Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Reiturlaub, Events und Feste auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Campinos im Ribatejo: Ein Tag mit Portugals legendären Rinderhirten

Stellen Sie sich eine weite, sonnenverwöhnte Ebene vor, durchzogen von Korkeichen und Wasserläufen. Die Luft ist erfüllt vom erdigen Geruch des Bodens und dem leisen Muhen einer Herde. In dieser Szenerie, fernab vom Trubel der modernen Welt, schlägt das Herz einer jahrhundertealten Reitkultur. Es ist das Reich der Campinos, der legendären Rinderhirten Portugals, deren tägliche Arbeit die Seele der [Working Equitation] ist, wie wir sie heute kennen und bewundern.

Wer die Faszination für barocke Pferde und die iberische Reitkunst wirklich verstehen will, muss hier ansetzen – im Ribatejo, der Wiege der portugiesischen Reitmeister. Begleiten Sie uns auf eine Reise zu den Wurzeln, wo Tradition und Reitkunst zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen.

Das Ribatejo: Land der Pferde und Stiere

Das Ribatejo, die fruchtbare Ebene am Ufer des Tejo, ist seit jeher das Zentrum der portugiesischen Pferdezucht und der Aufzucht wilder Kampfstiere, der Touros Bravos. In dieser von Weite und Ursprünglichkeit geprägten Landschaft hat sich eine einzigartige Form der Rinderarbeit zu Pferd entwickelt: die Lida do Gado. Sie ist keine Show, sondern eine Notwendigkeit, die Pferd und Reiter alles abverlangt.

Die Campinos sind die Hüter dieses Erbes. Man nennt sie auch die Cowboys Portugals, doch diese Bezeichnung wird ihrer Rolle kaum gerecht. Sie sind Meister im Sattel, Kenner der Rinder und Bewahrer einer Kultur, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Der Campino: Gesicht und Seele der Tradition

Man erkennt einen Campino sofort an seiner traditionellen Tracht, die ebenso praktisch wie symbolträchtig ist. Die grüne oder rote Zipfelmütze (Barrete verde), die rote Weste (Colete) über dem weißen Hemd und die dunkle Hose sind mehr als nur Arbeitskleidung. Sie sind ein Zeichen der Zugehörigkeit und des Stolzes.

Doch das wichtigste Werkzeug des Campinos ist nicht seine Kleidung, sondern der Pampilho.

Das Werkzeug der Meister: Der Pampilho

Der Pampilho ist eine drei bis vier Meter lange Holzstange, die dem spanischen Garrocha ähnelt. Er ist die verlängerte Hand des Reiters und ein vielseitiges Instrument. Mit ihm werden Rinder sanft dirigiert, voneinander getrennt oder aus der Herde selektiert. Die Handhabung erfordert jahrelange Übung, Balance und ein tiefes Verständnis für die Bewegungen des Pferdes und die Reaktionen der Rinder. Der Pampilho wird nie als Waffe eingesetzt, sondern stets als subtiles Führungsinstrument – ein Sinnbild für die feine Kommunikation, die diese Reitweise auszeichnet.

Der Lusitano: Mut, Intelligenz und Wendigkeit im Dienst der Herde

Für diese anspruchsvolle Arbeit braucht es ein außergewöhnliches Pferd. Der [Lusitano], das traditionelle Pferd der Campinos, bringt alles mit, was für die Rinderarbeit unerlässlich ist:

  • Mut und Nervenstärke: Die Arbeit an den wehrhaften Kampfstieren erfordert ein Pferd, das nicht zurückweicht.
  • Intelligenz und Lernbereitschaft: Der Lusitano agiert als Partner, der die Absichten seines Reiters vorausahnt.
  • Extreme Wendigkeit: Um die Herde zu kontrollieren, sind kurze, schnelle Drehungen und Sprints an der Tagesordnung.

Diese Eigenschaften, über Jahrhunderte für die praktische Arbeit selektiert, machen den Lusitano zu einem der besten [barocken Pferde] für anspruchsvolle Reitdisziplinen.

Ein Tag bei der „Lida“: Die hohe Kunst der Rinderarbeit

Ein typischer Arbeitstag beginnt in der Kühle des Morgens. Die Campinos versammeln sich, um die Aufgaben zu besprechen. Eine der wichtigsten Tätigkeiten ist die Apartação, das Sortieren der Rinder. Dabei werden einzelne Tiere oder kleine Gruppen gezielt aus der großen Herde getrennt, sei es für den Verkauf, die Zucht oder eine medizinische Versorgung.

Hier zeigt sich die wahre Meisterschaft:

  1. Heranreiten: In ruhigem Tempo nähert sich der Campino der Herde. Jede hektische Bewegung würde Unruhe stiften.
  2. Selektieren: Mit dem Pampilho wird das ausgewählte Tier sanft von seinen Artgenossen isoliert.
  3. Treiben: Das Pferd muss blitzschnell reagieren, um Fluchtversuche des Rindes zu blockieren und es in die gewünschte Richtung zu lenken.

Unterstützt werden die Campinos dabei oft von Cabrestos, zahmen Glocken-Ochsen, die eine beruhigende Wirkung auf die wilden Stiere haben und sie führen helfen. Es ist ein perfekt choreografiertes Ballett aus Mensch, Pferd und Rind – geprägt von Respekt und tiefem Sachverstand.

Die schnellen Manöver und die stundenlange Arbeit im Sattel verlangen auch der Ausrüstung alles ab. Der Sattel muss dem Reiter optimalen Halt bieten und zugleich dem Pferd volle Bewegungsfreiheit für Schulter und Rücken lassen. Gerade beim kurzen Rücken, der für viele Lusitanos typisch ist, erfordert die Passform besondere Aufmerksamkeit.

(Partnerhinweis: Spezialisierte Manufakturen wie Iberosattel haben Sattelkonzepte entwickelt, die gezielt auf die Anatomie barocker Pferde und die dynamischen Anforderungen von Arbeitsreitweisen wie der Doma Vaquera ausgelegt sind.)

Von der Weide in die Arena: Die Geburtsstunde der Working Equitation

Haben Sie sich je gefragt, woher die Hindernisse im Trail der Working Equitation stammen? Die Antwort liegt auf den Weiden des Ribatejo.

  • Das Tor: Simuliert das Öffnen und Schließen eines Weidetors vom Pferd aus.
  • Der Slalom: Entspricht dem wendigen Umreiten von Bäumen oder Hindernissen.
  • Der Rindersortier-Test: Ist die direkte Umsetzung der Apartação.

Die moderne Disziplin der [Working Equitation] ist eine Hommage an die Arbeit der Campinos und ihrer spanischen Pendants, der Vaqueros. Sie hat die alltäglichen Herausforderungen der Rinderhirten in einen sportlichen Wettkampf übersetzt und bewahrt so ein unschätzbares kulturelles Erbe.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen einem Campino und einem Vaquero?

Obwohl beide traditionelle Rinderhirten zu Pferd sind, stammt der Campino aus Portugal (vor allem dem Ribatejo), während der Vaquero sein spanisches Gegenstück ist. Ihre Arbeitsweisen und Traditionen sind eng verwandt, aber kulturell eigenständig. Die spanische Reitweise ist als [Doma Vaquera] bekannt.

Kann man als Tourist die Arbeit der Campinos erleben?

Ja, einige Gestüte und landwirtschaftliche Betriebe im Ribatejo bieten organisierte Touren oder Workshops an. Das ist eine wunderbare Möglichkeit, authentische Einblicke zu gewinnen, ohne die tägliche Arbeit zu stören.

Welche Fähigkeiten braucht ein Pferd für die Rinderarbeit?

Neben Mut und Wendigkeit sind ein ruhiges Temperament, Gehorsam und ein natürlicher „Cow Sense“ – also ein angeborenes Gefühl für die Bewegung von Rindern – entscheidend.

Ist die Arbeit mit dem Pampilho schwer zu erlernen?

Ja, die meisterhafte Handhabung des Pampilhos erfordert jahrelanges Training. Es geht nicht um Kraft, sondern um Technik, Timing und die perfekte Abstimmung mit dem Pferd.

Fazit: Ein lebendiges Erbe voller Faszination

Die Arbeit der Campinos ist weit mehr als nur ein Job. Sie ist eine Lebensweise, tief in der portugiesischen Kultur verwurzelt. Sie erinnert uns daran, dass die eleganten Lektionen und anspruchsvollen Manöver, die wir heute in der Reitbahn bewundern, ihren Ursprung in der harten, ehrlichen Arbeit auf dem Land haben. Ein Tag an ihrer Seite ist nicht nur ein Reitabenteuer, sondern eine Lektion in Demut, Respekt und der tiefen Verbindung zwischen Mensch und Tier.

Wenn Sie das nächste Mal einen Reiter der Working Equitation sehen, der geschickt ein Tor öffnet oder sein Pferd durch einen Slalom lenkt, denken Sie an die Campinos im Ribatejo – die stillen Meister, die diese Kunst Tag für Tag leben.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.