Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Spanische und barocke Pferderassen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Der Weg zum gekörten Lusitano: Der APSL-Körungsprozess Schritt für Schritt

Der Weg zum gekörten Lusitano: Der Körungsprozess der APSL Schritt für Schritt

Ein junger Lusitano-Hengst betritt die Bahn. Jeder Muskel seines barocken Körpers scheint unter dem Fell zu vibrieren – eine Mischung aus Stolz, Kraft und sensibler Anspannung. Für seinen Besitzer ist dieser Moment der Höhepunkt jahrelanger sorgfältiger Aufzucht und Ausbildung. Heute geht es um mehr als nur um gutes Aussehen oder eine gelungene Lektion. Es geht um die Zukunft: die offizielle Anerkennung als Zuchthengst durch den portugiesischen Mutterverband APSL.

Die Körung ist das Nadelöhr, durch das jeder angehende Vererber der Rasse Puro Sangue Lusitano (PSL) schreiten muss. Sie stellt als strenges Qualitätsinstrument sicher, dass nur Hengste, die dem Zuchtziel in Exterieur, Gangwerk und Charakter entsprechen, ihre Gene an die nächste Generation weitergeben. Doch wie genau läuft dieser Prozess ab? Welche Kriterien werden bewertet und welche Hürden müssen die Hengste nehmen?

Dieser Leitfaden führt Sie Schritt für Schritt durch den offiziellen Körungsprozess der APSL (Associação Portuguesa de Criadores do Cavalo Puro Sangue Lusitano) und erklärt, worauf es ankommt, um die begehrte Zuchtzulassung zu erhalten.

Die Bedeutung der Körung: Mehr als nur eine Formsache

Bevor wir in die Details eintauchen, lohnt ein Blick auf die Philosophie hinter dem Verfahren. Die Körung ist kein reiner Schönheitswettbewerb. Sie ist eine ganzheitliche Beurteilung, die drei wesentliche Aspekte eines potenziellen Zuchthengstes beleuchtet:

  1. Konformität mit dem Rassestandard: Entspricht der Hengst dem Idealbild des Lusitano? Zeigt er die typischen Merkmale, die diese Rasse seit Jahrhunderten auszeichnen?
  2. Funktionalität und Gesundheit: Besitzt das Pferd ein korrektes Fundament und Gänge, die es zu einem leistungsfähigen und langlebigen Reitpferd machen?
  3. Charakter und Rittigkeit: Zeigt der Hengst die für den Lusitano typische Intelligenz, Kooperationsbereitschaft und Nervenstärke unter dem Sattel?

Nur ein Hengst, der in allen Bereichen überzeugt, leistet einen positiven Beitrag zur Erhaltung und Veredelung dieser einzigartigen Rasse.

Die formalen Voraussetzungen: Was Ihr Hengst mitbringen muss

Der Weg zur Körung beginnt lange vor dem eigentlichen Termin und setzt eine sorgfältige Vorbereitung sowie die Erfüllung formaler Kriterien voraus. Ohne diese administrativen Grundlagen ist eine Teilnahme ausgeschlossen.

  • Mindestalter: Der Hengst muss am Tag der Körung mindestens drei Jahre alt sein.
  • Registrierung: Er muss im Geburtsregister (Livro de Nascimentos) des APSL eingetragen sein und über einen gültigen Pferdepass verfügen.
  • DNA-Abstammungsnachweis: Ein DNA-Test muss die Abstammung von den im Pass eingetragenen Eltern bestätigen.
  • Mikrochip: Das Pferd muss per Mikrochip identifizierbar sein.
  • Anmeldung: Die Anmeldung zur Körung muss fristgerecht über den zuständigen nationalen Zuchtverband (in Deutschland z. B. der Cavalo Lusitano e.V. Germany) beim APSL eingereicht werden.

Der Ablauf der Körung: Die drei Säulen der Bewertung

Die Körung selbst gliedert sich in drei Abschnitte, in denen eine internationale Richterkommission den Hengst sowohl an der Hand als auch unter dem Sattel beurteilt.

1. Die Exterieurbeurteilung (Morfologia)

Der erste Eindruck zählt. Für die Exterieurbeurteilung wird der Hengst an der Hand auf hartem, ebenem Boden im Stand präsentiert. Die Richter bewerten die Übereinstimmung mit dem Rassestandard anhand einer detaillierten Skala von 0 bis 10.

Worauf die Richter achten:

  • Rassetyp: Verkörpert der Hengst das typische Erscheinungsbild eines Lusitanos?
  • Kopf & Hals: Ausdrucksvoller, edler Kopf mit geradem oder subkonvexem Profil; gut angesetzter, bemuskelter Hals.
  • Oberlinie: Ausgeprägter Widerrist, starker Rücken, gut bemuskelte Lendenpartie und eine leicht abfallende, runde Kruppe.
  • Fundament: Korrekte Gliedmaßenstellung, trockene Gelenke und wohlgeformte Hufe.
  • Gesamtharmonie: Ein ausbalanciertes und proportionales Gesamtbild.

2. Die Beurteilung der Gänge (Andamentos)

Anschließend folgt die Bewertung der Grundgangarten. Der Hengst wird an der Hand im Schritt und Trab auf einer Dreiecksbahn vorgestellt, sodass die Richter Qualität, Raumgriff und Korrektheit der Bewegungen beurteilen können.

Bewertungskriterien:

  • Schritt: Taktklar, fleißig und raumgreifend.
  • Trab: Elastisch, mit erkennbarer Schwebephase und gutem Schub aus der Hinterhand.
  • Galopp (optional): Manchmal wird der Galopp im Freilauf bewertet. Hier zählen Balance, Bergauf-Tendenz und Sprung.

Die Gänge sind ein entscheidender Indikator für die spätere Eignung als Reitpferd und fließen maßgeblich in die Gesamtbewertung ein.

3. Die Reitprüfung (Prova Montada)

Für viele ist dies der spannendste und anspruchsvollste Teil der Körung. Hier präsentiert sich der Hengst unter dem Reiter in den drei Grundgangarten auf beiden Händen. Dabei geht es nicht um Lektionen der schweren Klasse, sondern um die Demonstration von Rittigkeit, Charakter und Grundausbildung.

Die Richter wollen sehen:

  • Balance und Takt: Bewegt sich der Hengst ausbalanciert und taktsicher unter dem Reiter?
  • Durchlässigkeit: Nimmt er die Hilfen willig an und zeigt er eine konstante, weiche Anlehnung?
  • Arbeitswille: Ist er aufmerksam, motiviert und kooperativ?
  • Grundgangarten unter dem Sattel: Wie ist die Qualität von Schritt, Trab und Galopp unter dem Reiter?

Die Reitprüfung offenbart das Interieur des Pferdes – seine Nervenstärke und seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Eine gute Vorbereitung, die den Grundsätzen der klassischen Dressur folgt, ist hier unerlässlich. Ein passender Sattel, der die typische Schulterfreiheit und den oft kurzen Rücken des Lusitanos berücksichtigt, ist entscheidend für eine losgelassene Vorstellung. Spezialisierte Konzepte, wie sie etwa von Iberosattel entwickelt wurden, können dem Pferd helfen, sein volles Potenzial unter dem Reiter zu zeigen und sich optimal zu präsentieren.

Das Punktesystem und die Entscheidung: Wann ist ein Hengst gekört?

Die Richter bewerten jeden der drei Teilbereiche mit Punkten. Um die Körung zu bestehen, muss ein Hengst eine Gesamtpunktzahl von mindestens 70 von 100 möglichen Punkten erreichen.

Gleichzeitig darf kein Einzelmerkmal im Exterieur oder in den Gängen eine Bewertung unter 5 Punkten erhalten. Ein Hengst kann also trotz hoher Gesamtpunktzahl durchfallen, wenn er in einem entscheidenden Kriterium, wie etwa der Korrektheit der Gliedmaßen, erhebliche Mängel aufweist.

Hengste, die eine außergewöhnlich hohe Bewertung (meist über 75 oder 80 Punkte) erzielen, können zusätzlich besondere Prädikate erhalten, die sie als besonders empfehlenswerte Vererber auszeichnen.

Nach der Körung: Der Weg in die Zucht

Besteht ein Hengst die Körung, wird er vom Geburtsregister in das Zuchtbuch der erwachsenen Tiere (Livro de Adultos) eingetragen. Erst mit diesem Eintrag gilt er offiziell als Deckhengst für die Rasse Puro Sangue Lusitano, und seine Nachkommen erhalten volle Papiere. Die Körung ist der Schlüssel, der das Tor zur Zucht öffnet und den Fortbestand dieser edlen Rasse sichert.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Lusitano-Körung

Können auch Stuten gekört werden?
Ja, auch Stuten müssen für die Zucht anerkannt werden. Der Prozess ist jedoch in der Regel einfacher und umfasst meist nur eine Exterieur- und Gangbeurteilung an der Hand.

Wo finden die Körungen statt?
Die zentralen Körungen finden in Portugal statt. Nationale Tochterverbände, wie der Cavalo Lusitano e.V. Germany, organisieren jedoch regelmäßig offizielle Körtermine in anderen Ländern, bei denen Richter des APSL anreisen.

Was kostet die Anmeldung zur Körung?
Die Gebühren können variieren und setzen sich aus der Anmeldegebühr beim Verband und den Kosten am Veranstaltungsort zusammen. Für genaue Informationen zu den aktuellen Gebühren wenden Sie sich am besten direkt an den zuständigen Verband.

Was passiert, wenn mein Hengst durchfällt?
Ein Hengst, der die Körung nicht besteht, kann zu einem späteren Zeitpunkt erneut vorgestellt werden. Dies gibt dem Besitzer die Möglichkeit, an den bemängelten Punkten zu arbeiten oder dem Pferd mehr Zeit für seine Entwicklung zu geben.

Muss der Hengst von einem Profi vorgestellt werden?
Es ist nicht vorgeschrieben, aber oft empfehlenswert. Ein erfahrener Vorführer und Reiter weiß genau, wie er einen Hengst optimal präsentieren kann, um dessen Stärken hervorzuheben und kleine Schwächen zu kaschieren.

Der Weg zum gekörten Lusitano ist anspruchsvoll, doch der Erfolg ist eine wertvolle Bestätigung für die Qualität eines Pferdes und die Arbeit seines Züchters. Dieser Prozess sichert die Zukunft einer der faszinierendsten Pferderassen der Welt.

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Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.