Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Apportieren für Pferde: Schritt für Schritt vom Greifen zum Bringen

Wussten Sie, dass Ihr Pferd Ihnen gezielt „sagen“ kann, ob es eine Decke tragen möchte oder nicht? Forschungen haben gezeigt, dass Pferde fähig sind, über Symbole mit uns zu kommunizieren – ein beeindruckender Beweis für ihre kognitiven Fähigkeiten. Genau diese Intelligenz öffnet uns die Tür zu faszinierenden gemeinsamen Aktivitäten wie dem Apportieren. Das ist weit mehr als nur ein niedlicher Trick, sondern vielmehr ein Dialog, ein mentales Spiel und eine wunderbare Möglichkeit, die Beziehung zu Ihrem Pferd auf eine neue Ebene zu heben.

Apportieren fordert den Geist Ihres Pferdes, schult seine Problemlösungskompetenz und lastet es auf eine positive, spielerische Weise aus. Statt reinem körperlichen Training bieten Sie ihm eine Aufgabe, die Konzentration und Kooperation belohnt. Diese Anleitung zerlegt das Apportieren in kleine, leicht verständliche Schritte, damit Sie und Ihr Pferd gemeinsam und mit Freude zum Erfolg kommen.

Warum Apportieren mehr als nur ein Trick ist

Bevor es in die Praxis geht, lohnt sich ein Blick darauf, warum diese Übung so wertvoll ist. Wissenschaftliche Erkenntnisse geben uns faszinierende Einblicke in die Psyche unserer Pferde und bestätigen den Nutzen von spielerischem Training.

  • Mentale Stimulation und Stressabbau: Genau wie wir Menschen können sich Pferde langweilen. Monotone Abläufe im Alltag führen schnell zu Unterforderung. Das Apportieren ist eine willkommene Abwechslung, die das Gehirn fordert. Studien zeigen, dass spielerische Aktivitäten bei erwachsenen Pferden Stress reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden steigern. Es ist eine gesunde Form der mentalen Auslastung.
  • Stärkung der Beziehung: Gemeinsames Lernen und positive Erlebnisse schweißen zusammen. Pferde besitzen ein ausgezeichnetes Langzeitgedächtnis, insbesondere für emotionale Erfahrungen. Wenn Sie das Training zu einem freudvollen Spiel gestalten, verknüpft Ihr Pferd diese positive Emotion direkt mit Ihnen. So vertiefen Sie die Bindung zu Ihrem Pferd nachhaltig.
  • Aufbau von Selbstvertrauen: Wenn ein Pferd lernt, eine Aufgabe eigenständig zu lösen und dafür belohnt wird, gewinnt es an Selbstvertrauen. Es erfährt, dass es seine Umgebung aktiv mitgestalten kann und dass die Zusammenarbeit mit dem Menschen Spaß macht. Dieses Selbstbewusstsein überträgt sich oft auch auf andere Bereiche der gemeinsamen Arbeit.

Die Grundlagen: Was Sie brauchen und worauf Sie achten sollten

Eine gute Vorbereitung ist der halbe Weg zum Erfolg. Mit der richtigen Ausrüstung und der passenden inneren Haltung schaffen Sie eine Lernatmosphäre, in der Ihr Pferd aufblühen kann.

Die Wahl des richtigen Gegenstands:

Der Apportiergegenstand sollte sich von Ihrem Pferd leicht und sicher aufnehmen lassen. Ideal sind:

  • Weiche Hütchen oder Pylonen
  • Spezielle Apportier-Dummys für Hunde (ohne Duftstoffe)
  • Leichte Gummibälle mit Griff
  • Ein zu einem Knoten gebundenes, dickes Baumwollseil

Achten Sie darauf, dass der Gegenstand groß genug ist, um nicht verschluckt zu werden, und keine scharfen Kanten hat.

Die richtige Lernumgebung:

Wählen Sie einen vertrauten, ruhigen Ort ohne Ablenkungen, etwa eine leere Reithalle oder einen eingezäunten Platz. So kann sich Ihr Pferd voll und ganz auf Sie und die neue Aufgabe konzentrieren.

Die wichtigste Zutat: Ihre positive Einstellung:

Pferde sind Meister darin, unsere Emotionen zu lesen. Forschungen belegen, dass sie sogar zwischen einem fröhlichen und einem verärgerten menschlichen Gesichtsausdruck unterscheiden und entsprechend reagieren können. Seien Sie geduldig, entspannt und freuen Sie sich über jeden noch so kleinen Fortschritt. Der Weg ist das Ziel, und der gemeinsame Spaß steht im Vordergrund.

Schritt für Schritt zum Apportier-Profi: Eine Anleitung

Geduld und ein kleinschrittiges Vorgehen sind die Schlüssel zum Erfolg. Jede komplexe Übung besteht aus vielen kleinen Einzelschritten. Gehen Sie erst zum nächsten Schritt über, wenn der vorherige sicher und ohne Stress für Ihr Pferd funktioniert.

Schritt 1: Das Interesse wecken (Targeting)

Zuerst muss Ihr Pferd den neuen Gegenstand positiv verknüpfen. Halten Sie ihm den Gegenstand hin. Belohnen Sie (mit einem Click, einem Lobwort und einem Leckerli) jede neugierige Interaktion – sei es Anschauen, Beschnuppern oder Anstupsen mit der Nase. Ihr Ziel ist, dass Ihr Pferd den Gegenstand freudig mit der Nase berührt, sobald Sie ihn präsentieren.

Schritt 2: Das sanfte Greifen (Aufnehmen)

Sobald das Targeting zuverlässig funktioniert, steigern Sie die Anforderung. Belohnen Sie nun nur noch, wenn Ihr Pferd den Gegenstand nicht nur mit der Nase, sondern auch mit den Lippen oder Zähnen berührt. Viele Pferde bieten von sich aus an, in den Gegenstand zu beißen. Führen Sie hier ein klares Kommando ein, zum Beispiel „Nimm“. Belohnen Sie jeden Versuch, das Maul zu öffnen und den Gegenstand aufzunehmen.

Schritt 3: Das Halten und Tragen

Hat Ihr Pferd verstanden, den Gegenstand ins Maul zu nehmen, geht es um die Dauer. Zunächst belohnen Sie es für das Halten von nur einer Sekunde. Steigern Sie die Zeit dann langsam auf zwei, drei und mehr Sekunden. Sobald das zuverlässig klappt, können Sie einen einzigen Schritt von Ihrem Pferd fordern, während es den Gegenstand hält. Dann zwei Schritte. Üben Sie das Halten und Tragen, bis es für Ihr Pferd selbstverständlich wird.

Schritt 4: Das Übergeben

Der schwierigste Teil ist oft das ruhige Übergeben, da viele Pferde dazu neigen, den Gegenstand fallen zu lassen. Halten Sie Ihre Hand unter das Maul des Pferdes und geben Sie ein Kommando wie „Gib“ oder „Aus“. Belohnen Sie genau in dem Moment, in dem der Gegenstand sanft in Ihre Hand fällt. Ignorieren Sie es, wenn das Pferd den Gegenstand auf den Boden wirft, und beginnen Sie den Schritt von vorn.

Schritt 5: Alles zusammenfügen

Nun setzen Sie alle Puzzleteile zusammen. Legen Sie den Gegenstand wenige Schritte von Ihnen entfernt auf den Boden. Animieren Sie Ihr Pferd, hinzugehen, ihn mit dem Kommando „Nimm“ aufzunehmen und ihn Ihnen zu bringen. Feiern Sie diesen Erfolg ausgiebig! Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn Ihr Pferd Ihnen zum ersten Mal bewusst etwas bringt.

Motivation hochhalten: Typische Fehler vermeiden

Der Weg zum perfekten Apportieren ist selten geradlinig, und Rückschritte sind normal. Hier sind die häufigsten Fehler und wie Sie sie vermeiden:

  • Zu schnelle Steigerung: Wenn Ihr Pferd frustriert wirkt, sind Sie zu schnell vorgegangen. Gehen Sie einfach zu dem Trainingsschritt zurück, den Ihr Pferd sicher und motiviert gemeistert hat.
  • Zu lange Trainingseinheiten: Halten Sie die Einheiten kurz und knackig – fünf bis zehn Minuten sind völlig ausreichend. Beenden Sie das Training immer mit einem Erfolgserlebnis, auch wenn es nur ein kleiner Fortschritt ist.
  • Druck und Zwang: Apportieren basiert auf Freiwilligkeit. Wenn Sie Druck ausüben, zerstören Sie die Freude und die Motivation. Bleiben Sie geduldig und positiv.

Apportieren als Tor zu weiteren Lektionen

Die Fähigkeiten, die Ihr Pferd beim Apportieren lernt – wie Konzentration, Koordination und die Freude an der Zusammenarbeit –, sind eine fantastische Grundlage für die weitere Pferdeausbildung. Dieselben Prinzipien des positiven Verstärkens und des schrittweisen Lernens bilden die Basis für anspruchsvollere Zirkuslektionen oder elegante Bewegungen wie den Spanischen Schritt. Sie schaffen ein gemeinsames Verständnis und eine Kommunikationsbasis, die Ihnen in allen Bereichen des Trainings zugutekommen.

FAQ – Häufige Fragen zum Apportieren mit Pferden

Was mache ich, wenn mein Pferd kein Interesse am Gegenstand zeigt?

Versuchen Sie es mit einem anderen Objekt. Manche Pferde bevorzugen weiche Seile, andere feste Bälle. Sie können den Gegenstand auch interessanter machen, indem Sie ein kleines Leckerli daran befestigen oder ihn mit etwas Schmackhaftem (z. B. Fencheltee) einreiben.

Wie lange sollte eine Trainingseinheit dauern?

Weniger ist mehr. Beginnen Sie mit maximal fünf Minuten pro Tag. Das hält die Motivation hoch und verhindert Frustration auf beiden Seiten. Hören Sie auf, wenn es am schönsten ist, damit Ihr Pferd sich auf die nächste Einheit freut.

Mein Pferd wirft den Gegenstand immer auf den Boden, anstatt ihn zu übergeben. Was tun?

Das ist ein häufiges Problem. Gehen Sie zurück zu Schritt 3 (Halten). Üben Sie das Halten über längere Zeit und belohnen Sie nur, wenn Ihr Pferd den Gegenstand hält, bis Sie das Kommando zum Loslassen geben. Der Schlüssel liegt darin, das unerwünschte Verhalten (Werfen) zu ignorieren und stattdessen das gewünschte Verhalten (Übergeben in die Hand) konsequent zu belohnen.

Kann jedes Pferd das Apportieren lernen?

Grundsätzlich ja, jedes Pferd ist intelligent genug dafür. Der Charakter spielt jedoch eine große Rolle. Neugierige, verspielte Pferde lernen oft schneller, während vorsichtigere oder introvertiertere Pferde mehr Zeit und Geduld benötigen, um sich auf das Spiel einzulassen. Passen Sie das Training an die Persönlichkeit Ihres Pferdes an.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.