Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Klassische Dressur auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Arbeitspirouette: Der geheime Schlüssel zur perfekten Galopppirouette

Jeder Reiter kennt diesen Moment: Ein erfahrener Reiter auf einem barocken Pferd, das sich im Galopp scheinbar mühelos auf der Stelle dreht – eine perfekte Pirouette. Sie wirkt wie pure Magie, eine Symbiose aus Kraft, Eleganz und Gehorsam. Doch der eigene Versuch, diese Lektion umzusetzen, endet oft in Frustration: Das Pferd verliert den Takt, fällt auf die innere Schulter oder weicht mit der Hinterhand aus.

Was aber, wenn der Schlüssel zu dieser anspruchsvollen Lektion nicht im endlosen Üben der Galopppirouette selbst liegt, sondern in einer oft unterschätzten Vorübung? Die Arbeitspirouette ist weit mehr als nur eine simple „Drehung im Schritt“. Sie ist das gymnastische Fundament, das den Pferdekörper gezielt auf die enorme Lastaufnahme und Koordination der Galopppirouette vorbereitet. Entdecken Sie, wie dieser methodische Ansatz Ihr Training revolutionieren kann.

Warum die Pirouette mehr ist als nur eine Drehung

Um die Bedeutung der Arbeitspirouette zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Biomechanik der Pirouette selbst. Denn es handelt sich nicht um ein simples Herumdrehen, sondern um die ultimative Prüfung der Versammlung. Das Pferd muss dabei sein Gewicht deutlich auf die Hinterhand verlagern, die Hanken (Hüft- und Kniegelenke) beugen und mit einem angehobenen, freien Vorderteil wenden.

Biomechanische Studien, wie die von Dr. Jean-Marie Denoix in „Biomechanics and Physical Training of the Horse“, zeigen: Bei einer korrekten Pirouette trägt das äußere Hinterbein die Hauptlast. Es tritt kreuzend vorwärts unter den Schwerpunkt, um den Körper zu tragen und zu drehen. Währenddessen agiert das innere Hinterbein als Drehpunkt, der sich fast auf der Stelle hebt und senkt. Dieser Vorgang stellt enorme Anforderungen an die Muskulatur und Gelenke der Hinterhand.

Die Arbeitspirouette: Gymnastik statt Showeffekt

Genau hier kommt die Arbeitspirouette ins Spiel. Sie ist eine im Arbeitstempo – meist im Schritt – gerittene, verkleinerte Variante der Pirouette. Ihr Ziel ist nicht der Showeffekt, sondern die gezielte gymnastische Vorbereitung des Pferdes. Anstatt das Pferd mit der vollen Komplexität von Tempo, Biegung und Versammlung zu überfordern, lässt sich die Lektion so in ihre Einzelteile zerlegen.

Die Vorbereitung beginnt oft schon mit den Seitengängen. Eine korrekt gerittene Traversale schult beispielsweise genau die Biegung und das Engagement der Hinterhand, die für eine Pirouette unerlässlich sind.

![Ein PRE (Pura Raza Española) in einer korrekten Traversale als Vorübung zur Pirouette, die Biegung und das Untertreten des inneren Hinterbeins sind gut sichtbar.]()

Die biomechanische Goldgrube: Was im Pferdekörper passiert

Die Arbeitspirouette ist ein wahres Krafttraining für die entscheidenden Muskelpartien. Während das Pferd lernt, sich langsam und kontrolliert zu wenden, geschehen im Körper erstaunliche Anpassungen:

  • Kräftigung der Muskulatur: Die Gesäß- und Oberschenkelmuskulatur (insbesondere die Hamstrings) der Hinterhand wird systematisch gestärkt. Diese Muskeln sind der Motor für die Tragkraft.
  • Mobilisierung der Gelenke: Die Hankenbeugung verbessert sich, was die Stoßdämpferfunktion der Gelenke schult und sie auf höhere Belastungen vorbereitet.
  • Verbesserte Koordination: Das Pferd lernt, seine vier Beine unabhängig voneinander zu steuern und die Balance zu halten, während es sein Gewicht nach hinten verlagert.
  • Minimierung des Verletzungsrisikos: Die Arbeitspirouette beugt einer ungesunden Belastung der Vorderbeingelenke vor, indem sie von Anfang an das korrekte Bewegungsmuster schult – ein häufiges Problem bei falsch ausgeführten Pirouetten, bei denen das Pferd auf die innere Schulter fällt.

Schritt für Schritt zur Arbeitspirouette: Eine praktische Anleitung

Geduld und Präzision sind auf dem Weg zur Arbeitspirouette Ihre wichtigsten Begleiter. Gehen Sie methodisch vor und achten Sie jederzeit auf eine saubere Ausführung.

Schritt 1: Die Vorbereitung – Travers und Renvers

Bevor Sie an eine Wendung denken, muss Ihr Pferd die Seitengänge sicher beherrschen. Besonders die Traversale ist die perfekte Vorübung, da sie das Pferd bereits in der korrekten Biegung auf die Hinterhand vorbereitet.

Schritt 2: Aus der Traversale zur Vierteldrehung

Beginnen Sie im Schritt mit einer Traversale an der langen Seite. Verkleinern Sie daraus den Radius, als wollten Sie auf eine kleine Volte abbiegen, behalten aber die Travers-Stellung bei. Reiten Sie zunächst nur eine Vierteldrehung und lösen Sie dann wieder geradeaus auf.

Schritt 3: Das richtige Timing der Hilfen

Die Hilfengebung muss fein und präzise sein:

  • Innerer Schenkel: liegt am Gurt und sorgt für Biegung und Vorwärts-Impuls.
  • Äußerer Schenkel: liegt verwahrend etwas hinter dem Gurt und begrenzt die Hinterhand. Er gibt den entscheidenden Impuls für den Schritt des äußeren Hinterbeins unter den Schwerpunkt.
  • Innerer Zügel: gibt die Stellung vor und weist den Weg.
  • Äußerer Zügel: fängt die äußere Schulter ab und verhindert ein Ausfallen.

![Ein Lusitano während einer Arbeitspirouette im Schritt, die Lastaufnahme auf der Hinterhand und die Leichtigkeit der Vorhand sind erkennbar.]()

Schritt 4: Von der Viertel- zur halben Pirouette

Sobald die Vierteldrehung taktrein und ausbalanciert gelingt, können Sie eine halbe Pirouette versuchen. Denken Sie immer daran: Qualität geht vor Quantität. Zwei bis drei saubere, gesetzte Schritte sind wertvoller als eine schnelle, unkontrollierte Drehung. Unerlässlich ist dabei auch ein passender Sattel, der die nötige Schulterfreiheit gewährt und den Druck optimal auf dem Rücken verteilt. Spezialisierte Konzepte, wie sie etwa von Iberosattel für barocke Pferde entwickelt wurden, werden dem erhöhten Versammlungsgrad gerecht.

Der Sprung zur Galopppirouette: Wie die Vorarbeit Früchte trägt

Hat Ihr Pferd das Prinzip der Arbeitspirouette verinnerlicht, ist der Weg zur Galopppirouette geebnet. Es versteht nun die grundlegende Mechanik: Gewicht auf die Hinterhand verlagern, Hanken beugen und um das innere Hinterbein wenden. Die im Schritt aufgebaute Kraft und Koordination bilden das Fundament, auf dem der Galoppsprung nun aufsetzen kann.

Diese systematische Vorbereitung ist nicht nur in der klassischen Dressur von Bedeutung, sondern auch ein zentrales Element in Disziplinen wie der Working Equitation oder bei den anspruchsvollen Lektionen der Hohen Schule.

![Ein Barockpferd in einer angedeuteten Galopppirouette, die Versammlung und der Ausdruck von Kraft und Eleganz werden deutlich.]()

Häufige Fragen (FAQ) zur Arbeitspirouette

Mein Pferd fällt auf die innere Schulter, was tun?

Das ist ein häufiges Problem, das darauf hindeutet, dass die Hinterhand noch nicht genügend Last aufnimmt. Reiten Sie wieder vermehrt Traversalen und achten Sie darauf, die äußere Schulter mit dem äußeren Zügel sanft zu begrenzen. Denken Sie „Schulterherein auf der Volte“, um die innere Schulter anzuheben.

Wie viele Schritte sollte eine gute Arbeitspirouette haben?

Eine halbe Pirouette sollte idealerweise aus 3-4 Schritten bestehen, eine ganze Pirouette aus 6-8 Schritten. Wichtiger als die Anzahl ist jedoch die absolute Taktreinheit und Balance.

Kann jedes Pferd eine Pirouette lernen?

Grundsätzlich ja, doch barocke Rassen wie PRE oder Lusitanos haben aufgrund ihres Körperbaus (kurzer Rücken, natürliche Fähigkeit zur Hankenbeugung) oft eine leichtere Veranlagung dafür. Mit korrektem gymnastizierendem Training kann jedoch jedes gesunde Pferd die Grundlagen erlernen.

In welchem Tempo reite ich die Arbeitspirouette?

Im versammelten Schritt. Das Tempo sollte so langsam sein, dass das Pferd Zeit hat, seine Beine zu sortieren, aber so energisch, dass der Takt und der Vorwärtsgedanke erhalten bleiben.

Fazit: Geduld und Gymnastik als Weg zum Erfolg

Die Galopppirouette bleibt eine der anspruchsvollsten Lektionen der Reitkunst. Ihr Weg dorthin führt jedoch nicht über Zwang oder Abkürzungen, sondern über eine durchdachte und pferdegerechte Gymnastizierung. Die Arbeitspirouette ist dabei Ihr wertvollstes Werkzeug: Sie baut nicht nur die nötige Kraft und Koordination auf, sondern schult auch das Verständnis des Pferdes für diesen komplexen Bewegungsablauf.

Betrachten Sie die Arbeitspirouette nicht als bloße Vorübung, sondern als eigenständige, wertvolle Lektion, die Ihr Pferd stärker, geschmeidiger und ausbalancierter macht. Mit Geduld und dem richtigen methodischen Vorgehen wird der Traum von der perfekten Galopppirouette Schritt für Schritt zur greifbaren Realität.

Möchten Sie die Grundlagen für anspruchsvolle Lektionen weiter festigen? Erfahren Sie in unserem detaillierten Artikel alles über die Traversale.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.