Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Wissensrubrik Working Equitation auf das-spanische-pferd.de. In Zusammenarbeit mit Iberosattel - Entwickler von Premium Pferdesätteln mit Spezialisierung auf anspruchsvolle Pferderücken, besonders dort wo anatomische Besonderheiten und reale Nutzung klassische Sattelkonzepte überfordern.

Working Equitation mit dem älteren Pferd: Ein gesunder Neustart
Sie stehen am Rande eines Reitplatzes und beobachten fasziniert, wie ein Reiter sein Pferd mit feinsten Hilfen durch einen anspruchsvollen Trail-Parcours lenkt. Die Harmonie zwischen Mensch und Tier, die Mischung aus Dressur, Geschicklichkeit und Vertrauen – das ist die Welt der Working Equitation. Ihr Blick wandert zu Ihrem eigenen Pferd, einem treuen Begleiter, der vielleicht schon 15, 18 oder sogar 20 Jahre alt ist. Ein Gedanke schleicht sich ein: „Wäre das auch noch etwas für uns? Oder ist es dafür schon zu spät?“
Diese Frage stellen sich viele Reiter, deren Pferde die Blüte ihrer Jugend hinter sich gelassen haben. Die gute Nachricht: Ein höheres Alter ist kein Hindernis, sondern eine Chance. Gerade für erfahrene Pferde kann der Einstieg in die Working Equitation eine wunderbare Möglichkeit sein, geistig und körperlich fit zu bleiben. Es geht nicht mehr um Höchstleistung, sondern um Gesunderhaltung, Freude an der gemeinsamen Arbeit und die Verfeinerung der Kommunikation.
Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie Sie den Einstieg für Ihr älteres Pferd – insbesondere für rassetypische Vertreter wie den PRE – sicher, gesund und mit viel Freude gestalten.
Das „ältere Pferd“ neu definiert: Was Alter wirklich bedeutet
Wann ist ein Pferd eigentlich „alt“? Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Während manche Pferde mit 15 Jahren bereits erste deutliche Alterserscheinungen zeigen, sind andere mit über 20 noch voller Tatendrang. Besonders langlebige Rassen wie der Pura Raza Española (PRE) oder der Lusitano gelten oft als Spätentwickler und sind für ihre robuste Gesundheit bis ins hohe Alter bekannt.
Viel wichtiger als die Zahl im Pass ist jedoch die tatsächliche körperliche Verfassung. Mit den Jahren verändern sich Pferde körperlich, ähnlich wie wir Menschen:
- Muskulatur: Die Fähigkeit, schnell Muskulatur aufzubauen, nimmt ab. Ohne angepasstes Training kommt es leichter zum Abbau von tragender Muskulatur, insbesondere im Rücken und an der Hinterhand.
- Stoffwechsel: Der Stoffwechsel wird langsamer, was eine Anpassung der Fütterung erfordert, um Übergewicht oder Nährstoffmängel zu vermeiden.
- Gelenke und Bänder: Knorpel und Bänder verlieren an Elastizität. Arthrose ist eine häufige Alterserscheinung, die zwar nicht heilbar, aber durch gezielte Bewegung gut zu handhaben ist.
- Regeneration: Die Erholungsphasen nach dem Training werden länger. Das Pferd braucht mehr Zeit, um sich zu regenerieren.
Diese Veränderungen sind kein Grund zur Sorge, sondern eine Aufforderung, das Training und die Haltung bewusst anzupassen. Die Working Equitation bietet hierfür einen idealen Rahmen, da sie nicht auf explosive Kraft, sondern auf Gymnastizierung, Präzision und Rittigkeit setzt.
Rassespezifische Besonderheiten: Warum barocke Pferde anders altern
Spanische und barocke Pferde bringen von Natur aus viele Talente für die Working Equitation mit: Wendigkeit, Intelligenz und eine hohe Versammlungsbereitschaft. Doch gerade diese Stärken erfordern im Alter besondere Aufmerksamkeit.
PREs und Lusitanos neigen beispielsweise dazu, sich stark über ihren kräftigen Hals zu tragen. Im Alter kann dies bei unzureichender Rückenmuskulatur zu Verspannungen oder einer Überlastung der Halswirbelsäule führen. Ihre hohe Lernbereitschaft kann sie zudem dazu verleiten, körperliche Grenzen zu überschreiten. Sie bieten oft mehr an, als gut für sie ist. Als Reiter eines solchen Pferdes ist es Ihre Aufgabe, zum fürsorglichen Manager zu werden, der fordert, ohne zu überfordern.
Der Weg in den Parcours: 4 Schritte für einen gesunden Einstieg
Bevor Sie die ersten Hindernisse aufbauen, ist eine sorgfältige Vorbereitung entscheidend. Der Fokus liegt immer auf der Gesunderhaltung und dem Wohlbefinden Ihres vierbeinigen Partners.
1. Der obligatorische Gesundheits-Check
Ganz am Anfang steht der Gang zum Tierarzt. Ein gründlicher Check-up gibt Ihnen Sicherheit und zeigt mögliche Schwachstellen auf. Besprechen Sie Ihr Vorhaben und lassen Sie folgende Punkte prüfen:
- Bewegungsapparat: Gelenke, Sehnen und Rücken sollten genau untersucht werden. Beugeproben können Aufschluss über schmerzhafte Prozesse geben.
- Herz-Kreislauf-System: Ein gesundes Herz ist die Basis für jede Form von Training.
- Zähne: Ein schmerzfreies Gebiss ist die Grundlage für eine feine Anlehnung und eine korrekte Futteraufnahme.
- Stoffwechsel: Ein Blutbild kann Aufschluss über den allgemeinen Gesundheitszustand geben und hilft, die Fütterung zu optimieren.
Grünes Licht vom Tierarzt? Perfekt! Dann kann die aktive Vorbereitung beginnen.
2. Die Basis schaffen: Gymnastizierung statt Leistung
Vergessen Sie zunächst die Hindernisse. Die Grundlage für die Working Equitation ist eine solide dressurmäßige Arbeit. Für das ältere Pferd bedeutet das vor allem eines: Gymnastizierung.
- Lange Aufwärmphasen: Planen Sie mindestens 15–20 Minuten im Schritt ein. Das wärmt Muskeln und Gelenke schonend auf und bereitet den Körper auf die Arbeit vor.
- Vorwärts-Abwärts-Arbeit: Dehnungsübungen sind das A und O. Sie fördern die Losgelassenheit, aktivieren die Rückenmuskulatur und verbessern die Durchblutung.
- Seitengänge im Schritt: Schulterherein, Travers und Renvers sind exzellente Übungen, um die Hinterhand zu aktivieren, die Tragkraft zu verbessern und die Beweglichkeit zu erhalten. Führen Sie sie langsam und mit Bedacht aus.
- Häufige Pausen: Beobachten Sie Ihr Pferd genau. Kurze Pausen am langen Zügel helfen ihm, sich zu erholen und das Gelernte zu verarbeiten.
3. Die Hindernisse: Spielplatz für erfahrene Pferde
Sobald die gymnastische Basis gefestigt ist, können Sie spielerisch mit den ersten Trail-Hindernissen beginnen. Hier steht nicht die Geschwindigkeit im Vordergrund, sondern die korrekte und ruhige Ausführung.
- Starten Sie vom Boden aus: Führen Sie Ihr Pferd zunächst an der Hand durch die Hindernisse. Das schafft Vertrauen und nimmt den Druck.
- Wählen Sie einfache Aufgaben: Beginnen Sie mit dem Slalom, dem Überreiten von Stangen oder dem einfachen Tor. Die Brücke kann anfangs eine Herausforderung sein, gehen Sie hier besonders behutsam vor.
- Qualität vor Quantität: Eine sauber gerittene Volte um ein Fass ist wertvoller als ein hastig durchrittener Slalom. Es geht um Präzision und die Verfeinerung Ihrer Hilfengebung.
Die Hindernisse bieten eine fantastische Möglichkeit, die Konzentration und das Körperbewusstsein Ihres Seniors zu schulen – eine willkommene Abwechslung zur reinen Dressurarbeit.
4. Ausrüstung, die unterstützt: Der Sattel als Schlüsselfaktor
Der Rücken eines älteren Pferdes verändert sich. Muskeln bauen sich ab, die Sattellage kann empfindlicher werden. Ein nicht optimal passender Sattel, der früher vielleicht noch toleriert wurde, kann jetzt schnell zu Schmerzen, Verspannungen und Widersetzlichkeit führen.
Achten Sie daher besonders auf eine korrekte Passform. Der passende Sattel für spanische Pferde ist ein Thema für sich, doch für Senioren gilt dies umso mehr. Ein guter Sattel für ein älteres barockes Pferd sollte:
- Eine große Auflagefläche bieten: Dies verteilt den Druck gleichmäßig und schont den empfindlichen Rücken.
- Ausreichend Wirbelsäulenfreiheit gewährleisten: Der Wirbelkanal muss breit genug sein, um jeden Kontakt mit den Dornfortsätzen zu vermeiden.
- Anpassbar sein: Da sich die Muskulatur im Training wieder verändern wird, ist ein anpassbarer Sattel Gold wert.
Eine regelmäßige Kontrolle durch einen qualifizierten Sattler ist für ältere Pferde unerlässlich.
(Partnerhinweis) Ein Beispiel für praxisorientierte Lösungen sind Sattelkonzepte von Herstellern wie Iberosattel, die speziell für die Anatomie barocker Pferde mit ihren oft kurzen, breiten Rücken entwickelt wurden. Solche spezialisierten Sättel können maßgeblich zur Rückengesundheit und zum Wohlbefinden des Pferdeseniors beitragen.
Fazit: Eine zweite Karriere voller Freude und Harmonie
Der Einstieg in die Working Equitation mit einem älteren Pferd ist mehr als nur ein neues Hobby. Es ist eine bewusste Entscheidung für eine gesunderhaltende, abwechslungsreiche und motivierende Beschäftigung, die die Partnerschaft zwischen Ihnen und Ihrem Pferd auf eine neue Ebene hebt.
Indem Sie das Training an die Bedürfnisse Ihres Seniors anpassen, seine rassetypischen Stärken fördern und auf seine körperlichen Grenzen achten, schenken Sie ihm nicht nur eine sinnvolle Aufgabe, sondern auch viele weitere Jahre voller Lebensfreude und Beweglichkeit. Es ist nie zu spät, gemeinsam neue Wege zu gehen – gerade dann nicht, wenn man sich schon so lange und gut kennt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. In welchem Alter ist ein Pferd definitiv zu alt für die Working Equitation?
Es gibt keine feste Altersgrenze. Die Entscheidung hängt ausschließlich vom individuellen Gesundheitszustand des Pferdes ab. Solange der Tierarzt grünes Licht gibt und das Pferd Freude an der Bewegung zeigt, ist ein angepasstes Training möglich und sogar förderlich.
2. Welche Hindernisse eignen sich für den Anfang mit einem Senior besonders gut?
Beginnen Sie mit Übungen, die die Beweglichkeit fördern, ohne die Gelenke stark zu belasten. Dazu gehören der Slalom im Schritt, das Durchreiten eines Tors, das Halten in einem Gatter oder das langsame Überqueren von Stangen am Boden. Auf enge Wendungen, schnelle Stopps oder den Speed-Trail sollte anfangs (oder je nach Pferd auch gänzlich) verzichtet werden.
3. Wie oft pro Woche sollte ich mit meinem älteren Pferd trainieren?
Weniger ist oft mehr. Zwei bis drei moderate Trainingseinheiten pro Woche, ergänzt durch entspannte Ausritte oder Spaziergänge, sind in der Regel ideal. Achten Sie auf ausreichend Regenerationstage dazwischen.
4. Mein Pferd hat leichte Arthrose. Ist die Working Equitation trotzdem geeignet?
Ja, oft sogar sehr. Gleichmäßige, ruhige Bewegung ohne Stoßbelastung kann die Gelenke „schmieren“ und die Beweglichkeit erhalten. Wichtig ist eine lange Aufwärmphase und die Vermeidung von abrupten Manövern. Besprechen Sie den Trainingsplan aber unbedingt mit Ihrem Tierarzt.
5. Muss ich an Turnieren teilnehmen, um Working Equitation zu betreiben?
Nein, absolut nicht. Die Working Equitation kann als reines Freizeitvergnügen und zur Gymnastizierung betrieben werden. Der größte Lohn ist die verbesserte Harmonie und die sichtbare Freude Ihres Pferdes an den neuen Aufgaben.



