolle Oberlinie zu entspannen und den Rücken für die spätere Versammlung vorzubereiten.
Praktische Übungen für die ersten Wochen
Geduld ist Ihr wichtigster Begleiter. Geben Sie Ihrem Pferd Zeit, die Dehnungshaltung zu finden und die nötige Muskulatur aufzubauen.
An der Longe beginnen
Schon vor dem ersten Aufsteigen können Sie das Pferd an der Longe an die Dehnungshaltung heranführen. Animieren Sie Ihr Pferd auf großen, runden Zirkeln mit Ihrer Stimme und der Longe zu einem fleißigen, taktreinen Schritt oder Trab. Viele Pferde beginnen von allein, den Hals fallen zu lassen, wenn sie sich ausbalanciert haben.
Die ersten Schritte unter dem Sattel
Reiten Sie in den ersten Wochen vor allem eines: große, gebogene Linien. Ganze Bahn, Zirkel und Schlangenlinien durch die ganze Bahn helfen dem Pferd, seinen Takt und seine Balance zu finden. Vermeiden Sie enge Wendungen und abrupte Manöver. Ihr Sitz sollte treibend und losgelassen sein. Die Hand bleibt dabei weich und gibt nach, sobald das Pferd auch nur ansatzweise den Weg in die Tiefe sucht.
Übergänge reiten
Einfache Übergänge zwischen Schritt und Halten oder Schritt und Trab sind exzellente Übungen zur Gymnastizierung. Sie fördern die Aktivität der Hinterhand und schulen die Reaktion auf Ihre Hilfen. Jedes gelungene Anhalten und Antraben stärkt zudem die Bauchmuskulatur. Als wichtiger Gegenspieler der Rückenmuskulatur unterstützt sie das Anheben des Rückens.
Der Sattel: Ein oft unterschätzter Faktor für die Dehnungshaltung
Die beste reiterliche Einwirkung ist wirkungslos, wenn die Ausrüstung das Pferd blockiert. Damit sich der Rücken aufwölben kann, muss der Sattel absolute Bewegungsfreiheit für Schulter und Wirbelsäule garantieren. Ein Sattel, der drückt, zu eng ist oder dessen Schwerpunkt falsch liegt, zwingt das Pferd, den Rücken festzuhalten oder wegzudrücken.
![SATTEL MIT BREITER AUFLAGEFLÄCHE UND WIRBELSÄULENFREIHEIT AUF PFERDERÜCKEN]()
Gerade junge Pferde verändern ihre Bemuskelung in den ersten Monaten stark. Ein anpassbarer Sattel ist hier unerlässlich. Hersteller wie Iberosattel haben sich beispielsweise auf die besonderen Anforderungen barocker Pferderücken spezialisiert und entwickeln Sättel mit breiten Auflageflächen und großer Schulterfreiheit, die das Aufwölben des Rückens aktiv unterstützen. Ein gut sitzender Sattel ist keine Nebensache, sondern eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche und pferdegerechte Ausbildung.
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Häufige Fragen (FAQ) zum Thema Vorwärts-Abwärts
Wie lange soll ich mein junges Pferd im Vorwärts-Abwärts reiten?
In der Anfangsphase der Ausbildung bildet die Dehnungshaltung den Hauptteil der Arbeit. Auch bei einem weiter ausgebildeten Pferd sollte jede Trainingseinheit mit einer Lösungsphase im Vorwärts-Abwärts beginnen und enden, um die Muskulatur aufzuwärmen und zu entspannen.
Mein Pferd rollt sich ein, anstatt sich zu dehnen. Was mache ich falsch?
Einrollen, bei dem die Nase zu nah an die Brust kommt, geschieht oft bei zu starker Handeinwirkung. Geben Sie mehr nach und konzentrieren Sie sich darauf, das Pferd mit Ihrem Sitz und Bein von hinten nach vorne an die Hand heranzutreiben. Das Ziel ist die Dehnung zum Gebiss hin, nicht das Einrollen dahinter.
Ist Vorwärts-Abwärts das Gleiche wie „Rollkur“?
Nein, absolut nicht. Die „Rollkur“ (Hyperflexion) ist eine erzwungene, enge Haltung, die das Nackenband überdehnt und zu massiven Verspannungen führt. Das pferdegerechte Vorwärts-Abwärts ist eine freiwillig angebotene Dehnungshaltung, bei der die Nase vor der Senkrechten bleibt und die Ganaschen frei sind.
Eignet sich das Vorwärts-Abwärts auch für Disziplinen wie die Working Equitation?
Ja, unbedingt. Disziplinen wie die Working Equitation erfordern ein durchlässiges, rittiges und wendiges Pferd. Die Grundlage dafür schafft eine solide Basisarbeit, in der das Pferd lernt, seinen Rücken zu nutzen und losgelassen auf Hilfen zu reagieren. Die Dehnungshaltung ist der erste Schritt zu der Kraft und Geschmeidigkeit, die später in den anspruchsvollen Trail-Hindernissen benötigt werden.
Fazit: Geduld als Schlüssel zum Erfolg
Der Weg zu einem harmonischen Reitpferd ist ein Marathon, kein Sprint. Das Vorwärts-Abwärts in der Remontenzeit ist die wichtigste Investition in die Gesundheit und Rittigkeit Ihres Pferdes. Indem Sie ihm die Zeit geben, seine Balance zu finden und die richtige Muskulatur aufzubauen, schaffen Sie eine Vertrauensbasis und ein Fundament, das ein Leben lang trägt. Verzichten Sie auf schnelle Erfolge und erzwungene Haltungen – und freuen Sie sich stattdessen über das Gefühl, wenn Ihr Pferd zum ersten Mal zufrieden abschnaubt und Ihnen seinen Rücken anvertraut.
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