Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Barockpferde Ausbildung auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Das Anreiten des überbauten Jungpferdes: Strategien für eine sensible Wachstumsphase

Kennen Sie das?

Sie blicken voller Vorfreude auf die Weide, wo Ihr vielversprechendes Jungpferd steht. Gestern schien es noch perfekt proportioniert, doch heute wirkt es, als hätte jemand die Hinterhand „aufgebockt“. Die Kruppe steht deutlich höher als der Widerrist, und das ehemals so elegante Pferd bewegt sich ungelenk, fast als stolpere es über die eigenen Füße. Dieser Moment verunsichert viele Besitzer und wirft Fragen auf: Ist das normal? Und vor allem: Wie gehe ich jetzt mit der Ausbildung um?

Die gute Nachricht vorweg: Sie erleben gerade eine der typischsten und normalsten Entwicklungsphasen eines jungen Pferdes. Doch diese Phase erfordert ein Umdenken im Training, um aus dem „lustig gebauten“ Youngster ein gesundes, ausbalanciertes Reitpferd zu machen.

Warum „überbaut“ kein Makel ist: Ein Blick in die Wachstumsbiologie

Was Sie beobachten, ist kein Gebäudefehler, sondern ein Zeichen dafür, dass Ihr Pferd mitten in einem Wachstumsschub steckt. Denn Pferde wachsen nicht gleichmäßig wie eine Pflanze dem Licht entgegen, sondern in Schüben und oft „von hinten nach vorne“.

Eine im Equine Veterinary Journal veröffentlichte Langzeitstudie bestätigt dieses Phänomen: Die langen Röhrenknochen der Hinterhand wachsen oft schneller als die der Vorhand und der Wirbelsäule. Die Folge ist diese vorübergehend überbaute Erscheinung. Solche Phasen können sich bis ins vierte Lebensjahr hinein abwechseln und sind besonders bei spätreifen Rassen wie dem Pura Raza Española (PRE) oder dem Lusitano ausgeprägt. Ihr Pferd ist also nicht „falsch gebaut“, sondern einfach nur im Wachstum.

Die biomechanische Herausforderung: Wenn die Vorhand zur Lastzone wird

Diese anatomische Phase wirkt sich direkt auf die Biomechanik aus – und damit auch auf das Training. Ein überbautes Pferd hat einen nach vorne verlagerten Schwerpunkt. Es trägt von Natur aus mehr Gewicht auf der Vorhand – genau den Zustand, den wir in der Ausbildung eigentlich korrigieren wollen.

Stellen Sie es sich wie ständiges Bergabgehen vor. Die gesamte Last drückt auf die vorderen Gliedmaßen, wodurch Sehnen, Bänder und Gelenke überproportional belastet werden. Gleichzeitig fällt es dem Pferd schwerer, seine Balance zu finden, und es neigt eher zu Stolpern und Taktfehlern.

Darin liegt die Gefahr eines standardisierten Anreitprogramms: Übungen, die ein ausbalanciertes Pferd fördern, können ein überbautes Pferd überfordern und ihm sogar schaden.

Angepasste Trainingsstrategien: Balance vor Leistung

Das oberste Ziel in dieser Phase lautet nicht „vorwärts-abwärts“ oder das Erarbeiten von Lektionen, sondern die Förderung von Balance, Körpergefühl (Propriozeption) und Rumpfmuskulatur. Weniger ist hier eindeutig mehr.

Die Basis an der Hand schaffen: Propriozeption und Rumpfmuskulatur

Bevor Sie in den Sattel steigen, legen Sie den Grundstein am Boden. Gezielte Handarbeit schult die Koordination, ohne das Pferd mit Reitergewicht zusätzlich aus dem Gleichgewicht zu bringen.

  • Stangenarbeit im Schritt: Führen Sie Ihr Pferd ruhig und konzentriert über am Boden liegende Stangen. Es muss die Füße bewusst heben und lernt so, seinen Körper besser wahrzunehmen. Variieren Sie die Abstände leicht, um die Aufmerksamkeit zu fördern.
  • Arbeit auf unterschiedlichen Böden: Spaziergänge auf Waldboden, Sand oder einer leicht unebenen Wiese schulen die Trittsicherheit und aktivieren die tiefen Stützmuskeln.
  • Behutsames Rückwärtsrichten: Wenige korrekte Tritte rückwärts an der Hand regen die Hankenbeugung an und aktivieren die so wichtige Bauchmuskulatur.

Longieren – aber richtig!

Das Longieren auf engen Zirkeln ist in dieser Phase pures Gift für die Gelenke der Vorhand. Wenn Sie longieren, dann mit Bedacht:

  • Große Zirkel wählen: Arbeiten Sie auf einem möglichst großen Kreis, um die Belastung durch Scher- und Zentrifugalkräfte zu minimieren.
  • Kurze Einheiten: Fünf bis zehn Minuten pro Hand reichen völlig aus. Der Fokus liegt auf Takt und Losgelassenheit, nicht auf Ausdauer.
  • Gerade Linien einbauen: Wechseln Sie häufig die Hand und nutzen Sie die ganze Bahn, um Ihr Pferd immer wieder auf geraden Linien zu stabilisieren.

Die ersten Schritte unter dem Reiter: Geduld als oberstes Gebot

Wenn Sie mit dem Reiten beginnen, passen Sie Ihre Erwartungen an. Ihr Pferd kämpft bereits mit seiner eigenen Balance – das Reitergewicht erschwert diese Aufgabe zusätzlich.

  • Kurze Reprisen: Reiten Sie maximal 15 bis 20 Minuten und überwiegend im Schritt.
  • Geradeaus und große Bögen: Meiden Sie enge Wendungen und Volten. Reiten Sie Hufschlagfiguren, die lange, gerade Linien beinhalten (z. B. „ganze Bahn“, „durch die ganze Bahn wechseln“).
  • Balance finden lassen: Geben Sie dem Pferd Zeit, sein Gleichgewicht unter Ihnen zu finden. Erwarten Sie keine konstante Anlehnung. Ziel ist, dass das Pferd lernt, sich mit Reiter taktrein und entspannt zu bewegen. So schaffen Sie wertvolle Grundlagen für die gesamte weitere Ausbildung von spanischen Pferden.

Die Rolle der Ausrüstung: Ein Sattel, der mitwächst und entlastet

Ein unpassender Sattel ist für jedes Pferd ein Problem, doch für ein überbautes Jungpferd, dessen Muskulatur sich ständig verändert, kann er verheerende Folgen haben. Ein zu enger Sattel klemmt die ohnehin schon belastete Schulter ein und blockiert die Bewegung. Ein Sattel mit Brückenbildung erzeugt schmerzhafte Druckspitzen.

Gerade in dieser sensiblen Phase ist ein Sattel entscheidend, der:

  • maximale Schulterfreiheit bietet,
  • eine breite, gleichmäßige Auflagefläche hat, um den Druck optimal zu verteilen,
  • anpassbar ist, um auf die muskulären Veränderungen reagieren zu können.

Die Suche nach dem richtigen passender Sattel für ein Barockpferd ist daher ein entscheidender Teil des Gesundheitsmanagements.

Partnerhinweis: Hersteller wie Iberosattel haben sich auf Konzepte spezialisiert, die genau diese Anforderungen erfüllen. Ihre Sättel sind oft so konzipiert, dass sie die besondere Anatomie barocker Pferde berücksichtigen und durch ihre Verstellbarkeit die Entwicklungsphasen junger Pferde begleiten können.

Ein Ausblick: Wann normalisiert sich das Wachstum?

Geduld ist Ihr wichtigster Begleiter. Die überbaute Phase kann einige Monate andauern oder in Schüben immer wieder auftreten. In der Regel hat sich das Exterieur bis zum fünften Lebensjahr weitestgehend angeglichen. Die Zeit, die Sie jetzt in balancierendes Basistraining investieren, zahlt sich doppelt aus. Ein Pferd, das früh gelernt hat, seinen Körper geschickt einzusetzen, wird später in Lektionen und Disziplinen wie den Grundlagen der Working Equitation glänzen.

FAQ: Häufige Fragen zum überbauten Jungpferd

Ist mein Pferd krank oder hat es einen Gebäudefehler?
Nein, in den allermeisten Fällen handelt es sich um eine völlig normale Wachstumsphase, die bei fast allen jungen Pferden auftritt. Nur in seltenen Fällen steckt eine dauerhafte Fehlstellung dahinter.

Wie lange dauert diese Phase?
Das ist individuell sehr unterschiedlich. Sie kann wenige Wochen, aber auch mehrere Monate andauern und sich in Schüben wiederholen, bis das Pferd mit etwa vier bis fünf Jahren weitestgehend ausgewachsen ist.

Kann ich mein Pferd trotzdem reiten?
Ja, aber mit einem stark angepassten Programm. Kurze Einheiten, der Fokus auf Geraderichten und Balance sowie das Vermeiden hoher Belastung sind der Schlüssel.

Sollte ich spezielles Futter geben, um das Wachstum zu beeinflussen?
Eine ausgewogene, an Alter und Leistung angepasste Fütterung ist entscheidend. Vermeiden Sie eine Überfütterung mit Energie und Eiweiß, da dies das Wachstum unnatürlich beschleunigen kann. Im Zweifel sollten Sie immer einen Futterexperten oder Ihren Tierarzt konsultieren.

Fazit: Mit Wissen und Geduld zum ausbalancierten Reitpferd

Die überbaute Phase Ihres Jungpferdes ist kein Rückschlag, sondern eine Chance. Sie zwingt Sie, von Anfang an auf die richtigen Prioritäten zu achten: Balance, Koordination und eine gesunde Biomechanik. Indem Sie Ihr Training anpassen, auf die Signale Ihres Pferdes hören und für eine optimale Ausrüstung sorgen, legen Sie den Grundstein für einen starken, gesunden und motivierten Partner. Schenken Sie Ihrem Pferd diese Zeit – es wird sie Ihnen mit einem langen und gesunden Reitpferdeleben danken.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.