Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Barockpferde Ausbildung auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Das Apportieren: Wie Ihr Pferd lernt, Gegenstände freudig aufzuheben und zu bringen
Stellen Sie sich vor, Ihr Hut wird von einer Windböe davongetragen und landet mitten auf dem Reitplatz. Anstatt abzusteigen, geben Sie Ihrem Pferd ein leises Zeichen. Es trabt los, senkt elegant den Kopf, nimmt den Hut sanft ins Maul und bringt ihn Ihnen stolz zurück. Was wie eine Szene aus einer Showvorführung klingt, ist eine erreichbare und wunderbare Übung für fast jedes Pferd: das Apportieren.
Weit mehr als nur ein lustiger Trick, ist das Apportieren ein wertvolles mentales Training. Es fordert die Intelligenz Ihres Pferdes, schult seine Koordination und stärkt auf ganz besondere Weise die Bindung zwischen Ihnen beiden. Die moderne Verhaltensforschung bestätigt, dass kognitive Aufgaben wie diese wesentlich zum Wohlbefinden von Pferden beitragen. Sie beugen Langeweile vor und geben Ihrem Pferd eine sinnvolle Aufgabe, die es mit Freude erfüllt.
Dieser Artikel führt Sie Schritt für Schritt durch den Lernprozess und zeigt Ihnen, wie Sie Ihrem Pferd das Aufheben und Bringen von Gegenständen mit positiver Verstärkung beibringen.
Die Grundlagen: Was Sie brauchen, bevor Sie starten
Bevor der erste Gegenstand ins Spiel kommt, sind eine gute Vorbereitung und die richtige Einstellung entscheidend. Betrachten Sie das Training nicht als Lektion, sondern als gemeinsames Spiel.
Die richtige Einstellung
Geduld, positive Energie und viele kleine Schritte sind der Schlüssel zum Erfolg. Jede noch so kleine Bemühung Ihres Pferdes ist ein Fortschritt und verdient ein Lob. Setzen Sie weder sich noch Ihr Pferd unter Druck.
Die passenden Gegenstände
Beginnen Sie mit Objekten, die für Ihr Pferd sicher und einfach zu greifen sind. Ideal sind:
- Ein weiches, geknotetes Handtuch
- Eine leichte Pylone (Verkehrshütchen)
- Ein spezielles Apportel für Pferde aus Naturkautschuk
- Ein kleiner, weicher Ball mit Griff
Vermeiden Sie anfangs harte, rutschige oder sehr kleine Gegenstände.
Die Lernumgebung
Wählen Sie einen vertrauten und ruhigen Ort ohne Ablenkungen, zum Beispiel einen Roundpen oder eine leere Reithalle. So kann sich Ihr Pferd voll und ganz auf die neue Aufgabe konzentrieren.
Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Apportieren
Der Weg zum fertigen Apportieren besteht aus vielen kleinen Teilschritten. Gehen Sie erst zum nächsten Schritt über, wenn der vorherige zuverlässig und ohne Stress sitzt.
Schritt 1: Interesse am Gegenstand wecken
Legen Sie den Gegenstand auf den Boden. Viele neugierige Pferde werden ihn von selbst untersuchen. Loben Sie jedes Interesse – sei es ein Schnuppern, Anstupsen oder Anschauen. Wenn Ihr Pferd den Gegenstand ignoriert, heben Sie ihn auf, bewegen Sie ihn ein wenig und legen Sie ihn wieder hin. Machen Sie ihn interessant!
Schritt 2: Das gezielte Berühren
Nun geht es darum, die Interaktion zu lenken. Halten Sie den Gegenstand in der Hand und belohnen Sie Ihr Pferd, sobald es ihn mit der Nase oder den Lippen berührt. Dies ist eine Grundlage für viele Zirkuslektionen und schult die Konzentration. Wiederholen Sie dies, bis Ihr Pferd den Gegenstand auf ein leichtes Zeichen hin gezielt berührt.
Schritt 3: Das Aufheben vom Boden
Dies ist oft der kniffligste Schritt. Legen Sie den Gegenstand auf den Boden und deuten Sie darauf. Belohnen Sie nun jede Interaktion, die in Richtung „aufheben“ geht:
- Das Senken des Kopfes zum Gegenstand
- Das Berühren mit den Lippen
- Das leichte „Anknabbern“ oder Greifen mit den Zähnen
Sobald Ihr Pferd den Gegenstand auch nur für den Bruchteil einer Sekunde vom Boden anhebt, ist das ein riesiger Erfolg und verdient ein großes Lob!
Schritt 4: Das Halten des Gegenstands
Wenn Ihr Pferd den Gegenstand aufhebt, wird es ihn anfangs wahrscheinlich sofort wieder fallen lassen. Das ist normal. Nun gilt es, die Dauer des Festhaltens langsam zu verlängern. Belohnen Sie Ihr Pferd anfangs sofort, wenn es den Gegenstand im Maul hat. Verzögern Sie die Belohnung dann nach und nach um wenige Sekunden, um das Halten zu fördern.
Schritt 5: Das Bringen zu Ihnen
Sobald Ihr Pferd den Gegenstand für einige Sekunden halten kann, fügen Sie die Bewegung hinzu. Nachdem es den Gegenstand aufgenommen hat, treten Sie einen kleinen Schritt zurück und locken Sie es zu sich. Loben Sie es überschwänglich, wenn es Ihnen mit dem Gegenstand im Maul folgt. Vergrößern Sie die Distanz langsam von Trainingseinheit zu Trainingseinheit.
Schritt 6: Das gezielte Übergeben
Der letzte Schritt ist das saubere Übergeben. Halten Sie Ihre flache Hand unter das Maul Ihres Pferdes und geben Sie ein Kommando wie „Aus“ oder „Gib“. Die meisten Pferde lassen den Gegenstand dann von selbst fallen. Belohnen Sie es genau in dem Moment, in dem der Gegenstand Ihre Hand berührt. Ihr Ziel ist, dass das Pferd den Gegenstand sanft in Ihre Hand legt.
Typische Herausforderungen und wie Sie sie meistern
Jedes Pferd lernt anders. Hier sind Lösungen für häufige Probleme:
- Ihr Pferd hat kein Interesse: Der gewählte Gegenstand ist vielleicht einfach langweilig. Versuchen Sie es mit etwas anderem oder reiben Sie ein Leckerli daran, um es attraktiver zu machen. Halten Sie die Einheiten extrem kurz (nur 2-3 Minuten).
- Ihr Pferd kaut heftig darauf herum: Dies ist oft ein Zeichen von Aufregung oder Unsicherheit. Ignorieren Sie das Kauen und belohnen Sie ausschließlich die ruhigen Momente des Haltens. Verwenden Sie robustere Gegenstände und vermeiden Sie Ziehspiele.
- Ihr Pferd läuft mit dem Gegenstand weg: Machen Sie sich interessanter als der Gegenstand! Rufen Sie Ihr Pferd fröhlich, drehen Sie sich weg und gehen Sie ein paar Schritte. Machen Sie das Kommen zu Ihnen zur besten Option, anstatt hinterherzulaufen.
Mehr als nur ein Trick: Der Wert für die Pferd-Mensch-Beziehung
Das Apportieren ist ein Paradebeispiel für eine sinnvolle geistige Auslastung. Pferde sind von Natur aus intelligente und neugierige Tiere. Wenn sie geistig unterfordert sind, können Verhaltensauffälligkeiten entstehen. Aufgaben wie diese fordern den Geist, fördern die Problemlösungskompetenz und machen Ihr Pferd zu einem zufriedeneren Partner.
Diese Art der gemeinsamen Arbeit ist ein fester Bestandteil einer ganzheitlichen Pferdeausbildung, da sie die Kommunikation verfeinert und das Vertrauen vertieft. Sie lernen, die Körpersprache Ihres Pferdes noch besser zu lesen, und Ihr Pferd lernt, auf feinste Signale von Ihnen zu achten.
FAQ – Häufig gestellte Fragen zum Apportieren mit Pferden
Wie lange dauert es, bis mein Pferd apportieren kann?
Das ist sehr individuell. Manche Pferde verstehen die Idee in wenigen Tagen, andere brauchen mehrere Wochen oder Monate. Der Weg ist das Ziel. Feiern Sie die kleinen Fortschritte und bleiben Sie geduldig.
Ist jedes Pferd für das Apportieren geeignet?
Grundsätzlich ja. Neugierige und verspielte Pferde tun sich oft leichter. Gerade viele spanische Pferderassen sind für ihre Intelligenz und Lernfreude bekannt und haben oft großen Spaß an solchen Aufgaben. Aber auch ein skeptisches Pferd kann durch geduldiges Training lernen, die Übung zu lieben.
Welche Gegenstände sind am besten für den Anfang geeignet?
Starten Sie mit leichten, weichen und griffigen Objekten wie einem geknoteten Handtuch, einer leichten Pylone oder einem Gummispielzeug. Sicherheit geht vor: Der Gegenstand sollte nicht splittern, zu klein sein oder verschluckt werden können.
Wie oft und wie lange sollte ich üben?
Weniger ist mehr. Mehrere kurze Einheiten von 5-10 Minuten pro Woche sind effektiver als eine lange Trainingseinheit. Beenden Sie die Übung immer mit einem Erfolgserlebnis, auch wenn es nur ein kleiner Schritt war, um die Motivation hochzuhalten.
Fazit: Ein Spiel, das verbindet
Ihrem Pferd das Apportieren beizubringen ist eine lohnende Reise, die weit über das reine Funktionieren eines „Tricks“ hinausgeht. Es ist eine Form des Dialogs, ein gemeinsames Rätsellösen und eine wunderbare Möglichkeit, die Intelligenz und den Spieltrieb Ihres Pferdes zu fördern.
Mit Geduld, positiver Verstärkung und einer Prise Kreativität bringen Sie Ihrem Pferd eine beeindruckende Fähigkeit bei, die nicht nur Zuschauer staunen lässt, sondern vor allem die Partnerschaft zu Ihrem Pferd bereichert und vertieft. Trauen Sie sich und entdecken Sie eine neue, faszinierende Seite an Ihrem vierbeinigen Freund.



