Wenn die Hinterhand nicht mitkommt: Gezielte Übungen zur Aktivierung der Schubkraft bei PRE und Lusitano

Sie sitzen auf Ihrem prachtvollen spanischen Pferd, bewundern den elegant geschwungenen Hals und die kraftvolle Erscheinung. Doch im Sattel fühlt es sich manchmal an, als würden Sie vorne mehr „rudern“, statt von hinten geschoben zu werden. Im Laufe der Trainingseinheit wird das Pferd schwerer in der Hand, der Schwung lässt nach und die Lektionen verlieren an Ausdruck. Kommt Ihnen dieses Gefühl bekannt vor?

Wenn ja, sind Sie nicht allein. Viele Reiter von Barockpferden kennen die Herausforderung, die Hinterhand ihres Pferdes und damit seinen eigentlichen Motor zu aktivieren. Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass ein spektakulärer Trab mit hoher Knieaktion automatisch von einer aktiven Hinterhand zeugt. Oft ist das Gegenteil der Fall. Deshalb tauchen wir in diesem Artikel tief in die Biomechanik von Pura Raza Española (PRE) und Lusitano ein. Wir zeigen Ihnen konkrete, praxisnahe Übungen, mit denen Sie die Schubkraft Ihres Pferdes nachhaltig entwickeln können.

Das Motorenprinzip: Warum die Hinterhand der Schlüssel zu allem ist

Stellen Sie sich Ihr Pferd wie ein Fahrzeug mit Heckantrieb vor. Die Vorderbeine sind die Lenkung, doch der gesamte Antrieb, die Kraft für die Vorwärtsbewegung, kommt aus der Hinterachse – der Hinterhand. Die Forschung bestätigt dieses Bild: Die Hinterbeine sind die Hauptquelle für den Vortrieb und erzeugen den Großteil der Energie, die für die Vorwärtsbewegung nötig ist.

Wenn dieser „Motor“ nicht richtig arbeitet, muss der vordere Teil des Pferdes kompensieren. Die Folgen sind oft:

  • Eine hohe Belastung der Vorderbeine
  • Ein steifer, festgehaltener Rücken
  • Ein Pferd, das auf die Vorhand fällt und sich auf das Gebiss legt
  • Fehlender Schwung und mangelnde Durchlässigkeit

Daher ist es das Ziel jeder guten Ausbildung, insbesondere in der klassischen Dressur, diesen Motor zu starten und die erzeugte Energie über einen schwingenden Rücken bis ins Genick des Pferdes fließen zu lassen.

Die besondere Herausforderung bei PRE und Lusitano

Das barocke Pferd bringt von Natur aus einige körperliche Merkmale mit, die diese Aufgabe besonders machen. Rassen wie der PRE und der Lusitano neigen zu einer höheren Kopf- und Halshaltung und besitzen oft einen relativ kurzen Rücken. Diese anatomischen Gegebenheiten können bei nicht korrekter Reitweise dazu führen, dass sie ihr Gewicht zu stark auf die Vorhand verlagern.

Hier kommen zwei entscheidende Begriffe ins Spiel:

  1. Schubkraft: Die Fähigkeit der Hinterbeine, den Körper kraftvoll nach vorne zu schieben. Sie ist die Grundlage für raumgreifende Gänge und Schwung.
  2. Tragkraft: Die Fähigkeit der Hinterbeine, unter den Schwerpunkt zu treten, die Hanken (Hüft-, Knie- und Sprunggelenke) zu beugen und mehr Gewicht zu übernehmen. Sie ist die Voraussetzung für Versammlung und Leichtfüßigkeit.

Ohne Schubkraft kann keine Tragkraft entstehen. Unser erstes Ziel muss es also sein, die Hinterhand zum aktiven Mitschieben zu motivieren.

Vom Schleppen zum Schieben: 3 effektive Übungen zur Aktivierung der Hinterhand

Die gute Nachricht vorweg: Eine aktive Hinterhand ist kein Hexenwerk, sondern das Ergebnis konsequenter und gezielter Gymnastizierung. Die folgenden drei Übungen können Sie ganz einfach in Ihren Trainingsalltag integrieren.

1. Bergauf, bergab: Der natürliche Fitnesstrainer

Das Reiten an leichten Steigungen ist eine der effektivsten Methoden, um die Muskulatur der Hinterhand zu kräftigen. Beim Bergaufreiten muss das Pferd sich kraftvoll mit den Hinterbeinen vom Boden abstoßen, um sein eigenes Gewicht und das des Reiters nach oben zu bewegen.

Eine Studie im Journal of Equine Veterinary Science hat gezeigt, dass die Muskelaktivität in der Hinterhand an leichten Steigungen signifikant höher ist als auf flachem Boden.

So geht’s richtig:

  • Wählen Sie sanfte Steigungen: Es geht nicht um steile Kletterpartien, sondern um lange, flache Anstiege.
  • Fokus auf den Takt: Reiten Sie primär im Schritt. Achten Sie darauf, dass Ihr Pferd einen klaren, gleichmäßigen Takt beibehält und nicht eilig wird.
  • Der Reiter macht mit: Lehnen Sie sich nicht nach vorne, sondern bleiben Sie zentriert im Sattel, um Ihr Pferd nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.
  • Bergab nicht vergessen: Das kontrollierte Bergabreiten schult die Balance und fördert die beginnende Tragkraft, denn das Pferd muss die Hinterhand stärker untersetzen, um nicht ins Laufen zu kommen.

2. Stangen-Mikado: Koordination und Kraft spielerisch fördern

Stangenarbeit ist weit mehr als nur eine Abwechslung. Sie zwingt das Pferd, seine Beine bewusster und höher zu heben, was automatisch zu einer stärkeren Aktivität der Bauch- und Rückenmuskulatur führt. Ein aufgewölbter Rücken bildet die Brücke, über die die Kraft der Hinterhand nach vorne fließen kann.

So geht’s richtig:

  • Weniger ist mehr: Beginnen Sie mit vier bis fünf Stangen im Schritt. Der Abstand sollte ca. 80-90 cm betragen (passen Sie ihn individuell an die Schrittlänge Ihres Pferdes an).
  • Lange Seite nutzen: Legen Sie die Stangen auf einer langen Seite der Bahn aus, damit Sie davor und danach genügend Platz zum Geraderichten haben.
  • Am langen Zügel: Überreiten Sie die Stangen anfangs am längeren Zügel. So kann das Pferd sich mit dem Hals besser ausbalancieren und den Rücken leichter aufwölben.
  • Steigerung: Später können Sie die Stangen auch im Trab überqueren oder sie zu kleinen Cavaletti erhöhen, um den Effekt zu verstärken.

3. Übergänge, Übergänge, Übergänge: Die „Schaltzentrale“ des Pferdes

Häufige und sauber gerittene Übergänge sind die Königsdisziplin für die Aktivierung der Hinterhand. Jeder Tempowechsel, allen voran das Abbremsen, fordert vom Pferd, die Hinterbeine vermehrt unter den Körper zu setzen, um die Balance wiederzufinden.

So geht’s richtig:

  • Grundlegende Übergänge: Reiten Sie einfache Übergänge wie Trab-Schritt-Trab oder Schritt-Halten-Schritt.
  • Qualität vor Quantität: Achten Sie darauf, dass Ihr Pferd nicht auf die Vorhand fällt oder sich im Rücken wegdrückt. Der Übergang soll fließend und durchlässig sein.
  • Ganze Bahn und Zirkel: Reiten Sie die Übergänge an verschiedenen Punkten in der Bahn, um Monotonie zu vermeiden. Ein Übergang zum Schritt vor jeder Ecke kann Wunder wirken.

Diese Übungen sind nicht nur Training für das Pferd, sondern auch für den Reiter. Sie schulen das Gefühl dafür, wann die Hinterhand aktiv ist und wann nicht.

Die oft übersehene Grundlage: Ausrüstung und Reiter

Doch die besten Übungen nützen wenig, wenn die Basis nicht stimmt. Ein entscheidender, oft unterschätzter Faktor ist hier der Sattel. Ein Sattel, der die Schulterbewegung einschränkt oder im empfindlichen Lendenbereich drückt, hindert das Pferd daran, seinen Rücken aufzuwölben. So wird die Kraftübertragung von hinten nach vorne blockiert, bevor sie überhaupt entstehen kann.

Gerade bei barocken Pferden mit ihrem oft kurzen, breiten und geschwungenen Rücken ist eine spezialisierte Passform essenziell. Daher lohnt es sich, in die Expertise von Sattlern zu investieren, die mit den besonderen Anforderungen dieser Rassen vertraut sind.

Partnerhinweis: Hersteller wie Iberosattel haben Sattelkonzepte entwickelt, die gezielt auf die Anatomie barocker Pferde abgestimmt sind. Sie bieten die nötige Schulterfreiheit und eine breite Auflagefläche, um die Kraft aus der Hinterhand überhaupt erst zu ermöglichen und den Rücken gesund zu erhalten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Aktivierung der Hinterhand

  1. Wie oft sollte ich diese Übungen machen?
    Konsistenz ist der Schlüssel. Integrieren Sie eine der Übungen für 10-15 Minuten in jede Trainingseinheit, anstatt einmal pro Woche ein langes Intensivprogramm zu absolvieren.

  2. Mein Pferd wird nur schneller, anstatt mehr unterzutreten. Was kann ich tun?
    Das ist ein klassisches Zeichen dafür, dass das Pferd aus der Balance gerät und auf die Vorhand fällt. Verlangsamen Sie das Tempo sofort. Reiten Sie mehr Übergänge zum Schritt oder Halten und konzentrieren Sie sich auf halbe Paraden, um das Pferd wieder „zu sich“ zu holen, bevor Sie erneut antraben.

  3. Kann ich die Hinterhand auch vom Boden aus trainieren?
    Ja, absolut! Stangenarbeit an der Hand oder an der Longe ist eine hervorragende Vorbereitung. Auch das Führen an leichten Steigungen ist eine sehr gute Übung, um die Muskulatur ohne Reitergewicht aufzubauen.

  4. Wie lange dauert es, bis ich eine Veränderung spüre?
    Muskelaufbau braucht Zeit. Bei konsequentem Training (3-4 Mal pro Woche) werden Sie wahrscheinlich nach 4-6 Wochen erste deutliche Verbesserungen im Reitgefühl und in der Optik des Pferdes feststellen.

Fazit: Der Weg zu einem Pferd in Balance

Die Aktivierung der Hinterhand ist kein einmaliger Trick, sondern ein zentraler Baustein in der Ausbildung jedes Reitpferdes. Gerade bei PRE und Lusitano ist sie der Schlüssel, um deren natürliche Veranlagung zur Versammlung in gesunde, ausdrucksstarke Bewegung zu verwandeln.

Indem Sie gezielte Übungen wie Stangenarbeit, Übergänge und Training am Hang in Ihren Alltag integrieren und auf eine passende Ausrüstung achten, legen Sie den Grundstein für ein Pferd, das mit Freude und Kraft aus seinem Motor arbeitet. Sie werden belohnt mit einem Pferd, das leicht in der Hand ist, über den Rücken schwingt und Lektionen mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit ausführt – eine Harmonie, die das Reiten dieser faszinierenden Rassen so einzigartig macht.

Entdecken Sie, wie diese grundlegenden Prinzipien in anspruchsvollen Disziplinen wie der Working Equitation zur Perfektion gebracht werden, und vertiefen Sie Ihr Wissen über die Ausbildung dieser einzigartigen Pferde.

Patrick Thoma
Patrick Thoma

Patrick Thoma ist Gründer von Mehrklicks.de und JVGLABS.com.
Er entwickelt Systeme für KI-Sichtbarkeit und semantische Architektur – mit Fokus auf Marken, die in ChatGPT, Perplexity und Google SGE sichtbar bleiben wollen.

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