Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Reiturlaub, Events und Feste auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die Ankaufsuntersuchung beim PRE: Typische Befunde und was sie für Reiter bedeuten

Der Traum vom eigenen Pura Raza Española (PRE) ist für viele Reiter der Inbegriff von Eleganz, Anmut und einer tiefen partnerschaftlichen Verbindung. Im Kopf sind unzählige Bilder: wallende Mähnen, ein stolzer Ausdruck und Lektionen voller Leichtigkeit. Doch bevor dieser Traum Wirklichkeit wird, steht ein entscheidender, oft nervenaufreibender Schritt an: die Ankaufsuntersuchung, kurz AKU.

Viele Kaufinteressenten fürchten diesen Moment – die Angst vor einem „durchgefallenen“ Pferd oder einem Befund, der alle Hoffnungen zunichtemacht. Tatsächlich ist die AKU aber kein einfaches Urteil über „gesund“ oder „krank“. Sie ist vielmehr eine detaillierte Bestandsaufnahme, eine Art Landkarte der gesundheitlichen Konstitution Ihres potenziellen Partners. Und gerade beim PRE gibt es Besonderheiten. Diese zu kennen, hilft Ihnen, die Karte richtig zu lesen und eine fundierte Entscheidung zu treffen.

Mehr als nur „bestanden“ oder „durchgefallen“: Das Ziel der AKU

Das Wichtigste vorweg: Das Ziel einer Ankaufsuntersuchung ist nicht, ein Pferd ohne jegliche Befunde zu finden. So ergab eine umfassende Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover aus dem Jahr 2018, dass bei über 80 % der klinisch unauffälligen Pferde röntgenologische Veränderungen festgestellt wurden. Ein „perfekter Röntgen-TÜV“ ist also eher die Ausnahme als die Regel.

Die eigentliche Aufgabe der AKU ist es, den aktuellen Gesundheitszustand zu dokumentieren und potenzielle Risiken für die geplante Nutzung zu bewerten. Ein erfahrener Tierarzt hilft Ihnen dabei, die entscheidende Frage zu beantworten: Passen der Zustand des Pferdes und meine Ziele als Reiter zusammen?

Rassetypische Befunde beim PRE: Ein genauerer Blick

Wie jede Pferderasse bringt auch der PRE durch seine Genetik und seinen Körperbau bestimmte Prädispositionen mit. Ein fundiertes Wissen über diese typischen Befunde hilft, Röntgenbilder und tierärztliche Gutachten ohne Panik, aber mit dem nötigen Sachverstand zu interpretieren.

Die Halswirbelsäule (HWS): Ein besonderes Augenmerk

Die imposante Halsung ist eines der Markenzeichen des PRE. Doch diese anatomische Besonderheit erfordert auch einen genauen Blick. Studien, unter anderem aus den USA, belegen, dass bei spanischen Pferderassen vermehrt eine angeborene Fehlbildung am Übergang vom 6. zum 7. Halswirbel (C6-C7) auftritt. Diese sogenannte Malformation kann den Wirbelkanal verengen und in manchen Fällen zu neurologischen Problemen wie Ataxie (Koordinationsstörungen) führen.

Ein guter Tierarzt beurteilt die Halswirbelsäule eines PRE bei der AKU daher nicht nur klinisch, sondern bei Verdacht auch durch spezielle Röntgenaufnahmen. Ein solcher Befund muss kein K.O.-Kriterium sein, bedarf aber einer ehrlichen Einschätzung des Risikos für die Zukunft.

Kissing Spines: Nicht immer ein Drama

Der Befund „Kissing Spines“ (sich berührende Dornfortsätze der Brustwirbelsäule) löst bei vielen Käufern sofort Besorgnis aus. Auch hier zeigen Untersuchungen, dass dieser Befund bei PREs und anderen barocken Rassen überdurchschnittlich häufig vorkommt. Der Grund liegt oft im kompakten, kurzen Rücken dieser Pferde.

Entscheidend ist jedoch die Unterscheidung zwischen einem rein röntgenologischen Befund und einem klinischen Problem. Viele Pferde leben mit eng stehenden Dornfortsätzen völlig schmerzfrei und leistungsbereit. Wichtiger als das Röntgenbild allein sind hier:

  • Der klinische Befund: Zeigt das Pferd bei der Palpation (Abtasten) des Rückens Schmerzreaktionen?
  • Die Muskulatur: Ist die Rückenmuskulatur gut ausgebildet und in der Lage, die Wirbelsäule zu stabilisieren?
  • Die Bewegung: Bewegt sich das Pferd unter dem Reiter losgelassen und taktrein?

Ein reiner Röntgenbefund ohne klinische Symptome ist oft weniger eine Krankheit als vielmehr eine Management-Aufgabe.

OCD und Knochenzysten: Befunde bei Jungpferden

Osteochondrosis Dissecans (OCD) – umgangssprachlich oft als „Gelenk-Chip“ bezeichnet – ist eine Entwicklungsstörung des Knochens und Knorpels, die vor allem bei jungen Pferden auftritt. Studien zeigen, dass PREs, ähnlich wie viele andere moderne Sportpferderassen, eine gewisse Prädisposition für OCD, insbesondere im Sprung- und Kniegelenk, aufweisen.

Auch hier ist der Kontext entscheidend: Lage, Größe und Art des Fragments entscheiden über seine klinische Relevanz. Viele kleine, günstig gelegene Fragmente verursachen ein Pferdeleben lang keine Probleme, während andere ein klares Operationsrisiko darstellen.

Gendefekte: PSSM1 beim PRE

Die Polysaccharid-Speicher-Myopathie Typ 1 (PSSM1) ist eine vererbbare Stoffwechselerkrankung der Muskulatur. Dabei kommt es zu einer fehlerhaften Zuckereinlagerung in den Muskelzellen, was Symptome wie Muskelsteifheit, Bewegungsunlust, übermäßiges Schwitzen und im schlimmsten Fall kreuzverschlagsähnliche Schübe auslösen kann. Ein Gentest per Haarprobe gibt hier schnell und einfach Aufschluss. Ein positiver Befund bedeutet nicht das Ende des Reitpferde-Daseins, erfordert aber ein sehr diszipliniertes Management mit angepasster, stärkearmer Fütterung und regelmäßigem, gleichmäßigem Training.

Befunde richtig deuten: Der Kontext ist entscheidend

Ein Röntgenbild ist nur eine zweidimensionale Schwarz-Weiß-Aufnahme. Das lebendige, atmende Pferd davor erzählt jedoch die ganze Geschichte – und die Kunst besteht darin, beides zusammenzuführen. Ein Befund, der für ein internationales Grand-Prix-Pferd ein inakzeptables Risiko darstellt, kann für einen ambitionierten Freizeitreiter, der dreimal pro Woche ins Gelände und auf den Platz möchte, völlig unbedeutend sein.

Der Charakter eines PRE, seine Kooperationsbereitschaft und mentale Stärke, spielen für eine erfolgreiche Partnerschaft eine ebenso große Rolle wie ein Röntgenbild. Ein Pferd, das stets motiviert mitarbeitet, kompensiert kleinere physische Schwächen oft mühelos.

Ein entscheidender Faktor, der oft übersehen wird, ist das richtige Management und die passende Ausrüstung. Gerade ein Pferd mit einer Veranlagung zu Rückenproblemen wie Kissing Spines benötigt einen perfekt angepassten Sattel. Der oft kurze, breite und geschwungene Rücken des PRE stellt hier besondere Anforderungen. Ein unpassender Sattel kann aus einem unauffälligen Befund ein schmerzhaftes Problem machen. Informieren Sie sich daher frühzeitig über den passenden Sattel für ein spanisches Pferd.

Hinweis unseres Partners: Hersteller wie Iberosattel haben sich auf die besonderen Bedürfnisse barocker Pferderücken spezialisiert und entwickeln Sattelkonzepte, die durch breite Auflageflächen und spezielle Schnitte die Rückengesundheit aktiv unterstützen und fördern können.

Häufige Fragen (FAQ) zur Ankaufsuntersuchung beim PRE

Was ist der Unterschied zwischen einer „kleinen“ und „großen“ AKU?
Die „kleine“ AKU umfasst eine rein klinische Untersuchung: Abhören von Herz und Lunge, Beurteilung von Augen und Gebiss, Abtasten von Gliedmaßen und Rücken sowie die Begutachtung in Bewegung (Vortraben auf hartem Boden, Longieren). Die „große“ AKU beinhaltet zusätzlich standardisierte Röntgenaufnahmen (meist 12-18 Bilder) von Zehen-, Sprung- und Kniegelenken.

Sollte ich immer Röntgenbilder machen lassen?
Bei einem erwachsenen Reitpferd ist eine große AKU mit Röntgenbildern dringend zu empfehlen. Sie gibt Aufschluss über den Zustand der Gelenke und mögliche degenerative Veränderungen (Arthrose), die klinisch noch nicht sichtbar sein müssen.

Ein Pferd hat Befund „Röntgenklasse III“ – ist das ein K.O.-Kriterium?
Nicht zwangsläufig. Die Röntgenklassen (I-IV) sind lediglich eine Risikoeinschätzung. Klasse III bedeutet ein mittleres Risiko, dass das Pferd aufgrund des Befundes zukünftig Probleme entwickeln könnte. Hier ist eine offene Diskussion mit Ihrem Tierarzt unerlässlich: Wie ist der klinische Befund? Wie sind Ihre reiterlichen Ambitionen?

Wer bezahlt die Ankaufsuntersuchung?
In der Regel zahlt der potenzielle Käufer die AKU, da er der Auftraggeber für den Tierarzt ist.

Beeinflusst die AKU den Kaufpreis?
Ja, das ist möglich. Werden unerwartete Befunde aufgedeckt, die ein erhöhtes Risiko oder zukünftige Kosten (z. B. für eine Operation) bedeuten, kann dies eine Grundlage für eine Neuverhandlung des Kaufpreises sein. Wie viel Sie investieren sollten, hängt von vielen Faktoren ab. Eine Orientierung gibt unser Artikel zum Thema: Was kostet ein PRE Pferd.

Fazit: Informiert entscheiden für eine lange Partnerschaft

Die Ankaufsuntersuchung Ihres Traum-PRE sollte kein Grund zur Furcht, sondern eine Chance zur Aufklärung sein. Sie bietet Ihnen die Möglichkeit, Ihr zukünftiges Pferd mit all seinen Stärken und möglichen Schwachstellen kennenzulernen.

Verlassen Sie sich nicht allein auf Röntgenbilder. Betrachten Sie das Gesamtpaket: den klinischen Eindruck, die Bewegungsqualität, den Charakter und Ihre eigenen Ziele. Ein offenes Gespräch mit einem Tierarzt Ihres Vertrauens ist der Schlüssel, um die Befunde korrekt einzuordnen. So treffen Sie eine informierte und bewusste Entscheidung – für einen gesunden und glücklichen Partner, der Sie viele Jahre lang begeistern wird.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.