Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Der Außengalopp als Geraderichter: Warum diese Lektion für PRE und Lusitano unverzichtbar ist

Kennen Sie das Gefühl? Der Galopp Ihres anmutigen Spaniers fühlt sich auf der einen Hand kraftvoll und erhaben an, auf der anderen jedoch eierig und unsicher. Vielleicht haben Sie auf dem Zirkel auch das Gefühl, Ihr Pferd driftet mit der Schulter nach außen, fast wie ein Motorrad in der Kurve. Solche Unstimmigkeiten sind mehr als nur Schönheitsfehler: Sie sind Zeichen einer natürlichen Schiefe, die gerade bei so talentierten Pferden wie dem PRE oder Lusitano die weitere Ausbildung ausbremsen kann.

Die überraschende Lösung liegt oft in einer Lektion, die viele Reiter eher meiden: dem Außengalopp. Was sich zunächst „falsch“ anfühlt, ist in Wahrheit einer der effektivsten Hebel, um Balance, Kraft und Geraderichtung auf ein völlig neues Niveau zu heben.

Was genau ist der Außengalopp?

Stellen Sie sich vor, Sie reiten auf der linken Hand in Ihrer Reitbahn. Statt im üblichen Linksgalopp zu reiten, behalten Sie den Rechtsgalopp bei. Sie galoppieren also bewusst auf der „äußeren“ Hand, während Sie auf der linken Hand bleiben.

Diese Aufgabe stellt eine immense Herausforderung für die Koordination und das Gleichgewicht des Pferdes dar. Es kann sich nicht mehr mit der inneren Schulter in die Biegung lehnen, sondern muss lernen, sich aus eigener Kraft auszubalancieren. Genau hier liegt der Schlüssel zu seiner gymnaszierenden Wirkung.

Warum der Außengalopp für barocke Pferde so wertvoll ist

Spanische und portugiesische Pferde bringen von Natur aus eine hohe Versammlungsbereitschaft und durch ihre kompakte Statur viel Talent für versammelte Lektionen mit. Doch genau diese Veranlagung birgt die Gefahr, dass der Galoppsprung ohne korrekte Gymnastizierung kurz, spannig und wenig raumgreifend wird. Der Außengalopp wirkt dem gezielt entgegen.

1. Die ultimative Balance-Übung

Im Außengalopp muss das Pferd sein inneres Hinterbein vermehrt unter den Körperschwerpunkt setzen, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Diese verstärkte Lastaufnahme ist die Grundlage für echte Selbsthaltung. Anstatt sich auf die Hand des Reiters oder die Bande zu stützen, lernt das Pferd, seinen Rumpf zu stabilisieren und sich selbst zu tragen – eine Fähigkeit, die für alle weiterführenden Lektionen unerlässlich ist.

2. Der Schlüssel zum Geraderichten

Jedes Pferd hat eine natürliche Schiefe, ähnlich wie wir Menschen Rechts- oder Linkshänder sind. Der Außengalopp deckt diese Schiefe gnadenlos auf und korrigiert sie zugleich. Wenn ein Pferd dazu neigt, über eine Schulter „wegzulaufen“, zwingt der Außengalopp es, diese äußere Schulter zu stabilisieren und vor sich zu halten. Die gesamte diagonale Hilfengebung wird verfeinert, und das Pferd lernt, gerade zwischen den Hilfen des Reiters zu bleiben.

3. Mehr Ausdruck und Sprungqualität

Die verbesserte Lastaufnahme und Balance führen fast zwangsläufig zu einem besseren Galoppsprung. Das Pferd entwickelt mehr Kraft im Hinterbein, was sich in einem kadenzierten, ausdrucksstärkeren und bergauf gesprungenen Galopp zeigt. Der Sprung gewinnt an Erhabenheit und Leichtigkeit – genau das, was die Faszination dieser Rassen ausmacht.

Vom Handgalopp zum fliegenden Wechsel: Der Weg über den Außengalopp

Der Außengalopp ist keine isolierte Lektion, sondern ein zentraler Baustein auf dem Weg zu anspruchsvolleren Aufgaben wie den fliegenden Galoppwechseln. Ein Pferd, das den Außengalopp sicher und ausbalanciert beherrscht, ist mental und körperlich optimal auf den fliegenden Wechsel vorbereitet. Warum? Weil es gelernt hat, im Galopp ausbalanciert auf dem neuen äußeren Hinterbein zu landen, ohne die Linie zu verlassen. Der Wechsel wird so zu einer leisen, fast unsichtbaren Umstellung und nicht zu einem hektischen Umschmeißen des Körpers.

So gelingt der Einstieg:

  1. Die Grundlage: Stellen Sie sicher, dass der Handgalopp (der „normale“ Galopp) auf beiden Händen sicher und taktrein auf geraden und gebogenen Linien funktioniert.
  2. Einfache Linien wählen: Beginnen Sie nicht sofort auf dem Zirkel. Reiten Sie zum Beispiel aus der Ecke kehrt oder durch die halbe Bahn wechseln und behalten Sie den ursprünglichen Galopp für einige Sprünge auf der neuen Hand bei, bevor Sie durchparieren.
  3. Die Hilfen: Der Reiterrahmen ist entscheidend. Die äußere Hand führt das Pferd und begrenzt die Schulter, während das innere Bein am Gurt den Galoppsprung erhält. Der Reiter blickt geradeaus in Bewegungsrichtung.

Hier ist gute Koordination gefragt – eine Fähigkeit, die nicht nur in der Dressur, sondern auch bei den anspruchsvollen Übergängen in der Working Equitation entscheidend ist.

Die Rolle der Ausrüstung: Stabilität für Pferd und Reiter

Gerade im anspruchsvollen Außengalopp spüren Sie jede kleine Dysbalance, sei es Ihre eigene oder die Ihres Pferdes. Ein Sattel, der nicht perfekt passt, rutscht oder Sie in einen falschen Sitz zwingt, kann die feine Hilfengebung unmöglich machen. Die Passform ist daher entscheidend, besonders bei Pferden mit dem typisch barocken Körperbau – kurzer Rücken, breite Schultern.

Ein gut angepasster Sattel, der die Schulterfreiheit nicht einschränkt und Ihnen einen zentrierten Sitz ermöglicht, ist hier Gold wert. Modelle, wie sie beispielsweise von Spezialisten für spanische Pferde entwickelt werden, berücksichtigen den kompakten Körperbau und bieten die nötige Stabilität, damit der Reiter die feinen Hilfen für den Außengalopp geben kann, ohne zu klemmen oder zu stören.

Häufige Fragen zum Außengalopp (FAQ)

Ab wann ist mein Pferd bereit für den Außengalopp?

Ihr Pferd sollte den Handgalopp auf beiden Händen sicher beherrschen. Das bedeutet, es kann den Takt und das Tempo auf geraden Linien und in Wendungen (z. B. Zirkel) halten, ohne aus dem Gleichgewicht zu kommen. Eine solide Basis ist hier der Schlüssel zum Erfolg.

Mein Pferd springt immer in den Handgalopp um. Was mache ich falsch?

Das ist ein häufiges Problem und meist ein Zeichen von Balanceverlust. Überprüfen Sie Ihre Hilfengebung: Sitzen Sie wirklich gerade oder kippen Sie unbewusst nach innen? Geben Sie mit dem inneren Zügel zu viel nach? Konzentrieren Sie sich darauf, mit Ihrem äußeren Schenkel und dem äußeren Zügel den Rahmen zu sichern. Beginnen Sie mit nur wenigen Sprüngen Außengalopp und loben Sie Ihr Pferd sofort, wenn es gelingt.

Ist der Außengalopp nicht „schädlich“ oder unnatürlich?

Ganz im Gegenteil. Korrekt ausgeführt, ist der Außengalopp eine der wertvollsten gymnastizierenden Übungen überhaupt. Er ist vergleichbar mit gezieltem Kraft- und Koordinationstraining für einen menschlichen Athleten. Als fester Bestandteil der klassischen Ausbildungsskala fördert er Kraft, Balance und Durchlässigkeit.

Wie lange sollte ich den Außengalopp reiten?

Hier gilt: Qualität vor Quantität. Beginnen Sie mit kurzen Reprisen von nur einer halben oder viertel langen Seite. Es geht nicht darum, Runden im Außengalopp zu drehen, sondern darum, dass Ihr Pferd lernt, sich in dieser anspruchsvollen Haltung auszubalancieren. Sobald Sie einige gute, ausbalancierte Sprünge haben, loben Sie, parieren durch und machen eine Pause.

Fazit: Mehr als nur eine Lektion

Der Außengalopp ist weit mehr als nur eine Dressurlektion für das Viereck. Er ist ein grundlegendes Werkzeug, mit dem Sie Ihr barockes Pferd gesund gymnastizieren, seine natürliche Schönheit zur Geltung bringen und eine solide Basis für anspruchsvollere Aufgaben schaffen können. Er schult nicht nur die Muskeln und die Balance Ihres Pferdes, sondern auch Ihr eigenes Gefühl für Geraderichtung und präzise Hilfengebung.

Wagen Sie sich an diese Lektion heran. Mit Geduld und dem richtigen Verständnis wird der Außengalopp Ihr Training bereichern und die Verbindung zu Ihrem Pferd weiter vertiefen.

Wenn Sie die Ausbildung Ihres barocken Pferdes weiter vertiefen möchten, entdecken Sie die faszinierende Welt der klassischen Dressur und erfahren Sie mehr über die Ursprünge und Prinzipien dieser einzigartigen Reitkunst.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.