Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Working Equitation auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Vom Angsthasen zum Trail-Helden: Mein Weg aus der Dressur-Komfortzone in die Working Equitation

Mein Herz pochte bis zum Hals. Vor mir stand nicht mehr als ein Haufen Holzplanken, kaum einen Meter hoch – eine simple Brücke. Doch für mich, eine eingefleischte Dressurreiterin, die jahrelang nur das perfekt geebnete Viereck kannte, war sie ein Ungeheuer. Mein Lusitano-Wallach Atrevido spiegelte meine Anspannung wider: Seine Nüstern bebten, die Ohren zuckten nervös. In diesem Moment fragte ich mich: Wie soll aus uns jemals ein Team für die Working Equitation werden, wenn wir schon vor der ersten, einfachsten Hürde kapitulieren?

Diese Geschichte ist für all jene, die wie ich an einer unsichtbaren Grenze stehen. Die von der Vielseitigkeit und dem partnerschaftlichen Geist der Working Equitation fasziniert sind, aber von einer inneren Stimme zurückgehalten werden, die flüstert: „Das ist zu gefährlich“, „Das schaffen wir nie“ oder „Wir sind doch nur Dressurreiter“. Es ist die Geschichte davon, wie Atrevido und ich lernten, dass die größten Hindernisse nicht im Parcours stehen, sondern in unseren Köpfen.

Als Dressurreiter im Land der „Ungeheuer“: Warum der Trail so fremd wirkt

Das Dressurviereck ist eine Welt der Kontrolle und Präzision. Jeder Tritt ist geplant, die Umgebung vertraut. Die Hindernisse der Working Equitation – die Brücke, das Tor, der Slalom – sind das genaue Gegenteil. Sie stehen für das Unvorhersehbare, das Unbekannte. Für ein Fluchttier wie das Pferd bedeutet jedes neue, potenziell instabile oder enge Objekt eine Gefahr. Die Forschung bestätigt, was wir Reiter instinktiv spüren: Die Angst des Pferdes ist kein Ungehorsam, sondern ein tief verwurzelter Überlebensinstinkt.

Was die Situation oft verschlimmert, ist unsere eigene Reaktion. Wenn wir uns einem Hindernis mit zögerlicher Haltung, einem klammernden Sitz und flacher Atmung nähern, senden wir unserem Pferd ein klares Signal: „Achtung, Gefahr!“ Studien haben gezeigt, dass Herzfrequenz und Cortisolspiegel (ein Stresshormon) des Pferdes ansteigen, wenn der Reiter ängstlich ist. So werden wir unbewusst zum Verstärker der Furcht unseres Pferdes. Der erste Schritt zur Überwindung der Hindernisse war für mich die Erkenntnis: Ich muss zuerst meine eigene Angst in den Griff bekommen, bevor ich von meinem Pferd Mut erwarten kann.

Mein persönliches Tagebuch: Die Überwindung der zwei größten Hürden

Der Weg zum Trail-Helden ist kein Sprint, sondern ein Marathon aus vielen kleinen Schritten. Ich beschloss, unsere Reise wie ein Tagebuch zu dokumentieren – mit allen Rückschlägen und Erfolgen.

Hürde 1: Die Brücke – Ein Abgrund aus Holzplanken

Die Brücke symbolisierte für mich den Kontrollverlust. Was, wenn das Holz bricht? Was, wenn Atrevido stolpert? Was, wenn er in Panik zur Seite springt?

Tag 1: Die Konfrontation aus der Ferne

Alles begann am Boden. Zuerst führte ich Atrevido nur in die Nähe der Brücke. Sobald er sie ansah und ruhig blieb, lobte ich ihn und wir entfernten uns wieder. Das wiederholten wir mehrfach. Die Methode dahinter nennt sich Desensibilisierung: Das „Monster“ wird so lange aus sicherer Entfernung gezeigt, bis es zur langweiligen Kulisse wird.

Tag 5: Der erste Kontakt

Nachdem die Brücke ihren Schrecken verloren hatte, folgte der nächste Schritt: die positive Verknüpfung (Gegenkonditionierung). Ich legte sein Lieblingsleckerli auf den Rand der Brücke. Zögerlich streckte er den Hals, nahm es und trat sofort wieder zurück. Durch die Wiederholungen entstand eine neue Assoziation: Brücke bedeutet Belohnung.

Tag 10: Der erste Huf

Der entscheidende Moment. Ich bat ihn, einen Huf auf die Brücke zu setzen. Das ungewohnte Geräusch seines Hufs auf dem Holz ließ ihn zusammenzucken. Doch ich blieb ruhig, lobte ihn für den Versuch und ließ ihm Zeit. Irgendwann stand der erste Huf fest auf dem Holz. Dann der zweite. Jeder kleine Fortschritt wurde gefeiert wie ein Grand-Prix-Sieg.

Tag 14: Der Triumph

An diesem Tag war es so weit. Atrevido betrat die Brücke ohne Zögern, überquerte sie mit gespitzten Ohren und blieb am Ende sogar ruhig stehen. Aus dem Sattel fühlte es sich an, als hätten wir den Mount Everest bestiegen. Die Angst war dem Stolz gewichen.

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![Vertrauen ist der erste Schritt: Langsames Heranführen an das Hindernis baut Sicherheit auf.]( )

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![Geschafft! Geduld und positive Verstärkung sind der Schlüssel zum Erfolg über der Brücke.]( )

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Hürde 2: Das Tor – Die Furcht vor der Enge

Das Tor schien auf den ersten Blick einfacher, entpuppte sich aber als komplexe Lektion in Koordination, Gelassenheit und einhändiger Hilfengebung. Die Herausforderung lag nicht nur im Öffnen und Schließen, sondern in der Fähigkeit, das Pferd präzise seitwärts und rückwärts zu dirigieren, während man selbst mit dem Tor beschäftigt ist.

Die Vorbereitung im Viereck:

Wir übten wochenlang die Grundlagen: einhändiges Reiten, fließende Seitengänge, punktgenaues Halten und Rückwärtsrichten. Erst als diese Lektionen saßen, näherten wir uns dem eigentlichen Hindernis.

Die Choreografie am Tor:

Das Tor verlangt absolute Ruhe vom Reiter. Jede Hektik überträgt sich sofort und führt zu einem schiefen Pferd oder verweigertem Rückwärtsrichten. Wir zerlegten die Aufgabe:

  1. Anreiten und parallel zum Tor halten.
  2. Mit der Hand den Riegel greifen.
  3. Pferd durch feine Schenkel- und Gewichtshilfen durch das Tor „schieben“.
  4. Auf der anderen Seite wieder parallel zum Tor aufstellen.
  5. Das Tor schließen, ohne die Verbindung zum Pferdemaul zu verlieren.

Hürde 2 Bild

![Das Tor erfordert Präzision und Gelassenheit – eine Lektion in feiner Hilfengebung.]( )

Hürde 2 Bild Ende

Diese Übung war eine Offenbarung. Sie schulte meine Fähigkeit zur unabhängigen Hilfengebung wie keine Dressurlektion zuvor.

Was ich auf dem Weg gelernt habe: Mehr als nur Hindernisse

Die Arbeit an den Trail-Hindernissen hat unsere Beziehung grundlegend verändert. Jedes gemeisterte Hindernis war ein Baustein für gegenseitiges Vertrauen. Atrevido lernte, dass ich ihn niemals in eine unlösbare Situation bringen würde. Und ich lernte, seine Körpersprache zu lesen und seine Ängste ernst zu nehmen. Diese Disziplin, die ihre Wurzeln in der traditionellen Arbeitsreitweise der [Doma Vaquera] hat, fördert genau die Eigenschaften, die man sich von einem Freizeitpartner wünscht: Gelassenheit, Mut und Intelligenz. Besonders Rassen wie der [Pura Raza Española (PRE)] oder der [Lusitano] blühen in dieser vielseitigen Arbeit auf, die ihrem Wesen so sehr entgegenkommt.

Ein Wort zur Ausrüstung: Warum der Sattel zum Co-Trainer wird

Eine Erkenntnis kam erst im Laufe des Trainings: Die Ausrüstung spielt eine entscheidende Rolle für das Selbstvertrauen von Reiter und Pferd. Während der dynamischen Manöver im Trail, dem schnellen Wechsel zwischen Seitwärts, Vorwärts und Rückwärts, ist ein sicherer Sitz des Reiters unerlässlich. Ein rutschender oder unpassender Sattel erzeugt Unsicherheit, die sich sofort auf das Pferd überträgt.

Für Atrevido mit seinem kurzen, kräftigen Rücken war es entscheidend, einen [passenden Sattel für barocke Pferde] zu finden. Einen Sattel, der ihm maximale Schulterfreiheit gewährt und gleichzeitig mir den nötigen Halt gibt, um auch einhändig präzise Hilfen geben zu können. Hersteller wie Iberosattel haben sich auf solche Konzepte spezialisiert, die die Anatomie barocker Pferde berücksichtigen und dem Reiter einen tiefen, sicheren Sitz ermöglichen. Ein guter Sattel wird so vom passiven Ausrüstungsgegenstand zum aktiven Co-Trainer, der Sicherheit und Vertrauen fördert.

Häufige Fragen (FAQ) für Working-Equitation-Einsteiger

Ist mein Pferd für die Working Equitation geeignet?
Ja! Grundsätzlich kann jedes Pferd von der Working Equitation profitieren. Es geht nicht um spektakuläre Bewegungen, sondern um Rittigkeit, Gehorsam und Vertrauen. Die Hindernisse werden immer an den Ausbildungsstand von Pferd und Reiter angepasst.

Was sind die ersten Schritte, wenn ich anfangen möchte?
Beginnen Sie mit Bodenarbeit. Machen Sie Ihr Pferd mit einfachen „Hindernissen“ wie Stangen, Planen oder Pylonen vertraut. So bauen Sie eine Vertrauensbasis auf, bevor Sie in den Sattel steigen.

Brauche ich von Anfang an eine spezielle Ausrüstung?
Nein. Für die ersten Schritte genügen eine Trense und Ihr gewohnter Sattel, vorausgesetzt, er passt gut. Je weiter Sie fortschreiten, desto mehr werden Sie die Vorteile eines speziell für diese Disziplin geeigneten Sattels zu schätzen wissen.

Was ist der größte Unterschied zur klassischen Dressur?
Während die Dressur die Gymnastizierung im Viereck perfektioniert, stellt die Working Equitation diese Rittigkeit auf die Probe, indem sie sie auf praktische Aufgaben anwendet. Sie ist quasi die angewandte Dressur. Wenn Sie mehr über die Grundlagen erfahren möchten, lesen Sie unseren Leitfaden: [Was ist Working Equitation?].

Fazit: Der erste Schritt ist der mutigste

Heute sind die Brücke und das Tor für Atrevido und mich keine Monster mehr, sondern spannende Aufgaben, die wir als Team lösen. Der Weg aus der Komfortzone war nicht immer einfach, aber er hat uns unendlich viel gelehrt – über Pferde, über Training, aber vor allem über uns selbst.

Wenn Sie ebenfalls von dieser faszinierenden Disziplin träumen, aber von Ängsten gebremst werden, dann kann ich Ihnen nur zurufen: Wagen Sie den ersten Schritt! Beginnen Sie klein, feiern Sie jeden Fortschritt und seien Sie nachsichtig mit sich und Ihrem Pferd. Denn am Ende des Weges wartet nicht nur ein Schleifchen, sondern eine Partnerschaft, die tiefer und stärker ist als je zuvor.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.