Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Zirkuslektionen auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Die ‚tanzende‘ Vorhand des PRE: Anatomische Grundlagen für den perfekten Spanischen Schritt

Wer jemals einen Pura Raza Española (PRE) in einer Show erlebt hat, kennt diesen magischen Moment: Das Pferd scheint auf der Stelle zu tanzen, hebt mit majestätischer Langsamkeit ein Vorderbein, streckt es elegant nach vorn und setzt es federnd wieder ab. Der Spanische Schritt ist mehr als eine Lektion – er ist der Inbegriff von Anmut, Kraft und der einzigartigen Ausdrucksfähigkeit iberischer Pferde. Doch was steckt hinter dieser scheinbar mühelosen Eleganz? Ist es reine Magie oder das Ergebnis genialer Biomechanik?

Die Antwort liegt tief im Körperbau dieser faszinierenden Rasse verborgen. Die „tanzende“ Vorhand des PRE ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Anatomie, die über Jahrhunderte für Versammlung, Erhabenheit und beeindruckende Bewegungen gezüchtet wurde. Wir lüften das Geheimnis der PRE-Schulter und zeigen, wie Sie diese natürliche Veranlagung durch pferdegerechtes Training zur vollen Entfaltung bringen.

Mehr als nur Show: Das anatomische Geheimnis der PRE-Schulter

Während viele moderne Sportpferde auf einen raumgreifenden, flachen Gang gezüchtet sind, wurde bei iberischen Pferden der Fokus stets auf Wendigkeit, Erhabenheit und die Fähigkeit zur höchsten Versammlung gelegt. Diese züchterische Ausrichtung hat eine einzigartige Anatomie hervorgebracht, die Lektionen wie den Spanischen Schritt begünstigt.

Der Schlüssel liegt in der Konstruktion der Schulterpartie:

  1. Das aufrechte Schulterblatt (Skapula): Im Vergleich zu vielen Warmblütern ist das Schulterblatt beim PRE oft steiler und kürzer gestellt. Diese vertikalere Ausrichtung ermöglicht eine deutlich größere Rotationsfähigkeit nach oben und hinten. Das Pferd kann das Bein also leichter „aus der Schulter heben“, anstatt es nur nach vorn zu schieben.

  2. Der kurze Oberarmknochen (Humerus): Viele iberische Pferde haben einen relativ kurzen Oberarmknochen. Dies ergibt einen steileren Winkel zwischen Schulterblatt und Oberarm. Eine solche Hebelwirkung begünstigt von Natur aus eine aufwärts gerichtete Bewegung – eine ideale Voraussetzung für alle Lektionen der Hohen Schule und ausdrucksstarke Vorhandaktionen.

Stellen Sie es sich wie einen Hebel vor: Eine kürzere, steilere Konstruktion erlaubt es, mit weniger Aufwand eine hohe, kreisrunde Bewegung zu erzeugen, während eine lange, flache Konstruktion für einen weiten, raumgreifenden Schwung optimiert ist.

Die unsichtbaren Helfer: Muskeln als Motor der Bewegung

Die Knochen geben die Bewegungsmöglichkeit vor, doch die Muskulatur ist der Motor, der sie ausführt. Für einen korrekten und gesunden Spanischen Schritt ist eine starke Rumpfträgermuskulatur entscheidend. Insbesondere zwei Muskelgruppen spielen eine zentrale Rolle:

  • Die Brustmuskulatur (Pectoralis): Sie hilft, den Brustkorb zwischen den Schulterblättern anzuheben.
  • Der Serratus Ventralis: Dieser fächerförmige Muskel ist die wichtigste Verbindung zwischen Rumpf und Vorderbein. Ist er gut trainiert, kann er den Widerrist anheben und der Schulter die nötige Freiheit für die Aufwärtsbewegung geben.

Der kompakte Körperbau des PRE unterstützt auf natürliche Weise die Entwicklung dieser tragenden Muskulatur. Ein korrekt trainiertes Pferd lernt, seinen Brustkorb zu heben und das Vorderbein aus dieser aufgerichteten Haltung heraus zu bewegen.

Achtung, Falle: Wird das Bein stattdessen durch Zug am Zügel „nach vorne gezogen“, kommt die Bewegung aus einer falschen Muskelgruppe. Dies blockiert die Schulter, führt zu Verspannungen und kann langfristig zu Schäden am Schultergelenk und den stützenden Bändern führen. Der wahre Spanische Schritt entsteht aus der Kraft des Rumpfes, nicht aus der Hand des Reiters.

Vom Boden zur Perfektion: Der Spanische Schritt pferdegerecht erarbeitet

Der Weg zu einem ausdrucksstarken Spanischen Schritt beginnt immer am Boden. Hier kann das Pferd ohne Reitergewicht lernen, sein Gleichgewicht zu finden und die richtigen Muskeln zu aktivieren. Geduld und das richtige Timing sind dabei entscheidend.

Schritt 1: Die Basis schaffen

Bevor Sie mit der eigentlichen Lektion beginnen, sollte Ihr Pferd die Grundlagen der Bodenarbeit beherrschen. Es sollte ruhig neben Ihnen stehen, sich auf feine Signale hin führen lassen und Berührungen an den Beinen akzeptieren.

Schritt 2: Das Bein anheben

Stellen Sie sich seitlich auf Höhe der Pferdeschulter auf. Mit einer Gerte tippen Sie sanft vorn an das Röhrbein. Sobald das Pferd eine Reaktion zeigt und das Bein auch nur leicht anhebt, hören Sie sofort auf zu tippen und loben es ausgiebig. Wiederholen Sie dies, bis das Pferd das Bein auf ein leichtes Antippen hin sicher anhebt.

Schritt 3: Die Bewegung nach vorn leiten

Im nächsten Schritt bitten Sie das Pferd nicht nur, das Bein zu heben, sondern führen die Bewegung mit der Gerte leicht nach vorn. Auch hier gilt: Jeder noch so kleine Fortschritt in die richtige Richtung wird sofort belohnt. Das Ziel ist nicht die Höhe, sondern eine entspannte, fließende Vorwärts-Aufwärts-Bewegung. Viele weitere Übungen finden Sie auch in unserem Bereich über Zirkuslektionen.

Häufige Fehler und wie Sie sie vermeiden

Der Spanische Schritt ist eine anspruchsvolle Lektion. Um Frustration und gesundheitliche Probleme zu vermeiden, sollten Sie auf folgende Punkte achten:

  • Zu viel Druck, zu schnell: Erzwungene Höhe führt zu einem blockierten Rücken und einer verspannten Schulter. Geben Sie Ihrem Pferd Zeit.
  • Fokus auf das Bein statt auf den Körper: Denken Sie immer daran, die Rumpfmuskulatur zu aktivieren. Das Pferd muss lernen, sich aufzurichten, um das Bein frei bewegen zu können.
  • Vernachlässigung der Ausrüstung: Ein unpassender Sattel, der die Schulter blockiert, macht eine korrekte Ausführung unmöglich. Er muss genügend Schulterfreiheit bieten, damit sich das Schulterblatt frei drehen kann. Gerade bei barocken Pferden mit ihren oft breiten Schultern sind spezialisierte Sattelkonzepte entscheidend für Gesunderhaltung und Bewegungsqualität.

(Partnerhinweis: Hersteller wie Iberosattel haben sich auf die Entwicklung von Sätteln für den barocken Pferdetyp spezialisiert und bieten Lösungen, die die besondere Anatomie der Schulter berücksichtigen und eine maximale Bewegungsfreiheit gewährleisten.)

Besondere Sorgfalt erfordert die Ausbildung eines jungen Pferdes: Beginnen Sie mit solchen Lektionen erst, wenn die grundlegende Muskulatur aufgebaut und das Pferd körperlich sowie mental reif ist.

FAQ – Häufige Fragen zum Spanischen Schritt

  1. In welchem Alter kann man mit dem Spanischen Schritt beginnen?
    Die Lektion sollte erst begonnen werden, wenn das Pferd körperlich weitgehend ausgewachsen ist (meist ab vier oder fünf Jahren) und über eine solide Grundausbildung sowie eine gute Rumpfmuskulatur verfügt.

  2. Ist der Spanische Schritt schädlich für das Pferd?
    Korrekt ausgeführt und mit einer soliden gymnastischen Grundlage ist er nicht schädlich, sondern kann sogar die Schulterbeweglichkeit fördern. Falsches Training, das auf Zwang oder mechanischem Ziehen basiert, ist jedoch gesundheitsschädlich.

  3. Wie hoch muss das Pferd das Bein heben?
    Die Höhe ist zweitrangig. Viel wichtiger sind Takt, Losgelassenheit und die korrekte Bewegung aus dem Rumpf. Ein niedriger, aber korrekter Spanischer Schritt ist wertvoller als ein hohes, aber verspanntes „Strampeln“.

  4. Kann jedes Pferd den Spanischen Schritt lernen?
    Grundsätzlich ja. Allerdings haben Rassen wie der PRE aufgrund ihrer Anatomie eine deutlich höhere natürliche Veranlagung. Eine Studie im „Journal of Equine Veterinary Science“ (2018) zeigte, dass iberische Pferde eine signifikant höhere natürliche Beugung im Karpalgelenk zeigen, was die typische, elegante „Flick“-Bewegung am höchsten Punkt begünstigt.

Fazit: Eine Hommage an die Natur

Der Spanische Schritt ist weit mehr als ein beeindruckender Show-Trick. Er ist der sichtbare Ausdruck einer perfektionierten Anatomie. Die einzigartige Konstruktion der Schulter, gepaart mit der Kraft einer gut trainierten Rumpfmuskulatur, ermöglicht dem PRE jene „tanzende“ Bewegung, die uns so fasziniert.

Wenn Sie diese Lektion mit Ihrem Pferd erarbeiten, denken Sie immer an die biomechanischen Grundlagen. Arbeiten Sie mit der Natur Ihres Pferdes, nicht gegen sie. Mit Geduld, Wissen und dem richtigen Gefühl können auch Sie die Magie der tanzenden Vorhand entfalten und die besondere Verbindung zu diesen außergewöhnlichen Pferden vertiefen.

Birgit Thoma
Birgit Thoma

Birgit Thoma ist Gründerin von Das-Spanische-Pferd.de und Geschäftsführerin von Iberosattel Reitsport GmbH, spezialisiert auf iberische Pferde und klassische Sattelsysteme.