Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur mit barocken Pferden auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Barockpferde: Warum Losgelassenheit vor dem Takt kommt
Die Ausbildungsskala neu gedacht: Warum Takt beim Barockpferd oft erst nach der Losgelassenheit kommt
Da sitzt man auf seinem PRE, Lusitano oder Friesen, spürt die Kraft, die Intelligenz, das ganze Potenzial – und dann scheitert es an der Basis. Am Takt. Das Pferd eilt, es tänzelt, es verliert den Rhythmus, sobald man auch nur an eine feinere Anlehnung denkt. Man hält sich an die Ausbildungsskala, die den Takt als Punkt eins vorschreibt, und hat doch das Gefühl, gegen eine Wand zu arbeiten.
Wenn Ihnen das bekannt vorkommt: Ihr Gefühl trügt nicht. Sie sind kein schlechter Reiter und Ihr Pferd ist nicht schwierig. Sie stehen nur vor einer Herausforderung, die viele Reiter barocker Pferde kennen. Man muss die klassische Ausbildungsskala intelligent anpassen, statt sie dogmatisch anzuwenden. Bei diesen sensiblen Pferden ist die Losgelassenheit oft der Schlüssel, der den Takt erst freischaltet. Nicht umgekehrt.
Das klassische „Regelwerk“: Die offizielle Ausbildungsskala im Überblick
Die von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) definierte Skala ist das Fundament der deutschen Reitlehre, und das aus gutem Grund. Sie beschreibt den logischen Weg zu einem durchlässigen Pferd in sechs Stufen:
- Takt: Die Gleichmäßigkeit aller Schritte, Tritte und Sprünge.
- Losgelassenheit: Ein unverkrampftes Pferd mit schwingendem Rücken.
- Anlehnung: Die stete, weich-federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul.
- Schwung: Der Impuls aus der Hinterhand, der über den schwingenden Rücken nach vorn fließt.
- Geraderichtung: Das Pferd tritt mit den Hinterhufen in die Spur der Vorderhufe.
- Versammlung: Die Entwicklung der Tragkraft, bei der die Hinterhand vermehrt Last aufnimmt.
Für das moderne deutsche Warmblutpferd mag dieser lineare Aufbau der Goldstandard sein. Wendet man ihn aber stur auf jeden Pferdetyp an, wird er zur Falle.
Der feine Unterschied: Warum das Regelwerk für Barockpferde ein neues Kapitel braucht
Barockpferde sind keine Warmblüter in anderer Verpackung. Ihre Physis und ihre Psyche verlangen nach einem nuancierteren Vorgehen. Wer das ignoriert, produziert genau die Taktprobleme, die Reiter zur Verzweiflung bringen.
Die mentale Veranlagung
Barockpferde sind oft hochsensibel und menschenbezogen. Sie reagieren auf den geringsten mentalen Druck oder körperliches Unbehagen mit Anspannung – und diese Spannung ist der direkte Feind des Taktes. Wo ein Warmblut vielleicht mit einem klemmenden Rücken reagiert, antwortet das Barockpferd oft mit einer inneren Blockade, die sich sofort im Rhythmus zeigt. Takt als rein mechanische Gleichmäßigkeit zu fordern, bevor die mentale Entspannung da ist, führt nirgendwohin.
Die biomechanischen Besonderheiten
Viele dieser Rassen haben einen kürzeren, kompakten Rücken, einen hoch aufgesetzten Hals und eine natürliche Neigung zur Versammlung.
- Der kompakte Rücken: Diese Anatomie macht es anspruchsvoller, den Rücken zum Schwingen zu bringen. Ist dieser aber durch Spannung fest, kann das Pferd unmöglich taktmäßig untertreten. Punkt.
- Die hohe Aufrichtung: Diese natürliche Haltung verleitet Reiter schnell zu einer verfrühten, falschen Aufrichtung. Das blockiert aber den Rücken und verhindert, dass die Energie von hinten durchfließen kann. Schwung und Takt gehen verloren.
Diese Sichtweise ist übrigens nicht neu. Nach gängiger Interpretation betonten schon Reitmeister wie Dr. Reiner Klimke, dass die Losgelassenheit die Grundlage für alles Weitere ist. Auch für den Takt. Die iberische Reitkunst, die Wiege vieler Barockpferde, geht in manchen Ansätzen teils noch weiter und entwickelt den Schwung erst aus der Versammlung. Das zeigt: Die Skala der Ausbildung ist kein Gesetz, sondern ein System von Prinzipien, die man verstehen muss.
Die Ausbildungsskala neu gedacht: Das barock-angepasste Gerüst
Unsere These ist einfach: Für das barocke Pferd muss die mentale und körperliche Losgelassenheit an erster Stelle stehen. Sie ist die Voraussetzung für reinen Takt. Ein angespanntes Pferd kann nicht taktmäßig gehen. Ein entspanntes Pferd findet fast von allein in seinen Rhythmus.
Das heißt nicht, die klassischen Prinzipien über Bord zu werfen. Es geht darum, ihre Reihenfolge und Gewichtung anzupassen. Die folgenden vier Säulen zeigen einen praxiserprobten Weg.
1. Das Mentalitäts-Prinzip: Warum Losgelassenheit der Schlüssel zum barocken Takt ist
Bei einem sensiblen Barockpferd ist jede Form von Spannung ein Taktkiller. Überforderung, Unbehagen, Missverständnisse. Der Reiter muss zum „Spannungs-Detektiv“ werden. Statt stur auf gleichmäßige Tritte zu pochen, ist die erste Aufgabe, eine Atmosphäre der Entspannung zu schaffen. Erst wenn das Pferd innerlich loslässt, kann der Körper folgen, der Rücken schwingen und ein stabiler Takt entstehen.
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2. Anlehnung ohne Zwang: Wie man die barocke Aufrichtung fördert, statt sie zu erzwingen
Die majestätische Selbsthaltung ist das Ziel, ja. Der Weg dorthin führt aber über die Dehnung. Zu viele Reiter ziehen die Hand zurück, um die natürliche Aufrichtung ihres Pferdes zu „stabilisieren“. Das Resultat ist eine falsche Anlehnung, ein blockierter Rücken und Trippelschritte. Die korrekte Anlehnung entwickelt sich von hinten nach vorne: Das Pferd lernt, vertrauensvoll an die Hand heranzudehnen und den Rücken aufzuwölben. Die ehrliche Aufrichtung kommt dann aus der Kraft der Hinterhand.
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3. Schwung-Entwicklung: Vom „Tänzeln“ zur echten Schubkraft
Viele Barockpferde bieten eine hohe Knieaktion, die oft fälschlicherweise für Schwung gehalten wird. Dieses „Tänzeln“ ist aber meist ein Ausdruck von Spannung und verbrennt Energie, ohne Raumgriff zu entwickeln. Echter Schwung entsteht, wenn der Impuls der Hinterhand über einen losgelassenen Rücken durch den ganzen Körper nach vorne schwingt. Gezielte Übergänge, Tempounterschiede und große, gebogene Linien helfen, die Hinterbeine zu aktivieren und das Tänzeln in echte Schubkraft zu verwandeln.
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4. Geraderichtung als Daueraufgabe: Die natürliche Schiefe des Barockpferdes korrigieren
Geraderichtung ist kein Punkt auf einer Checkliste, den man einmal abhakt. Gerade bei kompakten Pferden mit kräftiger Hinterhand ist die Arbeit an der natürlichen Schiefe ein ständiger Begleiter. Ein schiefes Pferd kann sein inneres Hinterbein nicht korrekt unter den Schwerpunkt setzen, was zu Taktunreinheiten und Balanceproblemen führt. Übungen wie Schultervor, Travers und das bewusste Reiten in die hohle Seite hinein sind essenziell, um das Pferd immer wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Vertiefen Sie Ihr Wissen: Geraderichtung als Daueraufgabe: Die natürliche Schiefe des Barockpferdes korrigieren
In die Praxis umgesetzt: Ihr Fahrplan für die ersten 30 Tage
Theorie ist das eine, Veränderung passiert im Sattel. Ein einfacher Plan, um diesen Ansatz ins Training zu bringen:
- Woche 1: Fokus auf mentale Losgelassenheit. Vergessen Sie die Lektionen. Ihr einziges Ziel: Das Pferd ist am Ende der Einheit entspannter als am Anfang. Lange Aufwärmphasen im Schritt, viele Pausen, große, einfache Linien. Beobachten Sie Ohren, Atmung und Maul.
- Woche 2: Die Dehnungshaltung etablieren. Fordern Sie jetzt aktiv das „Vorwärts-Abwärts“. Geben Sie im Trab und Galopp auf dem Zirkel immer wieder den inneren Zügel nach und prüfen Sie, ob Ihr Pferd sich selbst trägt und an den äußeren Zügel herandehnt. Jeden Versuch belohnen.
- Woche 3: Spielerische Übergänge. Bauen Sie viele Übergänge ein, zwischen den Gangarten und im Tempo (z.B. Arbeitstrab – Zulegen – Arbeitstrab). Kippt der Takt, gehen Sie einen Schritt zurück zur Losgelassenheit. Das ist die einzige Regel.
- Woche 4: Erste Geraderichtung. Beginnen Sie mit ein paar Tritten Schultervor auf dem Zirkel oder der langen Seite. Spüren Sie, wie das das innere Hinterbein aktiviert. Überfordern Sie Ihr Pferd nicht. Wenige korrekte Tritte sind wertvoller als eine ganze Bahn voller Kampf.
Nach diesen 30 Tagen werden die Taktprobleme wahrscheinlich nicht mehr im Vordergrund stehen. Sie werden zu einem Symptom, das sich von selbst verbessert, sobald die Ursache – die fehlende Losgelassenheit – behoben ist.
Ihr Gefühl hatte recht: Die Erlaubnis, dem Pferd zuzuhören
Die Ausbildungsskala ist eine Landkarte, aber der Reiter ist der Navigator. Gerade mit einem barocken Pferd muss man bereit sein, die Route anzupassen. Es geht nicht darum, die klassischen Prinzipien zu ignorieren, sondern sie mit Gefühl und Verstand für die Natur des eigenen Pferdes anzuwenden.
Vertrauen Sie Ihrem Gefühl. Wenn Ihr Pferd mit Spannung auf die Forderung nach Takt reagiert, ist das kein Ungehorsam, sondern ein Hilferuf. Geben Sie ihm und sich selbst die Erlaubnis, einen Schritt zurückzutreten. Legen Sie das Fundament der Losgelassenheit so solide, dass der Takt darauf fast von allein entstehen kann – als Ausdruck von Harmonie, nicht von Zwang.


